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Lovecrafter Online – Filmgespräch: Deliverance

  • Stefan P.
  • 28. September 2026 um 12:00
  • 265 Mal gelesen
  • 1 Antwort
Im Rahmen der Kriminologischen Filmreihe zeigte die Interfilm Akademie München in Kooperation mit der Deutschen Lovecraft Gesellschaft "Beim Sterben ist jeder der Erste" (Deliverance, 1972) von John Boorman am Samstag, den 5. September 2026, im Hamburger Metropolis Kino. Stefan Preis und Franz Indra berichten.
Zitat

„Schon hatte ein dichter, weißlicher Dunst sich aufs Wasser gelegt und stieg nun sachte auf. Er griff nach dem Ufergezweig mit langen, gespenstischen Armen, wuchs höher und höher - durcheiste die Luft. Und weiße Gebilde glitten hinein in den Dschungel, als wären’s die Geister ertrunkener Schiffer, die da im Dunkeln heimlich nach jenen Dämonen suchen, welche das Schiff hinabgezogen hatten in die Tiefen des Yann.“

- Lord Dunsany1

Zitat

„Der Fluss und alles, was mich an ihn erinnerte, ging in meinen Besitz über, ein persönlicher Besitz, wie ich noch nie etwas besessen hatte. Er floss nirgendwo außer in meinem Kopf, dort floss er in alle Ewigkeit. Ich konnte es an verschiedenen Stellen meines Körpers spüren - ich spüre es immer noch. Auf seltsame Weise genieße ich es, dass es den Fluss nicht mehr gibt, und dass er mir gehört. In mir ist er immer noch grün, felsig, tief, schnell, langsam und unwirklich schön, und so wird es sein, bis ich sterbe.“

- James Dickey2

Im Rahmen der Kriminologischen Filmreihe zeigte die Interfilm Akademie München in Kooperation mit der Deutschen Lovecraft Gesellschaft Beim Sterben ist jeder der Erste (Deliverance, 1972) von John Boorman am Samstag, den 5. September 2026, im Hamburger Metropolis Kino. James Dickey, der Autor der 1970 erschienenen Buchvorlage und des Drehbuchs, ist in einer Nebenrolle als Sheriff zu sehen. Ein Zitat aus Georges Batailles Die innere Erfahrung ist als Motto dem Roman vorangestellt: Dem menschlichen Leben liegt ein Prinzip der Unzulänglichkeit zugrunde.3

Handlung

Vier Geschäftsmänner aus der Großstadt - der Familienvater Ed Gentry (Jon Voight), der ständig vom Zusammenbruch der Zivilisation sprechende Lewis Medlock (Burt Reynolds), der Versicherungsvertreter Bobby Trippe (Ned Beatty) und der Gitarre spielende Geschäftsmann Drew Billinger (Ronny Cox) - befahren am Wochenende mit Kanus einen wilden Fluss in den Appalachen, der für die Stromversorgung von Atlanta aufgestaut werden soll. Im Verlauf der Reise kommt es sowohl zu gewalttätigen Konfrontationen mit Bewohnern der abgeschiedenen Gegend sowie der unberechenbaren Natur.

Während die Protagonisten zunächst noch Vergnügen aus dem Nervenkitzel der Fahrt durch Stromschnellen und der Jagd mit Pfeil und Bogen ziehen, werden die Begegnungen mit den in Abgeschiedenheit lebenden Einheimischen immer feindseliger. Schließlich münden sie in Quälereien, Vergewaltigung und Totschlag. Auf der Flucht verletzt sich der tonangebende Lewis schwer und fällt fortan als selbsternannter Anführer aus. Drew ertrinkt im Fluss – es bleibt unklar, ob zuvor auf ihn geschossen wurde. So kann es sein, dass am Ende die vier Städter die einzigen sind, die getötet haben.

