Beiträge von Nils

    Zitat

    Wusste doch schon der Meister des kosmischen Grauens, H.P. Lovecraft, in seiner 1932 verfassten Erzählung „The Horror in the Museum“ (die so gruselig war, dass er sie einer Schauerschriftstellerkollegin abtrat, die sie dann unter ihrem Namen veröffentlichte) Gänsehaut zu erzeugen mit dem bloßen Satz: „Der Hauptsaal des Museums lag in gespenstischer Verlassenheit da.“ Kurz darauf gefolgt von: „Aber die Einsamkeit an diesem Ort war schrecklich.“


    https://www.faz.net/aktuell/fe…umsschatzes-17204264.html

    Ich habe gerade noch mal in meinem Regal gewühlt und mich an die Le-Fanu-Ausgaben der Wordsworth-Edition erinnert (aus der Reihe Tales of Mystery & The Supernatural). Es handelt sich um In a Glass Darkly (mit Einführung von David Stuart Davies) und um Madam Crowl's Ghost & Other Stories (mit Einführung von M. R. James). Ich könnte mir denken, dass man diese Ausgaben auch elektronisch findet.


    Ansonsten würde ich die Chance nutzen, um für das alte aber nach wie vor hervorragende Achilla-Bändchen Der schwarze Vorhang zu werben - übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Lovecraft-Übersetzer Alexander Pechmann.

    Walpole hat nicht nur die Gothic Fiction begründet, sondern auch die gotische Architektur wiederbelebt…

    Man konnte es sich offenbar leisten. ;)


    Ich habe ein paar populärer ausgerichtete Überblickswerke zur englischen Literatur, die entsprechend Abschnitte zu Walpole und dem Schauerroman enthalten. Da könnte ich ggf. Scans anfertigen, sofern Interesse besteht. Wobei es natürlich sein kann, dass das dortige Wissen heute genau so auf Wikipedia verfügbar ist.

    Ich will mal nicht den alten Humboldt zum Thema "Weltanschauungen" aus dem Kalender bemühen.


    Ich verstehe, wenn man versucht, hier unterschiede zu setzen. Letztlich sehe ich aber trotz definitorischer Unterschiede erstmal keinen großen Unterschied zwischen einer aus diversen Erfahrungs- und Empfindungsquellen gespeisten Sicht auf die Welt und einer Philosophie, die sich irgendwie einen deutenden Reim auf die Welt zu machen versucht. Die qualitativen Unterschiede wären da für mich interessanter.


    Lovecraft war kein Philosoph oder Akademiker

    Philosophen sind wir letztlich alle, wenn wir Weltinterpretation betreiben. Was wertiger ist und was nicht, ist nicht selten keine inhaltliche Debatte, sondern eine Frage von Macht und Diskurshoheit. Und ob AkademikerInnen jetzt immer die besseren Ideen haben... was nicht bedeutet, dass ich Lovecrafts Weltbild irgendwie teilen oder für hochwertiger als andere Weltbilder halten würde. Aber damit gehen wir jetzt wirklich weit weg vom Thema. Meine Schuld! Sorry. :)

    seiner "Philosophie" (fraglich, ob der Begriff wirklich trifft, was gemeint ist, oder ob Weltanschauung nicht besser wäre)

    Wo ist der Unterschied? ;)


    Bisher wurden, glaube ich, vornehmlich englischsprachige Quellen genannt. Ich würde noch den Suhrkamp-Band H. P. Lovecrafts kosmisches Grauen (1997) in den Ring werfen, der folgende, im Bezug auf das hier gefragte Arbeitsthema wohl nicht uninteressante Texte enthält:


    • Marco Frenschkowski - H. P. Lovecraft: ein kosmischer Regionalschriftsteller
    • Michael Koseler - Anmerkungen zur Erzählkunst Howard Phillips Lovecrafts

    Interessant! Bezieht sich Klinger denn auch auf Joshi/Cannon? Ich habe beide Ausgaben, aber wirklich gebraucht habe ich sie bisher nicht.

    Klinger hat mit seinem kommentierten Lovecraft (so lesenswert der auch ist) natürlich nichts anderes gemacht als das, was Joshi bzw. Cannon schon in den 1990ern mit den The Annotated H. P. Lovecraft-Bänden vorgelegt hatten.

    Hm, da würde ich gerne genauer hinschauen. In meiner Erinnerung unterscheidet sich der Kommentierungsstil und die Dichte der Anmerkungen erheblich. Ad hoc belegen kann ich meinen Eindruck jedoch aus dem Kopf nicht.

