Lovecrafter Online – Kurzgeschichte: Cthulhus Rückkehr
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Seanchui -
21. September 2026 um 12:00 -
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Mächte, die Äonen von Jahren
in keines Menschen Gedächtnis waren;
Mächte, die in ihren Grüften ruhten,
bis sie sich zur Oberfläche gruben,
um dort, erweckt von unbedarft‘ Gemütern
plötzlich zu aller Schrecken toll zu wüten.
Um sie Entsetzen und Ängste hallen,
denn dort sich böse Kräfte ballen.
Cthulhu heißt er, der große Geist,
der, einmal geweckt, für jeden meist
erstarrend, welcher ihn erblickt,
oder verwirrt für immer, mehr als ein Tick.
Jünger für lange, danach ew’ge Ruh‘
im Schoß des übermächt’gen Cthulhu.
Flaschenpost
Ich bin Søren Lintrup, Vollmatrose auf der Jacht ‚Paracelsus II‘, die sich zum Zeitpunkt, an dem dieser Bericht beginnt, mitten auf dem Pazifischen Ozean befand, um ihren Eigner aus Sydney abzuholen, der sich dort wegen wichtiger Geschäfte eine Zeit lang hatte aufhalten müssen. Eine Überführungsfahrt erheischt wenig operative Anstrengung, wenn nicht gerade ein Sturm mit Windstärke 12 im Anzug ist, sodass fünf Mann Besatzung genügen, um den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Unsere Handvoll erschöpfte sich in dem Kapitän, dem Ersten, dem Oberbootsmann und zwei Vollmatrosen. Aus dieser Aufzählung ist leicht ersichtlich, dass meine Wenigkeit zur Unterschicht der Anwesenden zählte.
Und: Tatsächlich Mann, denn es hatte sich keine Frau gefunden, die bei unserem Unternehmen mitzutun gewillt gewesen war. Wahrscheinlich lag es an dem schlechten Ruf des Eigners, mit dem wir nach dem Andocken im Zielhafen zwangsläufig zusammenzutreffen die Ehre haben würden.
Das lag aber noch in weiter Ferne. Ich fläzte mich während meiner Freiwache in einem der unzähligen Liegestühle herum, die während der Rückfahrt den erlauchten Gästen vorbehalten bleiben würden, aber im Augenblick …
An Backbord nahm ich Aktivitäten wahr. Die werden doch wohl nicht auf die Idee kommen, hier zu angeln? fragte ich mich voreilig, denn die Geräusche verstummten ebenso abrupt, wie sie aufgepoppt waren. Einige Minuten vernahm ich nichts, obwohl sich keine Schritte entfernt hatten; dann setzte Getuschel ein. Während ich mich fragte, ob hier ein Komplott gegen mich geplant wurde – nichts animiert mehr zu kindischen Gedankenspielen als langweilige Tage auf dem größten Ozean der Erde –, als der Oberbootsmann auf mich zu schlurfte. „Søren?“ fragte er.
„Hier, im Leinenstoff versunken.“
„… und nicht gewillt, dich in die Senkrechte aufzurappeln.“ Er trat an mich heran und wedelte mit einem Zettel vor meiner Nase herum.
„Werden seit neuestem Befehle wieder auf Papier ausgeschrieben?“
„Das nicht, denn das ist keiner.“
„Was sonst?“
„Du wirst lachen: Eine Flaschenpost, wie sie schon Kapitän Kidd verfasst haben könnte.“
Langsam wurde ich aufmerksam. Ich nahm den Wisch an mich und sagte: „Von dem kann sie aber nicht stammen. Zu seiner Zeit gab es noch keine Kugelschreiber.“
„Aus einem anderen Grund auch nicht. Versuch‘ bitte den Text zu lesen!“
Ich überflog die ersten Zeilen und stutzte. „Der Bericht ist gerade einmal ein paar Wochen alt.“
Ein Grinsen überzog die Miene des Oberbootsmanns. „Du kannst es also?!“
„Wieso nicht?“ Plötzlich dämmerte es mir. „Der Text ist dänisch. Deshalb hast du dich an mich gewandt.“
„Genau. Das eine oder andere Wort glaubten wir – also der Erste und ich – entziffern zu können, aber bald kam uns der Gedanke, dass der Text in deiner Muttersprache geschrieben sein könnte. Die øs, æs und so weiter brachten uns darauf. Du wirst unser Anliegen erraten.“
Ich sprang auf. „Jetzt bin ich selber neugierig. Ich mache mich sofort an die Übersetzung.“
„Das hatten wir gehofft. Danke.“
Der Bericht, den ich vor mir liegen hatte, las sich so ungeheuerlich, dass es mir schwer fiel, ihn für bare Münze zu nehmen.
Wir waren unterwegs, um den 300.000-Tonnen-Tanker ‚Esbjerg‘ nach Sydney zu überführen. Wir hatten Ballast aufnehmen müssen, denn ein völlig leeres Großschiff verhält sich schon bei ruhiger See instabil. Bei Sturm ist es nicht mehr beherrschbar.
Ein modernes Schiff ist in der Lage, sich über GPS, AIS und automatisierte Wetterberichte selbst zum Ziel zu lenken, aber weil hin und wieder unvorhergesehene Ereignisse eintreten können, besteht die Vorschrift, es mit einer Mindestbesatzungszahl zu bestücken. Im Fall unseres Potts waren dafür zehn Personen vorgesehen, die dem Reeder wehtaten, denn sollte kein unvorhergesehenes Ereignis eintreten, hätten die trotz voller Heuer mehr oder weniger nichts zu tun.
Meiner Wenigkeit, Holger Felsrok, war wegen diesbezüglicher Erfahrung die Rolle des Oberbootsmanns zugewiesen, das heißt, ich hatte dafür zu sorgen, dass unsere Fuhre auf Kurs blieb. Wie erwähnt führte diese Sorge zu keiner Arbeitsüberlastung meinerseits, denn GPS und AIS hielten das Heft in der Hand, solange keine Störung auftrat. Eins war von vornherein klar gewesen: Ein 400 Meter langer und 65 Meter breiter Koloss passt weder durch den Suez- noch durch den Panamakanal, sodass wir eins der südlichen Kaps zu umrunden gezwungen sein würden.
