Lovecrafter Online - 024 - Chroniken des Grauens 1: Dagon
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Seanchui -
25. Mai 2020 um 12:00 -
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Als erste Episode seiner neuen Reihe Chroniken des Grauens wählte Markus Winter, seines Zeichens Drehbuchautor und Geschäftsführer des Hörspielverlages WinterZeit Audiobooks Lovecrafts frühe Kurzgeschichte Dagon aus. Schon diese Wahl erschien mir seltsam, denn eine Vertonung von Dagon war mir bislang noch nicht untergekommen. Schlussendlich gilt Dagon ja mittlerweile auch als eine frühe Variante von Lovecrafts späterem Der Ruf des Cthulhu, was ja zu einer seiner berühmtesten Erzählungen werden sollte. Kein Wunder, dass die meisten Verlage dann auch lieber auf dieses Zugpferd setzen. Nicht aber Winter, der sich mutigerweise Lovecrafts Frühwerk annimmt.
Inhalt
Das Hörspiel legt gleich stilecht mit dem wohl berühmtesten Zitat aus Dagon los: „Das Ende ist nahe. Ich höre ein Geräusch an der Tür, als würde ein gewaltiger glitschiger Leib dagegen drücken. Er soll mich nicht finden. Gott, diese Hand! Das Fenster! Das Fenster!“ Von dort aus nimmt uns Markus Winter mit in die Geschichte, die Lovecraft vor über 100 Jahren ersann: 1917. Soldaten der Kriegsmarine retten einen verwirrten Mann aus den Fluten des Meeres. Zunächst behauptet er, er könne sich an nichts erinnern. Nur sein Name, Randolph Carter, und der Name Dagon klingen in seinem Gedächtnis wieder. Doch als ihn der diensthabende General nach seiner Geschichte befragt, erzählt er von einer schier unglaublichen Entdeckung. Denn nach dem Untergang seines Schiffes, von deutschen Kriegsschiffen versenkt, spült es ihn an die Küste eines völlig unbekannten Eilandes …
Neben dieser klassischen Erzählung baut Winter jedoch noch den Beginn einer Rahmenhandlung auf, welche die folgenden Episoden der Chroniken des Grauens miteinander verknüpfen wird. So sind die Erzählungen Carters immer wieder von Ausflügen in andere Epochen unterbrochen. In den 1950er Jahren erlebt der Polizist Marlowe die unglaubliche Flucht eines Gefangenen. Und im Jahr 2019 verfolgen zwei Jugendliche, eigentlich nur Besucher einer Fantasy-Convention, die Spur eines mysteriösen Bücherdiebes. Während Carters Erzählung aus den 1910ern zu seinem bekannten Ende geführt wird, bleiben die beiden anderen Handlungsstränge völlig offen. Die folgenden Episoden werden zeigen, wie es hier weitergeht, und was diese scheinbar völlig zusammenhanglos erscheinenden Handlungsstränge miteinander zu tun haben.
Kritik
Zunächst einmal: Ja, auch Markus Winter hat sich einige Freiheiten bei der Vertonung von Lovecrafts Werk genommen. Nicht umsonst gilt Lovecrafts Schaffen nur schwer auf andere Medien übertragbar. Um viele innere Monologe zu umgehen, die sich der einsame Gerettete in Lovecrafts Geschichte mit sich selber liefert, dichtet Winter einen zweiten Überlebenden in das Boot Carters. So haben die beiden Gelegenheit, ihre Erlebnisse gemeinsam an den Hörer zu bringen. Da dies allerdings der einzige nennenswerte Eingriff in die Originalgeschichte ist, konnte ich damit gut leben. Da habe ich schon deutlich gröbere Eingriffe in Lovecrafts Schaffen erlebt.
Dieser recht werkgetreuen Umsetzung der titelgebenden Geschichte steht allerdings die Rahmenhandlung gegenüber, die Winter für die Chroniken des Grauens entworfen hat. Diese unterbricht Carters Erzählungen immer wieder und wirft in dieser ersten Episode erst einmal einen Haufen Fragen auf. Zwar werden die unterschiedlichen Handlungsstränge konsequent angekündigt, dennoch wirken die Zeitsprünge beim ersten Hören verwirrend. Und auch die Sinnhaftigkeit dieser weiteren Handlungsebenen lässt sich nur aus dem Hören der ersten Episode nicht ableiten. Da bleibt nur, die komplette Staffel – welche aus vier von Lovecrafts Geschichten bestehen soll – abzuwarten, um eine abschließende Bewertung über diese ungewöhnliche Herangehensweise abzugeben. Betrachte ich Dagon als Einzelepisode, hätte ich lieber den wirklich eindringlich und gut aufgearbeiteten Schilderungen Carters gelauscht, als mich ständig auf andere Zeitebenen zu begeben. Doch das mag sich am Ende der Reihe anders ausnehmen.
Technik
Technisch gibt es an Dagon nichts zu meckern. Wirklich. Die Sprecherliste ist lang und mit einigen großen Stimmen garniert. Insbesondere Tommy Morgenstern möchte ich lobend erwähnen, der einen absolut überzeugenden Randolph Carter gibt. Doch auch die anderen Sprecher machen ihre Sache absolut souverän. Das Hörspiel wird mit professionellen Soundeffekten unterstützt und muss sich hier keinesfalls verstecken. Insbesondere die vielen maritimen Szenen sind mit den passenden Sounds untermalt, was dem Kopfkino rasch auf die Sprünge hilft. Wie bei vielen WinterZeit-Produktionen hat Autor Winter Wert auf einen eigenen Soundtrack gelegt, der dieses Mal aus der Feder von Michael Donner stammt und unheilschwanger und tief bedrohlich daherkommt.
Neben diesen offensichtlich für die Ohren bestimmten Features ist aber auch die Aufmachung der CD absolut gelungen. Das Coverbild zeigt ein vom Sturm aufgewühltes Meer, ein gekentertes Boot und schroffe Felsen und ist – passend zum Thema – in dunklen Blautönen gehalten. Ein umfangreiches Booklet informiert über den Werdegang der Reihe und stellt einige der Sprecher und weitere Beteiligte vor. Nein, technisch kann ich nur eine gute Note vergeben.
Fazit
Ein Fazit fällt schwer. Auf der einen Seite steht die wirklich hervorragende Umsetzung von Lovecrafts Geschichte Dagon als Hörspiel. Auf der anderen Seite steht eine mit Zeitsprüngen behaftete Rahmenhandlung, deren Beurteilung mir nach dieser ersten Episode schwer fällt. Puristen unter Lovecrafts Fans werden hier nicht wirklich auf ihre Kosten kommen. Alle anderen können aber gerne einmal ein Ohr riskieren. Meine Neugier auf den Rest der Chroniken des Grauens ist jedenfalls geweckt.
Chroniken des Grauens 1: Dagon
WinterZeit Audiobooks 2020
ISBN: 978-3960662846
Beim Verlag bestellen: https://www.winterzeitstudios.de/produkt/howard…-akte-01-dagon/
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