Lovecraft und der Rassismus

  • Jemand bei Mastodon stellt folgende Frage: „Da muss ich dann aber doch mal fragen, warum ihr euch als "Lovecraft Gesellschaft" bezeichnet und nicht zB als "Gesellschaft der Erforschung des kosmischen Horrors" oder sogar auch "Kult des Cthulhus"?

    Mit dem gewählten Namen identifiziert ihr euch ja explizit mit dem einen, höchst umstrittenen Autor und nicht mit dem Werk und dem Genre, das ja inzwischen von so viel mehr Autoren und Kreativen weiter entwickelt wurde?“


    Kann da jemand was Griffiges zu schreiben, falls es da weitergehende Gründe gibt? Würde es weiterleiten.

    🎵 „Hätt ich dich heut erwartet, hätt ich Schoggoothen da …“ 🎵

  • Klar, ist eine berechtigte Frage. Meine Antwort würde ungefähr in diese Richtung gehen:


    Wir benennen uns explizit wegen dieser Thematik so - denn auch die kritische Aufarbeitung der Person ist eine unserer Aufgaben. Wir sind eben nicht nur für den kosmischen Horror und Cthulhu da, und wir sind auch kein religiös-fanatischer Kult, der wenig hinterfragt (um den Namensvorschlag "Kult des Cthulhus" einmal zu überspitzen). Vielmehr widmen wir uns Lovecrafts Werk und auch der Person Lovecrafts selber, genauso wie wir uns den Themen widmen, die daraus entspringen. Hierzu zählen natürlich auch die Autor*innen und Kulturschaffenden, die den Kosmsichen Horror vorangetrieben haben und ihn auch heute noch formen.

  • Interessante Frage, hat aber auch etwas Fangfragenmäßiges für mich, das den leicht formulierten Anspruch impliziert, dass man sich ja neuerdings immer von etwas distanzieren muss.


    Teilweise gibt der Artikel m.E.n. bereits einen Hinweis hierauf. Lovecraft und seine Texte sind unglaublich präsent und dies einfach aufgrund einer begrifflichen Distanzierung zu verneinen, den ohnehin weiten Fokus des Vereins - der kein Forschungsverein ist, sondern bewusst ein sehr breites Publikum ansprechen möchte - einzuschränken, würde gleichsam der Popularisierung dieses brisanten Themas entgegen wirken. Denn dann erreichen wir nicht so viele.


    Einerseits ist der Verein keine "Gesellschaft zur Erforschung", denn dann würde der Fokus ganz anders aussehen. Dann wäre es eine akademische Gesellschaft. Andererseits, "Kult des Cthulhu" wäre sicher möglich gewesen, würde aber andererseits wieder eine viel zu undifferenzierte Wahrnehmung des Ganzen implizieren. Denn dann ginge es 1. explizit um Cthuhlhu, 2. explizit und ausschließlich um Lovecrafts Werk (und den engen Kreis des Cthulhuiden in der Nachfolge) 3. hätte mir das etwas zu sehr "Spielerisches", das ausklammert, dass man sich auch differenziert und ernst damit beschäftigen kann.


    Würde sich die Deutsche Lovecraft-Gesellschaft nicht so nennen, würde es eine andere tun, womit wir einerseits die 'Fäden aus der Hand' geben würden, andererseits ein viel eingeschränkteres und exklusiveres Publikum ansprechen würden, um Themen um weird fiction, cosmic horror und ja, auch Rassismus zu kommunizieren. Ein Deutscher Kult des Cthulhu oder eine Gesellschaft zur Erforschung ... kann in meiner Ansicht immer nur eine untergeordnete Gruppe eines viel weiter gefassten Organismus der dLG sein.


    Außerdem hat vieles auch mit dem Magnetismus zu tuzn, den HPL ausstrahlt, sowohl als Person, als auch als Autor oder Figur einer globalen kulturellen Identifikation. Hierzu fällt mir aber gerade nix Schmissiges ein.

  • Sähe von meiner Seite ungefähr so aus:


    Hi XYZ,


    vielen Dank für Deine berechtigte und wichtige Frage. Tatsächlich gibt es für die Benennung des Vereins gute Gründe:


    Wir benennen uns explizit wegen dieser von Dir angesprochenen Thematik so - denn auch die kritische Aufarbeitung der Person ist eine unserer Aufgaben. Wir sind eben nicht nur für den kosmischen Horror und Cthulhu da, und wir sind auch kein religiös-fanatischer Kult, der wenig hinterfragt (um den Namensvorschlag "Kult des Cthulhus" einmal zu überspitzen, so wie Du auch schon Deine Frage überspitzt hast). Vielmehr widmen wir uns Lovecrafts Werk und auch der Person Lovecrafts selber, genauso wie wir uns den Themen widmen, die daraus entspringen. Hierzu zählen natürlich auch die Autor*innen und Kulturschaffenden, die den Kosmsichen Horror vorangetrieben haben und ihn auch heute noch formen.


    Wichtig ist außerdem, dass wir nicht ausschließlich eine akademische Gesellschaft sind. Daher wäre eine Bezeichnung im Sinne der von Dir vorgeschlagenen "Gesellschaft zur Erforschung" stark irreführend. Ja, wir sind auch in der Forschung tätig; aber wir sind ebenso tatkräftig auch in kulturellen Projekten unterwegs. Wir wollen uns bewusst dem breiten Publikum stellen um hier kritische Rezeption voranzutreiben. Dazu zählt aber auch, dass man sich dem Namen stellen muss, der aktuell Verkaufszahlen in die Höhe treibt - und das ist "Lovecraft". "Cthulhu" und "kosmischer Horror" spielen da erst einmal eine untergeordnete Rolle; das sind die Themen, die bei der Auseinandersetzung mit Lovecraft zum Vorschein kommen.


    Um zum Schluss noch etwas ganz wichtiges zu sagen, das für die allgemeine Gesprächskultur insbesondere im Internet wichtig ist: Bloß, weil etwas nach einer Person benannt ist, heißt es nicht, dass man sich mit dieser Person identifiziert. Diesen Anspruch erheben wir nicht bei der Luther-Gesellschaft, der Wagner-Gesellschaft oder der Picasso-Gesellschaft. Aber ja, all diese Namen werden immer Nachfragen und Reibungen provozieren. Und das ist nicht nur in Ordnung, sondern - wie oben ausgeführt - in unseren Augen sogar sehr wichtig.


    Liebe Grüße,

    XYZ

  • Abseits der geäußerten Gründe ist es auch einfach nicht üblich im kulturellen Bereich, sich als Verein/Society nach Strömungen, Epochen oder allgemeinen bzw. Fantasie-Begriffen zu benennen. Es gibt eine Goethe-Gesellschaft und eine Schiller-Gesellschaft, aber keine Sturm-und-Drang-Gesellschaft und auch keine Gesellschaft zur Erforschung der Literatur des ausgehenden 18. Jahrhunderts usw.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!