Merkwürdigerweise hatte die Reederei der ungünstigeren und weiteren Route um Kap Hoorn den Vorzug gegeben. Ungünstiger, weil dieses weiter südlich als das Kap der Guten Hoffnung liegt, und weiter sowieso, denn der Pazifische Ozean ist erheblich ausgedehnter als der Indische.
So schipperten wir statt an der afrikanischen West- an der südamerikanischen Ostküste entlang und überstanden dank der Übergröße unseres Untersatzes die ‚roaring fourties‘ und auch die Umrundung des früher so gefürchteten Kaps gefahrlos und kommod. Jetzt nur am endlosen südlichen 47. Breitengrad entlang schippern und in gut einer Woche würden wir in Sydney einlaufen, dem neuen Eigner das Schiff über- und uns auf den Heimflug begeben. Spielend, lesend oder auch nur faulenzend und dabei ab und zu einer Büchse Bier auf den Grund gehend sahen wir wohlgemut dem Abschluss unseres Auftrags entgegen.
Bis jetzt gab es nichts Nennenswertes zu berichten. Das änderte sich, als wir ungefähr in der Mitte des unermesslichen südpazifischen Beckens, in dem die Karten nichts außer Wasser verzeichnen, genauer gesagt auf 47° 9‘ südlicher Breite und 126° 43‘ westlicher Länge, unser AIS ein Hindernis meldete. Das Automatic Identification System ist sowohl ein Empfänger als auch ein Sender; es sendet alle relevanten Identifikations- und Positionsdaten an die benachbarten Schiffe und empfängt deren. Es erkennt aber auch Hindernisse sowohl unter als auch über Wasser, indem es Echowellen fächerförmig vor sich her schiebt.
Bevor wir Gelegenheit erhielten, uns über die Natur des Hindernisses, das es hier nicht geben dürfte, Klarheitz zu verschaffen, erhielt die ‚Esbjerg‘ einen Stoß von unten, den zu verursachen keine menschliche Technik fähig gewesen wäre.
„Ein Seebeben!“ schrie der Kapitän. Seine Panik war nicht vorgetäuscht.
Jede Gelegenheit zu einer Antwort wurde mir genommen, als die Brücke in dermaßen heftiges Schwanken geriet, dass es mich durch Festkrallen an einer Stange zu sichern mir nur mit Mühe gelang. Dem Käpt’n erging es übler; er knallte mit dem Kopf gegen eine Tischkante, ging zu Boden und rührte sich nur noch insoweit, als ihn die Schiffsbewegungen hin- und herwarfen.
Viele geistige Ressourcen zum Denken waren mir nicht verblieben, aber das Gefühl, wie in einem Fahrstuhl aufwärts zu gleiten, stellte sich instinktiv ein. Ich vernahm ein Klirren, das das Zerspringen der Brückenverglasung akustisch untermalte, und das Zerbrechen weiterer Einrichtungsgegenstände, vor allem wichtiger Instrumente. Hilflos sah ich zu, wie sich ein durchdachtes und wohlgeordnetes technisches System unaufhaltsam in eine Trümmerwüste verwandelte.
Nach gefühlten Stunden, deren Echtzeit wenige Sekunden betragen haben mochte, kam die Bewegung zum Stillstand und hinterließ die Brücke und damit das ganze Schiff in einer Schräglage von geschätzten 45°. Ich versuchte mich zu orientieren und hangelte mich zu einem Seitenfenster, das einigermaßen Durchblick versprach, um bestätigt zu sehen, was mir mein Bauchgefühl bereits mitgeteilt hatte: Die ‚Esbjerg‘ befand sich an Land, in Sichtweite kolossaler Kuben, deren Beschaffenheit mich zunächst nicht interessierte. Es musste sich in genau dem Augenblick aus der Tiefe erhoben haben, als wir darüber hinweg fuhren. Das AIS hatte es als Untiefe geortet, aber für das Ereignis, das uns erwischt hatte, war es nicht konstruiert worden. Auch die sogenannte künstliche Intelligenz vermag nichts anderes als das zu abzufedern, was ihre auf zweidimensionale Sicht beschränkten Schöpfer bei deren Programmierung vorausgesehen haben. Das abrupte Auftauchen einer sich horizontweit erstreckenden Landmasse innerhalb weniger Sekunden gehört nicht dazu, denn sich im menschlichen Sinn ein Szenario auszudenken bringt eine KI nun einmal nicht zuwege.
In meinem Schädel lief ein wirres Gedankenkarussell Amok. Was zuerst in Angriff nehmen? Mich um den regungslos daliegenden Kapitän kümmern? Mich vergewissern, was aus dem Rest der Mannschaft geworden ist? Mir einen Überblick über die Gesamtsituation verschaffen? Oder resignieren und in Weinkrämpfe verfallen?
Nein, das gewiss nicht! Zunächst versuchte ich, meinem Vorgesetzten ein Lebenszeichen zu entlocken. Vergeblich; alles deutete darauf hin, dass er den heftigen Anprall nicht überlebt hatte. Also hinaus und sehen, wo und in welchem Zustand die anderen verblieben waren. Vorsichtig näherte ich mich der Tür auf einen offenen Flügel der Brücke, um hinauszugelangen. Sie quietschte nur noch in ihren Angeln und bildete folglich kein Hindernis.
Nach und nach fanden sich sechs von uns ein: Der Erste Offizier, der Maschinist, der Elektriker, der Koch und zwei Matrosen hatten sich ins Freie gearbeitet. Teilweise wiesen sie Blessuren auf. Der Erste und der Elektriker bluteten aus Kopfwunden, während das Stöhnen der anderen eher auf den Schock zurückzuführen gewesen sein dürfte. Einen Arzt hatten wir nicht an Bord und die Behandlung Kranker oder Verletzter oblag mir, wessen ich mich nun besann. „Lasst die Strickleiter ’runter“, ordnete ich an, „damit wir ebenen Boden unter die Füße kriegen. Das Bergen wichtiger Dinge wie Verbandszeug, Medikamente und natürlich Essen nehmen wir in Angriff, wenn wir uns einigermaßen aufgerappelt haben.“ Weil der Erste offensichtlich zu einem Willensakt außerstande und der Kapitän ausgefallen war, war mir als nunmehr Ranghöchstem automatisch die Befehlsgewalt zugefallen.
