Lovecrafter Online - (Theater-)Spaziergang durch den Cthulhu-Mythos
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Ulf -
14. September 2026 um 12:00 -
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Farnsworth Wright ist nicht gerade allerbester Laune, das lässt uns der Herausgeber von Weird Tales schon kurz nach der Begrüßung unserer Gruppe an der Bushaltestelle nahe des Harburger Stadtparks spüren. Howard Philipps Lovecraft, einer seiner Stammautoren, schreibt seit 1926 Geschichten mit wiederkehrenden Elementen, darunter das vom wahnsinnigen Araber Abdul Alhazred verfasste Necronomicon und grauenerregende kosmische Geschöpfe und Gottheiten wie den in der unterirdischen Totenstadt R’lyeh schlafenden Cthulhu. Doch damit nicht genug – andere verlässliche Zuträger von Weird Tales aus ganz anderen Teilen der USA wie Clark Ashton Smith, Robert E. Howard und August Derleth haben plötzlich ebenfalls angefangen, dieselben seltsamen Namen und Motive in ihre eingereichten Geschichten einzubauen. Handelt es sich dabei schlicht um einen ansteckenden Tick des eigenbrötlerischen Autors aus Providence oder steckt etwa mehr dahinter?
Um dieser Frage nachzugehen, nimmt uns Wright mit auf einen knapp anderthalbstündigen Spaziergang durch den Harburger Stadtpark. Tatsächlich ist es eher ein Rundgang, da der Park vor fast genau 100 Jahren rund um den Außenmühlenteich angelegt wurde, einen künstlichen See im Bezirk Harburg im Süden Hamburgs. Rund um die dortigen Freilichtbühne findet erstmalig das vom Miskatonic Theater Hamburg vom 20. - 23.08. 2026 veranstalte Theaterfestival „Cthulhu im Park“ statt, zu dessen Programm unser Spaziergang gehört. Genauer gesagt ist es ein Theaterspaziergang, bei dem wir als Publikum geführt von Lars Henriks alias Farnsworth Wright von Station zu Station wandern und von Mitgliedern des Theaterensembles in verschiedenen Rollen aus klassischen Mythos Geschichten des Lovecraft-Zirkels „bespielt“ werden. Insgesamt 10 alltägliche Orte verwandeln sich dabei durch die szenische Inszenierung der Kurzgeschichten, einige Requisiten und geschickte Ausnutzung der räumlichen Gegebenheiten in sehr verschiedene Bühnen.
Und auf eben Jenen agieren die fünf aufwändig kostümierten Schauspieler:innen mit sehr viel Spielfreude und Dynamik. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, alle Stationen und Darbietungen ausführlich zu beschreiben, weshalb nur einige allgemeine Aspekte der Inszenierung anhand von ausgewählten Beispielen hervorgehoben werden sollen.1 Inspektor Legrasse, gespielt von Chiara Lüssow, aus The Call of Cthulhu macht den Auftakt und warnt uns im Rahmen seines Berichts der Polizeiaktion gegen den Cthulhu-Kult in den Sümpfen Louisanas eindringlich vor dessen Machenschaften. Ganz nebenbei werden so bei den weniger lovecraft-affinen Teilen des Publikums ergänzend zu Wrights allgemeinen Bemerkungen die inhaltlichen Grundlagen für den weiteren Rundgang gelegt.
Im Anschluss erfahren wir von Frank, aus Frank Belknap Longs The Space Eaters, am Grabstein seines Autorenfreundes Howard (!) von dessen grausamen Ende. Frank, gespielt von Sascha Weingarten, liefert dabei keinen statischen Monolog, sondern nutzt geschickt den anliegenden Spielplatz für Positions- und Höhenveränderungen, predigt mal eindringlich zum Publikum wie von einer Kanzel und schwingt sich dann hinab, um überraschende Requisiten zutage zu fördern. Als schließlich ein nahendes Gewitter in der Ferne grollt, ist dies das Tüpfelchen auf dem i der unheimlichen Atmosphäre und ein Moment, der zeigt, wie packend und lebendig das Format des Theaterspaziergangs sein kann. Ähnlich dynamisch geht es bei der Inszenierung von Ashton Smiths Ubbo-Sathla zu, als dessen Protagonist Paul Tregardis, gespielt von Nisan Arikan in den archaischen Gewändern eines hyperboräischen Zauberers, sich im beginnenden Regen quer durch die Gerätschaften einer Bewegungsinsel spielt.
