Lovecrafter Online – Lovecraftsche Momente in der „Freitag der 13.“-Reihe
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Stefan P. -
25. Mai 2026 um 12:00 -
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Die Reihe um Jason Voorhees, der immer wieder mordend zurückkehrt, „obwohl er hierbei verbrennt, sein Kopf von einer Schiffsschraube zerfetzt wird und er auch noch zur Hölle fährt“1, umfasst beginnend mit Freitag der 13. (Friday the 13th, 1980) von Sean S. Cunningham, zehn weitere Fortsetzungen und ein Remake. Die Beiträge sind weitestgehend dem seit den späten 1970er Jahren populären Slasher-Horror zuzuordnen, der sowohl Teenager als Hauptakteure auftreten lässt und sich primär an ein jugendliches Publikum wendet. Daher gibt es nur wenige Berührungspunkte zu Lovecrafts kosmischen Schrecken, der etwa zeitgleich ebenfalls in zahlreichen Filmproduktionen aufgegriffen wurde.
Jason kommt im ersten Teil und später in einigen Rückblenden als Kind vor, ab der zweiten Fortsetzung als hünenhafter Erwachsener. Jasons Kopf wird als übergroß und deformiert dargestellt, außerdem fehlt ihm ein Auge und er spricht nicht. Hierdurch fällt er aus „dem mit Etiketten wie ‘normal’ oder ‘durchschnittlich’ versehenen Korridor der die Mehrheit darstellenden und deshalb die Deutungshoheit beanspruchenden ‘Wir’-SagerInnen heraus“.2
„Unglücklich ist der, dessen Erinnerung an die Kindheit nichts als Angst und Traurigkeit birgt. Bedauernswert ist der, der nur zurückblicken kann auf einsame Stunden in riesigen, elenden, braun verhangenen Gemächern mit irrsinnigen Reihen uralter Bücher oder endlos wachend inmitten dämmerbeschienener Haine voller grotesker, gigantischer, von Ranken umschlungener Bäume, deren Zweige sich weit nach oben krümmten und lautlos winkten. Solch ein Los haben die Götter mir beschieden (...).“3
Mehrere junge Erwachsene besuchen ein abgelegenes Feriencamp am Crystal Lake während der Sommersaison und werden auf grausame Weise getötet. Als Reminiszenz an Bram Stoker's Dracula warnte sie ein alter Mann vor der Weiterfahrt, da das Camp verflucht sei. Die letzte Überlebende, Alice, versucht zu fliehen, als ihr plötzlich eine ältere Frau gegenübersteht, die sich als Mrs. Voorhees und als frühere Angestellte des Camps vorstellt. Plötzlich beginnt sie mit der Stimme eines Jungen zu sprechen, der sie zum Töten auffordert.
Die Grundthematik ist eine Umkehrung der Norman-Bates-Figur aus Alfred Hitchcocks Thriller Psycho (1960),4 der immerhin auf einer Vorlage des Lovecraft-Schülers Robert Bloch beruht. Inspiriert wurde Bloch durch den realen Kriminalfall Ed Gein, der auch das Vorbild für einen weiteren wichtigen Vorläufer von Jason Voorhees war: der eine Maske aus Menschenhaut tragende Schlachter aus Blutgericht in Texas (1974, The Texas Chainsaw Massacre) von Tobe Hooper. Christian Rzechak erkennt in Leatherface nicht nur einen „Dämon im psychischen Sinne; es handelt sich um eine nrealen, geistig zurückgebliebenen Menschen, der sich gar nicht bewusst ist, was er eigentlich anrichtet, eine mordende, aber auch bemitleidenswerte Kreatur.“5 Hooper und auch Cunningham verwenden die lovecraftsche „Fixierung des Zeitpunktes“ als „Mittel der Authentisierung“6: Die Geschehnisse in Blutgericht in Texas ereignen sich am 18. August 1973.7 Die ersten Morde im Camp Lake wurden im Sommer 1958 verübt. Jason Voorhees wurde am 13. Juni 1946 geboren und ertrank im Sommer 1957, nachdem er zuvor heftigen Mobbingattacken anderer Kinder ausgesetzt war und das Aufsichtspersonal nicht eingriff.
