Lovecrafter Online – Lovecraftsche Antikenrezeption in Crouch End
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Stefan P. -
11. Mai 2026 um 22:58 -
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Howard Phillips Lovecraft, den Stephen King als den „dunklen und barocken Prinzen der Horrorstory des zwanzigsten Jahrhunderts“ und eines seiner wichtigsten literarischen Vorbilder bezeichnet, habe „das Konzept des äußeren Bösen (...) verstanden und darum sind seine Geschichten von dem gewaltigen, zyklopenhaften Bösen so wirkungsvoll (...) von wirklich packender Wucht.“1 Kings Erzählung Crouch End erschien erstmals 1980 in den von Ramsey Campbell herausgegebenen Anthologie New Tales of Cthulhu Mythos. Inhaltlich geht es um einen Londoner Stadtteil, in dem Menschen spurlos verschwunden sein sollen.
Laut seinem Biografen S. T. Joshi ist Lovecrafts intensive Beschäftigung mit der griechisch-römischen Antike bedingt durch dessen Abkehr von der als „Tretmühle“ und „Eichhörnchenfalle“ abgelehnten „Maschinenkultur“ der technologisch-industriellen Gesellschaft.2 Auch diese Sichtweise findet sich in der Fernseh-Adaption von Crouch End, die als zweiter Beitrag der Reihe Nightmares and Dreamscapes: From the Stories of Stephen King 2006 erschien.
Handlung
„Sie hat sich verirrt.“ - „Hat ihren Mann verloren.“ - „Ist vom Weg abgekommen.“ - „Hat den dunkleren Weg gefunden.“ - „Die Straße, die in den Trichter führt.“ - „Hat die Hoffnung verloren.“ - „Und die Orientierung.“
Eine Frau erstattet auf einem Polizeirevier Vermisstenanzeige. Nach dem Vorspann wird eine lange Rückblende gezeigt. Lonnie und Doris Freeman verbringen ihre Hochzeitsreise in London. Nach der Einladung von Freemans Anwaltskollegen John Squales bricht das Paar spontan nach Crouch End auf. Zunächst weigern sich mehrere Taxifahrer unter seltsamen Andeutungen, die beiden dorthin zu befördern. Als sich schließlich doch ein Chauffeur findet, führt die lange Fahrt an einem Zeitungsstand vorbei. SIXTY LOST IN UNTERGROUND HORROR lautet die Schlagzeile.3 Der Taxifahrer erzählt Doris, dass es in Crouch End eine keltische Opferstätte geben würde - tatsächlich findet sich auf einem Schild der Name SLAUGHTER TOWEN. Bevor er mit seinem Wagen verschwindet, warnt der Fahrer Doris noch, es gebe sehr dünne Stellen, durch die man in andere Dimensionen gelangen könne. In den fast menschenleeren Straßen begegnen die Freemans immer wieder drei Jugendlichen mit ihren Motorrädern, deren Gesichtszüge an Ratten erinnern und einen Kater, der offenbar aufgrund massiver Gewalteinwirkung auf einem Auge erblindet ist. Zwei Kinder sprechen von einem Fresser der Dimensionen und einem blinden Flötenspieler. Der Junge, dessen Hand zu einer Klaue deformiert ist, verängstigt Doris besonders. In dunklen Gassen finden sich die Schriftzüge CTHULHU KRYON, YOGSOGGOTH, R’LYEH und NRTESIN NYARLATHOTEP. Tentakelarme brechen aus dem Boden und zerren Freeman in die Tiefe. Er sei nach unten, zu der Ziege mit den tausend Kindern gegangen, heißt es.
