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Lovecrafter Online - 024 - Chroniken des Grauens 1: Dagon

  • Seanchui
  • 25. Mai 2020 um 12:00
  • 3.582 Mal gelesen
  • 3 Antworten
Zugegeben, vertonte Versionen von Lovecrafts Werk gibt es mittlerweile einige. Dabei sind Lesungen wohl ebenso häufig anzutreffen wie Hörspiele. Und natürlich ist Lovecrafts eigenes Schaffen mindestens ebenso oft vertont worden wie auch mutige – oder auch schlechte – Neuinterpretationen seiner Werke. Nun gibt es eine neue Reihe, die „Chroniken des Grauens“. Der Lovecrafter online hört einmal herein.
Inhaltsverzeichnis [VerbergenAnzeigen]
  1. Inhalt
  2. Kritik
  3. Technik
  4. Fazit

Als erste Episode seiner neuen Reihe Chroniken des Grauens wählte Markus Winter, seines Zeichens Drehbuchautor und Geschäftsführer des Hörspielverlages WinterZeit Audiobooks Lovecrafts frühe Kurzgeschichte Dagon aus. Schon diese Wahl erschien mir seltsam, denn eine Vertonung von Dagon war mir bislang noch nicht untergekommen. Schlussendlich gilt Dagon ja mittlerweile auch als eine frühe Variante von Lovecrafts späterem Der Ruf des Cthulhu, was ja zu einer seiner berühmtesten Erzählungen werden sollte. Kein Wunder, dass die meisten Verlage dann auch lieber auf dieses Zugpferd setzen. Nicht aber Winter, der sich mutigerweise Lovecrafts Frühwerk annimmt.

Inhalt

Das Hörspiel legt gleich stilecht mit dem wohl berühmtesten Zitat aus Dagon los: „Das Ende ist nahe. Ich höre ein Geräusch an der Tür, als würde ein gewaltiger glitschiger Leib dagegen drücken. Er soll mich nicht finden. Gott, diese Hand! Das Fenster! Das Fenster!“ Von dort aus nimmt uns Markus Winter mit in die Geschichte, die Lovecraft vor über 100 Jahren ersann: 1917. Soldaten der Kriegsmarine retten einen verwirrten Mann aus den Fluten des Meeres. Zunächst behauptet er, er könne sich an nichts erinnern. Nur sein Name, Randolph Carter, und der Name Dagon klingen in seinem Gedächtnis wieder. Doch als ihn der diensthabende General nach seiner Geschichte befragt, erzählt er von einer schier unglaublichen Entdeckung. Denn nach dem Untergang seines Schiffes, von deutschen Kriegsschiffen versenkt, spült es ihn an die Küste eines völlig unbekannten Eilandes …

Neben dieser klassischen Erzählung baut Winter jedoch noch den Beginn einer Rahmenhandlung auf, welche die folgenden Episoden der Chroniken des Grauens miteinander verknüpfen wird. So sind die Erzählungen Carters immer wieder von Ausflügen in andere Epochen unterbrochen. In den 1950er Jahren erlebt der Polizist Marlowe die unglaubliche Flucht eines Gefangenen. Und im Jahr 2019 verfolgen zwei Jugendliche, eigentlich nur Besucher einer Fantasy-Convention, die Spur eines mysteriösen Bücherdiebes. Während Carters Erzählung aus den 1910ern zu seinem bekannten Ende geführt wird, bleiben die beiden anderen Handlungsstränge völlig offen. Die folgenden Episoden werden zeigen, wie es hier weitergeht, und was diese scheinbar völlig zusammenhanglos erscheinenden Handlungsstränge miteinander zu tun haben.

Kritik

Zunächst einmal: Ja, auch Markus Winter hat sich einige Freiheiten bei der Vertonung von Lovecrafts Werk genommen. Nicht umsonst gilt Lovecrafts Schaffen nur schwer auf andere Medien übertragbar. Um viele innere Monologe zu umgehen, die sich der einsame Gerettete in Lovecrafts Geschichte mit sich selber liefert, dichtet Winter einen zweiten Überlebenden in das Boot Carters. So haben die beiden Gelegenheit, ihre Erlebnisse gemeinsam an den Hörer zu bringen. Da dies allerdings der einzige nennenswerte Eingriff in die Originalgeschichte ist, konnte ich damit gut leben. Da habe ich schon deutlich gröbere Eingriffe in Lovecrafts Schaffen erlebt.

Dieser recht werkgetreuen Umsetzung der titelgebenden Geschichte steht allerdings die Rahmenhandlung gegenüber, die Winter für die Chroniken des Grauens entworfen hat. Diese unterbricht Carters Erzählungen immer wieder und wirft in dieser ersten Episode erst einmal einen Haufen Fragen auf. Zwar werden die unterschiedlichen Handlungsstränge konsequent angekündigt, dennoch wirken die Zeitsprünge beim ersten Hören verwirrend. Und auch die Sinnhaftigkeit dieser weiteren Handlungsebenen lässt sich nur aus dem Hören der ersten Episode nicht ableiten. Da bleibt nur, die komplette Staffel – welche aus vier von Lovecrafts Geschichten bestehen soll – abzuwarten, um eine abschließende Bewertung über diese ungewöhnliche Herangehensweise abzugeben. Betrachte ich Dagon als Einzelepisode, hätte ich lieber den wirklich eindringlich und gut aufgearbeiteten Schilderungen Carters gelauscht, als mich ständig auf andere Zeitebenen zu begeben. Doch das mag sich am Ende der Reihe anders ausnehmen.

