Lovecrafter Online – 091 – Rezension: Dagon (Computerspiel)

Die Veränderung geschah, während ich schlief...


Wer kennt sie eigentlich nicht? Die Rede ist natürlich von der Erzählung Dagon, die H.P. Lovecraft im Jahr 1917 geschrieben hatte und die zwei Jahre später im Magazin The Vagrant von W. Paul Cook veröffentlicht wurde. Jeder, der sich mit Lovecraft und dem von ihm erschaffenem Mythos befasst, stolpert früher oder später über diese Kurzgeschichte. In dieser folgen wir den Spuren eines ehemaligen Schiffsoffiziers und tauchen mit ihm in die stygischen Abgründe seines morphiumabhängigen Geistes ein. Der Erzähler, dessen Namen wir nicht erfahren, schreibt kurz vor seinem Tod seine Geschichte auf, die gleichzeitig ein Testament ist.


Die Geschichte


Der Erzähler berichtet davon, wie er in der Anfangszeit des Ersten Weltkrieges von einer deutschen Mannschaft gefangen wurde und wie es ihm gelang, durch die Unaufmerksamkeit der Seeleute, mit ein wenig Proviant in einem Rettungsboot zu fliehen. Lange Zeit treibt er mit dem Boot im Pazifik umher, bis er eines morgens an einem schleimigen Sumpfland landet. Tagelang wandert er auf dem von der Sonne getrockneten Boden, zwischen verwesenden Fischen und Meerestieren, die er nicht erkannte, umher. Als Orientierung dient ihm ein weit entfernter „Hügel“ im Westen. Dieser „Hügel“ stellt sich als wesentlich höher heraus als gedacht. W ir erfahren, dass der Erzähler noch eine tiefe Schlucht mit Wasser überwinden müsste, um auf diesen hochklettern zu können. Seine Aufmerksamkeit richtet sich auf einen weißen Monolithen, der am Rande dieser Schlucht steht. Auf der Oberfläche sind ihm unbekannte Hieroglyphen von Fischen, Aalen, Tintenfischen angebracht. Doch finden sich auch Abbildungen von Wesen, die zwar menschenähnlich aussehen, jedoch auch fischähnliche Körpermerkmale haben. Während sich der Erzähler dem Monolithen widmet, erhebt sich aus dem Wasser eine gewaltige Kreatur, umschlingt den Stein und gibt gutturale Laute von sich. Von einer wahnsinnigen Angst gepackt, flieht der Seemann zu seinem Boot. Bevor er in die Schwärze der Bewusstlosigkeit versinkt, sieht er noch einen Sturm aufziehen. Später wird er in einem Krankenhauszimmer in San Francisco wach.


Da niemand über eine neu aufgetauchte Insel spricht, entscheidet er sich, über seine Erlebnisse zu schweigen. Nur ein einziges Mal befragt er einen berühmten Ethnologen über den Fischgott Dagon, doch dieses Gespräch liefert keine Ergebnisse. Um seinen immer wiederkehrenden Träumen zu entkommen, versinkt er im Drogenkonsum. Seine Angst, dass die Wesen irgendwann auf die Oberfläche kommen und die Menschheit ins Verderben stürzen könnten, wird vom Tag zu Tag größer... „The end is near. I hear a noise at the door, as of some immense slippery body lumbering against it. It shall not find me. God, that hand! The window! The window!“ Mit diesen Worten endet die Geschichte. Wurde er nun von den menschenähnlichen Fischwesen geholt? Oder hat ihm seine, von Drogen betäubte, Fantasie einen tödlichen Streich gespielt? Dies muss jeder Leser für sich selbst entscheiden.


Dagon ist eine Geschichte, die Gänsehaut beschert und kalten Schweiß auf der Stirn stehen lässt, wenn man es als Leser zulässt und das Kopfkino für sich arbeiten lässt. Wie schon H. P. Lovecraft sagte: „Das älteste und stärkste Gefühl ist die Angst, und die älteste und stärkste Form der Angst ist die Angst vor dem Unbekannten.“


Das Spiel


Widmen wir uns nun dem eigentlichen Thema dieses Artikels: dem Spiel Dagon by H. P. Lovecraft von BitGolem. BitGolem ist ein kleines, unabhängiges Entwicklerstudio aus Polen. Laut eigener Aussage konzentrieren sie sich hauptsächlich auf erzählerische und storygetriebene Spiele. Der Fokus auf die Story ist bei ihnen ausschlaggebend.

