Lovecrafter Online – Filmkritik: Creepshow II - Das Floß
1
Stark (1993, The Dark Half) war bereits die vierte Filmarbeit von George A. Romero, die nach Vorlagen von Stephen King entstanden ist. Zuvor inszenierte Romero, der durch seine düster-pessimistische, akzentuiert gesellschaftskritische Zombie-Trilogie bekannt wurde1, den ersten Teil von Creepshow (1982) und verfasste für die Fortsetzung (1987) sowie eine Episode aus Tales from the Darkside (1990) das Drehbuch. In Day of the Dead (1985) erhält der Zombie Bub Kings Dracula-Variante Brennen muss Salem (1975, Salem’s Lot) zum Lesen. Romero wollte diesen Roman ursprünglich verfilmen.2 Stattdessen schuf Romero mit Martin (1977) „eine klassische und feinfühlige Abhandlung des Vampir-Mythos“.3 King widmete Romero seinen Roman Puls (2006, Cell).
Viele von Stephen Kings Geschichten sind erheblich beeinflusst von den düsteren Werken Howard Phillips Lovecrafts. Nach eigener Angabe las King erstmals Texte von Lovecraft Ende der 1950er Jahre, die er in einer Kiste auf dem Dachboden gefunden hatte. Sehr zum Missfallen seiner Tante, einer Grundschullehrerin, betrat er „zum erstenmal die Ebenen von Leng (...) besuchte die Städte Dunwich und Arkham, Massachusetts; und wurde, am allerwichtigsten, von dem kahlen und unheimlichen Grauen von The Colour Out of Space bewegt.“4
Handlung
1968. Ein Junge (Patrick Brannan) schreibt mit schwarzen Stiften eine Geschichte mit dem Titel Here There Be Tygers (eine kurze, gleichnamige Erzählung wurde von Stephen King tatsächlich in diesem Jahr veröffentlicht) und klagt plötzlich über schwere Kopfschmerzen. Er bricht am nächsten Tag vor dem Schulbus zusammen. Bei der anschließenden Operation öffnet sich plötzlich ein pulsierendes Auge in seinem Gehirn. Die Ärzte entfernen außerdem noch Teile eines Nasenflügels, Fingernägel und Zähne, von denen einer ein Loch hat. Es sind die Reste eines Zwillings, der im Mutterleib absorbiert wurde.
23 Jahre später ist Thad Beaumont (Timothy Hutton) mit Liz (Amy Madigan) verheiratet und selbst Vater von Zwillingen (Sarah und Elizabeth Parker). Unter dem Pseudonym George Stark verfasst er Horror-Romane um den Serienmörder Alexis Machine, die im Unterschied zu seinen übrigen Büchern, Bestseller geworden sind. Als der Student Fred Clawson (Robert Joy) droht, Beaumonts Geheimnis zu lüften, antwortet ihm dieser, er würde gerne über Clawson schreiben und ihn leiden lassen. Auf Empfehlung seiner Frau lässt Beaumont Stark symbolisch beerdigen.5 Wieder ist ein Schwarm Sperlinge anwesend. Bald darauf beginnt eine Mordserie an Personen, die im weitesten Sinne mit Starks Begräbnis in Verbindung stehen. Neben Clawsons schrecklich verstümmelter Leiche findet sich mit seinem Blut geschrieben der Schriftzug „The Sparrows are Flying Again".6 Für Sheriff Pangborn (Michael Rooker) ist Beaumont zunächst der Hauptverdächtige, zumal in Clawsons Apartment dessen Fingerabdrücke gefunden wurden.
Interpretation
„Im Alter von sieben Jahren schrieb er Gedichte mit solch finstrem, fantastischem, geradezu grässlichem Inhalt, das seine Lehrer staunten. (...) Das eigenartige Genie des jungen Derby entwickelte sich in bemerkenswerter Weise und als er achtzehn Jahre alt war und seine Nachtmahr-Lyrik unter dem Titel Azathoth und andere Schrecken zusammenfasste und veröffentlichte, erregte das großes Aufsehen.“
Beaumonts Mutter (Beth Grant) ist besorgt über dessen Schreiben, sie glaubt, er verderbe sich die Augen (es schwingt auch mit, dass sie Schriftstellerei nicht als ‘Brotberuf’ akzeptiert) und ist überbeschützend. Wie bei dem hochbegabten Edward Pickman Derby aus Lovecrafts Das Ding auf der Schwelle (1937, The Thing on the Doorstep) begünstigt dies bei Beaumont „zweifellos das merkwürdige, geheime Innenleben des Jungen, dem als einziger Weg in die Freiheit die Fantasie blieb.“7 Der Name Stark ist inspiriert von dem realen Serienmörder Charles Starkweather, der Ende der 1950er Jahre elf Menschen tötete und als 21-Jähriger hingerichtet wurde. Zu Douglas E. Winter sagte King, er fand Starkweather als Kind „cool wie Elch: (...) Meine Mutter war soweit, mich zum Psychiater zu schicken.“8
King und Romero, der selbst das Drehbuch nach der knapp 500 Seiten umfassenden, 1989 erschienenen Vorlage schrieb, orientieren sich wie David Cronenberg in Die Unzertrennlichen (1988, Dead Ringers) oder im weitesten Sinne auch Henenlotters Basket-Case-Trilogie an den wahren Fall der Marcus-Zwillinge.9 Die beiden Gynäkologen waren im Juli 1975 tot in ihrem New Yorker Luxus-Apartment aufgefunden worden, bis zur Gegenwart wird darüber diskutiert, ob es sich um einen Doppel-Suizid gehandelt hat. Neben einem pessimistischen Blick auf den medizinischen Bereich als Arbeitswelt vereint die genannten Filme, dass sie den populären Mythos aufgreifen, wonach eineiige und siamesische Zwillinge „auf besondere Weise geistig verbunden und auf eine eigensinnige Art unzertrennlich sind.“10 Beaumont empfindet Stark, der ebenfalls von Timothy Hutton dargestellt wird, als einen im Grunde untrennbaren Teil seiner selbst.