„Ich bin kein Tier. Ich bin ein menschliches Wesen! Ein - Mensch!“ - John Merrick
In Freitag der 13. – Jason kehrt zurück (Friday the 13th Part 2, 1981) trägt Jason eine ähnliche Sackmaske wie John Merrick in Der Elefantenmensch (The Elephant Man, 1980) von David Lynch. Dieses auf einer wahren Begebenheit beruhende Drama erzählt die Geschichte eines auf einem Jahrmarkt ausgestellten Mannes, der den Misshandlungen des Besitzers ausgesetzt ist. Der Chirurg Frederick Treves erkennt in Merrick einen durch eine Krankheit schwer deformierten Menschen, den er in sein Krankenhaus bringt. Eines Nachts dringt eine sensationslüsterne Menge in das Sanatorium ein. Merrick wird gedemütigt und gezwungen, in einen Spiegel zu schauen.8 Ähnlich beschreibt Lovecraft den Moment, als der Ich-Erzähler in Der Außenseiter (The Outsider, 1921) realisiert, was er im Spiegel sieht: „(...) so weiß ich doch, dass ich immer ein Außenseiter sein werde; ein Fremder in diesem Jahrhundert und unter jenen, die noch Menschen sind. Dies weiß ich, seit ich meine Finger jener Scheußlichkeit in dem großen goldenen Rahmen entgegenstreckte und eine kalte und unnachgiebige Oberfläche aus poliertem Spiegelglas berührte.“9
Freitag der 13. Teil VI – Jason lebt (Friday the 13th Part VI: Jason Lives, 1986) erschien nur kurze Zeit nach The Re-Animator (1985). Stuart Gordon, der später noch mehrere Lovecraft-Adaptionen, u. a. Castle Freak (1995) nach Der Außenseiter realisierte, verfilmte Lovecrafts gleichnamige Erzählung (1922): Die Hauptfigur Herbert West steht in der Tradition des Mad Scientist, er „ist ein moderner Frankenstein, der gleichfalls den Tod nicht als Ende allen Seins akzeptiert, sondern ihn mit wissenschaftlichem Fortschritt zu überwinden glaubt.“10 West glaubt, dass alles Leben ausschließlich auf chemischen und physikalischen Prozessen beruht und daher nach dem Tod ein Neustart möglich wäre. Nach mehreren Experimenten mit Tieren untersagt ihm der Dekan der Universität weitere Versuche. Als der Dekan stirbt, wird er von West und seinem Assistenten ausgegraben und wiedererweckt - er wird zum kannibalischen Monster.11 Auch an die Kurzgeschichte Der Hund (The Hound, 1922) erinnert der Beginn des sechsten Teils, in dem Jason Voorhees von zwei Jugendlichen ausgegraben wird - allerdings wollen diese seinen Körper endgültig vernichten - und durch einen Blitzschlag zu neuen Leben erweckt wird. Diese Szene erinnert an die Blitze schleudernden Götter Zeus und Thor.
„(...) da kam ein Mann in die Schlacht mit einem tiefhängenden Hut und einen schwarzen Kapuzenmantel. Er war einäugig und hielt einen Speer in seiner Hand.“ - Völsunga Saga12
Es ist nicht ungewöhnlich, dass mythologische Figuren mit Behinderungen dargestellt werden. Hephaistos, der griechische Gott der Handwerker und Waffenschmied, hinkt beim Gehen. Sein Attribut ist wie bei dem Donnergott Thor ein Hammer, den auch Jason, der den gleichen Namen wie der antike Seefahrer der Argonautensage trägt, als Waffe einsetzt (Part 2). Jason ist einäugig, wie der mit einem Speer kämpfende Odin, der germanische Gott der Toten, des Krieges und der Dichtkunst, der sein Auge zur Erlangung magischen Wissens eintauschte. In Und wieder ist Freitag der 13. (Friday the 13th Part III, 1982) trägt Jason erstmals seine ikonenhafte Eishockeymaske. In dieser Maskierung tötet er eine Frau mit einer Harpune (analog zu einem Speer) mit einem gezielten Wurf in deren Auge. Dies kann als Überinterpretation gewertet werden, allerdings geht der Mythos der Unglückszahl 13 auf die Legende zurück, dass sich Loki als uneingeladener 13. Gast den trauernden Göttern angeschlossen hatte. Außerdem gibt es Parallelen zwischen der Figur Jason und den namenlosen Einäugigen aus Valhalla Rising (2009), der ebenfalls nicht spricht und versklavt zu Kämpfen gegen andere Gefangene gezwungen wird.13 Dieser Film entstand fast zeitgleich wie Marcus Nispels Neu-Interpretation von Freitag der 13.
Resümee
Wie in vielen Lokalitäten aus Lovecrafts Erzählungen ist das Waldstück mit dem Crystal Lake ein verrufener, als verflucht geltender Ort, „wo der Mensch nicht zu Hause ist“14: zuerst für Jason und seine Mutter, später für alle, die das Camp aufsuchen.