Ich will mich nicht über Gebühr über diese ersten Stunden nach unserer verheerenden Havarie auslassen und wäre auch nicht in der Lage, alles, was wir fünf Fitten in der Hektik während dieser Zeit unternahmen, in die richtige Reihenfolge zu bringen und nüchtern zu beschreiben. Wir fünf Fitten, schreibe ich, und meine damit alle, die nicht mehr als einige Kratzer abbekommen hatten.
Was es zu schildern gilt, sind unsere ersten unbeholfenen Schritte auf dem ungewohnten Untergrund. Es war klar, dass er seit einer unbekannten Zeitspanne bis vor wenigen Minuten unter Wasser gelegen hatte und dementsprechend verschlickt und verschlammt war. Ungewöhnlich war die grüne Farbe, die sich uns darbot, soweit das Auge reichte. Wir führten sie darauf zurück, dass alles mit Algen übersät sein musste, obwohl wir in unserer unmittelbaren Nähe keine fanden. Ein merkwürdiger Geruch, den keiner von uns zuzuordnen sich traute, lag über allem. Das war indes etwas, was sich unserer Wahrnehmung rasch wieder entzog. Ist die Nasenschleimhaut nämlich mit der verursachenden Substanz gesättigt, gibt sie ihn nicht mehr an unsere Reizrezeptoren weiter. Dass der Rumpf der ‚Esbjerg‘ so beschädigt war, dass wir ihn mit eigenen Mitteln nicht würden reparieren können, galt nach erstem Augenschein als ausgemacht. Löcher, durch die eine Planierraupe die Durchfahrt ohne anzuecken geschafft hätte, übermittelten uns eine eindeutige Botschaft.
Als die Sonne unterging, hatten wir alle für uns wichtigen Ingredienzien am Fuß der Strickleiter angehäuft, um unsere Verwundeten zu verbinden und uns allen ein Abendessen zuzubereiten. Auch drei Zelte hatten wir errichtet, in denen sich wir uns nach und nach wohnlich einrichteten – so wohnlich, wie es in Anbetracht der Umstände möglich war. „Wenigstens befinden wir uns nicht im ewigen Eis, sondern in ungefähr dem gleichen Klima wie bei uns zu Hause.“ Der Smutje verstand es meisterhaft, aus unserer prekären Situation das Beste herauszuholen.
An jenem ersten Tag war Überleben das Wichtigste gewesen. Wegen dieser einfachen Weisheit hatten wir unserer Umgebung nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt. Einzig die Überlegung, dass eine soeben aus den Tiefen des Meeres aufgetauchte Landmasse unmöglich gefährliche Tiere beherbergen könne, hatte uns kurz beschäftigt. Ihre Ausdehnung hatte uns die weitere beruhigende Überzeugung beschert, dass sie unserem Satellitenkordon nicht verborgen geblieben sein konnte und bald die ersten Forschungsschiffe auftauchen würden, um uns zu retten, auch wenn sie das bisher nicht wussten.
Der Morgen des nächsten Tages gehörte immer noch unseren eigenen Angelegenheiten. Mit größter Mühe hackten wir drei Löcher in den in merkwürdiger Weise gleichzeitig harten und glibberigen Boden, um unsere drei bei dem Unglück getöteten Kameraden zu bestatten und uns von ihnen mit einer halbwegs würdigen Feier zu verabschieden.
Danach kam ich auf den Gedanken, ob sich nicht irgendwie ein Notruf absetzen ließe, anstatt apathisch auf Hilfe von außen zu bauen. Mit Widerwillen und unter Aufbieten all‘ meiner Kräfte bahnte ich mir den Weg zurück auf die Brücke und untersuchte den Zustand der Instrumente. Dass die Hauptmaschine ihren Geist aufgegeben haben musste, war mir von vornherein klar gewesen, denn aus dem zerstörten Rumpf war seit der Strandung kein Laut mehr gedrungen. Nun stellte ich fest, dass sämtliche bordeigenen Geräte ausgefallen und wir aller technischen Hilfsmittel beraubt waren. Mir war das unerklärlich. Was für brachiale Kräfte mochten hier gewütet haben?!
Um eine SMS per Smartphone abzusetzen gebrach es der Landschaft an Sendemasten. Ich kroch zurück zur Reling und kletterte die Strickleiter hinunter, um den Verbliebenen die Situation zu erläutern. „Also warten, bis uns hier jemand findet“, kommentierte der Erste. Er sah zwar mit dem dicken Verband um seinen Kopf wie ein indischer Fakir aus, hatte sich aber soweit erholt, dass er sich wieder ins Geschehen einzubringen in der Lage war. Das Kommando überließ er allerdings mir, denn er fühlte sich keineswegs robust genug, um wieder die Verantwortung zu übernehmen. Dem Elektriker ging es leider zunehmend schlechter und ich fragte mich, ob es mir gelingen würde, ihn durchzubringen.
Hm, ja. Also warten. Die tiefgekühlten Lebensmittel sollten wir baldmöglichst aufbrauchen, während wir die haltbaren für später aufzuheben planten, falls es bis zu unserer Bergung länger als erwartet dauern sollte.
„Wächst hier eigentlich gar nichts?“ fragte ein Matrose.
„Du bist gut“, erwiderte ich. „Dieses Land existiert erst zwei Tage. Bis ein Kastanienbaum zur Reife gelangt, braucht es gut und gern zehn Jahre.“
„Sind nicht Algen auch nahrhaft?“ Der Koch taxierte alles und jedes nach Essbarkeit oder nicht.
„Durchaus. Was mich wundert, dass hier keine sind.“
„Sollen wir uns auf die Suche machen?“
„Sollen wir nicht überhaupt langsam unsere Umgebung zu erkunden versuchen?“ Der Erste Offizier zeigte Anzeichen von Tatendurst.
