Lovecrafter Online – Filmkritik: Der Nebel
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In Das Stephen-King-Buch wird neben Der Sensenmann (Reaper’s Image, 1969) und Das Schreckgespenst (The Boogeyman, 1973), auch Das Floß (The Raft, 1982) als eine der besten Geschichten des bekannten, stark von Lovecraft inspirierten Horror-Autoren angegeben. Ich schließe mich dieser Auffassung an. Was diese kurzen Erzählungen neben einer beklemmenden Grundstimmung von Beginn an und einer bedrückenden Gesamtatmosphäre verbindet, ist, dass sie wenig oder keine Erklärungsansätze bieten und kaum werkgetreu verfilmbar sind. Im Rahmen des an Horror-Comics orientierten Creepshow II wurde 1987 dieser Versuch unternommen. Regie führte Michael Gornick, der bei zahlreichen Filmen von George A. Romero als Kameramann tätig war - etwa bei Creepshow (1982). Romero selbst schrieb gemeinsam mit King an den Szenarien zu diesem damals von der Kritik verrissenen Episodenfilm. Old Chief Wood’nhead, The Hitch-Hiker und auch die Rahmenhandlung sind für King nicht ungewöhnliche Rache-Geschichten, die von ihm als Drehbücher ohne Vorlage verfasst wurden. The Raft dagegen ist kosmischer Horror.
Handlung
Die Teenager-Paare Randy (Daniel Beer) und Laverne (Jeremy Green) und Deke (Paul Setterfield) und Rachel (Page Hannah) schwimmen an einem schönen Sommerabend auf ein Floß zu, dass mitten in einem einsamen See liegt. Ein seltsam schwarz-rötlich schimmernder Fleck erscheint auf dem Wasser, verschlingt zunächst eine Ente und tötet schließlich auch die Jugendlichen. Das Wesen greift dabei tentakelähnlich oder als schwarze Masse an oder zerrt Deke einfach durch ein Loch im Floß. Randy versucht - abweichend von der Vorlage - schwimmend das Ufer zu erreichen.
Interpretation
Jugendliche gelangen an einen einsam gelegenen Ort und erleben das wahre Grauen. The Raft beginnt hier ähnlich wie Klassiker des Horror-Genres wie Tobe Hoopers The Texas Chainsaw Massacre (1974) oder Sam Raimis The Evil Dead (1981) - zumindest letzterer ist mit seinen Necronomicon-Verweisen deutlich lovecraft-inspiriert und wurde von Stephen King, der dieses fiktive Toten-Buch oft in seine eigenen Geschichten integriert, an die Spitze seiner persönlichen Top Five der schaurigsten Filme gesetzt. Signifikant ist das Auswählen einer abgelegenen Lokalität als Schauplatz einer Lovecraft-Erzählung, insbesondere da hier die Isoliertheit der Figuren und deren Schutz- und Wehrlosigkeit noch hervorgehoben wird. Dieser Ort ist hier sogar titelgebend. Randy in der King-Vorlage aus dessen Perspektive - wenn auch nicht in der Ich-Form - die Handlung geschildert wird, erinnert an eine der vielen von Lovecraft erdachten Charaktere, die mit Mächten und Kräften konfrontiert werden, deren Wirken sie völlig ausgeliefert sind. Randy verharrt bei King einsam auf dem Floß, ohne Aussicht auf Rettung, während er im Film einen deutlich aktiveren Part einnimmt.
Michael R. Collins kritisiert The Raft sogar deshalb als den misslungensten Beitrag in Creepshow II, und weil sich King für sein Drehbuch gezwungen war, einen Grund zu konstruieren, „weshalb der Fleck die Jugendlichen auffrisst“: anders als in der Vorlage werden diese „als lüsterne Kiffer und Raser“ dargestellt. Aus meiner Sicht erreicht die Episode nur selten die Intensität der düster-pessimistischen Vorlage, wobei einige Elemente erhalten geblieben sind und das namenlose Wesen deutliche Züge einer lovecraftschen Entität hat - Nyarlathotep etwa manifestiert sich einmal als dunkle Masse und vor allem ist entsprechend der lovecraftschen Kosmologie kein Entkommen möglich. Das namenlose Wesen im See ist vielleicht das unheimlichste Monster, das Stephen King erfunden hat.
- Stefan Preis
Verwendete Literatur:
Collings, Michael R. (1987): Stephen King und seine Filme. München: Heyne Verlag.
Körber, Joachim (1989) (Hrsg.): Das Stephen-King-Buch. München: Heyne Verlag.
Koseler, Michael (1997): Anmerkungen zur Erzählkunst Howard Phillips Lovecraft . In: Rottensteiner, Franz (Hrsg.): H. P. Lovecrafts kosmisches Grauen. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 105 - 135.
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