Lovecraft und der Rassismus

  • Der von Poe angesprochene Punkt des Rassenbegriffs, bzw. des von Lovecraft benutzten Rassismus, stellt für mich einen sehr wichtigen Punkt in seinem Werk und hinsichtlich seiner Person dar. Gibt es dafür schon einen Thread? Dieser komplexe und doch recht heikle Bereich sollte nicht einfach fallengelassen werden.

  • Naja, ich weiß nicht, inwiefern das vielleicht an anderer Stelle bereits aufgearbeitet wurde, aber für mich stellen sich da z.B. Fragen wie sich sein Rassismus über die Jahre entwickelt oder ob er ihn vielleicht irgendwann "abgelegt" hat. Gibt es auch Quellen oder Textstellen für eine antisemitische Haltung (mir fällt gerade keine ein) und wie lässt sich das mit der Ehe mit einer Jüdin vereinbaren? Wie geht ihr persönlich damit um? Trennt ihr das Werk ganz klar von der Person bzw. wird die Person isoliert und nur als Künstler gesehen? Vor allem innerhalb der aktuellen Flüchtlingsdebatte konnte man die Angst der "Überfremdung" - die scheinbar einige Bundesbürger haben - natürlich auch schon bei Lovecraft sehen und ihn als "besorgten Bürger" bezeichnen. Es sind also einige Parallelen vorhanden. Für mich entspricht in seinem Werk die Erzählinstanz Lovecraft selbst, er macht also keinen Hehl aus seinem Rassismus. Vielleicht hat sich ja jemand von euch auch schonmal an der Thematik gestoßen, mir schlug das damals schon ordentlich auf den Magen!?

  • Im Pegasus Forum gab es auch mal eine Diskussion darüber:


    http://www.foren.pegasus.de/fo…55-hpls-weltanschauungen/


    Besonders beeindruckend fand ich gleich den zweiten Post, in dem Heinz schrieb:

    Zitat

    Lass Dir von dem Negativen nicht das Positive verderben. Sieh das Positive weiter so, wie bislang auch und schätze es. Steck das Negative in eine Schublade und mach diese zu. Vergiss aber nicht, dass es diese Schublade gibt.

    Super schön gesagt und (für mich) 100% passend. Bin ich heute noch dankbar dafür.

  • Auf Facebook gab es die Diskussion auch neulich wieder durch "Ratten im Gemäuer" und den alten "Niggerman". Ohne das gutheißen oder verteidigen zu wollen, man darf auch nicht aus unserem heutigen Blickwinkel auf seinen Rassismus schauen, sondern es aus der Zeit betrachten. Die Arkham Insiders greifen das Thema auch immer mal wieder auf.

  • Zitat von Dark_Pharaoh

    Auf Facebook gab es die Diskussion auch neulich wieder durch "Ratten im Gemäuer" und den alten "Niggerman". Ohne das gutheißen oder verteidigen zu wollen, man darf auch nicht aus unserem heutigen Blickwinkel auf seinen Rassismus schauen, sondern es aus der Zeit betrachten. Die Arkham Insiders greifen das Thema auch immer mal wieder auf.


    Ich versteh was du meinst und da ist natürlich auch was wahres dran. Die 20er Jahre waren eben die 20er Jahre. Antisemitismus gehörte ja z.B. im 19. Jahrhundert mehr oder weniger auch zum "guten Ton". Jede Zeit hat wohl irgendwo ihre Schattenseiten...

  • Zitat von Bluestone

    Gibt es denn wirklich antisemtische Äußerungen von ihm? In den Geschichten fallen mir nur, aus heutiger Sicht, rassistische Äußerungen ein.


    Das würde mich auch interessiert, vor allem in Hinblick auf seine Ehe. Ich habe den - damals noch salonfähigen - Antisemitismus aber jetzt nur als Beispiel für die deutsche Gesellschaft angeführt und eben nicht auch Lovecraft bezogen.

  • Ich meine mal irgendwo den recht interessanten Satz gelesen zu haben, dass "Lovecrafts Rassismus ein Kultur-Rassismus" war.


    Wenn man "He" oder "Horror at Red Hook" liest, ebenso wie eigentlich auch "Innsmouth" fällt auf, dass der Rassismus oft aus der kulturellen Andersartigkeit gespeist war. Assimilierte sich eine Minderheit/ ein Individuum sah er sie als geringere/ keine Gefahr. Ich kann diese Aussage grad aber auch nicht belegen. HPL, besonders der junge, hegte ein verklärtes Bild vom Germanen/-tum (zu denen als Ango-Saxons dann auch die Engländer und Teile der US-Amerikaner, sicher aber die Neuengländer zählten). Dennoch baute HPL seine Vorurteile ab, sobald er sich näher mit Individuen beschäftigte. Das muss man ihm nicht hoch anrechnen, das ist bei fast allen Menschen so. Was eher interessant ist, ist, dass einige Leute, die eigentlich in einer seiner Schubladen gelandet wären ihren Weg in seinen engsten Kreis machten.


