Lovecrafter Online – The Colour out of Space LIVE
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Frau Kommerzienrat -
18. Mai 2026 um 12:00 -
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Am Donnerstag, den 23.4.26 machten sich etliche Mitglieder des Cthulhu Stammtisches Berlin erwartungsfroh auf, um im Babylon das Filmevent The Colour Out Of Space von Andreas Hartung, nach der gleichnamigen Geschichte von H.P. Lovecraft zu erleben. Schon Wochen vorher hatte Hilmar die Mitglieder auf den Film aufmerksam gemacht und angeregt, ob man ihn nicht zusammen ansehen wollte.
Das Babylon ist eines der bekanntesten Programmkinos Berlins. Es wurde 1928/29 von dem berühmten Architekten Hans Poelzig entworfen und gilt als bedeutendes Kultur- und Architekturdenkmal der Weimarer Republik. Ursprünglich war das Babylon ein großes Stummfilmkino mit 1.200 Plätzen. Und genau an diese Tradition knüpft der Film von Andreas Hartung an.
Beworben wurde er als „düstere Bildershow in fünf Kapiteln, die komplett ohne Worte auskommt“. Wie bei den alten Stummfilmen würde es auch eine passende musikalische Untermalung geben. Die exklusiv für dieses Projekt gegründete Band The Dunwich Orchestra (Daniel Tschernow, Bennet Gamradt, Paul Bertin, Johannes Hehemann) würde live einen atmosphärischen Soundtrack zu den handgezeichneten Illustrationen spielen.
Schon das Plakat sah wunderschön aus und machte neugierig. Auf einem alles überstrahlenden Magenta-Pink prangten in weißer Schrift die Ankündigung des Films. Aber da waren auch schwarz–weiß gezeichnete Wiesenpflanzen die mich stark an die Zeichnungen von Gustave Doré erinnerten. Nur Pflanzen, aber sie wuchsen in unmöglichen Winkeln, wucherten aus dem Bild heraus und wirkten mit ihren Dornen und tentakelartigen Stängeln irgendwie bedrohlich.
Eine halbe Stunde vor Beginn des Films war der Platz vor dem Kino schon gut gefüllt mit einer Menge schwatzender und fröhlicher Menschen. Das Babylon war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Auch der Cthulhu Stammtisch hatte sich bereits eingefunden, als ich ankam. Man fachsimpelte noch ein bisschen über die Lovecraft-Geschichte und wie Hartung sie wohl umsetzen würde. Als die ersten Besucher zu ihren Plätzen strebten, ließ Hilmar es sich nicht nehmen am Eingang Werbematerial für die Deutsche Lovecraft Gesellschaft zu verteilen. Wenn nicht hier, wo dann?
Als endlich alle auf den gepolsterten Klappsitzen Platz genommen hatten, trat Andreas Hartung vor den Vorhang und begrüßte die Gäste. Er berichtete, dass er ganze 10 Jahre an seinem Werk gearbeitet hatte und dabei 758 aufwendige Bilder, gezeichnet mit Kohlestift und Wasserfarben, geschaffen hat. Die Zeichnungen bauen aufeinander auf wie bei einem Stummfilm. Sie kommen ohne Dialog aus und schaffen einen hypnotisch-verlangsamten Bewegungsfluss.
Gerade auf diese Entschleunigung legt er großen Wert.
Der Film ist in fünf Akte geteilt und in jedem Akt wird das Grauen, das aus der Natur selbst kommt, die Zuschauer mehr in seinen Bann ziehen. Hartung spricht auch ganz ehrlich davon, dass man mit solchen Projekten keinen Gewinn erzielen kann und dass diese Vorstellung tatsächlich die letzte sein wird. Dann stellte er noch die Band vor, erzählte wie man sich getroffen hatte und sofort einen gemeinsamen Draht zueinander hatte. Anschließend wünschte er dem gespannten Publikum viel Spaß und machte die Bühne für das größte, düsterste Bilderbuch für Erwachsene frei.
