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Lovecrafter Online – Lovecraft und der Dämonenkönig: Cthuloider Blick auf Nikolai Gogols Hexengeschichte Der Wij (1835)

  • Stefan P.
  • 2. März 2026 um 12:00
  • 120 Mal gelesen
  • 0 Antworten

Abermals wagt der ausgewiesene Filmexperte Stefan einen höchst interessanten Ausflug in literarische Gefilde.

Foto: Michael Holtermann, mit freundlicher Genehmigung

„Zugleich hörte er, wie die bösen Geister um ihn herumflogen und ihn beinahe mit den Enden ihrer Flügel und ihrer gräßlichen Schwänze berührten. Er hatte nicht den Mut, genauer hinzusehen; er sah nur ein riesiges Ungeheuer, das eine ganze Wand einnahm und vom dichten Gestrüpp seiner wirren Haare fast gänzlich verdeckt war; aus dem Dickicht der Haare blickten unter den hochgezogenen Brauen zwei grauenhafte Augen hervor.“1

Nikolai Gogol (1809-1852) gilt heute als einer der bedeutendsten Erzähler fantastischer russisch-sprachiger Literatur. Gogol ist stark von den Kunstmärchen E.T.A. Hoffmanns beeinflusst, einen Schriftsteller und Komponisten, für den Lovecraft in Supernatural Horror in Literature (1927) lobende Worte fand. Der Wij, der Motive der Hexen-, Vampir- und Geistergeschichte miteinander verbindet, erschien 1835 in dem Sammelband Mirgorod. Die Erzählung ist eher durch zwei Verfilmungen aus den 1960er Jahren bekannt. Zwei 1909 und 1911 entstandene russische Filmfassungen gelten als verschollen. Die Stunde, wenn Dracula kommt (1960, La Maschera del Demonio) von Mario Bava orientiert sich nur lose an Gogols Vorlage und begründete die Bekanntheit der Hauptdarstellerin Barbara Steele als Ikone des modernen Horrorfilms. VIY (1967) von Aleksandr Ptushko ist dagegen eine werkgetreue Adaption und vielleicht einer der besten fantastischen Filme, die in der Sowjetunion entstanden sind2. Natalya Varley verkörpert die Hexe als junge Frau und erinnert dabei deutlich an Barbara Steele. Zwischen 1990 und 2018 erschienen insgesamt sieben filmische Interpretationen (hierunter eine serbische und eine südkoreanische Produktion), was belegt, wie groß das Interesse in der Populärkultur an der Thematik ist.

Der Wij

Der Kiewer Philosophiestudent Choma Brut schlägt mit einem Holzscheit auf eine Hexe ein, von der er zuvor bedrängt wurde. Mit der Hexe, die in Gestalt einer alten Frau auf einem abgelegenen Gehöft auftrat, vollzieht sich eine merkwürdige Verwandlung: „Vor ihm lag eine junge Schöne mit wunderbarem Zopf, der ganz zersaust war, und mit Wimpern so lang wie Pfeile.” Die Tochter eines reichen Gutsherren kehrt nach einem Spaziergang schwer misshandelt zurück und erliegt bald darauf ihren Verletzungen. Zuvor äußert sie den Wunsch, dass Choma Sterbegebete und Totenmessen an drei Nächten nach ihrem Tod lesen soll. Choma weigert sich zunächst, erfüllt diesen letzten Wunsch jedoch aufgrund des massiven Drucks des Rektors. In dem in einer alten Kirche aufgebahrten Leichnam erkennt Choma schließlich die Hexe. In den Nächten wird Choma immer wieder von Geistern attackiert. Gogols Beschreibung der letzten Nacht gehört vielleicht zu den intensivsten und bedrückendsten, was die fantastische Literatur hervorgebracht hat: „Über Choma schwebte in der Luft ein riesenhaftes blasenartiges Gebilde, aus dessen Mitte sich Tausende von Scheren und Skorpionstacheln, an denen Klumpen schwarzer Erde hingen, hervorstreckten. Alle spähten nach ihm aus, alle suchten ihn, konnten ihn aber in seinem Kreise nicht sehen.” Die Hexe ruft nach dem Wij, dem König der Gnomen und Erdgeister, der als untersetzter Mann mit einem Gesicht aus Eisen auftritt, an dessen Armen und Beinen Klumpen schwarzer Erde hängen, die an kräftige Baumwurzeln erinnern. Die langen Augenlider reichen bis zum Boden und der Wij fordert die anwesenden Geister auf, diese hochzuheben. Choma sieht verängstigt, aber neugierig den Wij an, wird dadurch aber auch von ihm entdeckt. Der Wij deutet mit seinen eisernen Finger auf Choma.

