Lovecrafter Online – Filmkritik: Creepshow II - Das Floß
1
Robert Louis Stevenson (1850-1894) wuchs in einer streng religiösen Familie auf und wurde als Kind stark verängstigt durch die unheimlichen Erzählungen einer calvinistischen Erzieherin. Die Vorstellungen des Teufels als eine reale Figur spielen für den Entstehungskontext der 1881 erschienenen Kurzgeschichte Die krumme Janet (Thrawn Janet) eine wichtige Rolle. Einzelne Aspekte der Handlung finden sich später auch bei Howard Phillips Lovecraft, besonders in Träume im Hexenhaus (1933, The Dreams in the Witch House).
Die krumme Janet
Ein nicht näher genannter Erzähler berichtet über ein ein halbes Jahrhundert zurückliegendes Ereignis. Der aufgeklärte und liberale Pastor Soulis kommt nach Balweary (Schottland). Bald wird er mit der Bosheit und dem Aberglauben der Dorfgemeinschaft konfrontiert. Deren Attacken richten sich insbesondere gegen eine ältere Frau - Janet M’Clour -, die angeblich „mit dem Teufel im Bunde stünde“, vermutlich, weil sie unverheiratet eine Affäre mit einem Soldaten hatte, der sie und ihr Kind schließlich verließ. Soulis stellt sie im Pfarrhaus ein. Mehrere Frauen zerren Janet eines Tages zur „Hexenprobe“ zu dem Fluß Dule. Soulis greift ein. Seitdem erscheint Janet nur noch mit Verrenkungen, dass „ihr Kopf nach einer Seite hing wie bei einem Gehenkten, und ein Grinsen stand auf ihrem Gesicht wie bei einer Leiche“. Soulis führt dieses auf einen Schlaganfall aufgrund der erlittenen Quälereien zurück und geißelt die Bewohner von Balweary in seinen Predigten für ihre Grausamkeit. Diese allerdings glauben, dieses „Ding” sei in Wahrheit schon lange tot und „Janet inzwischen in der tiefsten Hölle”. Eines Tages taucht ein Unbekannter auf, „groß und schwarz wie die Hölle und seine Augen waren sonderbar anzusehen”, der Soulis immer wieder erscheint. Soulis findet Janet schließlich tot an einem Nagel hängend vor. Ihre Leiche wird kurz darauf wieder lebendig. Janet wird vom Blitzschlag getroffen. Der „entweihte Leichnam (...) der so lange nicht im Grab ruhen konnte und von den Teufeln umhergetrieben wurde, lohte auf wie Zunder und sank in Asche auf dem Boden zusammen”. Es scheint keinen Zweifel zu geben, dass der schwarze Mann, der kurze Zeit später noch gesehen wird, „lange in Janet Körper wohnte”. Seitdem habe der Teufel Balweary nie wieder heimgesucht, aber Soulis ist seither ein gebrochener Mann.1
Vergleich zu Träume im Hexenhaus
Der begabte Mathematik- und Geschichtsstudent Walter Gilman - als wissenschaftlich-rationaler Charakter gewissermaßen das Pendant zu Soulis - wohnt im Dachgeschoss eines Hauses, in der zur Zeit der Hexenprozesse von Salem 1692 eine ältere Frau namens Keziah Mason lebte. Die ebenfalls mit einem krummen Rücken dargestellte Keziah und ihr dämonischer Begleiter Brown Jenkins, ein rattenähnlich beschriebenes Wesen, erscheinen ihm in seinen Träumen. Keziah will Gilman in geheimes okkultes Wissen einweihen. In den Beschreibungen greift Lovecraft auf traditionelle Hexenvorstellungen wie dem Feiern der Walpurgisnacht zurück, verknüpft diese aber mit kosmischem Horror:
„Alte Legenden sind oft und mehrdeutig, und alle historisch belegten Versuche, verbotene Grenzen zu überschreiten, schienen durch eigenartige und schreckliche Bündnisse mit Wesen und Boten aus einer anderen Welt erschwert worden zu sein. So etwa die uralte Gestalt des Abgesandten oder Boten verborgener und grausiger Mächte – der »schwarze Mann« des Hexenkultes oder jener »Nyarlathotep« des Necronomicon. Dann war da noch das verwirrende Problem der niederen Boten oder Vermittler – die fast tierischen Zwitterwesen, die in den Sagen als die Vertrauten der Hexen dargestellt werden.”
