Lovecrafter Online – 098 – Coleoptera Mystica
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Schichten
Wo bin ich? Meine Umgebung kommt mir vage bekannt vor, betonierte Wände, von großzügigen Glasflächen durchbrochen, die sich nicht bewegen lassen – typisch moderne Minergie-Bauweise, die Innenräume hermetisch von der Außenwelt abschottet. Ich habe nie begriffen, warum ein Gebäude, das den Zutritt von Atemluft ausschließlich durch elektrische Anlagen gewährleistet, weniger Energie verbrauchen soll als eins, in dem das durch natürlichen Austausch, das heißt durch zu öffnende Fenster geschieht.
Vage bekannt, aber nicht konkret. Mein letzter Büroarbeitsplatz, den ich vor Jahren aufgrund meines eintretenden Ruhestands verließ, hatte so ähnlich ausgesehen. Aber da sind sie ja wieder, die Schreibtischreihen, an denen auch Menschen sitzen. Menschen, die irgendwie unwirklich wirken, aber zweifellos Teil eines schöpferischen Prozesses sind, dem ich plötzlich wieder angehöre.
Ich soll hier also wieder arbeiten. Aber wo? Ich sehe mich nach einem leeren Bürostuhl um, der zwangsläufig der Meine sein müsste, wenn ich ihn fände. Und nach einer Person, die mich in meine mir bisher unbekannte Aufgabe einweist. Ich erinnere mich an kein Einstellungsgespräch oder gar, worum es bei ihm gegangen sein könnte. „Hallo“, spricht mich eine angenehm modulierende weibliche Stimme an, „schön, dass du da bist.“
Ich betrachte die Frau und versuche, sie nicht spannermäßig anzustarren. Ist das nicht Kollegin, äh, Dings – und ist das nicht schon verdammt lang‘ her, dass ich mit ihr zusammenarbeitete, ein geschätztes halbes Jahrhundert? Und doch strahlt sie die jugendliche Frische aus, die ich an ihr kenne und schätze – oder kannte und schätzte?
Irgendwie halte ich mich an einer Lehne fest, setze mich nicht hin, versuche aber auch nicht aufzufallen, damit niemand in dem geschäftigen Büro merkt, dass ich keine Ahnung habe, warum ich mich hier aufhalte. Sybille – richtig, so hieß sie! – ist auch wieder verschwunden und sonst wüsste ich keinen, der mir Auskunft geben könnte. Wenn mich nur niemand beim Nichtstun erwischt!
Überhaupt ist niemand mehr da und ich irre allein in den endlosen Fluren umher, ohne mich entschließen zu können, eine der Türen zu durchschreiten, die sich zur Rechten bis in die Unendlichkeit erstrecken. Wahrscheinlich sind sie ja auch verriegelt. Lieber wende ich mich dem Fensterband zur Linken zu, das den Ausblick in die Welt gestattet.
Himmelhoch stehe ich über dem Straßengeschehen, das mich von hier normal anmutet. Leute hasten über die Bürgersteige, warten an Ampeln ungeduldig auf Grün, denn bei dem dichten Autoverkehr wäre es Selbstmord, die Straßen anders als gesichert zu überqueren. Da unten bei denen zu sein und am wuselnden Leben teilzunehmen, das wär’s! Nur: Wie hinunter gelangen?
Ich suche ein Treppenhaus oder einen Fahrstuhl, finde aber nichts dergleichen. Es ist auch niemand da, den ich fragen könnte. Himmel, es muss doch aus diesem verfluchten Gemäuer einen Ausgang geben! Da vorn, da ist ‘was! Ein schwarzes Loch. Soll ich da hineinspringen? Eben noch ein absurder Gedanke, kommt er mir plötzlich selbstverständlich vor. Also springe ich.
Es handelt sich eher um einen sanften Abhang, den ich hinabrutsche. Komme ich irgendwann irgendwo an? Auf jeden Fall nähere ich mich dem Boden, was auch mein Wunsch war. Ich stehe mitten in einem belebten Kaufhaus, und zwar der Spielwarenabteilung, wie die Plüschtiere um mich herum beweisen. Gibt es Kunden? Dann hänge ich mich an die dran, denn wie sie hereinfanden, werden sie ja wohl auch den Weg hinaus wissen. Jede Menge Menschen um mich herum, aber nicht für mich fassbar. Jedem, dem ich mich nähere, löst sich sozusagen in Rauch auf, und ich irre wieder herum, diesmal auf einer offenen Fläche, die – Augenblick, jetzt bin ich doch draußen und gerettet!