    Samuel Loveman und Sonia Haft Greene waren beide Juden. Loveman zudem homosexuell, Greene mit ukrainischen Wurzeln und "emanzipiert" (nicht im heutigen Wortsinn, aber für ihre Zeit wohl). Dennoch gehören beide zu HPLs engstem Kreis.


    Eine Person ist immer eine Person ihrer Zeit. Der Rassismus in den USA war damals ein Alltagsphänomen. Und noch stärker wohl innerhalb des immer noch recht weißen Ost-Küsten-Bereichs in dem Lovecraft sich vor allem aufhielt. New York musste ihn nicht zuletzt deswegen so verstören, weil es eine multiethnische Metropole war, wie sie das recht verschlafene Providence nicht war. Das ist wohl etwas vergleichbar mit der Situation in Meck-Pom.: Dort gibt es einen Ausländeranteil von unter 3%. Wenig Kontakt erzeugt große Vorurteile und viele Ängste.


    Soweit erstmal, ich hoffe jemand versteht mein eilig getipptes.

    “I couldn’t live a week without a private library – indeed, I’d part with all my furniture and squat and sleep on the floor before I’d let go of the 1500 or so books I possess.”
    H.P. Lovecraft in einem Brief vom 25. Februar/1. März 1929 an Woodburn Harris
  • Das Problem ist, dass Lovecraft sich natürlich als Vertreter einer überlegenen Kultur ansah und selbst wenn von anderen Minoritäten keine Bedrohung ausging, so waren sie in seinen Augen trotzdem "degeneriert". Ich glaube, dass es schlicht Angst vor dem Abstieg seiner "Leitkultur" (um sich hier mal dem CDU - Deutsch zu bedienen) war, die ihn dazu trieb alles andere abzuwerten bzw. zu verteufeln, was nicht seinem Bild entsprach. Er hielt ja auch wie verrückt an der Auffassung fest er sei Aristokrat...

  • Interessant in dem Kontext finde ich "The Transition of Juan Romero".
    Die Hauptfigur ist ein Native American und wird von Lovecraft ausgesprochen positiv gezeichnet. Ist aus seinem Spätwerk und Lovecraft hat sie wohl im Zuge eines "Wettbewerbs" unter Freunden geschrieben (ich glaube, es ging um die Anden als würdigen Horrorschauplatz?) und wollte sie eigentlich gar nicht veröffentlicht haben.
    Aber so oder so, hier sehe ich eher Glorifizierung als Rassismus.

  • Glorifizierung indigener Völker ist aber auch nur positiver Rassismus. Die Idee des "edlen Wilden", wie zB bei Karl May ist auch nicht besser als die des "Kanibalen mit Knochen im Zopf".


    Ich plädiere für eine etwas nüchternere Betrachtung Lovecrafts.
    Viele Leser und Fans hegen den Wunsch sich mit dem Autor ihrer liebsten Bücher zu fratanisieren und zu identifizieren. Das Problem kommt dann, wenn diese Person dem Idealbild nicht entspricht (was sie niemal kann). Da kommen dann die, die argumentieren, dass der Autor ja eliminatorische Phantasien hatte und die, die sagen, dass er ja aber ganz lieb zu Katzen war und daher gar kein schlechter Mensch sein kann (im übertragenen Sinne). Ich glaube man sollte das Bild größer zeichnen, das soziale Umfeld berücksichtigen, die politische und wirtschaftliche Lage und dann zu einem Ergebnis kommen. Bisher fehlt eine so tiefe Betrachtung zum Thema Lovecraft & Rassismus aber (falls es sie doch gibt wäre ich über Infos dankbar). Auch Joshis "Decline of the West" ist hier meiner Meinung nach nur bedingt hilfreich.


    Warum erwarten wir von einem erklärten Konservativem der weißen Mittelschicht der Vor-Holocaust-USA die Einsichten, die auch in Deutschland nicht nach dem 2. Weltkrieg, sondern erst nach 1968 (eigentlich sogar noch später) gesellschaftlich relevant wurden?
    Die SPD der 1920er und 1930er Jahre war voll von Rassisten, auch wenn sie -theoretisch- die humanistischste Kraft innerhalb der demokratischen Parteien ihrer Zeit hätte sein sollen.


