Lovecraft und der Rassismus

  • Mittlerweile müsste der Brief in diesem Band enthalten sein:

    H. P. Lovecraft. Letters to C. L. Moore and others, Hippocampus Press (2017)


    Jedenfalls scheint der Schrieb denjenigen, die leidenschaftlich gegen Lovecrafts Borniertheit wettern, nicht bekannt zu sein. Das kann man sich sparen – er hat es ja in den letzten Wochen seines Lebens selbst getan …


    In diesem Blog-Post schreibt Bobby Derie etwas zum gegenseitigen Briefwechsel:

    Her Letters to Lovecraft: Catherine Lucille Moore

  • Wäre sicherlich einer öffentlichen Vorstellung und Einschätzung wert; entweder im LC online oder auch gerne einmal in einer Printausgabe.


    ...also, ich bin jetzt kein echter "Profi" in HPLs Biographie (beileibe nicht), aber wenn sich tatsächlich so selbstläuternde Worte in seinem späten Briefverkehr wiederfinden (und das plausibel belegbar ist), dann dürfen wir das ruhig einmal sagen - und dann in meinen Augen auch auf beiden Kanälen. Denn das wäre dann ja tatsächlich ein sehr wenig beachteter Aspekt HPLs des Menschen.

  • Hallo,

    nun hab ich es endlich mal geschafft, mir den ganzen Brief und den Kontext anzusehen.


    Dieser Brief taucht natürlich auch in H. P. Lovecraft: Letters to C. L. Moore and Others. Hippocampus 2017 auf Seite 205 bis 224 auf.


    Der Brief ist natürlich relevant. Es kommt aber auf den genauen Bezug an. Hier gibt Lovecraft vor allem an, dass er von seinen früheren Ansichten abgerückt ist. Jedoch spricht er hier vor allem über sein allgemeines Politikverständnis. Er spricht davon, dass er nun kein Vertreter der Laissez-faire-Politik mehr ist und sich eher demokratisch verortet. Hier kommt eine gewisse Kapitalismuskritik zum tragen.

    Interessanter ist hier für mich dieses Zitat:

    Zitat

    The only way the handful of defeated greed-worshippers could ever regain power would be through a shrewdly organised fascist movement based on primitive emotional appeals of the religio-hysteric type(waving the flag, rousing nominal Christians against "Jewish intellectualism", exciting native-Americans against "Catholic-Irish-Jewish [or whatever foreign element predominates in any particular section] democracy", exciting Catholics against "materialistic communism", exciting provincial pride against "decadent European innovations" &c. &c.), or through an armed revolt with foreign backing like that of Gen. Franco in Spain. Granting the scant probability of a Franco-like revolt of the Hoovers & Mellons & polite bankers, & conceding that—despite Coughlinism, the Black Legion, the Silver Shirts, & the K.K.K.—the Soil of America is hardly very fertile for any variant of Nazism, it seems likely that the day of free & easy plutocracy in the United States is over. It has taken the people generations to discover how they have been fooled;


    Anschließend äußert er seine Sicht auf den Konflikt der Zukunft:

    Zitat

    The real issues of tomorrow lie betwixt the adherents of a controlled capitalism (Roosevelt; La Follette) which may or may not [it probably will, though present liberals deny it] evolve into rational socialism, & the adherents of a sudden violent move towards some form of orthodox Marxian communism. A tremendous amount of the best thought of the younger generation is on the side of a communist move since sociologists of a certain type believe that the abstractionist element of the dying order will always form a fatal barrier to permanent progress unless violently deprived of mischief-making opportunities. I, however, do not agree with this position; for I believe that a slow, peaceful revolution in thought & perspective is already under way amongst the majority, so that the obstructive reactionaries will never gain more than the horse-laugh which they gained last November. They will be a nuisance & drag, but hardly a danger—& meanwhile it is the part of wisdom to choose a peaceful & gradual evolution instead of a culturally destructive upheaval.


    Dennoch würde ich in zwei Punkten vorsichtig sein.

    Zum einen darf man meiner Meinung nach nicht zu viel in Lovecraft hineininterpretieren. Durch diese Zitate wird Lovecraft noch kein "Sozialdemokrat des 21. Jahrhunderts". Natürlich ist da ein gewaltiger Sprung von "The Crime of the Century" [1915] oder "On the Creation of N[...]" [1912] zu diesem New Dealer, aber wir sollten immernoch in historischen Begriffen und Dimensionen sprechen.


    Zum anderen adressiert er hier seinen früheren Rassismus nicht direkt. Ja, er verurteilt Gruppen wie den K.K.K. oder die Silver Shirts, aber wie wir wissen, war Lovecrafts Rassismus nie aktionistisch. Er hat nie dazu aufgerufen Gewalt zu verüben, demnach glaube ich, dass Gruppen wie der K.K.K. oder die Silver Shirts ihm auch zuvor in ihrem Aktionismus zuwieder waren.


    Also denke ich, dass dieser Brief viel über Lovecrafts Wandel sagt, aber er ist eben kein Allheilmittel in der Diskussion um Lovecrafts Rassismus. Sonst hätte ja Joshi nur diesen Brief zitieren müssen und der World Fantasy Award würde heute noch Lovecrafts Konterfei tragen.

    “I couldn’t live a week without a private library – indeed, I’d part with all my furniture and squat and sleep on the floor before I’d let go of the 1500 or so books I possess.”
    H.P. Lovecraft in einem Brief vom 25. Februar/1. März 1929 an Woodburn Harris
  • Joshi hat einen neuen Text zum Thema verfasst, der vielleicht von Interesse ist.