James Marriott und Kim Newman interpretieren: „Die Kanufahrt ist auch ein Übergangsritus - eine Reise ins Ungewisse, auf der Schrecken gemeistert werden müssen und die Helden verlieren, aber auch weiser werden und eine vielschichtige, zweideutige Meditation über das Verhältnis Stadt und Land. Nicht als Protest gegen den Staudamm, der die ländlichen Gemeinden entwurzeln und die Landschaft zerstören wird, um den Energiehunger der Städte zu stillen, fahren die Städter den Fluss hinab, sondern sie demütigen mit ihrem Geld noch die von Verstädterung bereits verarmten Anwohner. Diese sind jedoch soweit degeneriert, sei es durch Inzucht, Krankheit oder merkwürdige Sexualpraktiken, dass diese Ausbeutung schließlich implizit gerechtfertigt erscheint.“ Das Gebiet um den Cahulawassee River wird zur „Arena, in der sich der Großstädter beweisen kann, (...) dass er immer noch in der Lage ist zu töten, was ihn gleichermaßen bestätigt wie abstößt.“4

Diese Deutung erinnert an Lovecrafts Beschreibungen des abgelegenen Dorfes Dunwich und seiner unheimlichen „Einheimischen“. Lovecraft nennt sie „in widerwärtiger Weise dekadent (...) mit allen Merkmalen von Degeneration und Inzucht (...) ihre Annalen sind voll der offensten Bösartigkeiten halb verheimlichter Morde, Inzest und Handlungen von nahezu unnennbarer Gewalttätigkeit und Perversität“.5 In Das Grauen von Dunwich (The Dunwich Horror, 1929) wird der walisische Mystiker Arthur Machen direkt erwähnt, in dessen Erzählungen immer wieder dämonische Feen und Kobolde erscheinen, die durchaus als von körperlichen Missbildungen betroffene Menschen interpretiert werden können.

Deliverance lässt sich schwer in ein bestimmtes Genre einordnen - am ehesten ist er ein Abenteuerfilm mit Horror-Elementen – und war wegweisend für eine Reihe von Horrorfilmen, beginnend mit Blutgericht in Texas (The Texas Chainsaw Massacre, 1974) von Tobe Hooper und Hügel der blutigen Augen (The Hills Have Eyes, 1977) von Wes Craven, die den Kontrast von ‘zivilisierter’ Großstadt und dem ländlichen Amerika anhand von zu Kannibalen gewordenen ‘Hillbillies’ zeigen.

Boorman bezieht sich häufig auf keltische Mythen. Seine Filme scheinen dabei inspiriert zu sein von Arthur Machen und Lord Dunsany, die erheblich Lovecrafts kosmischen Horror beeinflusst haben.

Deliverance mit seinen atemberaubenden Fluss- und Landschaftsaufnahmen zu sehen, wirkt als hätte Boorman eine Alptraum-Version der phantastischen Traumreise-Erzählung Das Land des Yann (Idle Days on the Yann, 1910) von Lord Dunsany gedreht:

„Als ich erwachte, hoben sich eben die Schwaden und zogen träge hinweg von den Wassern des Yann. Und die Strömung war stärker geworden und trieb seine Fluten in Wirbeln dahin und in höheren Wellen. Denn der Fluß, er spürte von fern schon die uralten Klippen von Glorm, und wußte, nun lagen die kalten Schründe vor ihm, darin er den wilden Irillion aufnehmen sollte, dessen schäumende Wasser gespeist sind vom Schnee des Gebirges. So schüttelte der gewaltige Yann den lähmenden Schlaf von sich ab, der ihn befallen hatte im heißen und dunstenden Dschungel.“6

Deliverance endet mit einer Alptraum-Sequenz. Diese wurde später vielfach zitiert, z.B. in Carrie (1976) von Brian De Palma sowie in The Descent (2005) von Neil Marshall: letzterer greift sogar die Grundthematik von Deliverance auf. Diesmal ist es eine Frauengruppe, die eine Höhlenexpedition in den Appalachen unternimmt. Dabei werden sie von den an Lovecrafts Ghoule erinnernden Höhlenbewohnern angegriffen.

