Lovecrafter Online – 101 – Interview mit Sean und Andrew, Howard Phillips Lovecraft Historical Society

Die Howard Phillips Lovecraft Historical Society (HPLHS) sei hier kurz für diejenigen, die sie noch nicht kennen, vorgestellt: Die HPLHS wurde 1986 von Sean Branney und Andrew Leman gegründet. Wie bei vielen anderen Lovecraftlesenden auch, fanden die beiden über das Rollenspiel zu Lovecraft. In der Folge schrieben sie u. a. mit Cthulhu Lives! ihr eigenes LARP-Regelwerk.


Neben Filmen, herausragenden Hörspieladaptionen (Dark Adventure Radio Theatre) und vielen anderen spannenden Projekten bringt die HPLHS seit Ende 2019 auch einen regelmäßigen und frei zugänglichen Podcast namens Voluminous heraus. In jeder Folge wird ein Brief – manchmal auch mehrere kürzere Briefe – vorgelesen. Darauf folgen ausführliche Informationen zum Entstehungskontext und eine Diskussion des Inhalts. Der Podcast kann unter https://www.hplhs.org/voluminous.php angehört werden.


Die Fragen wurden schriftlich beantwortet, wobei Sean und Andrew sie untereinander aufgeteilt haben. Die Übersetzung erfolgte durch LordJohn.

Wie kamt ihr auf die Idee, regelmäßig Inhalte wie Voluminous zu produzieren?

Im Laufe der Jahre haben wir mit der Gesellschaft ganz verschiedene Dinge produziert: Live-Rollenspiele, Bücher, ein Fanzine, Filme, Musikprojekte und so weiter. Da Podcasts immer mehr Zuhörer fanden, dachten wir, es würde Spaß machen, unseren eigenen Podcast zu produzieren. Zu der Zeit entwickelten wir gerade ein Hörspielprojekt, von dem wir dachten, es würde sich gut für einen Podcast eignen. Aber da wir noch nie einen Podcast produziert hatten, dachten wir, es sei vielleicht gut, uns an der Produktion eines nicht-fiktionalen Podcasts zu versuchen, bevor wir einen fiktionalen Inhalt produzieren und herausbringen.

Seit wann bringt ihr eure Inhalte heraus und gibt es eine interessante Entstehungsgeschichte dazu?

2014 wurde eine Sammlung von Originalbriefen Lovecrafts in einer Keksdose in einer Garage in Iowa „entdeckt“. Durch eine erstaunliche Abfolge von Ereignissen waren wir in der Lage, diese Briefe zu scannen und wir bekamen die Erlaubnis, sie zu veröffentlichen. Das Ergebnis war unser Buch The Spirit of Revision: Lovecraft's Letters to Zealia Brown Reed Bishop.


In den dreißig Jahren, die wir an Lovecraft-Projekten gearbeitet haben, haben weder mein Kollege Andrew Leman noch ich Lovecrafts Briefen viel Aufmerksamkeit geschenkt. Unser Hauptinteresse galt seinen Geschichten und deren Adaption für spannende Unterhaltung. Aber während wir an diesem Buch arbeiteten, begannen wir uns immer mehr für HPLs [Howard Phillips Lovecrafts] Korrespondenz zu interessieren. Immerhin schrieb er mehr Briefe als irgendjemand sonst in in der amerikanischen Geschichte – und wird in weltgeschichtlicher Perspektive womöglich nur von Voltaire übertroffen. Von den geschätzten 90.000 Briefen, die er schrieb, sind nur ungefähr 10.000 Stück erhalten. Aber diese erhaltenen Briefe decken eine erstaunliche Bandbreite von Themen ab und geben den Lesenden einen unglaublichen Einblick in die Welt der 1920er und 1930er und in die Gedankenwelt Lovecrafts – dem Vater der Horrorliteratur.


