Lovecrafter Online – Sommer, Sonne, Lovecraft: Urlaubsfilme für Lovecraftfreunde
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Die Dämonen der Städte - Rosemary’s Baby (1968) und Possession (1981) (Franz Indra/Stefan Preis)
Auch in den Sommerwochen haben die Studienleiter Franz Indra und Stefan Preis mehrere Filmgespräche im Hamburger Kommunalen Kino Metropolis durchgeführt. Im Rahmen der Reihe Retro-Horror wurden am 30. Juli ROSEMARY'S BABY (1968) von Roman Polanski und am 07. August POSSESSION (1981) von Andrzej Żuławski gezeigt, außerdem fanden mehrere Beiträge zur Werkschau von Rainer Werner Fassbinder statt, u.a. mit dem Fassbinder-Darsteller und Regieassistenten Harry Baer.
Der Teufel Hälse wachsen wie Giraffen.
Das Kind hat keinen Kopf. Die Mutter hält
Es vor sich hin. In ihrem Rücken klaffen
Des Schrecks Froschfinger, wenn sie rückwärtsfällt.
Doch die Dämonen wachsen riesengroß.
Ihr Schläfenhorn zerreißt den Himmel rot.
Erdbeben donnert durch der Städte Schoß
Um ihren Huf, den Feuer überloht.
- Georg Heym, Die Dämonen der Städte, 1911
Dämonische Schwangerschaft
Ein junges Ehepaar, Rosemary (Mia Farrow) und Guy Woodhouse (John Cassavetes), gerät nach einem Umzug in New York immer mehr unter den Einfluss der obskuren Nachbarn. Der eher erfolglose Schauspieler Guy erhält eine begehrte Rolle, nachdem sein Konkurrent plötzlich erblindet. Eines Nachts träumt Rosemary, von einem schuppigen Dämon vergewaltigt zu werden. Die surreale Sequenz lässt aber durchaus auch den Schluss zu, dass Rosemary eine Vergewaltigung durch Guy verarbeitet. Der Film ist ein Meisterwerk der psychologischen Charakterzeichnung, der präzisen Dialoge und versteckten Details. Polanski treibt mit dem Schrecken Scherze, dass einem das Lachen im Hals steckenbleibt.
Insbesondere die Darstellung der Bewohner des anonym wirkenden Hochhaues lässt ROSEMARY'S BABY wie eine Satire auf okkulten Endzeit-Horror, der die Ankunft des Antichristen erwartet, wirken. Marcus Stiglegger hat richtigerweise darauf hingewiesen, dass der gezeigte Satanismus „eher skurril, schrullig und patriarchalisch, nie gegenkulturell, hedonistisch oder gar individualistisch“ gezeigt wird. Die Kultisten sind gewissenlose, gefährliche Menschen, zugleich aber auch lächerliche Spießer.
Dennoch wurde der Film bei seinem Erscheinen 1968 von Anton LaVey, der in der Walpurgisnacht 1966 die materialistisch ausgerichtete, nicht-religiöse Church of Satan gründete, enthusiastisch gefeiert. Dass LaVey als technischer Berater oder gar als Darsteller aufgetreten ist, wurde mittlerweile als Mythos zurückgewiesen.[1] Und kein Horrorfilm kann es mit Vorgängen aus der Realität aufnehmen: Im August 1969 wurde Sharon Tate, die hochschwangere Ehefrau Polanskis, von Mitgliedern des apokalyptischen Endzeit-Kultes um Charles Manson ermordet. Im Dezember 1980 wurde Ex-Beatle John Lennon vor dem Dakota-Building in New York, dem Drehort von ROSEMARY'S BABY, erschossen.[2]
Der dämonische Tentakel-Liebhaber