    Das Lovecraft rassistisch war ist bei Weitem kein Geheimnis. Viel wichtiger finde ich, dass man diesen Punkt nicht verschweigt und die Textpassagen in denen sein Rassismus deutlich zu Tage tritt auch erkennt. Schließlich geht es nicht darum morlisch mit dem Finger auf ihn zu zeigen, sondern darum, dass jeder einzelne Leser versteht, was da auf der Meta-Ebene der Geschichte passiert und welchen Nutzen der Text ggf. dennoch hat oder welche Aussagen der Autor dadurch impliziert.


    Letztlich sollte man eher deskriptiv an Lovecraft herangehen als normativ.

    “I couldn’t live a week without a private library – indeed, I’d part with all my furniture and squat and sleep on the floor before I’d let go of the 1500 or so books I possess.”
    H.P. Lovecraft in einem Brief vom 25. Februar/1. März 1929 an Woodburn Harris
  • Zitat von derTräumer

    Glorifizierung indigener Völker ist aber auch nur positiver Rassismus. Die Idee des "edlen Wilden", wie zB bei Karl May ist auch nicht besser als die des "Kanibalen mit Knochen im Zopf".


    Schon klar. Aber sonst findet man bei Lovecraft eher .. naja, negativen Rassismus. Und mich hatte die Geschichte damals überrascht.


    Aber du hast es gut auf den Punkt gebracht, ja.

  • Also eigentlich ist Rassismus eine Weltanschauung, die menschliche Rassen nach Wertigkeiten unterteilt auf Basis ihrer Biologie bzw. vermeintlichen biologischen Eigenschaften. Eine Vorliebe für eine bestimmte Ethnie zu hegen wäre m.E. nach dieser Definition kein Rassismus, und man sollte auch gucken, nüchtern-sachlich (wie derTräumer es ja auch schon bemerkte) zu trennen in Bezug auf Ansichten und nicht den Term "Rassismus" für alles inflationär zu gebrauchen, was irgendwie halbwegs passt. Der "edle Wilde" stammt ja ursprünglich von Rosseau und dem wurde bisher kein Rassismus attestiert, wenn ich nichts übersehen habe.


    Ansonsten volle Zustimmung: Kontextualisierung ist gefragt bei historischen Sachverhalten.

  • Nils:


    Guter Einwurf, du hast natürlich Recht. Wenn man es genau nehmen möchte sollte man stärker zwischen Chauvinismus und Rassismus unterscheiden.
    Bzgl. Rosseau: Also sein "edler Wilder" taucht schon in der Debatte um positiven Rassismus auf. Ich kann dafür jetzt aus dem Bauch keine Quelle nennen, aber ich erinnere mich da dunkel an ein Seminar in Kulturwissenschaften, wo das thematisiert wurde.

    “I couldn’t live a week without a private library – indeed, I’d part with all my furniture and squat and sleep on the floor before I’d let go of the 1500 or so books I possess.”
    H.P. Lovecraft in einem Brief vom 25. Februar/1. März 1929 an Woodburn Harris
  • Die Idee ist, dass Rassismus aufgrund biologischer/physiologischer "Unterscheidungskriterien" Menschen in gewisse Gruppen unterscheidet. Der nächste Schluss ist, dass diesen Gruppen gewisse Atribute zugesprochen werden, zB. das "Schwarze die besseren Läufer/Sänger sind" oder "Osteuropäer besonders gewalttätig sind", und so weiter und so weiter. Diese Zuschreibungen sind natürlich Ableitungen von Einzelfällen und sind konstruiert. Dennoch gibt es die Zuschreibungen, die negativ auf das Bild der betreffenden Gruppe einwirken ("gewalttätige Osteuropäer") oder die die positiv sind ("besserre Läufer" oder auch "der edle Wilde").
    Die Idee der Unterteilung kommt meines Wissens nach daher, dass nicht nur die Zuschreibung wichtig ist, wenn man den Einfluss von Vorurteilen und Rassismen betrachtet, sondern auch die Stoßrichtung. Gerade, weil positive Rassismen seltener bewusst wahrgenommen werden als negative. Eigentlich ist es also ein reiner Analysebegriff um Rassismen etc besser erkennen und unterscheiden zu können.

    “I couldn’t live a week without a private library – indeed, I’d part with all my furniture and squat and sleep on the floor before I’d let go of the 1500 or so books I possess.”
    H.P. Lovecraft in einem Brief vom 25. Februar/1. März 1929 an Woodburn Harris

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