    Zitat von Rahel
    • Okay, bei konkreten Lektüreempfehlungen finde ich auf die Schnelle grade nichts, wo ich sagen würde "Das musst Du gelesen haben!". Aber hier ein paar Ideen/Beobachtungen:
      • Der US-amerikanische Verlag McFarland ist ein Verlag, der sich an der Gratwanderung Academia/Populärwissenschaft versucht. Ob sie das absichtlich machen, weiß ich tatsächlich oftmals nicht :D soll heißen: Bei vielen Wissenschaftler*innen ist der Verlag verschrien, ich finde das aber etwas unfair. Denn: Der Verlag öffnet sich auch solche Veröffentlichungen und Ansätzen, die eben nicht aus dem Elfenbeinturm stammen. Da sind auch mal Enzyklopädien, komparative Filmreviews und ähnliche für die Wissenschaft "ungewöhnliche" Formate dabei - teilweise von Wissenschaftler*innen mit Professur, teilweise von unabhängigen Scholars, teilweise von Kritiker*innen, usw. Inzwischen hat McFarland soviele Publikationen rund um Weird Fiction angehäuft, dass es auf ihrer Website eine eigene Rubrik ist. Da ist sicherlich nicht alles gut dran - aber begrüßenswert finde ich es doch. Joshi ist unter anderem auch vertreten ;)
      • Es gibt den Sammelband New Critical Essays on H. P. Lovecraft (Hrsg. David Simmons, 2013), der zwar eindeutig wissenschaftliche Ansprüche hat. Für mein Empfinden sind die Beiträge hier aber auch wieder recht heterogen und nicht ausschließlich etwas für die Literaturwissenschaft. In diesem Sammelband sind wiederrum einige Wissenschaftler*innen, die meiner Meinung nach ruhig etwas bekannter auf dem Feld sein dürften: Donald R. Burleson; Kevin Corstorphine; Robert Waugh; ...
      • Im deutschsprachigen Raum gibt es noch Franz Rottensteiner, der zumindest viel als Herausgeber zuständig ist/war (dabei allerdings auch Möhren wie Mosig verlegte :D )

      Ich vermute, genau diese Lücke, die wir hier grade in unserer Diskussion auftun, würde beispielsweise im geplanten Essayband der dLG zwar nicht gestopft, aber zumindest einmal angegangen werden. Deswegen freut mich dieses Projekt auch sehr.

      Publikationen, in die ich gerne eine Nase reinstecken würde, sie aber bisher nicht kenne:

      • The Lurker in the Lobby: A Guide to the Cinema of H. P. Lovecraft (Andre Migliore & John Strysik, 2006)
      • Eternal Lovecraft: The Persistence of HPL in Popular Culture (Hrsg. Jim Turner, 1998)

      Auf die komme ich aber nicht "nur" wegen Lovecraft, sondern weil ich mich insbesondere mit seinem Einfluss auf die Popkultur beschäftige. Das ist strenggenommen also noch einmal ein neuer Topf :D

    Zitat von Rahel
    DANKE :D I feel you :cursing:

    8)


    Zitat von Rahel

    Allerdings hauptsächlich im nordamerikanischen Raum. Kaum etwas, das übersetzt wurde.

    Mich würde sehr interessieren, wen du da so meinst. Ich lese zwar häufiger Essays und Artikel und auch das "Lovecraft Annual" ab und an (zuletzt hatte ich mir die Ausgabe 2018 gekauft) oder "Dead Reckonings", aber mir gefallen dort auch bei weitem nicht alle Beiträge und letztlich bin ich hier zu wenig im Thema, um einen fundierten Überblick geben zu können. Übrigens für kundige Menschen immer ein reizvolles Thema für populäre Einführungen und kritische Überblicksartikel: Was gibt es? Was lohnt? Was wird wo wie gesagt? Was sollte übersetzt werden? usw.


    Zitat von Rahel
    Ein Name, der aktuell immer präsenter wird, ist natürlich Les Klinger - von dem habe ich bisher aber zu wenig gelesen, um da ein Urteil zu fällen. Hast Du da vielleicht mehr Eindrücke von? Würde mich interessieren.

    Ja, den Klinger kenne ich allgemein ganz gut. Er hat ja mittlerweile Lovecrafts komplette Fiction kommentiert, wobei Band 1 auf Deutsch vorliegt (sogar mit einer kurzen dLG-Vorstellung drin) und Band 2 wohl 2021 kommen soll. Ich bin auch im Bereich "Sherlock Holmes / Arthur Conan Doyle" aktiv und hier ist Klinger seit Jahrzehnten eine feste Größe. Ich würde ihn aber nicht wirklich als Wissenschaftler einordnen, im engeren Sinne. Er ist Jurist von Beruf und daher akribisch in der Recherche, dazu ein Enthusiast, der seine Felder bestens kennt und einen lockeren Stil mitbringt, sodass seine Kommentierungen sich vergnüglich lesen und fundierte Infos geben. Sicherlich hat er einen "scholarly approach" in dem Sinne, dass er Quellen angibt und teilweise deep in Archiven recherchiert - ein Mehrwert ist also fast immer gegeben. Aber er ist weder Literatur- oder Kulturwissenschaftler noch ein theoretisch gebildeter Kritiker, entsprechend sind seine Annotations eher volksnah und subjektiv geleitet. Bei seinen Lovecraft-Ausgaben gibt es schon Leute, die sich bei einzelnen Kommentaren fragen, wieso jetzt ausgerechnet dies hier in solcher Art kommentiert wird (gerade kein Beispiel zur Hand, argh!).


