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Lovecrafter Online - Rezension: Die Traumsuche der Vellitt Boe

  • Rahel
  • 15. September 2025 um 12:00
  • 622 Mal gelesen
  • 0 Antworten

Frauen haben in H. P. Lovecrafts Werk keinen Platz. Wenn sie auftauchen, sind sie bestenfalls Nebensache, schlimmstenfalls Bösewichte - denken wir einmal an Lavinia Whateley, Keziah Mason oder Asenath Waite. Daran hat sich die mehrfach ausgezeichnete US-amerikanische Kij Johnson gestört und mit "Die Traumsuche der Vellitt Boe" eine Antwort auf Lovecrafts "Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath" verfasst. Ihre Novelle ist dieses Jahr in der gleichnamigen Anthologie beim Wandler-Verlag erschienen, die noch fünf weitere Kurzgeschichten Johnsons enthält.

Das Herzstück der Sammlung bildet eindeutig Kij Johnsons Variante der Traumsuche. Das machen sowohl Titel der Anthologie als auch Umfang im Buch deutlich. Diese Novelle ist eine Art Umkehr von Lovecrafts Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath: Vellitt Boe ist Professorin an der Frauenhochschule in Ulthar. Als eine ihrer Studentinnen mit einem Reisenden aus der wachen Welt durchbrennt, steht die Zukunft der ohnehin schon wenig geschätzten Hochschule auf dem Spiel. Kurzerhand holt Vellitt ihre Reiseutensilien wieder aus dem Schrank, um dem Mädchen hinterherzureisen - denn auch sie erkundete einst als Abenteurerin die Traumlande und begleitete sogar für einige Zeit Randolph Carter. Ihr Weg beginnt in den Traumlanden und führt sie in die wache Welt.

In der Geschichte stehen vor allem weibliche Charaktere im Vordergrund. In ihrer Danksagung im englischsprachigen Original macht Johnson deutlich, was sie zu dieser Novelle inspirierte:

Zitat

Ich las [Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath] erstmals mit zehn, war zugleich begeistert und verängstigt. Ich fühlte mich unwohl mit dem Rassismus, war mir aber noch nicht dessen bewusst, dass die völlige Abwesenheit von Frauen ebenso problematisch war. Diese Geschichte [Die Traumsuche der Vellitt Boe] ist mein erwachsenes Ich, das zu einer Sache zurückkehrt, die ich als Kind liebte, und ein Versuch, diese Sache mit meinem erwachsenen Verstand zu begreifen.

Ob der Versuch nach Johnsons eigenem Ermessen gelungen ist, kann nur die Autorin entscheiden. Fest steht: Kij Johnson erweitert Lovecrafts Traumlande und füllt seine Handlungsorte mit Leben. Wie sieht der Alltag in Ulthar aus? Welche Wesen bevölkern die verschiedenen Regionen und wie gestaltet sich ihr gesellschaftliches Gefüge? Woraus besteht eigentlich der Himmel der Traumlande und wie viele Sterne finden sich am Firmament? Und welche Rolle spielen Frauen wirklich in dieser Welt? Dabei bedient sich die Autorin an ihrem ganz eigenen, traumartigen Erzählstil, der wunderbar zum Setting passt und nie sperrig wirkt.

Genau dieser Stil ist auch ein markantes Merkmal der nachfolgenden Erzählungen. "Ponies" umspannt lediglich fünf Seiten. Mit wenig Handlung und viel Metaphern ist diese Kurzgeschichte über ein Mädchen und sein sprechendes, fliegendes Einhorn eher eine eindrückliche Groteske über Themen wie kindliche Unschuld und Gruppenzwang. Ähnlich abstrakt ist auch die Erzählung "Spiere", in der eine Menschenfrau und ein nicht-anthropomorphes Alien gemeinsam in einer engen Raumkapsel gefangen sind. Sex scheint für die beiden der alleinige Zeitvertreib und das einzige Kommunikationsmittel zu sein - nur ob die beiden sich wirklich verständigen, weiß niemand so recht.

