Lovecrafter Online – Filmkritik: Der Nebel
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„(...) diese grauenhaften Ratten, die wie irrsinnig hinter der Polsterung dieses Zimmers rasen, die mich nicht schlafen lassen, die mich in dieses unendliche Grauen hinunterlocken wollen, in ein Grauen, dass größer ist als alle anderen; die Ratten, die nur ich allein hören kann; die Ratten, die Ratten, die Ratten im Gemäuer.“
(Lovecraft, S. 31)1
Stephen Kings Kurzgeschichte Spätschicht (The Graveyard Shift, 1970) liest sich stellenweise, als wäre Howard Phillips Lovecrafts Die Ratten im Gemäuer (The Rats in the Walls, 1924) an einem der unheimlichsten Orte der Gegenwart verlegt - die moderne Arbeitswelt!2 Die gleichnamige Adaption aus dem Jahr 1990 unter der Regie von Ralph S. Singleton blieb dessen einziger Langfilm. Im deutschen Verleih trug er den Titel Nachtschicht als Anspielung an Kings legendären Erzählband, indem die Vorlage erstmals 1978 in Buchform erschien.
Handlung
„Er hörte das Pfeifen und Quietschen von Hunderten von Ratten. Noch einmal bäumte er sich auf, dann sank er in die Knie. Er fing an zu lachen. Es war ein schauriges kreischendes Lachen. Überall die pelzigen Leiber.“
(King, S. 133)
Die ersten Bilder zeigen rotierende Maschinen einer alten Baumwollspinnerei. Man kann Schmutz, Schweiß und Enge regelrecht fühlen - die Arbeiter klagen über die Hitze. Einer von ihnen wirft eine Ratte in eine Kardiermaschine. In diese wird er kurz darauf selbst von einem zunächst nicht sichtbaren, unbekannten Wesen gestoßen. Der skrupellose Vorarbeiter Warwick (Stephen Macht) besticht einen Behördenmitarbeiter, der die Fabrik aus Sicherheitsgründen sofort schließen möchte. Der neue Mitarbeiter Hall (David Andrews), dem Warwick bereits im Gespräch erläutert, dass er zunächst nur den Mindestlohn erhält und Monate lang nicht in die Gewerkschaft eintreten kann, wird für die Nachtschicht eingeteilt. Hall begegnet dem Vietnam-Veteran und jetzigen Kammerjäger Tucker Cleveland (Brad Dourif), der es „sich nicht leisten kann, seinen Job zu verlieren“ und den die Rattenschwärme in der Spinnerei, denen er mehr oder weniger hilflos gegenübersteht, an traumatische Kriegserfahrungen erinnern. Warwick stellt einen Trupp von Mitarbeitern zusammen, die das Kellergewölbe reinigen sollen. Zu ihnen gehört auch Hall.