„Ich wüsste vor allem gern, wo das Meer abgeblieben ist.“ Der Matrose zeigte sich eher von der pragmatischen Seite.
„Wie es aussieht, weg.“
„Glaubst du an eine Anti-Sintflut? Dass alles Wasser von der Erdoberfläche verschwunden ist?“
„Das gerade nicht. aber weil es von hier aus nicht zu sehen ist, sind wir wohl auf einem ganz schön großen Atoll aufgeschlagen.“
„Also los!“
Wir brauchten nicht weit zu gehen. Als wir zum ersten Mal unsere Umgebung bewusst in Augenschein nahmen, sahen wir unmittelbar, dass sie nicht natürlichen Ursprungs war. „Ihr könnt mir erzählen, was ihr wollte: Diese riesigen Quader sind Häuser.“
„Türen? Fenster?“
„Die Löcher da: Sind das keine?“
„Ohne Füllung, ohne Glas?“
„Verlang‘ bitte nicht zu viel. Diese Stadt hier hat Gott-weiß-wie-lange auf dem Grund des Stillen Ozeans geruht und die Menschen, die sie gebaut haben, ruhen dort für immer und ewig …“
„Menschen? Schau‘ dir doch einmal die Dimensionen an. Menschen, zu denen diese Türen passen, müssen vier Meter groß gewesen sein.“
Ich wurde nachdenklich. „Das war mir im ersten Moment gar nicht bewusst geworden. Ist nicht in alten Sagen die Rede von übergroßen Atlantiden …“
„… die auch Atlantis gebaut haben sollen?!“
„Dann stünden wir hier in einer alten Straßenschlucht des märchenhaften Atlantis.“ Ich sah mich genauer um. „Wirklich passen tut das Ganze nicht, weder der Standort noch das Gemäuer.“
„Was meinst du mit Gemäuer?“
„Ich finde, es ist nicht recht fassbar.“ Ich beschattete meine Augen mit der linken Hand. „Versuch‘ mal, so eins zu betreten.“
„Nichts leichter als das.“ Der Erste schritt entschlossen auf eins der Tore zu, wich aber immer wieder vom graden Weg ab. „Was ist das denn?“
„Wovon ich spreche. Die euklidische Geometrie scheint hier ausgehebelt zu sein.“
Der Erste sah verwirrt um sich. „Das Tor war doch gerade rechts.“
„Ich habe es links gesehen.“
„Ich finde, es handelt sich um kein Tor, sondern um eine Falltür“, wandte der zweite Matrose ein, den wir als Begleiter unserer Expedition ausgewählt hatten. Die anderen Drei waren zur Bewachung – gegen welchen Angreifer auch immer – in unserem Biwak zurückgeblieben.
Wir sahen uns ratlos an. „Was nun?“ Ich erinnerte mich an die skurrilen Gemälde von M. C. Escher, in denen Geländer, Treppen, Wände oder Gänge in einem anderen Winkel auf die nächste Ebene treffen als die, von denen sie ausgehen. „Willst du auf den Vorsprung da klettern?“
„Welchen Vorsprung? Das ist eine flache Platte.“
Der Erste brachte einen pragmatischen Ansatz ins Spiel. „Wisst ihr eigentlich, wo wir herkamen?“
„Hm.“ Wir sahen uns unbehaglich an. „Von dort?“ Ich wies in eine Straße oder in das, was ich als eine solche interpretierte.
„Ich meine von dort.“ Der Erste wies in eine andere Richtung.
Der Matrose beteiligte sich nicht an unseren Spekulationen, sondern sah mit weit aufgerissenen Augen ganz woanders hin. „Was ist?“
„Da bewegt sich ’was.“
Sofort folgten meine und des Ersten Blicke dem Zeigefinger. Aus einer der gewaltigen Türöffnungen drang erst grüner Rauch und dann ein Leib, der …. Es tut mir leid, aber ich sehe mich außerstande, das, was daraus hervorkroch, in verständlichen Worten zu beschreiben. Es war riesig, viel größer als das Loch, das es gebar, und schien mit jeder Rippe, die nach draußen drang, zu wachsen. Zum Glück wandte es ich nicht uns Zwergen zu, sondern lenkte seine Glieder von uns weg.
Wir standen da wie zu Salzsäulen erstarrt. Dann kehrte das Leben in uns zurück. War das etwa der Weg zu unserem Schiff? Wie hypnotisiert folgten wir der unwirklichen Erscheinung. Existierte sie tatsächlich oder war sie nur ein Phantom? Und wenn sie kein Phantom war: Befanden wir uns überhaupt noch auf der Erde? Denn das, was sich auf diesem unheimlichen Areal abspielte, war nicht irdischen Ursprungs, das betrachtete ich als sicher.
Es ist nicht so, dass die geschilderten Schlussfolgerungen, die ich in dieser Flaschenpost in geordneter Reihenfolge und unter Wahrung kühler Logik wiedergebe, mir zum fraglichen Zeitpunkt zur Verfügung gestanden hätten; mein Bauchgefühl indes wies mir bereits den Schlüssel zum Verstehen. Trotz seiner Ausmaße drang das Wesen völlig lautlos vor. Heute bin ich mir sicher, dass das Splittern und Krachen, das diese Urgewalt zwangsläufig begleiten musste, in einer anderen Dimension als unserer euklidischen verhallte.
Eine andere Gewissheit bemächtigte sich unserer immer mehr, nämlich, dass die Urgewalt auf unsere ‚Esbjerg‘ zuglitt. Um Himmels Willen, was …. Da sahen wir es auch schon und stöhnten . dumpf auf. Deren ohnehin mehrfach aufgeschlitzter Rumpf schien eine Provokation zu sein, denn die grüne Masse prallte gegen sie und schob sie immer weiter von uns weg, bis sie eine genügend abschüssig Stelle erreichte und von selbst ins Kullern kam. Die Aufprallgeräusche dünkten uns sehr irdisch, und als wir vor dem Abhang standen, sahen wir, wie das Meer gegen unsere unheimlichen Gestade brandete. Die ‚Esbjerg‘ war in tausend Stücke zerschellt und für uns weniger nutzbar als je zuvor.
