Lovecrafter Online – Filmkritik: The Hallow
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Michael H. -
22. Juni 2026 um 12:00 -
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In Buch und Film bilden alte Mythen und Sagen oft das Rückgrat für düstere Geschichten. Das Regiedebüt von Corin Hardy nutzt die irische Märchen- und Legendenwelt als Grundlage für seinen atmosphärischen Folkhorror in The Hallow. Er schmeckt seine Schauer-Mär mit Lovecraft-Motiven, Creature-Feature-Elementen und Body-Horror ab. In den tiefen, undurchdringlichen Wäldern Irlands lauern böse Mächte auf die unvorsichtigen Menschen, die die in modernen Zeiten oft belächelten Warnungen aus uralten Fabeln und Überlieferungen ignorieren.
„Hallow be their Name
And blessed be their Claim
If you who trespass put down roots
then Hallow be your name”
Handlung
Das Ehepaar Adam und Clare Hitchens zieht im Auftrag von Adams Arbeitgeber in eine alte, umgebaute Mühle, die in den tiefen und sagenumwobenen irischen Wäldern gelegen ist. Mit dem kleinen Sohn Finn im Babyrucksack und Hund Iggy erforscht Adam die für das Abholzen geeigneten Gebiete und kartiert den Wald. Währenddessen kümmert sich Clare um das Haus und demontiert die seltsamerweise an den Fenstern angebrachten Gitter. Der Auftrag Adams und die Ankunft der Familie ist bei den Einwohnern naturgemäß nicht gerne gesehen und die Anfeindungen isolieren die Hitchens von den Bewohnern der wunderschönen Landschaft. Vor allem der lokale Jäger Colm Donnelly will die Familie vertreiben und warnt ständig vor den Gefahren des Waldes. Auf seinen Streifzügen stößt Adam überall auf eine schwarze Substanz an den Bäumen. In einem verlassenen, verfallenen Gebäude stößt er auf ein verendetes, mit dieser seltsamen Substanz befallenes Reh. Bei der Untersuchung der genommenen Proben zu Hause entpuppt sich dieser schwarze Film als ein Befall mit einer besonders aggressiven Cordyceps-Pilzart, einem gefährlichen Parasiten, der Lebewesen per Gehirnbefall quasi fernsteuern kann.
In der folgenden Nacht kommt es zu unheimlichen Vorkommnissen. Unerklärliche Geräusche, huschende Bewegungen an den Waldrändern und eine Art humanoide Gestalt, die in der Dunkelheit zu lauern scheint. Bei einem auf Finns Kinderzimmer gerichteten Einbruchsversuch geht auf seltsame Weise eine Fensterscheibe zu Bruch. Der herbeigerufene, lokale Polizist Davey erläutert, dass die Leute der Gegend sehr abergläubisch seien und die Hitchens würden mit ihrer Anwesenheit heiligen Boden entweihen. Das beschwöre die sogenannten ‘Hallows’ herauf; böse Feen und Banshees, die Kinder rauben und gegen ihre eigenen Nachkommen austauschen würden. Das sei auch die Motivation ihres Kontrahenten Donnelly, da dessen Tochter in den Wäldern verschwunden sei.
Während Adam am nächsten Tag in der Stadt versucht, eine neue Scheibe zu bekommen, dringt Donnelly erneut in die alte Mühle ein und beschwört Clare eindringlich, zu verschwinden. Er lässt ihr ein antikes, bebildertes Grimoire mit Sagen und Mythen da. Währenddessen hat Adam am Rückweg eine Motorpanne im Wald und muss feststellen, dass der Pilz den Motor lahmgelegt hat. Ein mysteriöser Angriff hinterlässt zudem lange Kratzspuren am Fahrzeug. Adam kehrt zu Fuß mit Finn zum Anwesen zurück und das Paar beschließt, den Wald zu verlassen. Die Flucht mit dem Auto scheitert durch den Angriff einer ganzen Gruppe von Hallows. Bei den Konfrontationen wird Adam verletzt und mit dem Pilz infiziert. Zurück im Haus sieht sich die kleine Familie von den Kreaturen belagert. Sie haben es auf das Kleinkind Finn abgesehen. Nur Metall und grelles Licht bieten Schutz vor den Kreaturen der Nacht. Adam beginnt, sich körperlich und psychisch zu verändern. Als der im Nebengebäude stehende Generator ausfällt, muss Clare als Mutter über sich hinauswachsen und Adam gegen den in seinem inneren tobenden Parasiten ankämpfen, um das unschuldige Söhnchen Finn vor den in der Dunkelheit lauernden Hallows zu retten.
Lovecrafteske Motive
Lovecraft schätzte Autoren wie Arthur Machen oder Algernon Blackwood auch für ihre Werke mit mystischen Wesen in den tiefen, undurchdringlichen Wäldern im abgelegenen Hinterland. The Hallows mischt seine eigenen Ideen mit denen von Machen, Blackwood und Lovecraft und fügt die irische Sagenwelt hinzu.