Mit tiefen Bässen begleitet die Band die Bilder des ersten Aktes. Zunächst sehen wir Bilder von gedeihenden Feldern, lernen die Farmerfamilie mit drei gut geratenen Kindern kennen. Die Gesichter sind ernst, gezeichnet von harter Arbeit. Alles ist bescheiden aber nicht ärmlich. Ein Leben, das von den Jahreszeiten geprägt ist. Die Farm liegt ein wenig abseits des Dorfes. Man ist jedoch nicht einsam. Ein einfaches aber gutes Leben. Ein Mann, der stolz auf das ist was er sich geschaffen hat. Eine Farm, eine Familie mit gesunden Kindern. Doch selbst in dieser fast idyllischen Welt scheint die Natur schon seltsam beängstigend. Riesige Bienen oder Wespen sitzen auf verkrümmten Stängeln und wirken auf den Zuschauer bedrohlich. Diese Bilder erinnern stark an alte, viktorianische Naturstiche.
Dann stürzt ein Meteor vom Himmel und schlägt unweit der Farm ein. Kein Weltuntergang, kein Spektakel. Ein wenig Rauch und ein fremdartiges, pinkes Glühen. Das Grauen tritt unspektakulär in diese Welt. Wissenschaftler kommen und untersuchen den Fremdkörper. Sie wirken eher wie Comicfiguren in ihren schwarzen Anzügen. Mit ihren Brillen, den großen Aktentaschen und ihren wichtigtuerischen Mienen unterscheiden sie sich klar von den einfachen Bauern, die neugierig am Rand des Einschlages stehen. Doch so recht lässt sich nichts feststellen, außer dass der Meteor immer kleiner wird und endlich ganz verschwunden ist. Die Musik begleitet diesen Akt mit melancholischen Melodien die an Country und Appalachen-Folk erinnern. Allerdings werden die Drones langsam immer dichter, die Akkorde dissonanter.
Die Natur verändert sich. Die Früchte des Farmers wachsen gigantisch, fast schon obszön. Das Dorf verleiht ihm eine Ehrung ob des Erfolgs und man sieht wie stolz er ist. Doch dann die Ernüchterung. Die Früchte sind ungenießbar. Die Musik wird dröhnender, dissonanter. Der Verfall beginnt langsam, aber stetig. Noch stehen das Korn und der Mais. Noch wirkt das Vieh normal, doch die Hunde haben sich bereits von ihren Ketten gerissen und sind verschwunden. Die Pflanzen wachsen weiter aber sie wirken krank. Bäume verändern sich. Sehen sie anfangs noch gewöhnlich aus, so schleicht sich langsam, Bild für Bild, eine Veränderung ein, bis das Gewächs in skurrilen Verrenkungen, deformiert und wie abgestorben im Feld steht.
Immer wieder begegnet uns die kosmische Farbe. Nicht aufdringlich, nein, sie ist einfach da. Hier ist es eine dicke Wespe, dort eine fleischige Blüte und zumeist der Brunnenschacht, die in die Schwarz-weiß-Zeichnungen die Farbe tragen. Sie macht uns keine Angst, aber man empfindet sie als unpassend, störend.
Der Verfall nimmt seinen Lauf langsam. Aus Schönheit wird Ekel. Die Kühe und Schweine von schwärenden Beulen bedeckt, die Augen und Mäuler aufgerissen, die Hühner verendet, die Katzen verschwunden. Das alles in langsam aufeinander folgenden Bildern. Man möchte dieses Leid nicht sehen und doch kann man nicht wegschauen. Wie die Pflanzen, die verdreht, krank und verrottend auf den Feldern stehen, scheint auch die Musik zu mutieren. Die tiefen Frequenzen legen sich wie ein Druck auf die Brust, Töne dehnen sich, Akkorde kippen. Manchmal ist die Musik schwer auszuhalten.
Der Brunnen hat in all dem Geschehen eine besondere Bedeutung. Immer wieder sieht man wie die Kinder aus dem Brunnen, in dem es pink glüht, Wasser schöpfen das dann von der ganzen Familie getrunken wird. Obwohl vieles darauf hindeutet, dass dieser Brunnen kontaminiert ist, sieht man die Familie weiterhin stoisch dieses Wasser trinken. Mit der Zeit entschwindet alles Hab und Gut, alle Hoffnung auf ein gutes Leben verrottet und verwest. Der Zuschauer sitzt in seinem Sessel und wird unbarmherzig in diese verstörenden Bilder des Zerfalls hineingezogen. Es sind nur Zeichnungen aber um so vieles eindrücklicher, als es jeder Film sein könnte. Die Musik mit ihren treibenden, unbarmherzigen tiefen Frequenzen, die Gitarren die fiepen und verzerrt klingen untermalen dieses Inferno. Die Musik sagt nicht wie im Horrorfilm: „Achtung jetzt kommt die Gefahr!“, sie sagt: „Alles ist verloren, lass alle Hoffnung fahren.“ Hartung arbeitet hier mit extremen Schwarzflächen und kratzigen Texturen.
