Lovecrafter Online – Filmkritik: The Ritual

Lovecraft liebte das Mysteriöse alter Kulte und beschwor gerne das Grauen bei uralten Ritualen in dunklen Wäldern. Ebenso faszinierten ihn die nordischen Mythologien und paganistische Götter. All dies kombiniert David Bruckner 2017 zu dem stimmungsvollen Horrorfilm The Ritual.

Handlung

Vier Freunde wandern durch die nordschwedische Landschaft. Sie machen eine Erinnerungstour für Ihren bei einem Überfall ermordeten Freund. Als sich Dom das Knie verletzt, versuchen sie eine Abkürzung durch die düsteren Wälder. Bald finden sie in den Bäumen hängendes, frisch ausgeweitetes Wild und eine Präsenz scheint sie zu beobachten. Eine Hütte bietet über Nacht Schutz, als der Regen die Gruppe zur Rast zwingt. Hier stoßen sie auf weitere unheimliche Dinge wie nordische Runenzeichen aus Knochen und eine seltsame, menschenähnliche Holzgestalt ohne Kopf, dafür mit Geweihen als Hände.


Der mit Schuldgefühlen belastete Luke, der bei dem Angriff auf seinen Freund nicht eingriff, träumt von den Ereignissen des Überfalls und erwacht vor der Hütte mit Wunden auf der Brust.

Dom und Hutch haben ebenfalls Träume im Hexenhaus, Phil erwacht sogar betend vor der mysteriösen Figur unter dem Dach. Die Spannungen in der Gruppe nehmen während des Versuchs, dem Wald zu entkommen, langsam zu.


In der nächsten Nacht wird ihr Zeltlager von einem monströsen Wesen angegriffen und die Gruppe dezimiert. Sie entdecken bei der Flucht ein bewohntes, aber unheimliches Dorf im Wald.

Hier lebt ein Kult, der offenbar ein Jötunn anbetet, eine nordische Gottheit. Die Freunde werden gefangen genommen und als Opfergabe vorgesehen. Die Nacht des Rituals beginnt.

Lovecrafteske Momente

Lovecraft studierte die Mythologien der Welt, vor allem die griechisch-römischen, aber auch die germanischen und nordischen interessierten den Mann aus Providence. Neben den von Lovecraft geschätzten Bezügen zur nordischen Mythologie lebt der Film von der erzeugten Stimmung. Die dunklen Wälder werden unheimlich und bedrohlich inszeniert, so wie Lovecraft es unzählige Male beschrieb ( z.B. in The Whisperer in Darkness oder The Picture in the House oder The Very Old Folk.). Die Landschaft und die unerbittliche Natur tragen viel zur alptraumhaften Atmosphäre bei.


Der Film erfordert wie die Geschichten Lovecrafts volle Aufmerksamkeit, sieht man doch häufig kleine Bewegungen am Rande oder im Hintergrund. Es geht um Andeutungen, Ungewissheit und Phantasie. So sind die Augen der Kreatur in vielen Aufnahmen zu entdecken, immer getarnt vom Wald.


Ebenso vermittelt die Tonspur eine enorme Atmosphäre mit weit entfernten, unheimlichen Geräuschen und Tönen oder auch qualvoller Stille.


Rituale zur Opferung von Menschen an Gottheiten sind in den Schriften Lovecrafts Legion, man denke an The Horror at Red Hook, The Dunwich Horror, The Call of Cthulhu oder The Very Old Folk.

Die Kreatur Jötunn selbst wird als Lokis Bastardtochter charakterisiert und darf an die Ehefrau von Yog-Sothoth, die Mutter von Nug und Yeb, der Waldziege mit den Tausend Jungen, Shub-Niggurath, erinnern. Es ist ein elch-artiges Wesen ohne Kopf, an dessen Stelle ein menschlicher, kopfloser Körper mit Händen als Füße und Geweihen als Hände sowie einem schwarzen Bereich mit Augen im Schritt auftritt. Ein bizarres Design, das sehr lovecraftesk erscheint.