Lovecraft verwendete gerne die im Film hervorragend abgelichteten Landschaften mit dichter und undurchdringlicher Bewaldung in seinen Geschichten. In diesen abgelegenen, von Menschen kaum betretenen Gebieten lauert bei ihm regelmäßig das Böse auf den unwissenden Eindringling. Wir finden diese Schauplätze in Kurzgeschichten wie The Picture in the House oder The Ghost Eater sowie ebenfalls in Langtexten wie The Dunwich Horror oder The Whisperer in Darkness. Bei letzterer Geschichte tauchen Kreaturen - bei Lovecraft die außerirdischen Mi-Go - aus den Wäldern auf und belagern den armen Henry Wentworth Akeley und dessen Anwesen. Statt der Mi-Go bietet der Film die Hallow, stark verfremdete Menschengestalten, die wie die lovecraftschen Geschöpfe etwas inhärent insektoides in ihrem Äußeren und ihrer Fortbewegung haben. Ob es die sagenumwobenen Banshees oder durch den Pilz mutierte Menschen sind, lässt der Film offen und bedient damit die bidirektionale Erklärungsgestaltung aus Lovecrafts Werken. Hier wie dort bleibt der Ursprung der Bedrohung unklar, ob Natürlich, Übernatürlich oder gar eine Mischung aus beidem….
Das Motiv der Übernahme eines Menschen taucht bei Lovecrafts The Whisperer in Darkness auf, aber mehr auf das Äußere, Physische bezogen, während in The Thing on the Doorstep, der Geist einfach ausgetauscht wird, befällt im Film ein Parasit Adam und verändert ihn sowohl physisch durch Befall und Mutation als auch geistig durch die Kontrollübernahme seines Gehirns mittels Cordyceps-Pilz. Das Drehbuch von Felipe Marino und Regisseur Corin Hardy beschreitet dabei einen typischen Lovecraft-Weg: die Fakten der Naturwissenschaft werden hier als Grundlage für die Extrapolation und Überhöhung der Geschichte erweitert, gestreckt und verändert, um höchstmögliches Grauen beim Zuschauer zu erzeugen. Durch genug Verankerung in der Realität wirkt der Schrecken so deutlich realer und bedrohlicher. Es kommt näher an unseren inneren Kern, unsere eigene Wahrheits- und Wahrnehmungs-Perzeption heran.
Der Film verwendet irische Mythen wie böse Feen, Banshees oder eben Hallows. Sie bilden die mystische Grundlage aus der Erzählforschung, um diese mit dem real existierenden Pilz, dem Ophiocordyceps -der eigentlich ‘nur’ Gehirne von Ameisen steuern kann-, eine eigene Mutation des Grauens eingehen zu lassen. Als „Fairytale for Adults” (Corin Hardy) gedacht, findet sich im Film mit dem finalen Kampf um das unschuldige Kind ein weiteres lovecrafteskes Motiv. Opfergaben gibt es beim Mann aus Providence immer wieder, sei es in The Call of Cthulhu oder The Horror at Red Hook. Eine spezifische Kindes-Opferung erleben wir als Höhepunkt in The Dreams in the Witch House, wo Protagonist Walter Gilman wie die Hitchens in The Hallow um das Wohl eines Kleinkindes ringt. Das Motiv eines Wechselbalgs taucht bei Lovecraft in Verbindung mit Richard Upton Pickman in Pickman’s Model auf, wo angedeutet wird, der Maler sei ein solches, mit Hilfe von Ghoulen gezeugtes Wesen. Dass im Film ein altes, sagenumwobenes Buch bzw. Grimoire erscheint und zum Grauen, wie zur Aufklärung der Regeln desselben beiträgt, verweist natürlich auf das ubiquitäre Necronomicon.
Zu guter Letzt wird am Ende noch eine weltweite Ausbreitung des schwarzen Schleims angedeutet. Was bei Lovecraft durch den Stausee in The Color Out of Space geschieht, wird bei The Hallow mittels gefällter Bäume erreicht. Das Grauen wird durch die Moderne, die alles-verschlingen-wollende Ausbreitung des Menschen aus der Dunkelheit geholt und in die Welt getragen-mit dem inhärenten Potential der Vernichtung der Menschheit im Schlepp.
Cinematographische Notizen
Vor seinem Regiedebüt für The Hallow drehte Regisseur und Drehbuchautor Corin Hardy Musikvideos. Er hat inzwischen weitere Gruselfilme wie The Nun und aktuell Whistle gedreht und auch für Serien wie Gangs of London Regie geführt. Seinen Erstling bewarb er bei den Produzenten mit Pans Labyrinth trifft Straw Dogs. Neben den Einflößen von Del Toro’s Werk kann man eindeutig Elemente von Body-Horror Klassikern wie The Thing und The Fly attestieren. Hardy selbst nennt noch die Werke des Trickexperten Ray Harryhausen, Alien und natürlich Evil Dead als Inspirations- und Orientierungsquelle, sicherlich keine schlechten Vorbilder. Im Jahre 2015 war der Cordyceps als Bedrohung noch weitgehend unbekannt, nachdem er heute vor allem durch die Serie nach dem Videospiel The Last of Us fast zum Allgemeinwissen gehört.
