Beiträge von derTräumer

    Hallo,

    nun hab ich es endlich mal geschafft, mir den ganzen Brief und den Kontext anzusehen.


    Dieser Brief taucht natürlich auch in H. P. Lovecraft: Letters to C. L. Moore and Others. Hippocampus 2017 auf Seite 205 bis 224 auf.


    Der Brief ist natürlich relevant. Es kommt aber auf den genauen Bezug an. Hier gibt Lovecraft vor allem an, dass er von seinen früheren Ansichten abgerückt ist. Jedoch spricht er hier vor allem über sein allgemeines Politikverständnis. Er spricht davon, dass er nun kein Vertreter der Laissez-faire-Politik mehr ist und sich eher demokratisch verortet. Hier kommt eine gewisse Kapitalismuskritik zum tragen.

    Interessanter ist hier für mich dieses Zitat:

    Zitat

    The only way the handful of defeated greed-worshippers could ever regain power would be through a shrewdly organised fascist movement based on primitive emotional appeals of the religio-hysteric type(waving the flag, rousing nominal Christians against "Jewish intellectualism", exciting native-Americans against "Catholic-Irish-Jewish [or whatever foreign element predominates in any particular section] democracy", exciting Catholics against "materialistic communism", exciting provincial pride against "decadent European innovations" &c. &c.), or through an armed revolt with foreign backing like that of Gen. Franco in Spain. Granting the scant probability of a Franco-like revolt of the Hoovers & Mellons & polite bankers, & conceding that—despite Coughlinism, the Black Legion, the Silver Shirts, & the K.K.K.—the Soil of America is hardly very fertile for any variant of Nazism, it seems likely that the day of free & easy plutocracy in the United States is over. It has taken the people generations to discover how they have been fooled;


    Anschließend äußert er seine Sicht auf den Konflikt der Zukunft:

    Zitat

    The real issues of tomorrow lie betwixt the adherents of a controlled capitalism (Roosevelt; La Follette) which may or may not [it probably will, though present liberals deny it] evolve into rational socialism, & the adherents of a sudden violent move towards some form of orthodox Marxian communism. A tremendous amount of the best thought of the younger generation is on the side of a communist move since sociologists of a certain type believe that the abstractionist element of the dying order will always form a fatal barrier to permanent progress unless violently deprived of mischief-making opportunities. I, however, do not agree with this position; for I believe that a slow, peaceful revolution in thought & perspective is already under way amongst the majority, so that the obstructive reactionaries will never gain more than the horse-laugh which they gained last November. They will be a nuisance & drag, but hardly a danger—& meanwhile it is the part of wisdom to choose a peaceful & gradual evolution instead of a culturally destructive upheaval.


    Dennoch würde ich in zwei Punkten vorsichtig sein.

    Zum einen darf man meiner Meinung nach nicht zu viel in Lovecraft hineininterpretieren. Durch diese Zitate wird Lovecraft noch kein "Sozialdemokrat des 21. Jahrhunderts". Natürlich ist da ein gewaltiger Sprung von "The Crime of the Century" [1915] oder "On the Creation of N[...]" [1912] zu diesem New Dealer, aber wir sollten immernoch in historischen Begriffen und Dimensionen sprechen.


    Zum anderen adressiert er hier seinen früheren Rassismus nicht direkt. Ja, er verurteilt Gruppen wie den K.K.K. oder die Silver Shirts, aber wie wir wissen, war Lovecrafts Rassismus nie aktionistisch. Er hat nie dazu aufgerufen Gewalt zu verüben, demnach glaube ich, dass Gruppen wie der K.K.K. oder die Silver Shirts ihm auch zuvor in ihrem Aktionismus zuwieder waren.


    Also denke ich, dass dieser Brief viel über Lovecrafts Wandel sagt, aber er ist eben kein Allheilmittel in der Diskussion um Lovecrafts Rassismus. Sonst hätte ja Joshi nur diesen Brief zitieren müssen und der World Fantasy Award würde heute noch Lovecrafts Konterfei tragen.

    (Tatsächlich würde ich, hätte ich einen Verlag, solche Bücher aus Überzeugung nicht verlegen. Aber das ist halt meine Abneigung für diese Genres. Und ich finde halt, dass kleine Verlage auch durch das Leben was sie ggf eben nicht bringen, auch wenn es evt Geld bringt. Sonst würde Festa ja auch Glitzervampire bringen, die bringen tierisch Geld... :D

    Eins noch: Gerade so Sachen wie die von Lee sind ja nun auch nichts nieschiges mehr innerhalb des Verlagsprogramms. Zumindest als Außenstehender kommt es mir so vor als lebe der Verlag von Lees (u. A.) Splatter-Porno-horror (mit dem Euphemismus EXTREM beschriebe) und modern military Kram ala American Sniper. Vor dem Hintergrund der eigenen Fanbase ist das also weniger mutig, als wenn zb piper das macht.

    Ja, so eine Anfrage habe ich damals auch bei meiner Recherche gemacht, die Mail damals könnte copy and Paste sein... Fakt ist, dass Festa in der Tat die (damals) Standard-Version der Texte nutze. Das diese gemeinfrei ist und daher die Kosten für die Rechte wegfallen dürfte natürlich auch ein Thema sein. Aber natürlich wird ein kleiner Verlag seine Reihe nicht neu übersetzen und mit den Joshi Copyrights auflegen, wenn bereits eine Reihe vorliegt und der Markt quasi gesättigt ist. Ich würde eine Übersetzung der varorium-ausgabe kaufen, aber da bin ich auch einer von vielleicht ein paar Dutzend in Deutschland. Kaufmännisch macht Fest natürlich alles richtig. Und die, die aus "wissenschaftlichem Interesse" die varorium-ausgabe lesen möchten, haben zumeist ja auch keine allzu großen Probleme mit der englischen Sprache.

    Ich konnte gestern den Wandrei ohne Abo bestellen. Um ehrlich zu sein, ist diese Reihe für mich nichts, wenn Lee da den Auftakt macht. Die anderen Titel (außer Wandrei) sagen mir auch nichts. Gerade bei einer Reihe, die verlagsseitig als "limitiert, weil zu speziell für die Masse" beworben wird, würde ich mir wünschen, dann auch genau das zu machen. Meine Idee wäre da eher weiter bei den Klassikern zu bleiben und vielleicht mal Barlow, mehr Whitehead oder Bloch, oder vielleicht auch noch die Autoren bis in die 1970er zu bringen und nicht irgendwelche Hillbilly-Splatter-Autoren. Aber ich weiß auch, dass meine Vorlieben da mit der Verlagspolitik kollidieren..

    Es sind immer mal wieder einzelne Bände erschienen, vor allem in den 70ern, soweit ich weiss. Aber nichts, was in Richtung einer systematischen Reihe hat.. Die letzten zwei deutschen Veröffentlichungen waren bei Festa: Das Grauen aus den Bergen (Mythos-Geschichten) und Mein Freund Lovecraft (Erinnerungen Longa an seinen Freund).

    Bis zum Wochenende lade ich die Texte zu Derleth und Lovecraft hoch. Und bei gelegenheit mache ich danach etwas zu "Scholary Revolution", also der neuen Lesart Lovecrafts seit den 70ern (Joshi, Mosing, Richard L. Tiernley)