Keuchend sahen wir uns an, denn wir waren die letzten Kilometer gerannt, um das Geschehen im Blick zu behalten. Jetzt erst fiel uns auf, dass wir nur noch zu zweit waren. „Wo ist der Erste?“
„Keine Ahnung.“
„Und wo ist der grüne Alptraum?“
Verblüfft blickten wir um uns. Der Alptraum war verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Mir fällt auch dazu keine andere Erklärung als die einer anderen Dimension ein, in die er gerutscht sein musste. Leider hatte er in unserer vor seiner Demanifestierung ein erhebliches Zerstörungswerk angerichtet.
Die wichtigste Frage fiel uns zuletzt ein. „Was ist mit unserem Biwak, unseren Kameraden?“
„Du Scheiße! Los, versuchen wir sie zu finden!“
Die Katastrophe war nicht zu überbieten. Unsere drei Kameraden und fast alles, was wir vom Schiff gerettet hatten, waren buchstäblich zermalmt worden. Einige wenige Gegenstände, Konserven mit haltbaren Lebensmitteln, aber auch ein Schreibheft, ein Kugelschreiber und eine verkorkte leere und trockene Flasche waren unter Felsvorsprüngen – sofern bei der glibbrigen Substanz, aus der unser Eiland besteht, von Felsen die Rede sein kann – der Vernichtung entgangen. Die letztgenannten Artefakte motivierten mich, den Bericht zu beginnen, vor dessen Abschluss ich nunmehr stehe.
Leider zeigt mein einziger verbliebener Kamerad keine kulturellen Neigungen und verhält sich kaum besser als ein Tier. Gerade einmal, dass er die Büchsen mit der Fertignahrung mit seinem Messer zu öffnen fertigbringt. Hätte es nicht ab und zu geregnet – immerhin ein Hinweis auf Verweilen in irdischen Gefilden –, hätte uns alles nichts genützt und wir wären innerhalb dreier Tage verdurstet. So schöpften wir das merkwürdig schlierige Wasser in unsere verbliebenen Gefäße und führten es zitternd zum Mund. Unsere Messer hatten wir zum Glück während unseres Ausflugs am Mann getragen, sonst wären wir an die Inhalte unserer Blechbüchsen nicht herangekommen.
Das dürfte es aber nicht sein, was einen eventuellen Finder dieser Flaschenpost interessieren wird. Es ist nämlich so, dass wir der Expedition, zum Meer hinunterzusteigen, dadurch enthoben sind, dass es zu uns heraufklettert. Das bedeutet, dass diese Klippe – oder um was auch immer es sich bei unserer Unterlage auch handeln mag – dabei ist, wieder zu versinken. Das wäre natürlich unser Ende.
Bevor es sich so drastisch andeutete, war ich noch einmal allein zu der merkwürdigen und unheimlichen Stadt gepilgert, die ich als Schlüssel all‘ des Unheimlichen betrachte, das uns widerfuhr. Sie sah aus wie bei unserem ersten Besuch und doch wieder nicht. Einmal wäre ich beinahe in einem der merkwürdigen Winkel auf die falsche Seite geraten und hätte kaum mehr aus dem mir nicht zugänglichen Kontinuum herausgefunden – wobei ich mich im Nachhinein frage, ob das nicht sogar besser gewesen wäre. Immerhin wurde mir plötzlich klar, was unserem Ersten zugestoßen sein könnte, als wir ihn bei unserer Verfolgung der Monstrosität verloren. Von dieser oder überhaupt einer Bewegung nahm ich diesmal nichts wahr.
Drei Wochen haben wir uns am Leben gehalten. In wenigen Stunden wird es vorbei sein. Der Matrose lallt nur noch vor sich hin. Vermutlich wird er gar nicht begreifen, was ihm geschieht, wenn die Wassermassen über ihm zusammenschlagen. Davon, dass wir auf einer nicht-euklidischen Exklave sitzen, bin ich längst überzeugt, denn kein Erkundungs- oder Forschungsschiff hat sich uns genähert und sogar das Militär, das als Erstes dabei ist, wenn es neue Territorien zu besetzen gilt, hat uns ignoriert. Folglich existieren wir für den Rest der Welt nicht.
Das Wasser leckt schon an meinen Füßen. Mal sehen, ob diese Botschaft ihren Weg zurück zu Euklid findet. Jetzt rasch alles zusammenrollen, in die Flasche stopfen und diese verkorken. Ich glaube, ich kann sie einfach hier liegen lassen und der Pazifik wird sich sanft und verantwortungsbewusst ihrer annehmen.
Seinsebenen
Ich bin Joyce Oystercult, Kapitän der Jacht ‚Paracelsus II‘, die ich mit vier Mann Besatzung vom chilenischen Punta Arenas nach Sydney überführt hatte, um ihren Eigner Lukas T. B. Thunderbolt abzuholen und in seine Heimat zu bringen, sofern ihm nicht einfallen sollte, einige Unterwegs-Schlenker zwischenzuschalten, weil ihm plötzlich aufgeht, sich auf Tahiti zu erholen, um einmal ein Beispiel zu nennen.
Vor dem großen Thunderbolt zittern alle, die mit ihm zu tun bekommen, mit einer Ausnahme. Und diese Ausnahme bin ich. Vielleicht liegt es daran, dass ich bereits sein Kapitän war, als er sich noch mit wesentlich kleineren Schiffen begnügen musste. Jedenfalls stehe ich mit ihm auf vertraulichem Fuß und es war mir nicht schwergefallen, mich nach erfolgter Landung bei ihm zurückzumelden und dass seine Jacht zum Auslaufen in die Heimat bereit stünde. Ganz stimmte das nicht, denn unsere beiden Matrosen hatten abgeheuert, weil sie mit dem ‚Kapitalisten‘ nichts zu tun haben wollten. Einer von beiden war Søren Lintrup, der die merkwürdige Flaschenpost aus dem Dänischen für uns anderen übersetzt hatte.