    Er ist im aktuellen Truth Seeker erschienen, den man downloaden kann, wie Joshi auf seinem Blog mitteilt:


    Zitat


    Roderick Bradford, editor-in-chief of the Truth Seeker, was encouraged by the fact that a few of my readers purchased copies of (or subscriptions) to the magazine, which just published by article, “H. P. Lovecraft’s Racism and Recognition.” Mr. Bradford is now generously allowing readers of this blog free access to the issue containing the article. On the the magazine’s website (http://thetruthseeker.net/) navigate to the Issues page and choose Issues from the Publications/Issues menu. There you may click on the cover or download link for the September–December 2020 issue, and when prompted use the password (granite). All thanks to Mr. Bradford for his kindness!

    http://stjoshi.org/news.html?f…lTDLYfK0gcInx6ZKd8cOIY9cw

  • Joshi hat einen neuen Text zum Thema verfasst, der vielleicht von Interesse ist.


    Er ist im aktuellen Truth Seeker erschienen, den man downloaden kann, wie Joshi auf seinem Blog mitteilt:


    http://stjoshi.org/news.html?f…lTDLYfK0gcInx6ZKd8cOIY9cw

    Ich habe den Artikel eben durchgelesen. Für mich las sich der Artikel wie eine Verteidigungsrede, wie man sie vielleicht von Cicero kennt (Lateiner hier? ;) ). Hier mal eine Zusammenfassung des Artikels:


    Joshi argumentiert, dass Lovecrafts Ansichten anfangs stark von seiner Familie und der Kultur Neu-Englands, beide extrem konservativ, geformt seien, und er damit zu jener Zeit nicht allein stand. Ansonsten sei Lovecraft ja ein Anhänger der Wissenschaften gewesen und auch in dieser Hinsicht war die damals vorherrschende Meinung, dass es Rassenunterschiede zwischen Menschen gäbe. Dieses wissenschaftliche Paradigma habe sich erst in den 1920er Jahren langsam angefangen zu ändern und war sich noch nach Lovecrafts Tod am Weiterentwickeln.


    Lovecraft habe zwar rassistische Ansichten in ein paar Gedichten und Briefen geäußert, jedoch nur in einem sehr kleinen Bruchteil (2-3 Gedichte von insgesamt 350 Gedichten und 2-5% der Gesamt-Wörteranzahl seiner Briefe, schätzt Joshi), wodurch Joshi sagen will, dass Lovecraft viel mehr andere Dinge im Kopf hatte als Rassismus.


    Joshi warnt generell auch davor, selbst nicht zu vorurteilend mit Lovecrafts Werken umzugehen, denn man könne zwar rassistische Tendenzen in einigen seiner Werke finden, aber man könne genauso gut viele Werke ausmachen, in denen man heraus interpretieren und behaupten könne, dass Lovecraft Vorurteile gegenüber Weißen gehabt hätte. Letzten Endes sei es also eher eine Interpretationssache. Er nennt da z.B. Ratten im Gemäuer, wo weiße Menschen zu Kannibalen degenerieren, oder Das Grauen von Dunwich.


    Joshi greift dann Lovecrafts hin- und hergerissene Unterstützung für Hitler auf, die er in Briefen in 1933-1934 ausgedrückt habe und entkräftigt diese einerseits mit Lovecrafts eigentlichen politische Ansichten, die - ganz im Gegenteil - anti-rechtsextrem und anti-nazistisch waren: Nach der Wirtschaftskrise 1929 habe sich Lovecraft zu einem moderaten Sozialisten entwickelt, der heutzutage wahrscheinlich ein Anhänger Bernie Sanders gewesen wäre, und er habe keinen Sinn darin gesehen, in den USA weißen Nationalismus zu unterstützen. Weiterhin erzählt Joshi noch eine Anekdote, in der Lovecraft entsetzt gewesen sein soll, als ein Nachbar, der von einer Reise in Deutschland zurückkam, von den Grausamkeiten erzählte, die dort den Juden angetan würden. Andererseits nennt Joshi dann mehrere Beispiele für Zeitgenossen Lovecrafts, die entweder stärker mit Hitler sympathisiert hätten oder mit ihm sympathisiert hätten trotz eines Wissens um den Holocaust.


    Diese Argumentation, dass viele Zeitgenossen schlimmere rassistische Tendenzen als Lovecraft gehabt hätten, kommt später wieder, und Joshi meint, man schaue nur gerade so kritisch auf Lovecraft, weil die anderen zeitgenössischen Autoren heute weniger im Mittelpunkt stehen, und er nennt eine ganze Liste von Personen und Belege für ihren heftigeren Rassismus, etwa Edgar Allan Poe, H. G. Wells oder auch Robert E. Howard.


    Am Ende des Artikels plädiert Joshi dafür, nicht alles schwarz-weiß zu sehen und Lovecraft nicht in eine Schüssel zu werfen mit Konföderierten-Generälen und anderen Rassisten, die aktiv farbige Menschen verletzt haben und verletzen. Außerdem warnt Joshi davor, heutige moralische Standards auf Personen der Vergangenheit anzuwenden, da im Gegenzug auch wir in 50 bis 100 Jahren bezogen auf zukünftige moralische Standards nicht gut aussehen könnten. Dieses Kritisieren von diesem einen Aspekt Lovecraft sei, so Joshi in seinem Schlusssatz, letzten Endes auch eine Art Vorurteil unsererseits, das als veraltet angesehen und abgelehnt werden müsse.

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