Die Alpträume in dem Haus im Wald erinnern natürlich an The Dreams in the Witch-House. Die entsprechende Hexe taucht im Dorf später auf, die Idee des Romans, ihr Hufe statt Füße zu geben, wurde im Film leider nicht umgesetzt.


Die Andeutungen und mysteriösen Ereignisse, wie die Verwundung von Lukes Brust als Markierung, die zum Ende eine Bedeutung für den Höhepunkt der Geschichte haben, sind klassisch lovecraftesk. Vieles wird angedeutet, aber nicht ausführlich erzählt. So wie die vielen Andeutungen bei Lovecraft das Kopfkino anwerfen, schafft der Film dies auf seine Art. Er setzt auf ständige Bedrohung und Paranoia, der Einsatz von Feuer als Erlösung ist ebenfalls eine häufig genutzte finale Lösung, auch bei Lovecraft.

Cinematographische Notizen

Der Film basiert auf dem Roman von Adam Nevill, der 2011 erschien. Er behandelt, wie der Film, neben Horror mit Lovecraft-Elementen noch Verlust, Schuld, Hoffnung und zerstörte Freundschaften. Die Umsetzung von David Bruckner entstand als britisch-kanadische Produktion in den karpatischen Bergen Rumäniens als Schweden-Double.


Die Musik von Ben Lovett ist mit ihren sphärisch-unheimlich bis trommelnd-rhythmischen Klängen zusammen mit der hervorragenden Arbeit bei den Soundeffekten Motor der Emotionen des Zuschauers. Andrew Shulkind an der Kamera schafft es, sowohl mit den weiten, nebligen Panoramaaufnahmen als auch mit den zur Paranoia beitragenden Nahaufnahmen die Stimmung von Furcht und Verlorenheit einzufangen.


Es wurde Wert darauf gelegt, die gezeigten Runen korrekt mit einer entsprechenden Bedeutung auszusuchen. Eine bedeutet Eigentum/Anwesen; die Wanderer betreten somit das Anwesen Jötunns, eine bedeutet Elch, die Grundform der Erscheinung des Wesens. Im Roman heißt die Jötunn Moder, was nordisch für Mutter ist.


Der von Andy Serkis - Motion-Capture-Star in Herr der Ringe, Planet der Affen etc. - produzierte Film feierte auf dem Toronto International Film Festival Premiere. Der Film wurde nach kurzer Kinoauswertung von Netflix gekauft.

Bewertung

Zwar handelt es sich um eine Romanverfilmung, die Lovecraftbezüge sind aber deutlich.


Der Film ist gut gespielt, im Gegensatz zu den Charakteren in Lovecrafts Geschichten sind die Figuren glaubhaft, emotional fassbar und agieren nachvollziehbar. So leidet man mit ihnen und spürt die Spannung untereinander. Die immer verzweifelter werdende Situation lässt die Nerven blank liegen und das überträgt sich auf den Zuschauer.


Schön gelungen sind der Spannungsaufbau und der Einsatz der Kreatur. Diese ist zunächst nur zu hören, dann wird sie angedeutet. Sie ist nie wirklich sichtbar, bis es zum Finale kommt. Das Creature - Design ist hervorragend, nach dem Empty Man - Design meiner Meinung nach das Beste der letzten Zeit und die gelungenen Effekte machen die Ereignisse glaubwürdig.


Die Geschichte um Schuld und Trauer beginnt mit einem Ritual zum Abschied von einem Freund und hat ein Opferritual an ihrem Höhepunkt.

Fazit

Ein gelungener, stimmungsvoller Horrorfilm mit vielen Lovecraftvibes, stetig steigender Spannung und einem herausragendem Creature-Design. Eine Perle im Netflix-Programm und definitiv eine Sichtung wert.

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