Also entschieden wir, dass ein Podcast über Lovecrafts Briefe ein großartiger Weg wäre, uns selbst fortzubilden und unsere Gespräche mit einer Zuhörerschaft zu teilen. So begannen wir im Oktober 2019 mit Voluminous: The Letters of H.P. Lovecraft. Im ersten Jahr haben wir jede Woche eine Folge produziert. Am Ende dieses ersten Jahres entschieden wir, auf eine monatliche Produktion umzustellen. Falls du noch nie einen Podcast produziert hast, die machen viel Arbeit! Jede Woche mussten wir einen neuen Brief auswählen, ihn aufnehmen, die Aufnahme schneiden, Nachforschungen zum Brief anstellen, das Gespräch über den Brief aufnehmen, dieses schneiden und den Podcast dann zusammen mit visuellem Begleitmaterial auf unserer Homepage veröffentlichen. Da die Podcasts kostenlos sind, haben wir viel Zeit in ein Projekt gesteckt, das keine direkten Einnahmen brachte. Schlussendlich entschieden wir, dass es vernünftiger wäre, einmal im Monat eine längere Folge zu veröffentlichen.


Momentan ist Voluminous die einzige Produktion, die wir regelmäßig herausbringen. Aber in den letzten Jahren haben wir jedes Jahr zwei bis drei Folgen des Dark Adventure Radio Theatre veröffentlicht. Zusätzlich sind wir mit einem ganzen Haufen anderer Projekte befasst, deren Zeitplan völlig unvorhersehbar ist, sogar für uns.

Wie geht ihr damit um, das Werk eines Menschen zu würdigen, der auch durch seinen Rassismus, seinen Antisemitismus und seine Angst vor fremden Einflüssen bekannt geworden ist?

Was HPLs Rassismus angeht, ist dieser sicherlich eine Herausforderung für uns. Wir sind eine Organisation, die die Werke eines Autors feiert, der Vieles glaubte, was abscheulich und verachtenswert ist. Lovecraft war ein Rassist – niemand kann das ernsthaft bezweifeln. Seine Sichtweisen sind ausgiebig in seinen Briefen dokumentiert (und sie sind unterschwellig in den Geschichten vorhanden). Lovecrafts Weltbild zufolge war jeder, der nicht dessen eigenen ethnischen Hintergrund hatte, minderwertig. Er zeigte Verachtung für Juden, Katholiken, Chinesen, Iren, Italiener, Syrer, Polen und viele andere Gruppen von Menschen. Dies bedeutet, wir sind als Organisation herausgefordert: Wie können wir das Werk eines Menschen unterstützen, dessen Einstellungen so widerwärtig sind?


Wir glauben, dass es möglich – und sogar wünschenswert – ist, die Kunst und den Künstler zu trennen. Man kann die Werke Wagners, Shakespeares oder Mark Twains schätzen, unabhängig davon, ob man die persönlichen Einstellungen dieser Autoren teilt. Es gibt eine Vielzahl von Künstlern, Musikern, Erfindern, Philosophen etc. aus dem frühen 20. Jahrhundert, die die vorherrschenden Meinungen der Zeit teilten. Meinungen, die die meisten von uns, die wir im 21. Jahrhundert leben, abstoßend finden. Was also sollen wir tun? Sollen wir die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung, einen wichtigen und schönen Ausdruck der Ideen, die die USA formen würden, zerreißen, weil viele derjenigen, die sie schrieben, Sklaven besaßen? Bewundern wir die Pyramiden nicht, weil sie durch Sklavenarbeit enstanden?1 Eine solche Vorgehensweise erscheint albern und kurzsichtig. Für uns ist es eine bessere Lösung, objektiv auf Künstler und ihre Werke zu blicken. Wir glauben, dass eine nachdenkliche Person die Verdienste eines Werkes bewundern kann, während sie die Fehler des Autors im Blick hat.