Gerettet? Wovor? Ich stehe an einem matschigen Ufer. Links von mir verwehrt mir ein hoher Zaun das Durchkommen und rechts leckt immer weiter ansteigendes Wasser an meinen Schuhen. Richtig nass sind sie schon. Wo muss ich hin? Richtig, die Insel da hinten. Oder ist es ein Schiff? Egal, ich muss hin, denn hier kann ich nicht bleiben. Immer tiefer wate ich ins Nass, bis ich bis zum Hals drinstehe. Wenn es mich bloß nicht davontreibt! Nein, ich nähere mich dem rettenden – Ufer? Ich werde von meinen Eltern willkommen geheißen, die … Die sind doch schon vor vielen Jahren verstorben?! „Wird Zeit, dass du kommst“, sagt meine Mutter, „wir verpassen noch den Zug!“
Richtig, ich hatte mit ihnen einen Ausflug mit der Rhätischen Bahn nach Graubünden geplant, um in der nur per Bahn oder zu Fuß erreichbaren Alp Grüm eine Bratwurst mit Rösti zu mir zu nehmen. Während der Fahrt dünkt mich alles normal außer der Geschwindigkeit, mit der sich der Schmalspurzug seinem Ziel nähert und natürlich, dass Mutti und Vati längst nicht mehr unter uns weilen. Komisch, dass ihre letzten Leidensjahre in meinen Träumen keine Rolle spielen, sondern sie mir immer gesund und kraftstrotzend begegnen.
Hat sich mir damit des Rätsels Lösung in die Hand gespielt? Dass das Ganze nur ein …? Ich müsste das bestätigen, indem ich endlich das Gepäck aus meinem Zimmer hole, das ich heute verlassen werde, um von Indien weiter in die Sahara zu fahren. Zu diesem Zweck muss ich das Hotel wiederfinden. Auf dem Parkplatz stehen sämtliche Autos, die ich je in meinem Leben besessen habe, und stehe vor der Qual der Wahl. Als ich endlich in einem drin sitze, öffnen sich mir Dutzende von Straßen zur Benutzung. Welche ist die richtige? Die links, die durch die engen Gassen führt, in denen irgendwo die Unterkunft zu finden ist, in der mein Gelumpe des Auscheckens harrt. Verdammt, in zehn Minuten geht mein Flieger und ich habe noch gar nicht zusammengepackt! Ich bin doch sonst keiner, der auf den letzten Drücker …
Langsam geht mir die Reise mit ihren Einschränkungen auf den Keks. Nirgendwo etwas Gescheites zu essen, ewige Warterei auf den Bus oder Zug, dabei gilt die indische Eisenbahn als ausgesprochen pünktlich. Oder war das vor 50 Jahren? Langsam, aber zuverlässig ist immerhin besser als schnell, aber Glückssache. Hier, in Benares oder Varanasi, wie die Stadt richtig heißt, ist die Ruhe selbst angesagt. Die Leute waten in das brackige Wasser und waschen sich symbolisch, um damit nicht ihr Äußeres, sondern ihre Seele zu reinigen. Auf dem Scheiterhaufen, der von meinem Boot aus gut zu sehen ist, wartet ein Verstorbener darauf, verbrannt zu werden. Gut, dass wir 1975 schreiben; fünfzig Jahre später wird es verboten sein, die Zeremonie zu fotografieren. Man muss auch mal Glück haben!
Ich wälze mich herum und überlege, wie ich das Aufwachen bewerkstelligen soll, denn dass ich in einem Traum gefangen bin, betrachte ich als erwiesen. Das sollte doch, verdammt nochmal, nicht so schwierig sein! Und dann sollte alles überwunden sein, was mich augenblicklich bedrückt.