Technik

Technisch gibt es an Dagon nichts zu meckern. Wirklich. Die Sprecherliste ist lang und mit einigen großen Stimmen garniert. Insbesondere Tommy Morgenstern möchte ich lobend erwähnen, der einen absolut überzeugenden Randolph Carter gibt. Doch auch die anderen Sprecher machen ihre Sache absolut souverän. Das Hörspiel wird mit professionellen Soundeffekten unterstützt und muss sich hier keinesfalls verstecken. Insbesondere die vielen maritimen Szenen sind mit den passenden Sounds untermalt, was dem Kopfkino rasch auf die Sprünge hilft. Wie bei vielen WinterZeit-Produktionen hat Autor Winter Wert auf einen eigenen Soundtrack gelegt, der dieses Mal aus der Feder von Michael Donner stammt und unheilschwanger und tief bedrohlich daherkommt.

Neben diesen offensichtlich für die Ohren bestimmten Features ist aber auch die Aufmachung der CD absolut gelungen. Das Coverbild zeigt ein vom Sturm aufgewühltes Meer, ein gekentertes Boot und schroffe Felsen und ist – passend zum Thema – in dunklen Blautönen gehalten. Ein umfangreiches Booklet informiert über den Werdegang der Reihe und stellt einige der Sprecher und weitere Beteiligte vor. Nein, technisch kann ich nur eine gute Note vergeben.

Fazit

Ein Fazit fällt schwer. Auf der einen Seite steht die wirklich hervorragende Umsetzung von Lovecrafts Geschichte Dagon als Hörspiel. Auf der anderen Seite steht eine mit Zeitsprüngen behaftete Rahmenhandlung, deren Beurteilung mir nach dieser ersten Episode schwer fällt. Puristen unter Lovecrafts Fans werden hier nicht wirklich auf ihre Kosten kommen. Alle anderen können aber gerne einmal ein Ohr riskieren. Meine Neugier auf den Rest der Chroniken des Grauens ist jedenfalls geweckt.

Chroniken des Grauens 1: Dagon

WinterZeit Audiobooks 2020

ISBN: 978-3960662846

Beim Verlag bestellen: https://www.winterzeitstudios.de/produkt/howard…-akte-01-dagon/

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Seanchui
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Gefällt mir 1
0
Es wurden keine Einträge gefunden.

Antworten 3

LovecraftianMonster
3. Juli 2020 um 08:40

Erst mal: Vielen dank fürs vorab reinhören, das erspart mir das lesen dieser unsäglichen Audible Rezensionen.

Ich muss ja doch sagen, dass mich die Aussage Lovecrafts Werke wären "schwer auf Medien zu übertragen" (war glaube ich der hier gewählte Terminus) etwas stört. Ich bin tatsächlich der überzeugung, zu Lovecraft gehört eine Stimme, die die ganze Szenerie richtig Lebendig macht. Es mag daran liegen, dass ich sowohl ein ausgewachsener Cineast bist als auch so unfassbar Bibliophil, dass sich daraus die Eigenart entwickelt hat in Bildern, Szenen, Hintergrundmusik und Soundeffekten zu lesen. Eine Welt wie die Lovecrafts, die sich so auf die Stimmung und die Atmosphere verlässt, bedarf all das.


LG und danke

MD das LovecraftianMonster

Seanchui
3. Juli 2020 um 08:45

Die Aussage stammt tatsächlich von "Schaffenden".

Nimm das Interview mit Markus Winter als Beispiel: ein Hörspiel basierend auf dem Originaltext ist extrem schwierig, da hier schlussendlich fast immer Monologe vorherrschen - was bei einem Hörspiel nur bedingt "cool" rüberkommt. D.h. die meisten Drehbuchautoren gehen hier den Kniff und erfinden Figuren hinzu, um Dialoge zu ermöglichen. Das ist nicht "schwer" zu übertragen, aber halt auch nicht "ohne weiteres".

Beim Thema "Film" wird das ganze noch einmal schwieriger - zum einen natürlich aufgrund der schwammigen Beschreibung ("unbeschreiblich" eben) vieler Inhalte (gut, das wäre mit künstlerischer Freiheit noch in Bilder zu übersetzen), zum anderen aber auch, weil viele "klassische Elemente" eines "Blockbusters" in Lovecraft-Geschichten einfach fehlen.

Es gibt aber sicher Medien, die hervorragend geeignet sind. Es gibt ganz großartige "szenische Lesungen" zu Lovecraft, und das ist es glaube ich auch, was Dir am ehesten vorschwebt. Da klappt das natürlich hervorragend.

LovecraftianMonster
3. Juli 2020 um 09:00

Da hast du wahrscheinluch Recht :)

Ich weiß nicht, ich bin auch mit Rufus Beck als Stimme von Harry Potter großgeworden und war dann z.B. enttäuscht, dass der Arthur Weaslye im Film keinen Norddeutschen Dialekt hatte. Es liegt glaube ich sehr stark daran, was wir den Firguren beim Lesen selbst zutrauen. Wenn ich ein Buch lese, dass nur aus Monologen oder ganz ohne Persönliche/Unpersönliche Rede auskommt wie z.B. Der Fremde von Camus... ich will mir den Film oder das Hörbuch gar nicht vorstellen. Das muss ungeheuer Langweilig, oder nicht mehr als die Ursprüngliche Geschichte erkennbar sein. Aber das ist ja das schöne an Lovecraft, denn er lässt dem Leser/Hörer die Freiheit zu glauben was er/sie will also können auch Personen die im Buch oder in der Geschichte an sich nicht vorkommen in der Ton/Bild Fassung durchaus einen legitimen Status haben... z.B. als mögliche Manifestation einer inneren Stimme oder als Trugbild aus einer Erinnerung, oder eine Figur die im Fieberwahn mit seinem Spieglbild spricht und plötzlich das Spiegelbild reagiert.

LG

MD das LovecroftianMonster 8)8)

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