Lovecrafter Online – Rezension: Feuersignale

Der umtriebige polnische Autor Stefan Grabiński (1887-1936) ist einer der weniger bekannten Autoren weirder phantastischer Literatur. Unter Genrekennern gilt er jedoch als einer der ganz großen Autoren. Seine relative Unbekanntheit ist sowohl Resultat als auch Grund für die äußerst wenigen Übersetzungen. Der Blitzverlag hat nun mit Feuersignale im Rahmen von Lovecrafts Schriften des Grauens eine Hommage an den beeindruckenden Autor vorgelegt, die neben vier Übersetzungen von Grabiński selber, auch neun Kurzgeschichten internationaler Autor*innen und einen Essay versammelt, die sich allesamt an Grabińskis Arbeit orientieren.


Wahlweise als polnischer Poe oder Lovecraft bezeichnet, ist Grabiński Werk durchaus vielfältig und eigenständig. Besonders seine Eisenbahnerzählungen stechen dabei hervor und sind auch der absolute Dreh- und Angelpunkt der vorliegenden Sammlung.


Das Kernstück sind die Texte von Grabiński selber, die man in einer Rezension nur schwer würdigen kann. Sie arbeiten in einzigartiger Ernsthaftigkeit mit der Faszination Eisenbahn, die mit verstörenden Erscheinungen angereichert wurden und eine eigensinnige anachronistische Stimmung transportieren. Garbínski lesen führt den Konsumenten wirklich in eine andere Welt, die sich hier um eigensinnige Einzelgänger dreht, die ihr Leben den dampfbetriebenen Ungetümen gewidmet haben. Selber aus der Zeit gefallen, stehen sie irgendwo zwischen Moderne und melancholischem Konservatismus. Beeindruckend ist die tiefe Durchdringung des Materials und die Mysterien, die sich immer knapp dem Verstehen entziehen. Dies gilt auch - und vielleicht sogar besonders - für die vierte enthaltene Geschichte, die ohne Eisenbahnen auskommt, aber ebenfalls mit der Hingabe eines eigensinnigen Mannes an eine technisch-chemische Leidenschaft arbeitet.


Während Grabinskis Geschichten nachklingen und eine tiefere Ebene zeigen, bleiben die meisten der weiteren Geschichten vergleichsweise flach. Einig ist ihnen das Eisenbahnmotiv und häufig ein historischer polnischer Schauplatz. Die Handlungen und Mysterien sind allerdings schnell durchschaut und bedienen sich abgenutzter Schauermotive. Dämonen, Höllenzüge und eigentlich schon tote Erzähler können kaum überraschen und bleiben fast allesamt auf bekannten Gleisstrecken. Hoch anzurechnen ist allerdings die Leistung des Bandes, neben mehr oder weniger bekannten deutschsprachigen Genreautor*innen auch internationale Beiträge übersetzt zu versammeln. Ein Fakt, der sich übrigens nicht direkt aufdrängt, was für die erstklassige Übersetzungsarbeit von Brandt und Krzystof Romański spricht.


Überzeugen konnte mich Jörg Fischers “Feuerblume“, die in plastischer Sprache die Fahrt eines Sanitäts- und Leichenzuges des ersten Weltkriegs beschreibt. Die Schicksale der Protagonist*innen gehen nahe und fühlen sich historisch korrekt an. Auch wenn mich die Auflösung etwas enttäuscht hat, bleibt mir die Geschichte durch starke Sprache und Charaktere äußerst positiv in Erinnerung. Felix Woitkowskis “Violett” dreht sich um ein deutlich stärkeres Mysterium als die meisten anderen Geschichten und überzeugt durch eine stark getaktete Enthüllung und intensive Arbeit mit judaistischer Motivik.


Die radikalste und fruchtbarste Geschichte stammt schließlich von Tobias Reckermann. Der Maschinist des WhiteTrain Verlages mit dem ich mich bereits anderswo zum Zugmotiv auslassen durfte, darf natürlich bei einer solchen Anthologie nicht fehlen. Sein “Daemonion gravitatis” ist weniger eine klassische Geschichte als der surrealistisch gezeichnete Nachvollzug eines zentralen Gedankens. Der konzeptionell-philosophische Ernst hebt den Text nachdrücklich ab, auch wenn er weniger zur entspannenden Unterhaltung taugen dürfte als die weiteren Texte.


