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Lovecrafter Online – Korndämonen in den blühenden Feldern: Harvest Home

  • Stefan P.
  • 7. September 2026 um 12:00
  • 486 Mal gelesen
  • 0 Antworten
Stefan Preis schwingt ein weiteres mal die virtuelle Feder und lässt uns an seinen Überlegungen zu Tryons "Harvest Home" teilhaben. Vorhang auf!

Ein wichtiger Vorläufer des modernen Folk-Horrors ist Die schwarze 13 (Eye of the Devil, 1966) von J. Lee Thompson: aufgrund einer drohenden Missernte wird der Gutsherr Philippe de Montfaucon von Bewohnern eines französischen Dorfes rituell getötet, der Mord als Jagdunfall getarnt. Inspiriert wurde die Vorlage von Philip Loraine durch die Beschreibung des Erntekönigtums in Der goldene Zweig (The Golden Bough, 1890) von James George Frazer, einem Buch, das H. P. Lovecraft sehr schätzte.

Der von dem Lovecraft-Biografen S. T. Joshi hoch gelobte Roman Harvest Home des früheren Schauspielers Thomas Tryon ist etwa zeitgleich wie der Folk-Horrorfilm The Wicker Man (1973) von Robin Hardy entstanden, wie dieser nimmt er deutlich Elemente von Midsommar (2019) von Ari Aster vorweg. Ort der Handlung ist, hier findet sich bereits der erste Hinweis auf Lovecraft, das südliche Neuengland. 1978 entstand mit The Dark Secret of Harvest Home eine sich eng an der Vorlage orientierende Fernsehfassung mit Bette Davis und David Ackroyd in den Hauptrollen.

Handlung

Das Dorf Cornwall Combe liegt abgeschieden im ländlichen Connecticut: „eine zeitlose landwirtschaftliche Gemeinde" so Joshi, „wo der ewige Kreislauf des Pflanzens, Düngens und Erntens von Korn die ewige und vielleicht einzige Wirklichkeit ist". Dorthin zieht das New Yorker Ehepaar Ned und Beth Constantine mit der an chronischen Asthma leidenden Tochter Kate. Der Porträtmaler Ned, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, erwacht zu Beginn von dem Gesang eines gelben Vogels. Später wird er dies als Warnung vor den Ereignissen, die bald folgen, interpretieren. Autoritätsperson der Ortschaft ist Widow Fortune, die den endlos blauen Himmel über Cornwall Combe als Reich eines entfernten Gottes beschreibt, während es im Tal die Mutter Erde sei, die die Ernte segnet. In einem Turnus von sieben Jahren findet in Cornwall Combe ein Erntedankfest statt, bei dem der Harvest Lord und die Corn Maiden ausgewählt werden. Vor Jahren starb Grace Everdeen, die für diese Rolle vorgesehen war, unter seltsamen Umständen. Ned entdeckt ein schreckliches Geheimnis: die an der seltenen Hormonerkrankung Akromegalie leidende Grace wurde ermordet, da sie aufgrund immer größer werdender Körperteile als unwürdig empfunden wurde, die Corn Maiden zu sein. Gegen seinen Willen wird zum diesjährigen Erntedank der junge Worthy Pettinger zum Harvest Lord ausgewählt. Worthy möchte das Dorf verlassen, um zu studieren und richtet sich in einer Kirchenversammlung gegen die Gemeinde: gequält schreit er, Gott möge das Korn und die Mutter verdammen. Seine Fürsprache für Worthy bringt Ned außerdem in Konflikt mit seiner Ehefrau, die zwischenzeitlich fest in die Dorfgemeinschaft und deren Aktivitäten integriert ist.

Am Ende erleidet Ned, der die geheime Zeremonie Harvest Home beobachtet, ein unfassbar grausames Schicksal.