Deliverance im Kontext weiterer Filme von John Boorman

Die Filme von John Boorman handeln von der „Konfrontation des Archaischen mit der Zivilisation“.7 In Point Blank (1967) begibt sich ein bei einem Raubüberfall schwer verletzter Gangster auf einen erbarmungslosen Rachefeldzug gegen eine kriminelle Organisation. Boorman deutete in einem Interview mit Michael Ciment an, dass es sich um Todesphantasien eines Sterbenden, der in den Fluten ertrinkt, handeln könnte.8 In Zardoz (1973) hingegen glaubt eine zukünftige, von einem Computerprogramm gesteuerte Klassengesellschaft (Vortex) den Tod überwunden zu haben - eine ähnliche Thematik behandelt Lovecraft in Kühle Luft (Cool Air, 1926). In einer äußeren Welt verharren unter ständiger Kontrolle und grausamer Unterdrückung leidende Menschen, die schließlich in Vortex eindringen, nachdem das Computersystem zerstört wurde.9 Excalibur (1981) ist Boormans so bildgewaltige wie tragische Interpretation der Artus-Legende. In Der Smaragdwald (The Emerald Forest, 1985) wird ein Junge von Indigenen entführt. Als Jugendlicher hilft er ihnen, sich gegen den Bau eines Staudamms zu verteidigen, den sein Vater begonnen hatte.

1973 wurde Deliverance zwar in den Kategorien Bester Schnitt, Beste Regie und Bester Film für den Oscar nominiert, aber leider nicht ausgezeichnet.

Fazit

Deliverance entwarf die Urformel für unzählige ‘Hillbilly’-Horrorfilme, weist aber weit darüber hinaus. Die „zivilisierten“ Menschen bilden selbst eine Gruppe voller Dynamik und Konflikte, die ‘Hinterwäldler’ erscheinen mehr als Rache der verachteten und verunstalteten Natur.

John Boorman verbindet Georges Batailles Philosophie von Überschreitung und Exzess mit den Traumerzählungen von Lord Dunsany — dies macht Deliverance zu einem unvergesslichen Filmerlebnis!

[1] Lord Dunsany (1989): Das Land des Yann. Erzählungen. Mit einem Vorwort von Jorge Luis Borges. München. S. 61.
[2] Zitiert bei Heller, Arno (2022): Wilderness - Innere Landschaften der amerikanischen Literatur. Göttingen. S. 192-198.
[3] Tschachler, Heinz (1987): »James Dickey's Deliverance and George Batailles Metaphysik der Gewalt«. In: Arbeiten aus Anglistik und Amerikanistik 12. S. 123-145.
[4] Marriott, James und Kim Newman (2007): Horror. Meisterwerke des Grauens von Alien bis Zombie. Wien. S. 126, 131, 148.
[5] Lovecraft, Howard, Phillips (1987): Das Grauen von Dunwich. In: Rottensteiner, Franz (Hrsg.): Lovecraft Lesebuch. Frankfurt am Main. S. 241 - 287, hier S. 243 f.
[6] Lord Dunsany (1989): Das Land des Yann. Erzählungen. Mit einem Vorwort von Jorge Luis Borges. München. S. 71 f.
[7] Gruteser, Michael und Daniel Schössler (2000): The Creator Had a Masterplan. Die Filme des John Boorman. In: Stiglegger, Marcus (Hrsg.): Splitter im Gewebe. Filmemacher zwischen Autorenfilm und Mainstreamkino. Mainz. S. 181 ff.
[8] Stiglegger, Marcus (2008): Point Blank. In: Grob, Norbert (Hrsg.): Filmgenres Film Noir. Leipzig. S. 243-247.
[9] Stiglegger, Marcus (2003): Zardoz. In: (Hrsg.): Filmgenres Science Fiction. Leipzig 2008. S. 250-254.

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Antworten 1

POWAQQATSI
28. September 2026 um 19:10

Vielen Dank für den klasse Artikel mit den Fotos vom Event - gerade auch für alle schön und interessant wie mich, die nicht bei der Kinovorführung dabei sein konnten.

Im Zusammenhang mit Deliverance und Backwood Horror erlaube ich mir auf den sehr guten Artikel von Martin Compart hinzuweisen: Hinterwäldler, Kannibalen und Monster – zum Backwood-Genre, das Genre zur Umweltzerstörung https://martincompart.wordpress.com/2019/06/29/hin…eltzerstoerung/

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