Es würde nicht schwer werden, Ersatz für die Getürmten zu finden, denn Thunderbolt zahlt gut und gute Bezahlung überwindet meistens moralische Bedenken. Ich verfügte auch über genügend Zeit für meine Suche, denn anstatt knallharte Preisverhandlungen mit Speditionen zu führen, schlug sich mein Chef nunmehr mit Versicherungen herum, die anzweifelten, dass das spurlose Verschwinden der ‚Esbejrg‘, die unter seiner Flagge hätte laufen sollen, mit rechten Dingen zugegangen sei.
Diesbezüglich erfreute ich mich eines Wissensvorsprungs, den zu nutzen ich aber nicht wagte. Die Flaschenpost des Oberbootsmanns Holger Felsrok war von meinen Leuten rundweg als Spinnerei eines Durchgedrehten abgetan worden und die Geschichte las sich auch so. Andererseits war der Riesentanker ‚Esbjerg‘ sang- und klanglos verschwunden und einer seiner Besatzungsmitglieder hatte Holger Felsrok geheißen – ich hatte mich bei der Hafenmeisterei erkundigt. Auch hatte ich mich erkundigt, ob zur fraglichen Zeit – das heißt zu der, zu der dessen Passieren der angegebenen Koordinaten stattgefunden haben müsste – ein ungewöhnlich heftiger Sturm oder ein Seebeben gemessen worden sei. Die Antwort war negativ. Ganz sicher war ich mir nicht, ob ich mit dieser Auskunft gerechnet hatte oder nicht. Nie und nimmer wäre das Auftauchen einer Landmasse der geschilderten Ausmaße den seismologischen Instituten verborgen geblieben. Was war daraus bezüglich der Glaubwürdigkeit des Berichts zu schließen?
Einige Wochen gingen ins Land, die ich dazu nutzte, die australische Eisenbahn kennenzulernen. Nicht nur, den ‚Indian Pacific‘ einmal gefahren zu sein, sondern vor allem das Erlebnis des ‚Ghan‘, der auf einer relativ neu erbauten Strecke Adelaide mit Darwin verbindet, fehlte bisher auf meiner Liste. Für die 2.979 Kilometer braucht der Zug drei Nächte und vier Tage. Wer den billigen Sitzwagen bucht, für den sind jegliche Möglichkeiten des Hinlegens tabu, es sei denn, es handelt sich um eine Frau, deren Wehen einsetzen. Naturgemäß stand mir diese Möglichkeit nicht offen, denn selbstverständlich wählte ich als harter Mann die harte Kategorie. Ich wollte auf keinen Fall spannende Abschnitte in eine Decke gehüllt verschlafen. Wenn die Lampen im Wagen bis auf acht Lichtquanten gedimmt sind, lässt sich auch bei Nacht die Landschaft gebührend bewundern und bei Vollmond wird eine Stimmung gratis dazu geliefert, die dem Hartgesottensten Schauer über den Rücken jagt. Ein Seemann, der Eisenbahnfan ist? Wo gibt’s denn sowas? Es gibt eben alles!
Irgendwann rief dann doch die Pflicht. Lukas hatte sich mit der Assekuranz geeinigt – oder sie sich mit ihm – und zeigte Sehnsucht, Sydney den Rücken ui kehren. „Direkt nach Hause?“ erkundigte ich mich. ‚Nach Hause‘ heißt bei ihm Punta Arenas, obwohl er US-Amerikaner ist. Jedenfalls behauptet er das. An einem Akzent ist das nicht zu erkennen, denn er spricht spanisch genauso muttersprachlich perfekt wie englisch.
„Nach Hause“, beschied er mir und fügte eine erstaunliche Order hinzu. „Folg‘ bitte dem 47. Breitengrad so gut es geht.“
Das ging natürlich, obwohl wir damit sechs Breitengrade nördlich unseres Ziels entlangfahren und erst am Schluss nach Süden in die Magellanstraße einschwenken würden. Es war etwas von ganz tief unten in meinem Bauch, das in mir als Assoziation hochstieg. Hatte nicht der dänische Matrose jenen Breitengrad erwähnt? Ich öffnete den abfotografierten Flaschenpostzettel und siehe da: 47° 9‘ südlicher Breite und 126° 43‘ westlicher Länge waren auf dem Display vermerkt. Komischer Zufall! Zufall?
Wie stellt sich die oder der Unbedarfte das Leben auf einer Luxusjacht vor? Ein Schiffsführer mit markanten Gesichtszügen, die Pfeife im Mund, in weißer Hose und marineblauem Jackett, die Prinz-Heinrich-Mütze als Inbegriff seiner Autorität auf dem Kopf, hat die Route im Griff, während sich braungebrannte Bikinimädchen auf den Liegestühlen fläzen. Ganz zu Anfang war das zum Teil auch so gewesen, aber seit Lukas Sheiza geheiratet hat, entfallen zumindest die Bikinimädchen. Kapitän war er nie gewesen, denn er hatte keinerlei seemännische Ausbildung durchlaufen. Allerdings geht ihm auch der Ehrgeiz ab, in beeindruckendem Outfit zu posieren. Er läuft an schönen Tagen, wie sie jetzt im Südsommer in der Mehrzahl sind, genau wie wir alle anderen in kurzen Hosen und T-Shirt herum. Einzig ich bin gezwungen, bei einer Hafeneinfahrt den Lotsen in korrekter Uniform mit den entsprechenden Epauletten zu empfangen.
Sheiza erwies sich entgegen meinen ursprünglichen Befürchtungen als unkompliziert. Einmal hatte ich sie gefragt, wofür die Initialen T. B. stünden.
„Für Theophrastus Bombast.“
„Für was bitte?“
„Eigentlich heißt er Lukas Theodor Balthasar, aber er war früh ein Bewunderer des Theophrastus Bombast von Hohenheim, der sich Paracelsus nannte. Vor allem der dritte Name Balthasar hat ihm wohl gestunken.“ So klären sich manche bombastischen Geheimnisse recht profan auf.
Langsam bildete sich ein Kloß in meinem Hals, denn wir näherten uns dem schicksalhaften Längengrad: 126° 43‘ West. Kein Zweifel, vor uns erhob sich eine Landmasse, die da nicht sein durfte. Lukas stand neben mir auf der Brücke, als hätte er geahnt, dass uns hier Unerwartetes erwarten würde. Indes: War das Auftauchen der Landmasse unter diesen Koordinaten wirklich so unerwartet gewesen?
