Lovecrafter Online – 092 – Interview mit Gregor Schweitzer, GM Factory

Der YouTube-Kanal GM Factory dürfte einigen hörbuchaffinen Menschen schon ein Begriff sein. In dessen Rahmen liest der Sprecher Gregor Schweitzer seit einigen Jahren Geschichten von H. P. Lovecraft und anderen phantastischen Autoren stimmungs- und eindrucksvoll vor. Es folgt ein kleiner Blick hinter die Kulissen und wir scheuen auch vor dem Thema „Lovecraft und Rassismus“ nicht zurück. Im Gegenteil möchten wir den teils schwierigen Aspekt thematisieren und damit eine gesunde Diskussion anstoßen.

Seit wann kennt ihr Lovecraft oder andere Mythos-Autor:innen? Wie fandet ihr den Zugang?

Meine Partnerin, Michaela, hatte vor ca. 15 Jahren die Hintergrundgeschichte zu einem Tattoo recherchiert, welches eine lovecraftsche Gottheit darstellte, und so kam sie schließlich auch mit dem Autor in Berührung. Ich selbst erfuhr von Lovecraft erst durch unsere Bekanntschaft viele Jahre später.


Natürlich waren mir Namen wie Conan der Barbar und Red Sonja ein Begriff aus den Filmen, die ich, wie sicher viele andere, in meiner Kindheit kennengelernt hatte. Den Namen des Autors, Robert E. Howard, dem all diese Produktionen letztendlich zugrunde liegen, habe ich in Wahrheit erst viel später durch meine Arbeit als Sprecher kennengelernt.

Wie kamt ihr auf die Idee, regelmäßig Inhalte zu cthuloiden und mythoslastigen Themen zu produzieren?

Als ich meine Grundausbildung als Sprecher abgeschlossen hatte, fand ich es eine gute Beschäftigung, mit dem Einlesen von Hörbüchern meine Fähigkeiten zu trainieren – die Inhalte auf YouTube zu stellen, war eigentlich eine pragmatische Lösung, um die Bücher jederzeit als Hörproben für potenzielle Interessenten anzapfen zu können. Aber ich wollte natürlich keine rechtlichen Schwierigkeiten aufgrund der Urheberrechte bekommen. So brachte mir Michaela Howard Phillips Lovecraft als Autor nahe, dessen urheberrechtliche Ansprüche praktischerweise zu dem Zeitpunkt schon abgelaufen waren und so kam auch ich das erste Mal überhaupt mit diesem Autor in Kontakt.

Seit wann bringt ihr eure Inhalte heraus und gibt es eine interessante Entstehungsgeschichte dazu?

Unseren Kanal GM-Factory gibt es schon seit sieben Jahren, doch damit angefangen, Hörbücher in regelmäßigen Abständen dort zu veröffentlichen, haben wir erst 2018. Nachdem unsere allererste Veröffentlichung, Der Mann aus Stein, trotz winziger Reichweite überraschend viel Interesse erweckte, wurden wir neugierig und setzten unsere Arbeit fort. Nach kurzer Zeit wurde uns klar, dass sich H. P. Lovecraft als ein spektakuläres Zugpferd für unseren Kanal entwickeln würde und so wurden wir hungrig auf weitere Autoren rund um die Genres Horror, Weird-Fiction, Fantasy, Sci-Fi etc. Die Arbeit an diesen alten Werken tat meiner Karriere gut und ich bin heute sehr glücklich darüber, als Vorleser für diese alten Geschichten von unseren Hörerinnen und Hörern so positiv angenommen worden zu sein.


Nachdem wir rechtliche Arrangements mit dem Festa Verlag und anderen getroffen hatten, war auch für deren Übersetzungen der Weg frei (was wir von Beginn an ja nicht sofort wussten). Heute übersetzen wir bereits selber, um weitere Autoren wie William Hope Hodgson oder Algernon Blackwood mit ins Repertoire aufnehmen zu können, schreiben unsere eigenen Geschichten und haben es auch dem einen oder anderen Hobbyautor ermöglicht eine Plattform für ihre Werke zu nutzen.

Wie geht ihr damit um, mit H. P. Lovecraft das Werk eines Menschen zu würdigen, der auch durch seinen Rassismus, seinen Antisemitismus und seine Angst vor fremden Einflüssen bekannt geworden ist?

Ich hoffe verantwortungsvoll. So wie jeder von uns Ängste mit sich herumträgt, passiert es leider, dass es oftmals die Schwächsten, oder vielleicht besser gesagt, Empfindlichsten sind, die diese Ängste durch Zorn auf eine Kultur oder irgendeine Gruppe zu entladen versuchen. Dabei geht es oftmals gar nicht um eine Gruppe im Speziellen, sondern eher um das bequeme Mittel der Verallgemeinerung. Sie dient dann als Rechtfertigung fürs Dampfablassen, um sich vom eigenen negativen Druck zu erleichtern. Eine Sackgasse, ohne Frage – aber ein Mensch besteht nicht nur aus seinen Schattenseiten. Im Falle von Lovecraft hat es das Beste oder „Schrecklichste“ aus seiner künstlerischen Ader herausdestilliert, um den Horror-Mythos zu Papier zu bringen, der noch heute so viele Menschen in Schwingung versetzt. Leider ist es heutzutage schwer geworden, sich über dieses, eigentlich sehr banale, Thema rational zu unterhalten. Es wird einfach viel zu oft als trendiges Werkzeug der Selbsterhöhung oder eigennütziger politischer Machtstärkung missbraucht, als tatsächlich gegen Rassismus vorzugehen. Ich denke, es ist besonders für jeden erwachsenen Menschen wichtig zu lernen, mit Worten verantwortungsvoll umzugehen. In diesen „Verlegenheitszustand“ des Lernens und Begreifens kann man aber kaum kommen, wenn man sich dem Mittel der Zensur bedient und versucht dunkle Seiten der Vergangenheit aus unserer Geschichte zu tilgen. Wir haben uns dafür entschieden, unserer Hörerschaft die Fähigkeit zu einer mündigen Differenzierung nicht abzusprechen und ihr verantwortungsbewusstes Handeln mit diesen alten Texten selbst zu überlassen.

Gibt es etwas, dass ihr eurem Publikum noch mitgeben möchtet?

Wir hoffen, dass wir unseren Hörerinnen und Hörern mit unseren Vertonungen noch viele Jahre eine gute Unterhaltung bieten können. Es sollen noch viele weitere Autoren hinzukommen und mittlerweile arbeiten wir ja auch auf Hochtouren an einem Point-and-Click-Adventure für die Gaming-affinen, das im lovecraftschen Innsmouth spielen soll. Dabei fungiere ich als Regisseur für viele andere Sprecherinnen und Sprecher. Macht euch auf etwas gefasst, denn es wird noch dieses Jahr erneut einen interessanten Einblick dazu geben. Es wird bei den Hörbüchern also nicht bleiben. Auch ein Zeichentrickfilm ist bereits in Planung. Aber das heben wir uns dann vielleicht lieber fürs nächste Interview auf. 😉


Vielen Dank für das Interview, Gregor!


Der YouTube-Kanal von GM Factory ist unter www.youtube.com/gmfactory zu finden.


Wir freuen uns, wenn ihr unter diesem Artikel auch zum Thema „Lovecraft und Rassismus“ diskutiert. Bitte bleibt jedoch dabei zivil.

Antworten 1