Soziologische Interpretation

Einer der Bewohner von Cornwall Combe formuliert gegenüber Beth die zentrale Aussage des Buches, dass die soziale Einheit im Dorf nicht die Familie, sondern die Gemeinschaft sei, was deutlich an das von Émile Durkheim 1893 beschriebene Konzept der mechanischen Solidarität erinnert, das für traditionelle, vor-industrialisierte Gesellschaften mit geringer Arbeitsteilung gilt: die einzelnen Mitglieder sind sich ähnlich, verrichten weitestgehend die gleichen Tätigkeiten - Werkzeuge sind eine Sense, um das Heu zu mähen und eine Sichel, um das Korn zu schneiden, moderne Technik ist kaum vorhanden - und teilen vor allem die gleichen Werte, Bräuche und religiösen Überzeugungen: obwohl Ned und Beth zu Beginn als keineswegs religiös beschrieben werden, neben sie aus Konformitätsdruck an Aktivitäten wie dem Kirchenbesuch teil. Ein Abweichen wird nicht toleriert. Die Strafen gegen Regelverstöße fallen unvorstellbar grausam aus und richten sich deutlich gegen Personen, die sich vor allem durch intellektuelle Fähigkeiten von den Anderen unterscheiden wie dem als genial beschriebenen Handwerker Jack Stump, dem die Zunge herausgeschnitten und der Mund zugenäht wird, oder gegen den früheren Universitäts-Professor Robert Dodd, dem die Augäpfel herausgeschnitten werden. Widow Fortune kommentiert sarkastisch und drohend zugleich, dass Dodd früher Ärger gehabt hätte, aber zwischenzeitlich gelernt habe. Nicht-konformes Verhalten wird als Angriff gegen die gesamte Gemeinschaft betrachtet, die in den Worten eines Bewohners auf dem Korn basiert.

Wie in The Wicker Man und später in Midsommar ist die in Cornwall Coombe praktizierte Religion fiktiv, allerdings werden deren Anhänger von Tryon als archaisch fromm beschrieben und in die Nähe der Amish in Pennsylvania und der Mennoniten in Ohio gerückt. Max Weber entdeckt in seiner Studie Die protestantische Ethik und der ‘Geist’ des Kapitalismus (1905) „vor allen bei den Quäkern und Baptisten, bis in das 17. Jahrhundert hindurch (und gerade damals) immer wieder den Jubel darüber, daß die sündigen »Kinder der Welt« einander gegenseitig selbst geschäftlich mißtrauen, daß sie dagegen der religiös bedingten Rechtlichkeit der Frommen vertrauen, deshalb ihnen und nur ihnen Kredit und ihr Geld ins Depot geben, in ihren Läden ihre Einkäufe machen." Die Beschreibung Webers könnte auch auf die Gemeinde von Cornwall Coombe zutreffen: „Daß die Götter den, der ihnen wohlgefällig ist, sei es durch Opfer, sei es durch die Art seiner Lebensführung, mit Reichtum segnen, war nun freilich eine über die ganze Welt verbreitete Vorstellung. Daß dies jedoch mit dieser Art der religiösen Lebensführung, gemäß dem frühkapitalistischen Prinzip: »honesty is the best policy«, bewußt in Verbindung gebracht wird, findet sich zwar nicht absolut ausschließlich, allerdings aber in dieser Kontinuität und Konsequenz nur bei diesen protestantischen Sekten."

Vegetationsdämonen und Baumgeister

Ned selbst zieht eine Parallele zwischen der geheimen Erntedankfeier und den Eleusinischen Mysterien: der Harvest Lord wird rituell geopfert, nachdem er die Corn Maiden geschwängert hat. Joshi vergleicht Tryons Beschreibung der Zeremonie, bei der von einer rituellen Sprache begleitet eine weibliche Gottheit verehrt wird, mit dem Schluss von Lovecrafts Die Ratten im Gemäuer (The Rats in the Walls, 1924). Die rituelle Beschwörung erinnert auch an Cthulhus Ruf (The Call of Cthulhu, 1928).

Mindestens zwei Erzählungen von Stephen King wurden von Harvest Home beeinflusst, in beiden finden sich deutlich lovecraftsche Elemente.

In Kinder des Mais (Children of the Corn, 1977) beschreibt King einen von Kindern angeführten Todeskult in Gatlin, Nebraska. Erwachsene werden einer in den riesigen, leuchtenden Kornfeldern lebenden Gottheit als Menschenopfer dargebracht. Diese Kreatur wird nur als „Er, der hinter den Reihen wandelt“ („He Who Walks Behind the Rows“) bezeichnet und als grünes Wesen mit riesigen roten Augen beschrieben. Die Ursprünge dieses Mythos liegen wahrscheinlich in Kulten um Fruchtbarkeitsgottheiten, die für eine bessere Ernte angebetet wurden und später im Zuge der Christianisierung dämonisiert wurden. Wie in Harvest Home wird protestantisch geprägter Fundamentalismus mit paganen Vorstellungen vermengt - die Jesus-Figur ähnelt einem Maiskolben - und vor allem die Augen sind Ziel heftiger Attacken: die leeren Augäpfel werden mit Mais gefüllt. In Kinder des Zorns III (Children of the Corn III - Urban Harvest, 1995) von James D.R. Hickox wird der Korndämon als mit Tentakeln ausgestattetes Baumwesen gezeigt, das mit einem geheimen Buch beschworen werden kann.1 Robert Bloch und Ramsey Campbell beschreiben in ihren frühen Geschichten Shoggothen als Geister oder Dämonen in Baumgestalt mit über den Stamm verstreuten Mündern. Die Farbe des Mais, ein leuchtendes goldgelb, wird bei Robert W. Chambers und Lovecraft mit der Symbolik der Entität Hastur in Verbindung gebracht, die als „The Unspeakable One“ bezeichnet wird.