Inspiriert von Lovecrafts Außenseiter, Figuren der klassischen Horrorgeschichte wie Dracula oder Frankensteins Kreatur - mit letzterer teilt er die tragische Dimension, von den Anderen wegen seines ‘Anders’-Seins nicht akzeptiert zu werden - und antiken Vorbildern ist Jason selbst zu einem modernen Mythos geworden.
1. Aster, Christian von (2002): Horror-Lexikon: von Addams Family bis Zombieworld; die Motive des Schreckens in Film, Literatur und Wirklichkeit. Berlin. S. 372.
2. Helmes, Günter (2017): Spielfilm - Abweichung - Behinderung - Beobachtungen zu einem frühen Klassiker des Genres „Behindertenfilm“: Das Lehrstück Freaks (1932) von Tod Browning. In: Julia Ricart Brede und ders. (Hrsg.): Vielfalt und Diversität in Film und Fernsehen - Behinderung und Migration im Fokus. Münster. S. 19 - 62.
3. Lovecraft, Howard Phillips (2005): Der Außenseiter. In: ders.: Der kosmische Schrecken - Horrorgeschichten. Leipzig. S. 171 - 180.
4. Rauscher, Andreas (2004): Freitag der 13. In: Vossen, Ursula (Hrsg.): Filmgenres Horrorfilm. Stuttgart. S. 257 - 262.
5. Rzechak, Christian (2004): Blutgericht in Texas / Das Kettensägenmassaker. In: Vossen, Ursula (Hrsg.): Filmgenres Horrorfilm. Stuttgart. S. 203 - 208. Leatherface ist selbst Misshandlungen durch seinen älteren Bruder ausgesetzt.
6. Koseler, Michael (1997): Anmerkungen zur Erzählkunst Howard Phillips Lovecraft. In: Rottensteiner, Franz (Hrsg.): H. P. Lovecrafts kosmisches Grauen. Frankfurt am Main. S. 105 - 135.
7. Hoopers Film beginnt mit einer Leichenschändung auf einem abgelegenen texanischen Friedhof, worüber in den Nachrichten berichtet wird. Lovecraft selbst verwendet Schilderungen von Grabschändungen in Charles Dexter Ward. Hierzu St. Armand, Barton L. (1997): Die Fakten im Falle H. P. Lovecraft. In: Rottensteiner, Franz (Hrsg.): H. P. Lovecrafts kosmisches Grauen. Frankfurt am Main. S. 179 - 205.
8. Seeßlen, Georg (2003): David Lynch und seine Filme. 5., erweiterte Auflage. Marburg. S. 40 - 61.
9. Lovecraft (2005): a. a. O. James Schevill bezeichnet Lovecraft selbst als den ersten Antihelden der Moderne, „einer der Väter (...) aller Antis“. Zitiert bei St. Armand (1997): a. a. O., S. 184.
10. Rzechak, Christian (2004): Re-Animator. In: Vossen, Ursula (Hrsg.): Filmgenres Horrorfilm. Stuttgart. S. 292 - 296. In der Filmkritik zu Re-Animator schreibt Rzechak über Lovecraft: „Mit seinen über 65 Erzählungen und dem von ihm geschaffenen Mythos um die Schreckens-Gottheit Cthulhu zählt Lovecraft neben Bram Stoker, Mary Shelley und Edgar Allan Poe zu den Wegbereitern des modernen Horrorgenres und wird von Genre-Größen wie Stephen King und Wolfgang Hohlbein verehrt, ohne jedoch eine Massenpopularität erreicht zu haben. Auch die zahlreichen Verfilmungen seiner düsteren Geschichten haben daran nichts Grundlegendes geändert.“
11. Lovecraft, Howard Phillips (1995): Herbert West - Der Wiedererwecker. In: Kluge, Manfred (Hrsg.): Frankenstein: Neue Geschichten um das legendäre Monster von Menschenhand. München. S. 79 - 124.
12. Simek, Rudolf (2005): Mittelerde - Tolkien und die germanische Mythologie. München. S. 75.
13. Naumann, Kai (2012): Qual, Gewalt und Erlösung - Der mythische Körper in Nicolas Winding Refns VALHALLA RISING. In: Ritzer, Ivo und Marcus Stiglegger (Hrsg.): Global Bodies - Mediale Repräsentationen des Körpers. Berlin. S. 283 - 295.
14. Diese Deutung Lars Gustafsson mit Bezug auf Piranesis Gefängnisbilder ist auf Lovecrafts menschenfeindliche Lokalitäten übertragbar, zitiert bei Koseler (1997): a. a. O., S. 109.