Hardy wollte alles so real wie möglich erscheinen lassen, deshalb wurde vor Ort in Irland gedreht. Das sieht man und ist ein großer Pluspunkt des Films, genau wie der Einsatz hauptsächlich praktischer Effekte bei den Kreaturen und Mutationen. Eigentlich wollte Hardy sogar auf Film drehen, musste aber aus Kostengründen auf digitale Kameras zurückgreifen.
Bei der Besetzung griff der Game of Thrones Fan auf seinen Lieblingsschauspieler Joseph Mawle zurück, für den er die Rolle sogar schrieb. Er und Bojana Novakovic (Instinct) müssen den Film fast alleine tragen. Das gelingt ihnen auch hervorragend, man fiebert mit der kleinen Familie sehr schnell mit. Neben dem Genre-Veteranen Michael Smiley (Kill List) kommt als Nebencharakter eigentlich nur noch Michael McElhatton vor, ebenfalls aus Game of Thrones bekannt. Der Cast des an ein klaustrophobisches Kammerspiel im Wald erinnernden Films wird von Wren Hardy (Sohn des Regisseurs?), dem Darsteller des Baby Finn. Dabei wurde aber meist mit digitalen Bluescreen-Aufnahmen gearbeitet, die auf die vor Ort genutzte Animatronic projiziert wurde, zurückgegriffen. Dies bot sich auch an für die Sequenzen, in denen Adam befürchtet, Finn sei ein Wechselbalg.
Digitale Animationstechnik kam nur an den Stellen zum Einsatz, bei denen sie unumgänglich war, meist als digitales Compositing, also quasi als Ergänzung der Realaufnahme mit digitalen Erweiterungen und Überlagerungen. Die brennende Sense stellt eine augenzwinkernde Referenz Hardys dar, wollte er unbedingt eine in einem Horrorfilm bisher nie dagewesene Waffe zum Einsatz bringen, die trotzdem handlungsbedingt noch Sinn ergab. Auftrag optisch gelungen erfüllt.
Bewertung
Eigentlich dürfte The Hallow gar nicht funktionieren. Die Geschichte liest sich wie ein Klischeefest: Man zieht in eine einsame Behausung im Wald, hört nicht auf die Warnungen der Einheimischen, handelt völlig unverantwortlich (gerade als Eltern) und bleibt solange, bis die Flucht unmöglich scheint. Dazu kommen Klischees wie das Erkunden eines offensichtlich gefährlichen Dachbodens, das Untersuchen offensichtlich gefährlicher Proben zu Hause, Gefahr verkündende Babyphone und eine latent mangelhafte Kommunikationskultur. Alle Elemente kennt man zur Genüge aus anderen Filmen und Geschichten.
Doch bereits H. P .Lovecraft wusste: „Eine bestimmte Atmosphäre atemloser und unerklärlicher Furcht vor äußeren, unbekannten Mächten muss vorhanden sein…” (H.P.L: Das übernatürliche Grauen in der Literatur/Golkonda). Hier liefert der Film das volle Paket ab. Effizient erzählt er mit wunderschönen Naturaufnahmen ein düsteres Märchen mit dräuender Spannung und atmosphärisch-bedrohlicher Stimmung, das in einem wunderschönen und gleichzeitig traurig-melancholischem Finale mündet, nachdem man der Familie mit wachsender Anteilnahme über die gesamte Laufzeit gefolgt ist. Wir erleben eine Geschichte über die Zerstörung der Natur und deren Rache, über alte Sagen und deren Perzeption in der Moderne und wie das Monströse das Menschliche zu übernehmen droht.
Wunderbar haptisch gestaltet und malerisch bebildert ist der Film eine Art un-verkopfte und aktionsorientierte Variante des zur gleichen Zeit entstandenen ArtHouse Dramas The Witch von Robert Eggers. Die phantasievollen, aber plausiblen Kreaturen erzählen eine einfache Geschichte, die mit effektiven Mitteln umgesetzt wurde und wirksam Spannung aufbaut. Wenn Clare, nur mit einem Fotoblitz bewaffnet samt Kind auf dem Arm durch den Wald flieht oder die Hallow kurz im roten Rücklicht des Wagens aufblitzen, fiebert man als Zuschauer mit, man bewundert die wunderschönen Bildkompositionen am See oder das fast fantasy-artige Finale in der Morgendämmerung. Ständig schwelendes Unheil, das Grauen und Schönheit in lichtdurchflutete Märchenbilder malt und eine fast poetische Konklusion für die Familie Hitchens bietet.
Fazit
Kein Meisterwerk, aber ein sehr lohnenswerter und viel zu unbekannter Genremix aus Folk Horror, Märchen, Body-Horror, Creature-Feature und Umwelt-Mahnung mit wunderschönen Bildern, sagenhafter Stimmung und viel Liebe zu praktischen Effekten. Das sollte das Herz eines jeden Lovecraft-Fan erfreuen.