Pan’s the boss
Stephen King summiert im Jahr 1981 Der große Gott Pan (The Great God Pan, 1894) von Arthur Machen und Berge des Wahnsinns (At the Mountains of Madness, 1936) von Lovecraft unter die „einzigen wirklichen großen unheimlichen Romane der vergangenen hundert Jahre“.4 Ein häufiges Thema bei Machen (1863-1947) ist das Motiv einer Anderen Welt, die neben der Realität existiert und aus der unheimliche Wesen hervorkommen können. Diese Andere Welt erscheint als Kontrast zu der Großstadt London.5 Es scheint, als würde der rational denkende Freeman in Crouch End plötzlich mit einem paganen Kult konfrontiert. Machen nimmt häufig Bezug auf keltische Mythen, in welche er aber auch Figuren wie den griechischen Hirtengott „Pan als Verkörperung bedrohlicher und ungezügelter Wildheit und Sexualität“ mit einbezieht.6
Mehrere Varianten der Pan-Figur treten bei Lovecraft in Erscheinung: In der Kurzgeschichte Der Baum (The Tree, 1921) dient der Berg Maenalus einem Mythos zufolge als Versteck von Pan und den Satyrn. Üblicherweise wird der Hirtengottes mit Bocksbeinen und einem menschlichen Oberkörper dargestellt. Wilbur Whateley ist in Das Grauen von Dunwich (The Dunwich Horror, 1929) der ziegenbockähnliche Sohn von Yog-Sothoth. Shub-Niggurath, die Ziege mit den tausend Jungen, findet in Crouch End Erwähnung.7 Direkt nach der Entstehung der ersten Lovecraft-Verfilmung verfasste der Drehbuchautor Charles Beaumont das Skript zu dem Fantasy-Film Der mysteriöse Dr. Lao (Seven Faces of Dr. Lao, 1964), in dem neben dem flötenspielenden Pan noch weitere mythologische Figuren wie Medusa auftreten, um die Machenschaften eines skrupellosen Großgrundbesitzers zu entlarven.8 Picknick am Valentinstag (1975, Picnic at Hanging Rock) von Peter Weir erzählt vom unerklärlichen Verschwinden mehrerer Internatsschülerinnen und erwachender Sexualität. Zugleich ist der Film eine „scharfe Sozialkritik an der viktorianischen Klassengesellschaft (...) mit ihren rigiden Unterwerfungsmechanismen und Konformitätsdruck“. Obwohl die Handlung in Australien während der viktorianischen Ära angesiedelt ist, wird die geheimnisvolle Panflötenmusik von George Zamphir als Soundtrack verwendet - das „Naturhaft-Archaische“ fungiert als „positiver Gegenentwurf“.9 Die Verbindung einer sexualisierten Gottheit mit der arbeitsteiligen Moderne gibt es auch in Stephen Kings Erzählung Der Rasenmäher-Mann (The Lawnmower Man, 1978), in der Pan sogar das Unternehmen Pastoral Greenery and Outdoor Services als Geschäftsführer leitet.10
Der ‘Geist’ des Kapitalismus
Verknüpfungen und deutliche Hinweise auf die hierarchisierte, freizeitzerstörende Arbeitswelt und vor allem die Kritik daran finden sich ebenso in Crouch End. Die Lovecraft-Verfilmung Dagon (2001) beginnt damit, dass eine Frau den Laptop ihres Partners - sein Arbeitsinstrument - ins Wasser wirft. Max Weber verortet in seiner Studie über Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1905) die Ursprünge einer arbeitsteiligen Marktgesellschaft in das Geburtsland Benjamin Franklins, Massachusetts (zugleich Schauplatz mehrerer Erzählungen Lovecrafts):
„Die heutige kapitalistische Wirtschaftsordnung ist ein ungeheurer Kosmos, in den der einzelne hineingeboren wird und der für ihn, wenigstens als einzelnen, als faktisch unabänderliches Gehäuse, in dem er zu leben hat, gegeben ist. Er zwingt dem einzelnen (...), die Normen seines wirtschaftlichen Handelns auf. Der Fabrikant, welcher diesen Normen dauernd entgegenhandelt, wird ökonomisch ebenso unfehlbar eliminiert, wie der Arbeiter, der sich ihnen nicht anpassen kann oder will, als Arbeitsloser auf die Straße gesetzt wird.“11
Da John Squales selbst nicht in Erscheinung tritt, wirkt die Suche nach seinem Haus in einem wohlhabenden Stadtteil wie eine Art Einstellungstest. Der orientierungslos durch die Straßen Crouch Ends irrende, sich als erfolgreichen Rechtsanwalt sehende Freeman, der sich vor seinem Kollegen nicht die Blöße geben will, den Weg nicht gefunden zu haben, erscheint wie eine Parodie auf Webers puritanische Kaufleute. In Lovecrafts The Silver Key (Der silberne Schlüssel, 1929), eine Erzählung, die ebenfalls vom unerklärlichen Verschwinden eines Menschen handelt, eine Thematik, die Lovecraft wie Machen faszinierte, heißt es, für Menschen ist es nur schwer zu ertragen, dass „sich der blinde Kosmos ziellos weiterwälzte (...) wieder zurück ins Nichts, ohne die Wünsche oder Existenz jener Geister zu achten oder zu kennen, die ab und zu in der Finsternis sekundenlang aufflackern.“ In Kings Erzählungen erscheinen die Kreaturen Lovecrafts häufig als „anspruchsvolle Gegenstücke zu den Wesen der christlichen Dämonologie“, eine Interpretation, die Fritz Leiber als „Irrtum“ zurückweist. Leiber zufolge könnte Nyarlathotep „die offen geschäftsmäßig denkende, für sich selbst die Reklametrommel rührende, gewinnsüchtige Welt“ symbolisieren, die Lovecraft verabscheute.12
Der einäugige Kater - eine Schlüsselfigur der Geschichte - weckt Assoziationen an Edgar Allan Poes berühmte Novelle (The Black Cat, 1843), dessen Titelfigur den Namen Pluto trägt, benannt ist dem römischen Gott, der wahlweise als Herrscher der Unterwelt, aber auch als Verkörperung unermesslichen Reichtums auftritt. Diese Gleichsetzung erfolgte vermutlich dadurch, da Reichtum (griechisch ploútos) durch Bodenschätze aus dem Erdinnern erlangt wurde.13
Fazit
Der Einfluss Machens auf lovecraftschen Horror wird selten so offensichtlich wie in Crouch End. Die Geschichte ist eines der gelungensten Beiträge Kings zum kosmischen Schrecken und der Verfilmung gelingt es, eine unheimlich-verstörende, 'cthuloide' Atmosphäre zu konstruieren.
