Lovecrafter Online – Ghoul-Hunde - Neuenglischer Schrecken in Robert Sigls "Laurin" (1989)
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Stefan P. -
6. April 2026 um 12:00 -
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Ungeachtet einzelner herausragender Beispiele - Geißendörfers Jonathan (1970), Schillings Nachtschatten (1972), Herzogs Nosferatu - Phantom der Nacht (1979) oder Hüttners Der Fluch (1988) - gelang es dem Horror-Genre selten, im deutschsprachigen Raum Fuß zu fassen. In den vergangenen Jahren haben einzelne Filmemacher wie Huân Vu oder Patrick Müller Lovecrafts kosmischen Schrecken entdeckt. Wichtige Impulse setzte der Regisseur Robert Sigl. Sigls Teenager-Slasher-Thriller Schrei - denn ich werde Dich töten (1999) erschien als Antwort auf Formate wie Scream, bevor Stefan Ruzowitzkys Anatomie zum erfolgreichsten deutschen Kinofilm des Jahres 2000 wurde. Sigls Meisterwerk aber ist das in Ungarn gedrehte Horror-Melodram Laurin (1989). Zur Zeit der Entstehung war Sigl erst 25 Jahre alt.
Handlung
März 1901, irgendwo im Norden Deutschlands, an der Küste. In einem schwarz eingebundenen Buch betrachtet die Schülerin Laurin Andersen (Dóra Szinetár) das Bild eines unheimlichen Mannes, der einen großen Sack trägt. Die Szene wird zur unheimlichen Wirklichkeit. Eines Nachts beobachtet Laurins Mutter Flora (Brigitte Karner) einen schwarz gekleideten Mann (Károly Eperjes), der einen Jungen entführt. Am nächsten Tag wird ihr Leichnam unter einer Brücke im Wasser gefunden. Am Grab findet Laurin eine kleine Katze. Später begräbt sie das tote Tier auf dem Friedhof und entdeckt einen menschlichen Schädel. Laurin ist mit dem Außenseiter Stefan (Barnabás Tóth) befreundet, der in der Klasse extremen Mobbing-Attacken ausgesetzt ist. Er verschwindet spurlos - wie bereits mehrere Jungen zuvor. Das zu Anfang gezeigte Bild wird zur Überführung des Täters beitragen.
Schrecken des Alltags
Laurin ist deutlich inspiriert von Grimms Märchen wie Rotkäppchen oder Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen, von der Schwarzen Romantik (der unheimliche Mörder erscheint wie eine spießbürgerliche Variante des Sandmanns und kommt E.T.A. Hoffmanns Intention damit sehr nahe), von Theodor Storms Geistergeschichten (Laurins Mutter trägt den Geburtsnamen Storm) und den Todesphantasien und Friedhofsstimmungen aus den expressionistischen Gedichten Georg Trakls. Aber auch Elemente des neuenglischen Schreckens eines Howard Phillips Lovecraft und eines Stephen King finden sich in Laurin. Die Szene, als Laurin in der Klasse als „Künstlerin“ vorgeführt wird und das Katzenbegräbnis wirken wie deutliche Reminiszenzen an Kings Romane Carrie (1974) und Friedhof der Kuscheltiere (1983, Pet Sematary).