Nyarlathoteps Auge

Gogol schreibt einleitend, Der Wij beruhe auf alten ukrainischen Legenden, dort finden sich laut Dieter Sturm „in Wahrheit kaum eine Parallele”. Zugleich sieht Sturm auch kein kosmisches Grauen. „Das Böse tritt nicht als dominierendes Weltprinzip, sondern in den Figuren niederer Geister auf, die von den Gesetzen ihrer Ordnung abhängig sind. Ihnen kann man zuletzt (...) doch bei- oder entkommen.“3 Dies wird von einem Kommilitonen Chomas auch mit Spott hervorgehoben: Choma hätte sich nicht fürchten dürfen und er selbst würde sich mit Hexen auskennen. Trotzdem verwendet Gogol bei seiner Beschreibung der verlassenen Kirche als einen verfluchten Ort ähnliche Attribute, wie sie vielleicht auch Lovecraft formuliert hätte: „So blieb die Kirche mit den in den Türen und Fenstern hängengebliebenen Ungeheuern in alle Ewigkeit verlassen und vergessen; sie wurde bald von Wald, Wurzeln, Unkraut und Dornengebüsch überwuchert, und niemand wird je den Weg zu ihr finden.“

In Lovecrafts letzter Erzählung Der leuchtende Trapezoeder (1936, The Haunter of the Dark) ist eine alte Kirche ein wichtiger Schauplatz, zu der sich die Hauptfigur Blake geradezu magisch angezogen fühlt. Der letzte Satz in Blakes Aufzeichnungen nennt ein dreigelapptes flammendes Auge. Der in Gestalt einer riesigen Fledermaus auftretende Nyarlathotep ist der titelgebende Jäger der Finsternis, der zyklopenhaft nur über ein einziges Auge mit drei Lidern verfügt.4 Es fällt auf, dass Nyarlathotep immer wieder mit Sehen bzw. Nicht-Sehen in Verbindung gebracht wird. Er dient als Bote in Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath (1943, The Dream-Quest of Unknown Kadath) den blinden Äußeren Göttern. Der Wij ist darauf angewiesen, dass die Geister seine Augenlider hochheben, damit er sehen kann. So schrecklich es ist, von dem Wij oder Nyarlathotep gesehen zu werden, so eigenartig faszinierend ist es zugleich, diese zu betrachten.

Lovecrafts Hexen

Choma fühlt sich von der Hexe in der Gestalt als alte Frau angeekelt und abgestoßen, während sie als junge Frau für ihn „das schönste Geschöpf, das es je auf Erden gegeben hat“ ist: „Zugleich sah er aber in ihren Zügen etwas Grauenhaftes und Stechendes.“ Bei Lovecraft gibt es eine ähnliche Konstellation. Der Ich-Erzähler aus Das Ding auf der Schwelle (1937, The Thing on the Doorstep) erinnert sich daran, dass er sich als Kind vor Ephraim Waites „wölfischen, düsteren Gesicht mit dem eisengrauen Bartgestrüpp“ geekelt habe. Über seine Tochter Asenath, in deren Körper der Hexenmeister weiter lebt, heißt es hingegen: „Sie war dunkel, eher klein und mit Ausnahme der übermäßig hervorstehenden Augen sah sie sehr gut aus; allerdings lag da etwas in ihrem Gesichtsausdruck, das bei empfindsamen Menschen Befremden hervorrief.“5 Asenath Waite wichtigstes literarisches Vorbild ist vermutlich Ligeia (1839) von Edgar Allan Poe, deren Augen ebenfalls ihr Hauptmerkmal sind. Während Asenath attraktiv und bedrohlich zugleich ist, weist Bobby Derie darauf hin, dass sich in Bezug auf die Figur Keziah Mason keine der offensichtlich sexuellen Elemente vorfinden, die für den Hexen-Mythos typisch sind.6 Diese sind bei Gogol aber nahezu überpräsent. Lovecraft schreibt in Träume im Hexenhaus (1933, The Dreams in the Witch House):