Es schmerzt fast körperlich zu sehen, wie diese Familie, wie ehemals Hiob, ihr Schicksal erträgt ohne den Versuch zu machen sich zu retten. Man nimmt hin wie erst die Mutter verrückt wird und im Dachzimmer eingesperrt wird, das jüngste Kind verschwindet, ein weiterer Sohn dem Wahnsinn verfällt. Und immer steht der Krug mit dem vermaledeiten Wasser auf dem Tisch.
Am Ende sitzt unser Farmer allein in einem zerfallenen, verrottenden Haus im Dunkeln. Ein Freund der nach ihm sehen will findet ihn in Lethargie versunken mit leeren Augen am Küchentisch. In seinem Gesicht keine Regung, keine Emotion. Er sucht auch nach den anderen Familienmitgliedern im Haus. Abgemagert zu Skeletten liegen sie, eingesperrt hinter Türen mit schweren Schlössern. Aus ihren Leibern strahlt diese ekelhafte kosmische Farbe. Dann zerfallen sie.
Man ruft die Polizei. Die kommt gleich mit drei Mann und einem Hund. Eines der beeindruckendsten Bilder für mich war, wie Hartung die wahnsinnige Angst dieses Polizeihundes ins Bild setzte. Auf mehreren Zeichnungen sieht man, wie dieser Hund sich mit weit aufgerissenen Augen wehrt, sich fast vom Halsband strangulieren lässt damit man ihn nicht in das Haus zerrt. Diese Panik ist so real, dass man glaubte, das Winseln des Hundes zu hören.
Die Polizisten erwartet nur Zerstörung und Zerfall. Die schweren Drones wabern über das Publikum, ziehen es unerbittlich tiefer in die Bilder. Die Erkenntnis der menschlichen Bedeutungslosigkeit gegenüber den Mächten des Kosmos besiegelt, dass es keine Hoffnung mehr gibt.
Schlussendlich strömt die kosmische Farbe aus dem Brunnen zurück ins All, ohne Erklärung, ohne dass wir den Sinn verstehen. Sie hinterlässt ein totes, verdorbenes, aschegraues Land. Alles muss vergehen.
Doch die Menschen in unserer Geschichte wären keine Menschen, wollten sie nicht vergessen und nach vorne schauen. Deshalb fluten sie das ehemalige Farmgebiet. Im letzten Akt des Films sehen wir statt des toten Landes einen idyllischen Stausee. Die Bilder werden heller, die Musik angenehm. Keine Düsternis, kein Tod, kein Verzweifeln. Um den neugeschaffenen Stausee hübsche kleine Ferienhäuschen, lachende Kinder, fröhliche Familien. Eine reine Idylle liegt vor uns. Das sind Farben die unserem Gemüt guttun.
Und doch, da unten liegt das Grauen. Was hat der Kosmos in der Tiefe des Sees zurückgelassen? Und wird es dort unten bleiben? Wir wissen doch:
„Es ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt“
Mit diesen Gedanken entließ Andreas Hartung sein Publikum, welches ihm und dem The Dunwich Orchestra begeisterten Applaus spendete. Es war wirklich ein Erlebnis der besonderen Art. Gerade die bewusste Entschleunigung und die gezeichneten Bilder wirkten wie ein Gegenentwurf zur modernen KI-Kunst. Diesen Film kann man nicht einfach konsumieren. Man muss sich auf ihn einlassen, um mit echter Immersion belohnt zu werden.
Auf dem Nachhauseweg entdeckte ich übrigens dieses Gebäude (mitten in der Rosa-Luxemburg Straße). Kann das Zufall sein oder ist das Grauen mitten unter uns?
- Edda Gerstner