Ich spürte, dass es in Lukas förmlich fieberte. Ein gewisses absonderliches Verhalten seinerseits hatte im Lauf der Jahre in mir die Gewissheit gefestigt, dass er einer Sekte angehörte, ohne dass ich ihre Zugehörigkeit hatte herausfinden können. Er betrat nie eine Kirche, eine Moschee, eine Synagoge oder einen Tempel und dennoch …
Schon von weitem war zu erkennen, dass es sich nicht um ein gewöhnliches Eiland mit Sandstrand und Palmen handelte. Alles schimmerte grünlich, wie von Algen bedeckt und wie in der Flaschenpost des Holger Felsrok geschildert. Wir ließen eins unserer Rettungsboote zu Wasser und strebten mit Motorkraft zu Dritt, das heißt Sheiza, Lukas und meine Wenigkeit, dem Ufer zu. Die Konsistenz des Untergrunds war glitschig, glibberig wie erwartet und wir hatten Mühe, nicht ständig auszurutschen und hinzufallen. Manchmal ist Zweibeinigkeit ein Nachteil.
Anders als in der Flaschenpost dargelegt betrug der Weg zur oberen Plattform nur wenige Höhenmeter. Als wir uns bis dorthin vorgearbeitet hatten, sahen wir sie. Die Stadt. Kuben, mit Löchern drin wie für Fenster und Türen, und in den angekündigten gewaltigen Ausmaßen erwarteten uns.
Zumindest Lukas schien sich erwartet zu fühlen. Er rannte mit rudernden Armen los, auf das Ensemble zu, und schrie: „Großer Cthulhu, ich komme!“
Sheiza wollte hinter ihm her, aber ich hielt sie zurück, indem ich sie grob an den Schultern packte und zischte: „Bleib‘ um Himmels Willen hier!“
Sie wollte sich losreißen, aber ich war natürlich kräftiger und hatte sie praktisch in der Schraubzwinge. Als Lukas irgendwo in dem Gemäuer verschwunden und außer Sicht war, beruhigte sie sich. „Wir wissen nicht, was uns dort erwartet.“
„Schon gut!“
„Vielleicht kommt er ja zurück.“ Das glaubte ich allerdings selber nicht.
Eine ganze Weile geschah nichts, aber dann kam Bewegung in die Sache. Die Kuben, die Häuser selbst, schienen zu erwachen und begannen umherzukriechen. „O Gott!“ Nun schien Sheiza eher zum Rückzug bereit zu sein als dass sie ihrem Mann hinterherstürmen wollte.
„O Gott!“ wiederholte ich und begann mich ebenfalls langsam rückwärts zu orientieren. Da geschah das Ungeheuerliche. Alles um mich herum wurde plötzlich unwirklich, wie Rauch, der sachte nach oben stieg. Kolossale Wesenheiten schwebten um uns herum, wirkten in ihrer Transparenz aber ungefährlich. Dann verloren wir den Boden unter den Füßen, denn auch der löste sich buchstäblich in Luft auf. Wir fielen, ich Sheiza immer noch fest im Griff, mit einem Platschen die wenigen Meter tief ins Pazifikwasser und sahen uns plötzlich gezwungen, uns mittels Schwimmbewegungen vor dem Ertrinken zu retten. Alles, was ich sah, bevor ich mich ernsthaft um unsere Rettung zu kümmern besann, waren verwehende grüne Rauchschwaden. Was für eine Scheißsituation! Ohne jeden Halt in mehrere Kilometer tiefem Wasser, das nächste Land mehrere tausend Seemeilen entfernt. Kein Zweifel: Wir waren verloren!
Ich sah mich um. Irgendwo musste doch diese verdammte ‚Paracelsus II‘ vor sich hin dümpeln! Die sah ich nicht, aber in einer zu bewältigenden Entfernung das Boot, in dem wir an Land gefahren waren. „Da vorn, Sheiza!“ ermunterte ich meine Gefährtin. „Nur ein paar hundert Meter und wir sind gerettet.“ Vorläufig jedenfalls, setzte ich im Geist hinzu.
Ich bin geübter Rettungsschwimmer und auch Sheiza kann sich über Wasser halten, wenn auch nur für den Eigenbedarf. Zusammen schafften wir es, nicht zuletzt, weil auch sie das rettende Bord sah und eine Chance, es zu erreichen. Wir entledigten uns unserer Oberbekleidung, damit die uns nicht vollgesogen in die Tiefe ziehen würde, und hätten das auch mit der Unterwäsche getan, hätte uns das nicht zu viele schwimmfremde Handreichungen aufgezwungen.
Einige hundert Meter zu Fuß sind etwas anderes als einige hundert Meter im nassen Element, aber nach gefühlt endloser Zeit waren wir da. Ich drückte Sheiza nach oben, bis ich merkte, dass sie Halt gefunden hatte und sie sich hochzuziehen schaffte. Dann ließ sie sich nicht etwa erleichtert auf die Planken fallen, um sich zu erholen, sondern wandte sich sofort mir zu, um mir tatkräftig unter die Arme zu greifen, als ich mich hochzuwuchten versuchte. Dank ihrer Hilfe gelang mir das auch. Von Hysterie keine Spur. Was für eine tolle Frau! Keineswegs das verwöhnte Luxusweibchen, als das sie in allen Medien geschmäht wurde.
Einige Minuten gaben wir uns dem Verschnaufen hin, dann war es an der Zeit, Maßnahmen zu ergreifen. Keinesfalls war es gut, in der prallen Sonne herumzuliegen. In Kenntnis der Konstruktion spannte ich ein Leinendach über uns, unter dem wir vor Sonnenbrand geschützt waren.
Wir entblößten uns gänzlich, um das Trocknen der Unterwäsche zu beschleunigen, und saßen uns nun im Adams- beziehungsweise Evaskostüm gegenüber, ohne dass das die geringste Peinlichkeit verursacht hätte. Wir waren gerettet und nur das zählte.