Es wäre eine spannende wissenschaftliche Thematik, die Schnittstellen zwischen Max Webers ökonomischer Theorie und Lovecrafts Sicht auf das Universum als sinn- und seelenlosen Ort zu untersuchen.
- King, Stephen (2000): Danse Macabre - Die Welt des Horrors. München. S. 64 und 115.
- Joshi, S. T. (1997): H.P. Lovecraft: Leben und Denken. In: Rottensteiner, Franz (Hrsg.): H. P. Lovecrafts kosmisches Grauen. Frankfurt am Main. S. 12-34, hier S. 27. Lovecraft zitiert ebenda.
- ines von Pickmans Gemälden in der Erzählung von Lovecraft (1927) trägt den Titel Unfall in der Untergrundbahn. Ghoule (ursprünglich leichenfressende Geister aus den Märchen aus 1001 Nacht) kommen aus unterirdischen Katakomben und greifen Fahrgäste auf den Bahnsteig an.
- King, Stephen (2000): Danse Macabre - Die Welt des Horrors. München. S. 456. Neben The Turn of the Screw (1898) von Henry James und Spuk in Hill House (The Haunting of Hill House, 1959) von Shirley Jackson.
- Crouch End ist eine der wenigen Erzählungen Kings, deren Handlungsort sich außerhalb der Vereinigten Staaten befindet.
- Lentzsch, Simon (2023): Druiden, Faeries und Steinkreise - Rezeption keltischer Mythologie im Horrorgenre. In: Kleu, Michael (Hrsg.): Antikenrezeption im Horror. Essen. S. 224 - 259, hier S. 252 f.
- Derie, Bobby (2017): Sex und Perversion im Cthulhu-Mythos. Ein intimer Blick auf H. P. Lovecraft und sein literarisches Erbe. Leipzig. S. 104.
- Die Folterkammer des Hexenjägers (The Haunted Palace,1963) ist eine Adaption von Lovecrafts Charles Dexter Ward. Beaumont verstarb 1967 sehr jung im Alter von 38 Jahren. Interessanterweise trägt die Hauptfigur aus Kings Lovecraft-inspirierten Roman Stark (The Dark Half, 1989) den Nachnamen Beaumont.
- Vossen, Ursula (2004): Picknick am Valentinstag. In: dies. (Hrsg.): Filmgenres Horrorfilm. Stuttgart. S. 208 - 212.
- Milon, Anna (2023): Reading the Literary Pan as Ecohorror. In: Kleu, Michael (Hrsg.): Antikenrezeption im Horror. Essen. S.284 - 303, hier S. 298.
- Weber, Max (1988): Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Band 1. Tübingen. S. 37. Diese Auffassung ist unter liberalen Ökonomen verbreitet. So haben die Mitglieder einer modernen, komplexen Gesellschaft laut Hayek „keine andere Wahl, als sich entweder an die (...) blind erscheinenden Kräfte des sozialen Prozesses anzupassen, oder den Anordnungen eines Übergeordneten zu gehorchen.“ Hayek, Friedrich August von (1976): Individualismus und wirtschaftliche Ordnung. Salzburg. Zweite Auflage. S. 38.
- Leiber, Fritz jr. (1997): Ein literarischer Kopernikus. In: In: Rottensteiner, Franz (Hrsg.): H. P. Lovecrafts kosmisches Grauen. Frankfurt am Main. S. 44 - 59, hier S. 48 ff. Lovecraft zitiert ebenda. Mit Leland Gaunt aus In einer kleinen Stadt (Needful Things, 1991) wird von Stephen King eine solche Verkäufer-Figur porträtiert.
- Baum, Maja E. (2023): „Saving People - Hunting Gods“ - Adaptionen antiker Mythologie in Supernatural. In: Kleu, Michael (Hrsg.): Antikenrezeption im Horror. Essen. S. 424-465, hier 446 f.
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