    Kurz und gut: Klinger hat seine Berechtigung und darf problemlos als zu konsultierender Experte gelten, hat aber aus Sicht eines akademischen Ansatzes seine vielleicht recht bald erreichten Grenzen.

    Zitat von Nils
    Das sollte definitiv so sein. Ich habe zu wenig Einblick, um beurteilen zu können, ob es wirklich so gemacht wird, wie du es beschreibst. Ich habe bei der Lektüre akademischer Texte oft schlechte Laune ob der Einseitigkeit und Dürftigkeit, sodass ich mir hinterher oft denke, das hätte man sich auch sparen können. Aber bei dem Publikationsdruck, der teilweise herrscht... aber das ist wieder ein andere Thema

    DANKE :D I feel you :cursing: Aber ganz klar: Bei einzelnen Beiträgen zu einem Sammelband ist es einfach, solchen Schmu zu betreiben. Aber ja - manchmal ist es ärgerlich, was veröffentlicht werden darf. Das ist auch abhängig vom Verlag...


    Zu Deinem letzten Punkt: Dirk W. Mosig ist ein ganz Schlimmer...da stimme ich Dir voll und ganz zu. Es gibt, wie gesagt, einige Wissenschaftler*innen (ja, sogar auch Frauen - aber in der Tat noch nicht viele. Der Umgang der Academia mit Frauen ist leider noch eine ganz andere Kiste...). Allerdings hauptsächlich im nordamerikanischen Raum. Kaum etwas, das übersetzt wurde. Ein Name, der aktuell immer präsenter wird, ist natürlich Les Klinger - von dem habe ich bisher aber zu wenig gelesen, um da ein Urteil zu fällen. Hast Du da vielleicht mehr Eindrücke von? Würde mich interessieren.


    Ich werde später mal in meine Literaturliste absteigen, dann schau ich mal, ob ich einige gute Empfehlungen für Dich finden kann :)

    Zitat von Rahel
    Ich persönlich mag den Strukturalismus nicht, weil er meines Erachtens nach ahistorisch und deterministisch vorgeht.

    Ich denke, damit hast du absolut Recht.


    Danke für den kleinen KuWi-Überblick.


    Zitat von Rahel
    Niemand veröffentlich ein Buch, um seine Generalthese scheitern zu lassen - sondern wirft dieses Buch ehrlich auf den Müll und kehrt ans Reißbrett zurück. Das ist, ehrlich gesagt, ein üblicher Schritt im recht dynamischen Forschungs- und Schreibprozess.

    Das sollte definitiv so sein. Ich habe zu wenig Einblick, um beurteilen zu können, ob es wirklich so gemacht wird, wie du es beschreibst. Ich habe bei der Lektüre akademischer Texte oft schlechte Laune ob der Einseitigkeit und Dürftigkeit, sodass ich mir hinterher oft denke, das hätte man sich auch sparen können. Aber bei dem Publikationsdruck, der teilweise herrscht... aber das ist wieder ein andere Thema.


    Zitat von Rahel
    Ich glaube, hier hast Du genau den wunden Punkt von Joshi erwischt: Für Lovecraft mag diese Vorgehensweise funktionieren. Aber nicht für alle Schriftsteller.

    Danke, mir kam in der Diskussion auch schon der Verdacht, dass hier ein Punkt liegen könnte. Wenn du es auch so siehst, scheint die Sache sich zu erhärten. Ich hoffe, ich komme irgendwann dazu, das Buch nochmals zu lesen.


    Zitat von Rahel
    Eine etwas dynamischere und diskussionsfreudigere Herangehensweise hätte genau diese Probleme im Buch entschärft.

    Als Grundsatz würde ich dem definitiv zustimmen. Eine mechanistische Ableitung ist in der ideellen Sphäre einfach nicht haltbar.


    Zitat von Rahel
    Ein großes Problem ist für mich, dass Joshi die Lovecraft-Forschung (und alles drumherum) so monopolisiert hat.

    Hat er das denn? Oder hat die Rezeption ihm recht gegeben? Wollte es ggf. kein anderer machen? Viel, was so an populärer Sekundärliteratur sonst noch existiert, ist ja wirklich wenig berauschend. Houellebecq?`Puh. Kennst du Dirk W. Mosig? Auch echt problematischer Stuff... Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass Joshi schon auch viele andere Forscher (bewusst männlich, ich weiß gerade gar keine Frau in dem Bereich) für gut hält und sie entsprechend positiv darstellt bzw. mit ihnen zusammen arbeitet. Aber genau weiß ich es nicht und ganz unabhängig davon, stimme ich dir ganz klar zu: Ein Mehrklang ist gewünscht und jede Stimme sollte Gehör finden, sofern sie es verdient. Akademisches Bullying verbietet sich (und kommt natürlich trotzdem ständig vor, wobei meist Frauen zum Ziel werden, wie ich las). Als Freund streitbarer und kluger Kritiker muss ich Joshi einfach mögen, und die Autoren, die er harsch abkanzelt, sind tatsächlich oft auch schlecht. Wenn wir von belastbarer Wissenschaft sprechen, muss er natürlich noch einmal ganz anders hinterfragt werden.


    Was für Lektüren würdest du denn empfehlen?