Den Spieler erwartet eine Art „Film zum Durchklicken“ aus der Egoperspektive, welcher die Kurzgeschichte Dagon wiedergibt. Martyn Owen leiht der Erzählung seine Stimme . Natürlich gibt es Untertitel in diversen Sprachen. Zusammen mit der Geräuschkulisse und Musik von Dark Fantasy Studio wird eine einmalige schaurige Atmosphäre erzeugt, die perfekt zu der Story passt. Die Grafik des Spiels lässt kaum Wünsche offen. Die Umgebung ist düster und die Liebe der Entwickler zum Detail ist nicht zu übersehen.

Es ist schlicht die Kurzgeschichte, die dem Spieler in einer visuellen 3D Form präsentiert wird. Man klickt sich durch die Sequenzen durch, es werden keine Entscheidungen getroffen oder Inventar gesucht und mitgeschleppt. Durch die oben erwähnte Geräuschkulisse hat man das Gefühl, mitten drin zu sein. Man hört das Plätschern des Wassers, die Schritte im getrockneten Schlamm oder die grässlichen Geräusche der Kreaturen, die im Matsch zum Sterben verurteilt sind. In jeder dieser Sequenzen kann man sich umsehen und mit Glück entdeckt man einige interessante Trivia Facts. Es werden Sachen zu der Geschichte erzählt (z. B seit wann Morphin im 19. Jahrhundert verabreicht wurde oder wer die Hunnen waren) und zu dem Schriftsteller selbst (sein Sinn für Humor, seine eigenbrötlerische Art usw.).


Mein persönliches Fazit


Ich bin an das Spiel komplett ohne Erwartungen herangetreten. Irgendwie kam ich auch gar nicht dazu, mir Trailer oder Ähnliches anzuschauen. Da ich in letzter Zeit aber alles konsumiere, sofern es sich um kosmischen Horror dreht, musste ich mir natürlich auch dieses Spiel herunterladen . Dagon von BitGolem überraschte mich sehr auf die positive Art und Weise. Obwohl man sich nur durch bewegende Bilder klickt, hat man durch die schauerliche Atmosphäre und Geräusche das Gefühl, ein Teil von der Geschichte zu sein. Wenn man an die Stelle kommt, an der die gestrandeten Tintenfische und andere Meeresbewohner im Matsch herumliegen, hat die Qualität der Grafik für mich ihren absoluten Höhepunkt erreicht.


Durch die Trivia-Fakten, die man als Spieler entdecken kann, habe ich Sachen erfahren, die ich über den H.P. Lovecraft noch gar nicht wusste. So öffnete er unerwarteten Gästen im Morgenmantel die Tür, um sie zu verscheuchen. Oder dass seine Mutter mit all ihrer Macht verhindert hatte, dass er in den Krieg zieht, obwohl er die körperliche Prüfung bestanden hatte. Auch die Fakten zum Geschehen in der Geschichte sind wundervoll ausgearbeitet und liefern einige Hintergrunddetails, die man nicht immer präsent hat. (z. B. wurde die Bezeichnung „Hunnen“ von den Britten im ersten Weltkrieg als Synonym für die deutsche Streitmacht verwendet, da jene genauso brutal war wie die nomadischen Hunnen im 5. Jahrhundert n. Chr.). Einziges Manko war für mich die Darstellung von Dagon höchstselbst, den ich mir immer etwas anders vorgestellt habe. Für mich ist Dagon ein großes fischähnliches Monstrum mit einem langen Schwanz. Dieser wurde im Spiel mit zwei Beinen dargestellt, was jetzt aber nicht als schwerwiegender Kritikpunkt gesehen werden sollte: Jeder interpretiert die von Lovecraft erschaffenen und als unbeschreiblich beschriebenen Wesen verschieden – und das ist auch gut so.


Fazit: Ich kann diese visuelle Erzählung von Dagon wirklich jedem Lovecraft-Fan und denen, die es noch werden möchten, empfehlen. BitGolem hat hier etwas Großartiges entwickelt und ich hoffe, dass sie noch weitere Geschichten von H.P. Lovecraft in diesem Stil visualisieren werden.