Dann war es an der Zeit, philosophische Fragen aufzuwerfen. Wo, zum Teufel, war unsere Jacht geblieben? „Sie lag maximal eine Seemeile vor Anker. Ob unsere Leute angesichts der Ereignisse getürmt sind?“
Sheiza schürzte nachdenklich die Lippen. „Das denke ich nicht.“
„Und was denkst du?“
„Sie ist mit Mann und Maus durch das Wurmloch oder was immer das war, was uns hier erwartet hatte, in ein anders Kontinuum gesaust.“
„Und warum hat es uns verschont? Uns und unser Rettungsboot?“
„Das weiß ich nicht, mein Lieber, wie wir überhaupt nichts wissen. Du bist anscheinend gegen Wurmlöcher immun und ich bin noch hier, weil du mich eisern festgehalten hast.“
Ich sah die roten Flecken an ihren Schultern und erschrak. „Ich muss mich entschuldigen. Ich habe dir wehgetan.“
„Das macht nichts. Deswegen bin ich ja hier. Ich hoffe allerdings, dass es da, wo sich jetzt Lukas und die anderen aufhalten, lebenswert ist – falls sie sich in einem Aggregatzustand befinden, der sich als Leben auffassen lässt.“
Mehr gab es dazu nicht zu sagen und würde es nie zu sagen geben. Auch was Sheiza und mich betrifft, neigt sich die Geschichte ihrem Ende zu. Neben allem, was sechs Leuten für zehn Tage auf See das Nötigste liefert, war auch ein Funkgerät an Bord, über das wir Hilfe anforderten. Es dauerte in diesen abgelegenen Gefilden ein paar Tage, bis uns das chilenische Patrouillenboot ‚Yelcho‘ einsammelte. Sheiza als Landsmännin hatte es für das Beste angesehen, uns von denen retten zu lassen, die wir sowieso als Zielort vorgesehen hatten. Allerdings hatte sie sich als Sheiza Castro ausgegeben. Das war nicht gerade gelogen, denn so lautete ihr Ledigenname, aber eine Sheiza Thunderbolt hätte im Vorfeld mehr Fragen aufgeworfen als zu beantworten uns in dieser Phase lieb gewesen wäre.
„Deswegen wurde ich seine Frau“, plauderte sie freimütig, während wir in bequemen Liegestühlen Valparaíso entgegenschaukelten.
„Wegen deiner fantastischen Beine?“
„Ich glaube nicht, denn die bekam er erst später zu Gesicht – sofern sie wirklich so fantastisch sind. Nein, er hatte mich als seine private Reiseleiterin angeheuert, die ihm die Inselwelt Feuerlands zeigen sollte – Ainsworth- und Wulaia-Bucht, Tucker-Insel, die Straße der Gletscher, Kap Hoorn und so weiter.“
„Beneidenswert.“
„Das war es unbestritten, denn wir hatten während zweier Wochen das schönste Wetter, während andere, prominentere Zeitgenossen, nichts als Regen und Nebel vor ihre Linse kriegten.“
„Welche Jahreszeit?“
„Dieselbe, die wir jetzt auch haben: Februar, Hochsommer.“
In der Hafenmeisterei stand mir ein Balanceakt bevor. Ich sollte nämlich eine Erklärung dafür liefern, wie um alles in der Welt eine relativ große Jacht wie die ‚Paracelsus II‘ vor unseren Augen innerhalb von Sekunden untergehen konnte, ohne dass in der betreffenden Region die geringste atmosphärische Störung gemessen worden war.
Sheiza und ich hatten uns eine Geschichte zurechtgelegt, von der nicht ein Quant abzuweichen wir uns geschworen haben. Wir beide hätten uns bei schönstem Wetter mit dem Boot einige Meilen von der Jacht entfernt, um Tiefseetiere zu beobachten, als uns ein Geräusch aufschreckte, das wie ‚blubb‘ klang. Wir sahen gerade noch eine Art Blase um die von uns aus spielzeuggroße ‚Paracelsus II‘ aufsteigen, die umfangreicher als diese selbst war, und dieses dann abtauchen wie einen Stein. Methanfelder haben in der Karibik, dem berüchtigten Bermuda-Dreieck, angeblich schon mehreren Schiffen auf diese Weise den Garaus gemacht. Warum sollte im Pazifik so etwas nicht auch möglich sein? Auf keinen Fall würden Sheiza und ich den wahren Hergang preisgeben, denn dann würden wir beide in der Klapsmühle – Entschuldigung, in einer psychiatrischen Anstalt landen.
Mein Bericht ist vollendet. Ich muss ihn nicht in aller Eile einer Flaschenpost anvertrauen wie Holger Felsrok, sondern sitze gemütlich an meinem Schreibtisch und sehe das Ganze bezüglich Orthografie und Grammatik noch einmal durch. Dann wird er in meinem Geheimfach verstaut, in dem bereits Felsroks Originalversion der Flaschenpost und Søren Lintrups englische Übersetzung ihr Zuhause gefunden haben, die ich in weiser Voraussicht vor meiner Abfahrt aus Sydney der guten alten Briefpost anvertraut hatte. Vielleicht stricke ich einmal einen Roman daraus; fantastische Literatur findet sicher ihren Abnehmer.
Meine Bekanntschaft mit einer Milliardärswitwe bringt einige Privilegien mit sich. Sheiza sollte wenigstens ein Trauerjahr abwarten, bevor sie sich wieder liiert. Einen ernstzunehmenden Anwärter hat sie. Während der gemeinsamen Tage in dem Rettungsboot hatte es nicht allzu viel Abwechslung gegeben und so probierten wir zu unserer Zerstreuung an allerlei lustigen Stellungen herum. Ich glaube, einige davon haben ihre Zustimmung gefunden.
Eins bleibt. Irgendwo im Pazifik lauert eine Macht, die zwar einige Jünger um sich geschart hat, uns anderen aber unzugänglich ist. Ab und zu poppen Schnittstellen zwischen den Seinsebenen auf, die gefährlich werden könnten. Für die, die zufällig hineingeraten, oder die ganze Menschheit.