So ist es bei Lovecraft. Wir lesen einige der Dinge, die er in seiner privaten Korrespondenz geschrieben hat, und erschaudern. Wir schütteln unsere Köpfe darüber, dass ein Mann, der so intelligent und wissenschaftlich informiert war, sich an die traurige Pseudo-Wissenschaft vieler Rassisten und Eugeniker seiner Zeit klammerte. Wir verzweifeln an der Selbstverherrlichung seiner eigenen Herkunft und seiner brüsken Ablehnung aller, die nicht wie er waren. Und ja, wir sehen und nehmen hin, dass Lovecrafts Angst vor „dem Anderen“ eine wirkmächtige psychologische Kraft war, die seine Schaffenskraft prägte. Die Dinge, die ihm in seiner Umwelt Angst machten, flossen in den kreativen Horror seines Werkes ein. Lovecraft war ein Mann, dessen Welt im Laufe seines Lebens um ihn zusammenbrach. Er wurde in einen großen, wohlhabenden Haushalt mit vielen Dienern hineingeboren, und doch teilte er sich gegen Ende seines Lebens eine bescheidene Bleibe mit seiner Tante und musste mit einem knappen Mindestauskommen an Nahrung überleben. Man kann sehen, warum es leichter für ihn war, ungerechtfertigte Anschuldigungen gegen fremde Einwanderer in sein geliebtes Providence zu erheben, als sich dem Zusammenbruch der Aristokratie und den Fehlern seiner eigenen Familie zu stellen.


Lovecraft hat uns Zeit unseres Lebens viel Freude beschert und die HPLHS tut ihr Bestes, diese Freude weiterzugeben. Wir verstehen, warum Menschen seine Werke nicht lesen wollen und ermutigen jene, die ihn abstoßend finden, ihn zu lesen. Wir glauben nicht, dass HPL zur verpflichtenden Schullektüre erhoben werden sollte. Aber für Menschen wie uns, die sich an seinem Werk erfreuen, haben wir versucht, eine Gemeinschaft von Fans aufzubauen, die sein Werk zu schätzen wissen. Und wir sind froh, Projekte wie HBOs Lovecraft Country, Victor LaValles The Ballad of Black Tom oder unser eigenes The White Tree zu sehen, die lovecraftsche Unterhaltung in Richtungen vorantreiben, die Lovecraft selbst womöglich gemieden hätte.


Einer von Lovecrafts Korrespondenten war James Ferdinand Morton, Jr. Auf vielerlei Weise war Morton Lovecrafts Gegenteil: Er war Liberaler, Lovecraft konservativ; er war ein Harvard-Absolvent, während Lovecraft sich selbst gebildet hat. Morton schrieb 1906 einen langen Aufsatz mit dem Titel The Curse of Race Prejudice, der sich mit der zerstörerischen Kraft von Rassismus auseinandersetzt, sowohl für diejenigen, die davon betroffen sind, als auch für jene, von dem er ausgeht. Wir haben diesen Aufsatz vor Kurzem neu veröffentlicht und bieten ihn für denselben Preis an, den Morton im Jahre 1906 verlangte: US$ 0.25.


Lovecraft ist tot und nichts, was wir tun, kann ihn oder seine Denkweise ändern. Aber wir glauben, wir können sein Werk in eine moderne, diverse Welt überführen, in der alle möglichen Menschen leben.

Gibt es etwas, das ihr unseren Lesern noch mitgeben möchtet?

Abschließend freuen wir uns über die große Zahl von Lovecraft-Fans in Deutschland. Die HPLHS hat Mitglieder und Kunden auf der ganzen Welt, aber Deutschland ist regelmäßig in den Top Fünf unter den Ländern mit der meisten Wertschätzung für Lovecraft. Hoffentlich werden die Sterne wieder günstig stehen und wir können uns bald wieder mit unseren Lovecraft-Freundinnen und -Freunden in Deutschland treffen.


1 Hier irrt der Autor. Mittlerweile kann man in jedem deutschen Schulgeschichtsbuch nachlesen, dass die Pyramiden von freien Arbeitern errichtet wurden. – der Übersetzer