Bedrückt mich denn irgendetwas? So in aller Leichtigkeit in der Weltgeschichte herumzureisen dürfte in der Realität an mancherlei Schwierigkeiten scheitern. Wo sind überhaupt die unbeschwerten Studentenjahre hin, in denen ich vierteljährige Reisen unter primitivsten Bedingungen wegsteckte, Hauptsache, sie waren billig, und dafür in epischer Breite Weltsehenswürdigkeiten besichtigte. In Agra, die Stadt, die das weltberühmte Taj Mahal in ihren Mauern hütet, blieb ich eine Woche. Was für ein Unterschied zu einem zweistündigen geführten Durchschleusen und anschließendem Mittagessen, im Preis natürlich inbegriffen!
Ich richte mich auf. Warum ist es so dunkel? Ich schließe nie die Vorhänge zur Gänze, weil ich nicht gern im Stockfinstern liege. Selbst in der Nacht herrscht in Mitteleuropa keine solche Schwärze, dass nicht irgendwelche Lichtschimmer in den Raum drängen. Was um alles in der Welt …?
Ich taste um mein Bett herum. Rechts ist die Wand, wie ich es gewohnt bin, und in der Leere links ertaste ich in Kopfhöhe einen Nachttisch, auf dem eine Lampe stehen sollte, es aber nicht tut. Ich versuche aufzustehen, aber irgendwie rutsche ich ab und pralle mit meinem Steißbein unangenehm schmerzhaft auf den Boden. Schmerzhaft, weil der Boden fiel tiefer ist als ich es gewohnt bin und aufgrund dieser ungewöhnlichen Proportionen mein Nacken gegen einen eisernen Rahmen prallt. „Aua!“ rufe ich.
Eine Weile sitze ich benommen da und frage mich, was passiert sein mochte. Ich bin jedenfalls nicht zu Hause, so viel ist klar. Aber wo …? In diesem Augenblick höre ich eine Tür gehen und gleißendes Licht zwingt mich, zu Lider zusammenzupressen. „Oh, Sie sind ja aufgewacht!“ ruft eine weibliche Stimme und ich spüre, wie ihre Besitzerin mir unter die Arme greift, um mich wieder ins Bett zurück zu hieven.
„Was …; was ist eigentlich los?“ stammele ich. „Das sieht hier aus wie in einem Krankenhaus.“
„Da sind Sie auch.“
„Was ist denn passiert?“
„Sie hatten einen schweren Unfall und lagen mehrere Wochen im Koma.“
„Ich kann mich an nichts erinnern.“ Doch, ich erinnere mich, wie ich meine Frau zum Abschied küsste und meinen Wagen bestieg, um wie jeden Werktag zur Arbeit zu fahren. Dabei bin ich weder verheiratet noch sonstwie liiert.
„Das ist normal“, beruhigt mich die Krankenschwester. „Sie können von Glück sagen, dass der Notarzt blitzschnell zur Stelle war, sonst hätten wir Sie nicht retten können. Ich werde nun aber den Doc rufen, damit er nach Ihnen schaut.“
Ich erschrecke. Der Doc im weißen Kittel bin ich. Wer um alles in der Welt ist dann der, der hier im Bett liegt? Und: Wieso erinnere ich mich an Reisen von vor 50 Jahren, wenn ich erst 35 Jahre alt bin? Hat der Geist eines anderen von mir Besitz ergriffen?
Der weiße Kittel beugt sich über mich und fragt im üblichen väterlichen Tonfall: „Na, wie geht es denn unserem Verletzten?“ Dabei reißt sein Besitzer seinen Mund so weit auf, dass dieser zum Maul mit Haifischzähnen wird, die mich zu zerfleischen anschicken. Entsetzt sehe ich in dem ungeheuren Rachenraum hinten rechts einen Lichtschimmer, der mich an mein Fenster gemahnt, das nicht mit einem Rollo versehen ist und Licht einlässt.
Ich richte mich auf und werfe die Decke zurück. Ein Blick auf die Uhr belehrt mich, dass es Viertel vor Acht ist, meine übliche Aufstehzeit, seit ich Rentner bin. Ich lache erleichtert auf. Alles ist so, wie es sein soll, und die doppelte Erfahrungsschicht, die mich schockierte, löst sich in das auf, was sie war: Ein Traum. Den leichten Angstschweiß auf meiner Stirn tue ich als der wärmenden Wolldecke geschuldet ab.
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