„Die verborgenen Kulte, denen diese Hexen oft angehört hatten, hätten überraschende Geheimnisse aus alter, vergessener Zeit gehütet und weitergegeben; daher sei es keineswegs ausgeschlossen, dass Keziah tatsächlich die Kunst gemeistert habe, die Tore zwischen den Dimensionen zu durchschreiten. Die Überlieferung spreche immer von der Nutzlosigkeit materieller Barrieren, wenn es darum ging, eine Hexe festzuhalten – und wer könne schon sagen, was sich wirklich hinter den alten Geschichten von nächtlichen Besenritten verbarg?“

Der letzte Satz könnte durchaus auch als Metapher für sexuelle Handlungen stehen. Die Geschichte selbst weist die vielleicht stärkste Schnittstelle zu Gogol auf. Hauptfigur ist hier ebenfalls ein Student, der einer Hexe auf engstem Raum ausgeliefert ist. Mit Walter Gilman, Keziah Mason und Nyarlathotep bietet Lovecraft sogar eine Figurenkonstellation an, die Choma, der Hexe und dem Wij bei Gogol sehr ähnlich ist. Gogol und Lovecraft integrieren eine eigene Mythologie in bekannte Hexen-Legenden. Choma und Walter Gilman gelingt es zwar, die Hexe zunächst zu töten, später fallen sie jedoch deren Gehilfen zum Opfer, entweder Geistern und Gnomen oder dem rattenähnlichem Wesen Brown Jenkin, was Lovecraft mit drastischen Worten beschreibt: „Durch seinen Körper verlief buchstäblich ein Tunnel – etwas hatte sein Herz herausgefressen.“7

Resümee

Auch wenn der Einfluss Gogols auf Lovecraft sicher als gering einzuschätzen ist, sind trotzdem einige Gemeinsamkeiten festzustellen. Der von Gogol erfundene Wij trägt teilweise schon die grotesken Züge einer Lovecraftschen Entität. Der tief aus der Erde kommende Wij wird als menschenähnlich und auf seltsame Weise mit der Natur verwachsen, aber auch mit einer gespenstischen Mechanik beschrieben, die späteren Darstellungen eines Roboters ähnelt. Gogols unangenehmste Beschreibung ist vielleicht das Beobachtet-Werden durch den Wij, was das Öffnen von Kameraaugen vorwegnimmt. Gogol hat mit seiner Geschichte einen wichtigen Beitrag zum Horror-Genre geschaffen.


  1. Alle Zitate aus Gogol, Nikolai (1997): Der Wij. In: Sturm, Dieter und Klaus Völker (Hrsg.): Von denen Vampiren und Menschensaugern. Dichtungen und Dokumente. Augsburg. S. 144-194.
  2. Marriot, James und Kim Newman (2007): Horror. Meisterwerke des Grauens von Alien bis Zombie. Wien. S. 85 u. 106
  3. Sturm, Dieter (1997): Literarischer Bericht. In: ders. und Klaus Völker (Hrsg.): Von denen Vampiren und Menschensaugern. Dichtungen und Dokumente. Augsburg. S. 534-581, hier S. 539 f. Sturm weist darauf hin, dass E.T.A. Hoffmanns schwarzromantische Vampirgeschichte Cyprians Erzählung sich an den Mythen über Ghule (leichenfressende Gespenster) aus den Märchen aus Tausendundeiner Nacht orientiert, welche ebenfalls eine wichtige Inspirationsquelle für Lovecraft waren, etwa in Pickman's Model (1939).
  4. Lovecraft, Howard Phillips (1972): Das leuchtende Trapezoeder. In: ders.: Cthulhu. Geistergeschichten. Frankfurt am Main. S. 86-124.
  5. Alle Zitate aus Lovecraft, Howard Phillips (2005): Das Ding auf der Schwelle. In: ders.: Der kosmische Schrecken. Horrorgeschichten. Leipzig. S. 33-68.
  6. Derie, Bobby (2017): Sex und Perversion im Cthulhu-Mythos. Ein intimer Blick auf H. P. Lovecraft und sein literarisches Erbe. Leipzig. S. 150 ff. Derie sieht „Keziah durch ihr Alter und ihre Darstellung grundsätzlich asexuell.“
  7. Alle Zitate aus Lovecraft, Howard Phillips (2006): Träume im Hexenhaus. In: ders.: Das schleichende Chaos. Horrorgeschichten. Gesammelte Werke Band 3. Leipzig. S. 125-174.
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