Rechte vorbehalten nevs_photo/Sven B.
Die bei so vielen Stationen nötige Abwechslung entsteht auch durch den unterschiedlichen Grad der Publikumseinbindung und -ansprache. Bei Howards The Fire of Asshurbanipal sind wir zwar reine Zuschauer des Gesprächs, welches der wieder von Sascha Weingarten gespielte Abenteurer Steve Clarney mit seinem besinnungslosen Begleiter Yar Ali führt. Wir müssen jedoch ausweichen, als dieser am Ende voller Panik aus einer verfluchten Stadt in die Wüste/unsere Richtung flieht. An der Station zu Henry Kuttners Salem Horror sind es hingegen wir, die am Ende unter Wrights Führung das Weite suchen, verfolgt vom wahnsinnigen Lachen der charismatischen Hexe Abigail Prinn, im Schatten eines großen und bedrohlich wirkenden Baumes gespielt von Yasmine Gutierrez Volgmann.
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Durch das wiederholte Auftauchen und den eindringlichen Vortrag der bekannten Namen und Motiven des Cthulhu-Mythos entsteht auch bei uns Zuschauer:innen allmählich ein ungutes Gefühl: Ist tatsächlich etwas an Wrights Theorie dran? Der Weird-Tales-Herausgeber bleibt auf dem Weg unser ständiger Begleiter und vermittelt zwischen den Stationen viele interessante, subjektiv-gefärbte Fakten: zu Weird Tales, dessen Coverkünstlerin Margaret Brundage (zu deren Werk sich übrigens in der aktuellen Print-Ausgabe des Lovecrafters ein ausführlicher Artikel findet) und seinem komplizierten, zwischen Neid und grummelnden Respekt schwankenden persönlichen Verhältnis zu Lovecraft. Wright sorgt außerdem durch Bemerkungen zu den Vorlieben seiner Leserschaft für „Monster und Brüste“, zeitgenössische Klischeewitze und den Vortrag einer seiner eigenen -zu Recht eher unbekannten- "vernünftigen" Horrorkurzgeschichten für eine willkommene Prise„comic relief“.
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Die in einem früheren Artikel schon thematisierte Erfahrung des Miskatonic Theaters mit dem Format der Theaterspaziergänge scheint in all diesen Aspekten durch. Man ist fast schon traurig, als ein von Vincent Ellmers gespielter Gelehrter den Spaziergang beendet mit dem Vortrag der History of the Necronomicon und Hinweisen auf die Prophetie, die Lovecrafts „grotesk übersteigertem Grauen“ für das 20. und frühe 21. Jahrhundert innewohnt. Wie gut, dass das eigentliche Festival zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht begonnen hatte und mit über 1300 Besuchern einen Rekord aufstellen sollte . Aber das ist eine andere Geschichte und soll vielleicht ein anderes Mal erzählt werden…..
1 Die 10 verwendeten und dramatisch bearbeiteten Kurzgeschichten sind: “The Call of Cthulhu” von H.P. Lovecraft, “The Space Eaters” von Frank Belknap Long, “The Horror in the Museum” von H.P. Lovecraft und Hazel Heald, “Ubbo-Sathla” von Clark Ashton-Smith, “The Return of Hastur” von August Derleth, “The Shamber from the Stars” von Robert Bloch, “The Fire of Asshurbanipal” von Robert E. Howard, “The Salem Horror” von Henry Kuttner, “Medusas Coil” von H.P. Lovecraft und Zealia Bishop und “The History of the Necronomicon” von H.P. Lovecraft.