Verwendet Soulis Gebete, greift Gilman auf ein christliches Kreuz zurück, um Keziah und Brown Jenkins zu bekämpfen. Nyarlathotep wird von Lovecraft als „ein großer, schlanker Mann von pechschwarzer Hautfarbe” beschrieben.2 Während sich Stevensons Darstellung des Teufels als schwarzen Mann vor allem auf Hexenprozesse in Schottland bezieht, war Lovecrafts wichtigste Quelle vermutlich The Witch-Cult in Western Europe (1921) von Margaret Murray, worin der Gott der Hexen als schwarzer Mann erscheint.3
Begegnungen mit dem Teufel
Dämonische Wesen tauchen öfter in Stevensons Gesamtwerk auf. In Markheim (1885) wird ein Raubmörder mit einem seltsamen Gast konfrontiert, der alles über sein Leben und seine Taten zu wissen scheint und den er mit dem Teufel assoziiert. Der titelgebende Flaschenteufel (The Bottle Imp, 1891) kann den letzten Besitzer des Gefäßes direkt mit in die Hölle nehmen. Horst-Jürgen Gerigk interpretiert Stevensons bekannteste fantastische Erzählung Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde (1886, Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde) als calvinistische Variante des Faust-Mythos. Die Figur Hyde wird mit deutlich abstoßenden und diabolischen Zügen beschrieben, sein Gesicht trage „Satans Unterschrift”. Jekyll selbst, der sich durch die Verwandlung in Hyde mittels einer Droge zunächst jünger und vor allem freier von den Zwängen der viktorianischen Gesellschaft sieht, sagt selbst: „Der Teufel in mir (...) war lange Zeit eingesperrt, er kam brüllend hervor.” Mehrere Zeugen der Untaten Hydes vergleichen ihn zudem mit einem Affen. Gerigk weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass in der Antike der Affe als „Unglückstier” galt und in christlichen Vorstellungen habe der Teufel „ein Affengesicht”.4 Eine ähnliche Metamorphose beschreibt Lovecraft, der wie Stevenson deutlich von zeitgenössischen Konzepten über ‘Atavismus’ und ‘Degeneration’ beeinflusst ist, in Arthur Jermyn (1924, Facts Concerning the Late Arthur Jermyn and His Family): Die Geschichte beginnt mit der Selbstverbrennung der Hauptfigur.5
Freddy Krueger
Eine weitere Hexen-Figur ist Freddy Krueger, der einst durch eine aufgebrachte Menge ähnlich wie Janet einen Hexen- und Ketzertod in den Flammen erlitt, sich allerdings aufgrund eines Bündnisses mit Feuerdämonen in Träumen manifestieren kann. In Nightmare II – Die Rache (1985, A Nightmare on Elm Street, Part 2: Freddy’s Revenge, Regie: Jack Sholder) besetzt Kruegers Geist den Körper eines Jugendlichen. In weiteren Teilen erscheint er entweder als attraktive Krankenschwester wie in A Nightmare on Elm Street 3: Dream Warriors (1987, Regie: Chuck Russell) oder als eine auf einem Besen reitende Hexe zu Beginn von Freddy's Dead: The Final Nightmare (1991, Regie: Rachel Talalay). Freddys bizarre Verwandlungen erinnern an den Magier Waite aus Lovecrafts Das Ding auf der Schwelle (1937, The Thing on the Doorstep) und können gelegentlich erotischen Fantasien träumender Jugendlicher entsprechen. Im fünften Teil der Reihe versucht Freddy als Dream Child wiedergeboren zu werden. Diese Aspekte erinnern an die Figur des dämonischen Liebhabers und an dämonische Besessenheit und Schwangerschaft, was immer wieder auch bei Lovecraft thematisiert wird - etwa in Das Grauen von Dunwich (1929, The Dunwich Horror). Bei Stevensons Die krumme Janet ergibt sich die nicht geklärte Frage: wer ist Vater ihres Kindes und was ist mit dem Kind geschehen?
Resümee und Ausblick
Aus heutiger Sicht ist die Erzählung der ungenannten Person, sehr wahrscheinlich ein langjähriger Bewohner von Balweary, teilweise unzuverlässig. Man erfährt von einer ausgegrenzten und von einer körperlichen Behinderung betroffenen Frau, die durch die Dorfgemeinschaft sowohl psychische als auch physische Angriffe erfährt. Haben diese Menschen Janets Tod verschuldet? Die Ereignisse haben das weitere Leben des Pastors verändert und ihn verbittert zurückgelassen. Sowohl Soulis und Janet bei Stevenson als auch Gilman und Keziah bei Lovecraft können als marginalisierte, unverstandene und einsame Menschen interpretiert werden und ihre Geschichten als Studien über Außenseitertum und Anderssein.6
Hanna Sellheim beschreibt Rotpeter aus Franz Kafkas Ein Bericht für eine Akademie (1917) und Lovecrafts Arthur Jermyn als literarische „Affenfiguren, die zwischen Menschlichkeit und Tierlichkeit oszillieren”. Sellheim, Hanna (2025): Tierwerden und Pflanzendenken in der Literatur
Ökologische Entgrenzungen von Franz Kafka und H.P. Lovecraft bis heute. Bielefeld. S. 55 ff.
1