Interpretation: Lovecraft, King und die Soziologie industrieller Beziehungen
Hall trägt bei Stephen King leicht autobiografische Züge und ist ein Student, während es sich bei der Filmfigur um einen verwitweten Mann handelt, der wie ein moderner Tagelöhner durch die Vereinigten Staaten zieht. Nach dem atmosphärisch dichten Einstieg ist Nachtschicht über weite Stecken kaum als Horrorfilm erkennbar, sondern als eine insgesamt
weniger gelungene Studie über prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Abneigungen kulminieren in Mobbinghandlungen - Hall wird in einem Restaurant eine Ratte serviert. Aufgrund von Sicherheitsbestimmungen müsste die Spinnerei längst geschlossen werden, sie ist jedoch auch der größte Arbeitgeber in der strukturschwachen Region. Immer wieder gibt es Anspielungen auf die amerikanische Geschichte mit deutlich politischen Untertönen: Cleveland verortet die Ratten an der Seite des Vietcong. Er akzeptiert dabei durchaus, dass Ratten intelligente und miteinander kooperierende Tiere sind. Die Reinigungsarbeiten finden während des Unabhängigkeitstages statt - eigentlich in der arbeitsfreien Zeit.3 Das mysteriöse Wesen im Keller wird bis zum Ende fast nie vollständig gezeigt. Man erkennt gelegentlich eine Klaue oder eine Art Flügel, der Kopf ähnelt einer Fledermaus. Dies erinnert ein wenig an die Darstellung Nyarlathoteps in Lovecrafts Der Jäger der Finsternis (The Haunter of the Dark, 1936). Während der Film nichts über die Herkunft erklärt, gibt es zumindest in Kings Kurzgeschichte lovecraftsche Andeutungen. Sowohl bei King als auch bei Lovecraft gibt es eine Magna Mater. Bei Lovecraft entspricht sie der römischen Göttin Kybele, der Menschenopfer dargebracht werden (Lovecraft, S. 11). Bei King ist sie die Rattenkönigin: „Ein riesiges namenloses Wesen, dessen Nachkommen wohl eines Tages Flügel haben würden. (...) Es war ein Schock, eine Ratte zu sehen, die größer war als ein Holsteiner Kalb.“ (King, S. 132) King spricht von einer grauenhaften Mutation und dass die Natur „ein gespenstisches Gesicht“ zeige (King, S. 131).4
Die Beschreibungen von King von Skelettresten und einem grünlich vermoderten Schädel (King, S. 131) sind ebenfalls deutlich inspiriert von Lovecrafts Schilderungen des Kellergewölbes, in dem „geisterhaft bleich und wildverstreut menschliche oder halbmenschliche Knochen lagen.“ (Lovecraft, S. 25) Außer in den Anfangs- und Schlussszenen gelingt es dem Film nur selten, diese Elemente einzufangen, und er setzt lieber auf Nahaufnahmen von Ratten, die menschliche Körperteile fressen. Mit Ausnahme des Wesens im Keller finden sich kaum die Bezüge zu Lovecraft, wie sie bei Kings Erzählung deutlich bestehen. Das erheblich von der Erzählung abweichende Ende verhindert zusätzlich, dass der Film eine Art Phase IV des Ratten-Horrors geworden wäre. Hierzu hätte das Potential bestanden.
1 Alle folgenden Zitate von H. P. Lovecraft und Stephen King aus: Körber, Joachim (1993) (Hrsg.): Ratten Horror-Stories. München: Wilhelm Heyne Verlag.
2 Klassenkonflikte werden bei dem sich politisch progressiv verstehenden Autor King häufig thematisiert. Das komplexe Verhältnis des selbst eine materialistische Philosophie vertretenden Lovecraft zum Marxismus ist bisher wenig erforscht. Hierzu ausführlich Gampert, Nils (2024): „The crazy Marxian philosophy“. Erste Überlegungen zu H. P. Lovecrafts Rezeption der Ideen von Karl Marx und Friedrich Engels. In: Rahel Sixta Schmitz, Max Becker und Nils Gampert (Hrsg.): Kulturelle Spiegelungen zwischen H. P. Lovecraft und Deutschland. Freiburg im Breisgau: Herder Verlag. S. 61-100.
3 1776, im Jahr der Unabhängigkeitserklärung, erschien auch Adam Smiths The Wealth of Nations, in dem eine nach Marktmechanismen gestaltete Wirtschaftsordnung beschrieben wird. Die von ihm verwendete Metapher der Invisible Hand beschreibt in ihrem Ursprung das Wirken von Geistern. Der Vorspann zeigt die Fabrik neben einem alten Friedhof gelegen und Hall wird von Warwick gefragt, ob er Angst vor Gespenstern hätte.
4 Friedrich Engels betrachtet das Verhältnis des Menschen zur Natur auch als ein Herrschaftsverhältnis. Allerdings ist er skeptisch, ob dem Menschen Naturbeherrschung gelingt.
„Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns.“ Engels, Friedrich (1962): Dialektik der Natur. Marx Engels Werke (MEW), Band 20. Berlin: Dietz Verlag. S. 453.
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