Die vielleicht wichtigste Lovecraft-Inspiration kommt aus Das Grauen von Dunwich (1929, The Dunwich Horror), wo es ebenfalls um zwei Brüder geht - Wilbur Whateley und sein unheimlicher Zwilling, die Kinder Yog-Sothoths sind. Der Lovecraft-Experte S. T. Joshi, der üblicherweise den Büchern Kings sehr reserviert gegenübersteht und Stark als immerhin nicht ganz misslungen betrachtet, bezeichnet „die Idee von Vögeln als Psychopomps“ von Lovecraft zu übernehmen, als „überraschend stark".11 Die Ziegenmelker in Lovecrafts Erzählung gehen vermutlich auf Legenden im ländlichen Raum Massachusetts zurück. Die in Schwärmen auftretenden Nachtschwalben werden als Todesboten wahrgenommen, die unter schrecklichen Schreien versuchen, Sterbenden die Seelen zu stehlen. „Sofern die Seele ihnen entwischt, zerstreuen sie sich in stiller Enttäuschung, aber manchmal stimmen sie einen lärmenden Chor aufgeregten, triumphierenden Gezwitschers an, der die Anwesenden erbleichen lässt.“12 Die Schwärme von Sperlingen in Stark sind eine Reminiszenz an Die Vögel (1963, The Birds) von Alfred Hitchcock, der eine Vorlage von Daphne Du Maurier verfilmte, die wiederum die Grundthematik der angreifenden Tiere aus The Terror (1917) von Arthur Machen übernahm, einen der von Lovecraft am meisten geschätzten Autoren. Die Aufnahmen, in denen die Sperlinge einen Körper bis zum Skelett zerhacken und in den Nachthimmel tragen, ist ein wahrhaft lovecraftscher Moment.
Exkurs: das Ende von Castle Rock
In einer kleinen Stadt (1991, Needful Things, verfilmt 1993) entstand als direkte Fortsetzung von Stark. Erneut tritt Sheriff Pangborn auf, der von dem Satz über die fliegenden Sperlinge verfolgt wird und sich, selbst mit magischen Kräften ausgestattet, gegen einen unheimlichen Mann namens Leland Gaunt zur Wehr setzt, der einen kleinen Laden in Castle Rock eröffnet hat, der offenbar die geheimsten Wünsche erfüllen kann. Gaunt ist möglicherweise der Teufel höchstpersönlich und auf dessen Garageneinfahrt ist der Schriftzug „Yog-Sothoth rules!“ zu finden ist. Der die Grundideen aus Herbert George Wells Kurzgeschichte Der Zauberladen (1895, The Magic Shop) und aus Mark Twains Erzählung Der geheimnisvolle Fremde (1908, The Mysterious Stranger)13 aufgreifende, über 700 Seiten umfassende Roman wurde von der Kritik heftig verrissen.14 Allerdings räumt sogar Joshi ein, dass es King hier gelungen ist „Gier, Beschränktheit, Rachegelüste und Arroganz (...) als die wesentlichen Motivationsfaktoren eines Kleinstadtlebens (und vielleicht des amerikanischen Lebensstils überhaupt)“ zu beschreiben: von Gaunt motiviert, werden die von ihm verlangten „immer gehässigeren Aktionen freiwillig, vorsätzlich oder mit sadistischer Freude begangen“.15 King teilt Romeros Kritik der Konsumgesellschaft, letztlich wird Castle Rock sogar zerstört. Gaunt, der immer wieder von den Ebenen von Leng spricht, zieht weiter.
Fazit
Romeros Film ist nicht nur die Adaption eines autobiografisch geprägten Romans, sondern eine durchaus anspruchsvolle Literaturverfilmung, der es zwar gelingt, die symbolische Bildsprache der Vorlage einzufangen, dabei aber auch einige Längen aufweist.
King hat wie Lovecraft eine eigene, von diesen deutlich inspirierte Mythologie entworfen: Stark ist seine vielleicht am meisten gelungene Hommage an den Yog-Sothoth-Mythenzyklus.
1
2
1