Wie bei King kommt der Schrecken aus dem Alltag: Laurin wächst in einer bigotten Gesellschaft auf, deren Mitgliedern die vermissten Jungen weitestgehend gleichgültig sind. Der schwere Schrank im Klassenraum wird zum Ort des Grauens: von seinen Mitschülern wird Stefan darin kopfüber aufgehängt und eingeschlossen. In Kings Roman Cujo (1981) hat ein Junge furchtbare Angst vor einem Monster in seinem Schlafzimmerschrank. Das Buch beginnt wie ein Märchen und mit einem Rückblick auf Dead Zone (1979): „Es war einmal und es ist noch gar nicht lange her, da kam ein Ungeheuer in die kleine Stadt Castle Rock in Maine. (...) Es war kein Werwolf, Vampir oder Gespenst, und es war auch keine namenlose Kreatur aus dem Hexenwald oder aus den Schneewüsten; es war nur ein Polizist namens Frank Dodd, der seelische und sexuelle Probleme hatte.“ Auch in Laurin ist der Täter ein angesehener Bürger, der Sohn des Pastors (Endre Kátay), der schließlich seine eigene Hölle erleben wird. King fährt fort, dass das Ungeheuer nie stirbt und wieder zurückkehrt - in Gestalt eines riesigen Bernhardiners, der nachdem er von einer Fledermaus gebissen wurde, zu einem Monster mutiert: „Die braunen Insektenfresser, die die kleine Höhle bewohnten, waren nämlich in diesem Jahr mit besonders bösartigen Tollwutviren infiziert.“
Lovecraft, von Argento und Fulci verfilmt
Wie eine riesige Fledermaus wirkt Laurins schwarzer Drachen, der über dem Wasser schwebt und ein über den Friedhof streichender schwarzer Schäferhund taucht immer wieder auf. Eines Tages trägt der Hund die Brille des vermissten Stefan im Maul. Die Figur des dämonischen Hundes kommt auch in Lucio Fulcis Über den Jenseits (1981, L'aldilà) vor: Mit der Szene, in der eine junge Frau, die eigentlich bereits ein Geist ist, von ihrem Blindenhund getötet wird, zitiert Fulci deutlich aus Suspiria (1977) von Dario Argento: aber nicht nur an den grausamen Tod des blinden Pianisten auf dem Münchner Königsplatz erinnert diese Sequenz, sondern auch an Lovecrafts frühe Kurzgeschichte Der Hund (1922, The Hound). Die Erzählung handelt von einem Amulett, das zwei Grabräuber in einem aufgebrochenen Sarg vorfinden. Darauf ist ein kauernder, geflügelter Hund dargestellt - „das scheußliche Seelen-Symbolum des Leichenfresser-Kults der Leng“. Dieses als Synthese aus Hund und Fledermaus beschriebene Wesen rückt Lovecraft damit in die Nähe von Ghoulen. Außerdem wird erstmals das geheimnisvolle, „verbotene“ Buch Necronomicon erwähnt, auf welches Lovecraft auch in späteren Werken wie Der Fall Charles Dexter Ward (1927, The Case of Charles Dexter Ward) Bezug nimmt. Fulcis Film basiert deutlich auf diesem Roman, während Argento oberflächlich von Lovecrafts Träume im Hexenhaus (1933, The Dreams in the Witch House) inspiriert ist. In Laurin finden sich deutliche Anspielungen an Suspiria, ästhetisch durch den Einsatz von roten und blauen Farben, aber auch die Figur der Laurin selbst rückt in die Nähe der Tanzschülerin Suzy: beide werden immer mehr von einer grausamen Umgebung eingesogen, von der sie sich nur mit Grausamkeit befreien können: Suzy erschlägt eine Fledermaus, von der sie attackiert wird, bevor der finale Kampf gegen die Hexe beginnt - Laurin erscheint dem Mörder, der sie mit einem Messer verfolgt, schließlich in schwarz gekleidet - es folgt eine an Argentos Gialli erinnernde blutige Szene.
Resümee
Laurin mit seinen poetischen anmutenden Aufnahmen von verfallenen Ruinen und schönen Landschaften ist trotz der vielen Zitate ein sehr eigenständiger Film, den man nicht nur sieht, sondern auch fühlt und der bis auf einige wenige, aber umso heftigere Sequenzen, fast auf Gewaltdarstellung verzichtet.
Vielleicht wird Sigl einmal eine Geschichte von Lovecraft verfilmen…
Literatur
King, Stephen (2007): Cujo. Roman. München.
Lovecraft, Howard Phillips (1977): Der Bluthund. In: Parry, Michel (Hrsg.): Die Hunde der Hölle. Gespenstergeschichten. Frankfurt am Main. S. 7-15.
Stiglegger, Marcus (2004): Suspiria. In: Vossen, Ursula (Hrsg.): Filmgenres Horrorfilm. Stuttgart. S. 237-240.
Worschech, Rudolf (2004): Anatomie. In: Vossen, Ursula (Hrsg.): Filmgenres Horrorfilm. Stuttgart. S. 336-340.