Abgerundet wird der Band schließlich mit einem theoretischen Beitrag von Nils Gampert. Passend zur Reihe wählt der Lovecrafter-Stammautor den Vergleich zwischen Lovecraft und Grabiński als Ausgangspunkt. Der entpuppt sich jedoch – wie Gampert selber mit überzeugender Recherche zeigt – als wenig tragfähig. Statt bei dieser Feststellung stehen zu bleiben, wird die im Band enthaltene “Parabel vom Tunnelmaulwurf” als mögliche Parallele genannt. Dazu greift Gampert auf eine sehr umgreifende und voraussetzungsreiche Reflexion über “das Andere” zurück. Beide Autoren – Lovecraft und Grabiński – arbeiten sich an diesem Problem ab, tun das jedoch, wie der Text zeigt, wiederum auf ganz andere Weise. Dieses Ergebnis ist für die Lektüre des Bandes wenig hilfreich, aber insofern verdienstvoll als das eine theoretische Literaturbetrachtung in der Phantastikszene häufig zu kurz kommt. Leider wird der Text durch einen unnötig komplizierten Stil getrübt. Gampert operiert mit großen und teils unscharfen Begriffen die durch viele Einschübe eher komplizierter als klarer werden. Er zieht zahlreiche interessante Verbindungen, kann diese aber nicht ausführen und überfordert die Leser*innenschaft dadurch tendenziell. So kulminiert der Text etwa in einer äußerst kondensierten Verdringlichungskritik die identitätsphilosophisch aufgelöst wird. Dies setzt eine Reihe an philosophischen Vorannahmen voraus, die der Text nicht befriedigend einlösen kann. Ich hätte mir daher mehr Fokus und eine etwas klarere Sprache und Argumentationslinie gewünscht. So fühle ich mich leider trotz philosophischer Vorkenntnis etwas im Text verloren.


Gamperts Artikel trägt jedoch auch die Bürde, eine fehlende Einordnung Grabińskis im Band auszugleichen. Statt eines die Rolle Grabińskis diskutierenden Vor- oder Nachwortes beginnt das Buch mit einem Pastiche von Herausgeberin Silke Brandt. Das Prosavorwort stimmt durchaus gelungen ein, ist für sich aber keine besonders starke Erzählung und leistet wenig zur Erhellung des vorliegenden Bandes.


Den Feuersignalen ist das Verdienst von hochwertigen Grabiński-Übersetzungen hoch anzurechnen. Die Zugabe der weiteren Texten kann hingegen nur mit Abstrichen überzeugen. Keine Geschichte kann das Niveau Grabinskis erreichen und nur wenige entfalten eigene Gedanken mit eigener Stimme. Keine der Erzählungen enttäuscht völlig und es finden sich hier auch ganz neue Namen für die deutschsprachige Phantastik, den meisten Geschichten fehlt aber meines Erachtens die Brillanz.


Nichtsdestotrotz ist das Buch ein beeindruckendes Werk, das allein schon für die vier Grabiński-Texte den Preis wert ist. Und auch wenn ich diesmal etwas weniger von den weiteren Texten begeistert bin, finden sich hier einzelne starke Geschichten und Namen die man sich merken sollte. Es ist äußerst erfreulich, dass die Phantastik durch solche Projekte nicht nur einen ihrer Stammväter würdigt, sondern auch einen beitrag zum internationalen Austausch der Szene leistet.


Feuersignale

Blitz-Verlag, 2022

Softcover, 332 Seiten, 12,95 €

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P.S.: Wer Maschinenöl geleckt hat, sollte dringend auch einen Blick in die Cthulhu Libria Neo 2 (Horror in Eisenbahnen) (LINK) werfen, die zwei Texte von Silke Brandt über Grabiński enthalten. Ihr dort enthaltener Überblick über Stefan Grabińskis Dämon der Bewegung ergänzt das vorliegende Buch mit Werkschau und Literaturübersicht wunderbar um die fehlende Kontextualisierung.