Auch in "Schrödingers Katzenhaus" dreht sich vieles um Sex - noch mehr aber um Gender. Kleiner Hinweis an dieser Stelle: Im Englischen ist "Cathouse" ("Katzenhaus") auch ein Synonym für ein Bordell - und genau darum geht es in dieser Erzählung. Während einer Autofahrt öffnet Bob eine Schachtel und findet sich plötzlich in einem Freudenhaus wieder, das jedoch den Gesetzmäßigkeiten des Quanten-Indeterminismus folgt: Immer Mal, wenn Bob nicht hinschaut, verändern sich Bordell und Menschen. Während er noch mit Übelkeit und Desorientierung kämpft, stellt sich ihm schon die Frage, wie wichtig es ihm wirklich ist, ob sein verführerisches Gegenüber nun männlich oder weiblich ist.

Die letzten beiden Geschichten im Band sind etwas umfangreicher. "Die Pferderäuber" ist auf einem kargen Planeten angesiedelt, wo die einzelnen Bevölkerungsgruppen in nahezu vollständiger Isolation voneinander leben. Der Planet dreht sich so langsam, dass der nomadisch lebende Stamm von Pferdezüchtern, dem auch die Protagonistin Katia angehört, stets dem Sonnenstand folgt, um kontinuierlich im N'Dau zu leben: Dem Punkt, an dem der Schatten einer Person genau so lang ist wie ihre Körperhöhe. Doch Katias Werte und Lebensgewohnheiten kommen zu einem jähen Ende, als der Stamm von Pferderäubern überfallen und ermordet wird. Als heilkundige Pferdezüchterin wird sie von den Fremden verschleppt, denn die Pferde des Planeten erliegen nach und nach einer tödlichen Seuche.

Den Abschluss bildet passenderweise "Das Privileg des glücklichen Endes": Eine Geschichte, die die Gratwanderung zwischen Märchen, Postapokalypse und metareferenzieller Literatur wagt. Ada ist sechs Jahre alt, als ihre Eltern sterben. Sie zieht daraufhin zu ihrer Tante und deren unliebsamen Töchtern. Nur eine einzige Freundin hat Ada: Blanche, ein sprechendes, in die Jahre gekommenes Huhn. Doch dann rast eine Plage von allesfressenden Wüstschraten über die Dörfer hinweg und Ada und Blanche müssen vor den tödlichen Nagern flüchten. Immer wieder streut die Erzählung metareferenzielle Kommentare ein, die sich direkt an die Lesenden richten, und beispielsweise darauf hinweisen, dass wir den Namen eines bestimmten Charakters nicht erfahren müssen, denn er würde ohnehin nur in dieser einzelnen Szene auftreten. Dadurch erzählt der Text nicht nur die Geschichte von Ada und Blanche, sondern hinterfragt zugleich die Handlungskonventionen, die wir als Lesende erwarten - vor allem aber, was genau eigentlich ein "glückliches Ende" sein soll.

Alle in der Sammlung enthaltenen Geschichten haben etwas Traumartiges an sich. Sie sind abstrakt und beschreiben in puncto Weltenbau nur das Nötigste - wenn man einmal von der Traumsuche absieht, bei der aber bereits ein anderer Autor die Grundarbeit leistete. Stattdessen fokussiert sich Kij Johnson auf ihre meist weiblichen Figuren und deren Metaphern. So flüssig sich die Erzählungen auch lesen lassen, sind sie somit doch keine leichte Kost: Die Erzählungen stimmen nachdenklich und laden zum Philosophieren ein.

An dieser Stelle sei auch die Arbeit des Wandler-Verlags besonders hervorgehoben, insbesondere die hochwertige Gestaltung des Buchs. Der Umschlag ist üppig und stimmungsvoll illustriert und auch im Innenteil finden sich mehrere verspielte Schwarz-Weiß-Illustrationen. Somit fängt das visuelle Gesamtpaket die Stimmung der recht unterschiedlichen Geschichten gut ein. Schade ist lediglich, dass es die Karte der Traumlande, die in der amerikanischen Ausgabe von The Dream-Quest of Vellitt Boe enthalten ist, in der deutschen Ausgabe nicht abgedruckt wurde. Aber seien wir ehrlich: Einen wirklichen Mehrwert bietet sie der Geschichte nicht - sie ist lediglich ein interessanter Augenschmaus für Lovecraft-Fans.

Die Traumsuche der Vellitt Boe von Kij Johnson im Verlag Wandler.

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