Die Thematik der „Dämonenschwängerung“ war ein häufiges Motiv im Horrorfilm der 1970er Jahre. THE DUNWICH HORROR (1970) von Daniel Haller, die erste Verfilmung der gleichnamigen Lovecraft-Erzählung, zeigt in verhältnismäßig drastischen Bildern die Vergewaltigung durch ein mit Tentakeln besetztes Wesen. Bei Lovecraft und den hier erwähnten Filmen erkennt man deutlich den Einfluss des walisischen Autors Arthur Machen, dessen mittlerweile sogar dem Cthulhu-Mythos zugeordnete Werke The Great God Pan (1894) und The Novel of the Black Seal (1895) unheimliche, dämonische Liebhaber und aus der sexuellen Verbindung mit ihnen gezeugte Kinder thematisieren.[3]
POSSESSION beginnt vor dem Hintergrund der während des Kalten Krieges geteilten Stadt Berlin als ein in kalte Blautöne getauchtes Beziehungsdrama. Der offenbar für einen Geheimdienst tätige Mark - Sam Neill, kurz zuvor der Antichrist in THE FINAL CONFLICT: OMEN 3 und 1994 in John Carpenters Lovecraft-Interpretation IN THE MOUTH OF MADNESS in der Hauptrolle zu sehen - kehrt zu seiner Familie zurück. Seine Frau Anna (Isabelle Adjani) eröffnet ihm jedoch, dass sie eine Affäre hat und sich von ihm trennen möchte. Beide zermürben sich in selbstquälerischen Dialogen und Handlungen, bis sich Marks Eifersucht in immer fantastischeren Formen manifestiert. Zwei angeheuerte Detektive finden in einem halb verfallenen Haus einen weiteren Liebhaber Annas, ein Tentakelwesen (entworfen von Carlo Rambaldi, der für seine Effekt-Arbeiten in E.T. THE EXTRA-TERRESTRIAL und ALIEN mit Oscars ausgezeichnet wurde).
Die Ermordung der beiden Detektive in dem heimlichen Liebesnest, dessen Tür nie verschlossen ist, wirkt wie eine Hommage an Alfred Hitchcocks PSYCHO (1960), der nach einer Vorlage des Lovecraft-Schülers Robert Bloch entstand. Żuławski betrieb ein Kino der extremen Gefühle, das hier wahrlich bizarre Blüten hervorbringt, die man einmal gesehen nicht mehr vergisst. Der Rote Hering: Filmtagebuch eines Kinomachers von Franz Indra behandelt u.a. POSSESSION. Ein Höhepunkt des Films ist in eine groteske Performance in einem U-Bahn-Schacht. Żuławski gab Isabelle Adjani angeblich die Anweisung, sie solle sich vorstellen, Sex mit der Luft zu haben.[4] POSSESSION wirkt ein wenig, als hätte Rainer Werner Fassbinder eine Lovecraft-Geschichte verfilmt. Etwa zeitgleich inszenierte Fassbinder die Fernsehserie BERLIN ALEXANDERPLATZ von Alfred Döblin. In einem Interview dazu zog er Parallelen zwischen der Weimarer Republik und der Gegenwart und warnte vor rechtsextremistischen Tendenzen.
Fazit
Die Dämonen der Städte unterscheiden sich von denen der Natur. Letztere bedrohen die menschliche Zivilisation und verbreiten Urängste. Die Dämonen in ROSEMARY'S BABY und POSSESSION werden von den Menschen gerufen, um sie zu instrumentalisieren. Sie sind ein Spiegelbild der Gesellschaft.
- Franz Indra und Stefan Preis
[1] Stiglegger, Marcus (2021): Schwarz - Die dunkle Seite der Popkultur. Berlin. S. 19 ff., 25-30. Verschiedene der in Church of Satan inszenierten „Psycho-Dramen“ wie Die Zeremonie der Neun Winkel oder Die Anrufung von Cthulhu sind deutlich von Erzählungen Lovecrafts inspiriert.
[2] Schifferle, Hans (1994): Die 100 besten Horrorfilme. München. S. 144.
[3] Derie, Bobby (2017): Sex und Perversion im Cthulhu-Mythos. Ein intimer Blick auf H. P. Lovecraft und sein literarisches Erbe. Leipzig. S. 97 ff., 452 ff.
[4] Schifferle, Hans (1994): Die 100 besten Horrorfilme. München. S. 136.
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