In Regenzeit (Rainy Season, 1989) sind die abergläubischen Bewohner der Kleinstadt Willow, Maine überzeugt, dass den dämonischen Kröten, die alle sieben Jahre plötzlich nachts vom Himmel fallen, Menschen geopfert werden müssen. Inspiriert wurde King mit der Beschreibung von Amphibien mit spitzen Zähnen offenbar von der Albtraum-Sequenz aus Der Bär (L’Ours, 1988)2 und vom Tsathoggua-Mythos, wie er von Clark Ashton Smith und Lovecraft beschrieben wurde.

Häufig findet sich bei Stephen King auch das Motiv der Widow Fortune nachempfundenen religiösen Fanatikerin wie etwa Mrs. Carmody, die ein Menschenopfer für die unheimlichen Tentakelwesen in Der Nebel (The Mist, 1985) fordert. Eine weitere Hommage an Harvest Home findet sich in Glas (Wizard und Glass, 1997), dem vierten Teil der Dark-Tower-Saga: der Charyou-Baum ist ein Scheiterhaufen, auf dem Menschen für eine bessere Ernte geopfert werden. Auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte wird Susan Delgado von der Dorfgemeinde gedemütigt und mit Mais beworfen.

Resümee

Grundlage bei Tryon und später bei King ist, dass ein urban geprägtes Ehepaar in einer abgeschiedenen Gegend mit einem archaisch anmutenden Kult konfrontiert wird - mit unterschiedlichen, aber immer verhängnisvollen Folgen. Tryon verzichtet dabei, anders als King, fast völlig auf wirklich übersinnliches Beiwerk. Die vermeintliche Idylle, in der die Kornbauern-Gemeinde im Einklang mit der Natur und den Vegetationsgottheiten zu leben scheint, ist in Wahrheit eine ständig Autoritätsgläubigkeit reproduzierende, repressive Gemeinschaft, die grausame Bestrafungen als notwendig zum Traditionserhalt propagiert. Dabei ist Tryons Harvest Home wesentlich pessimistischer als Die schwarze 13 oder The Wicker Man: dort führen die Mitglieder der Dorfgemeinschaften ein wesentlich freieres Leben und es gibt Momente des Aufbegehrens.

Literatur

  • Durkheim Émile (1992): Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Frankfurt am Main.
  • Hudson, Kathleen (2024): “A Strange Green God”: Ecocritical Readings of Christian and Cult Sacrifice in Postmodern Folk Horror. In: Hudson, Kathleen and Mary Going (ed.): Religious Horror and the Ecogothic. London.
  • Joshi, S. T. (2001): Moderne Horrorautoren. Essays. Band 2. Almersbach.
  • King, Stephen (1994): Abgrund - Nightmares and Dreamscapes. München.
  • King, Stephen (1997): Glas - Der Dunkle Turm. München.
  • King, Stephen (1994): Nachtschicht. Bergisch-Gladbach.
  • Tenga, Angela (2016): Seeds of Horror: Sacrifice and Supremacy in Sir Gawain and the Green Knight, The Wicker Man, and Children of the Corn. In: Keetley, Dawn and Angela Tenga: Plant Horror: Approaches to the Monstrous Vegetal in Fiction and Film. London.
  • Weber, Max (1988): Aufsätze zur Religionssoziologie 1. Tübingen. 9. Auflage.

  1. In Hickoxs Beitrag zu der auch innerhalb von Stephen-King-Fans umstrittenen Children-of-the-Corn-Filmreihe werden die Aktivitäten der Vegetationsgottheit in die Großstadt Chicago verlegt. Das Motiv des Baumdämons, dem Menschenopfer dargebracht werden, wurde vor allem durch Das Kindermädchen (The Guardian, 1990) von William Friedkin populär. Völlig ahistorisch wird dies in der Filmhandlung als druidisches Ritual beschrieben.
  2. Dem Jungbären in Jean-Jacques Annauds Film erscheinen in einer surreal anmutenden Szene immer größer werdende Frösche, denen Tentakeln und Fangzähne wachsen.
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