Lovecrafter Online – Rezension: Verloren in Innsmouth
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Johanna hasst es, glücklich zu sein. Nein, ich muss das anders formulieren – Jo, so nennen sie ihre Freunde nämlich, liebt es zu hassen. Oder? Nun, auf jeden Fall ist es kompliziert mit dem Glück. Und das weiß Jo wohl so gut wie kaum jemand anderes. Als Mitarbeiterin im Glücksministerium beschäftigt sie sich schließlich tagein, tagaus mit Glücksberichten und Danke-Gedanken, die sie mit blauem Textmarker annotiert und geflissentlich sortiert. Denn in der glücklichsten aller Welten ist nicht die Frage, ob man glücklich ist, sondern wie glücklich man ist.
Damit ist das Thema des dystopischen Romans “Destruktion” gesetzt. Das von oben verordnete Glück, mit seiner Langsamkeit und permanenten Freude, ist natürlich kein echtes Glück. Vielmehr ist es ein repressives System, das zwar gewisse natürliche Freuden wie Karottenlachs, Freundschaft oder Sex erlaubt, aber eine ganze Reihe an natürlichen Emotionen verdrängt. So drängt sich der pure Hass als Antiheld Titus in die klinisch sterile Megastadt und löst bei Jo ein unstillbares Verlangen nach entsublimiertem, masochistischem Sex aus. Auch sonst bröckelt es unter der Fassade, etwa in Form des Archivars, der die verschüttete Vorgeschichte der Welt in Form von Ricky Ratte-Heften hervorkehrt.
Dass das Glück in “Destruktion” trügerisch ist, wird schon vor dem Aufschlagen der ersten Seite klar, schließlich wird das Buch offen als Dystopie beworben, und auf dem Titelbild prangt ein nicht gerade glücksversprechender brutalistischer Neubau. Interessanterweise ist es aber nicht so einfach. Während die meisten Dystopien ihre wahre Fratze schnell in aller Härte zeigen, herrscht in Hells Welt deutlich mehr Ambiguität. Tatsächlich lässt das Regime Lücken und Zufluchtsräume und rottet Widerstand nicht direkt im Keim aus. Diesmal befinden sich die Folterkeller eher im widerständigen Untergrund denn in den Machtzentralen. Das Glücksregime ist sicherlich kein Hort des Glückes, aber weniger totalitärer Terror, als man es von einer Horrorautorin wie Faye Hell erwartet hätte. Es geht subtiler zu als erwartet …
… was man übrigens auch in puncto Gewalt sagen darf. Hells Sprache bleibt gewohnt schnittig und schnell; körperlicher Horror ist diesmal jedoch die Ausnahme und erreicht nie die Härte, die wir von der Steiermarkerin gewohnt sind. Worin sie sich treu bleibt, ist hingegen der pornografische Zug. Expliziter, harter, gewaltsamer Sex spielt eine dominante Rolle. Dabei ist Destruktion sicher keine Dark Romance, sondern sexualisierte Gewalt hat eine weitergehende Funktion für die Geschichte. Enthemmte Begierde ist Ausdruck menschlicher Natur – wenngleich ich diesmal hadere, ob der Einsatz wirklich gelungen ist. Anders als etwa im deutlich härteren Zeitalter der Kröte wird Sexualität nicht substantiell mit der Kernthematik verwoben, sondern bleibt äußerlich. Es hätte auch ein anderer Trieb sein können, der Jo und Titus auszeichnet, wobei letzterer übrigens eine ähnliche Rolle wie Toad aus dem Zeitalter einnimmt, aber deutlich simpler konzipiert ist.
Stilistisch brilliert das Buch. Die starke Bildsprache, präzisen Dialoge und geschickte Wortspiele machen Destruktion zu einem ebenso schnellen wie scharfsinnigen Buch. Dabei spielt Reduktion eine entscheidende Rolle. Die gilt schon immer für Hells Sprache, diesmal aber auch für Orte und Charaktere. Destruktion weist deutliche theaterhafte Züge auf. Nicht nur, dass die (inneren) Dialoge der überschaubar wenigen Charaktere das Buch tragen, auch sind Orte und Personen spürbar auf ihre Funktion reduziert. Auch die Orte bleiben etwas unterbestimmt und reduzieren sich auf bedeutsame Requisiten. Das führt zu einer sehr klaren (und spannungsvollen) Handlung, lässt aber etwas an Immersion vermissen. Statt detailliertem Weltenbau stehen hier konzentrierte Plot- und Charakterentwicklung im Mittelpunkt. Es ist gar nicht so einfach zu sagen, ob das eine Stärke oder Schwäche ist. Wer die Genrekünstlerin Hell erwartet, wird sich umgewöhnen müssen. Die Emanzipation von Genrekonventionen eröffnet jedoch Räume, die das Buch zu mehr als bloßer Unterhaltung machen.
Ich würde lügen, wenn ich Destruktion uneingeschränkt empfehlen würde. Man muss nicht nur mit Gewaltsexfantasien umgehen können, sondern gleichzeitig auch Lust am Nachdenken über Glück, Menschlichkeit und Verantwortung haben. Destruktion ist keine leichte (oder schwere) Abendlektüre, sondern eine Dystopie, die etwas zu sagen hat. Anders als viele andere Dystopien arbeitet sich das Buch dabei nicht offensichtlich an bestehenden Regimen ab, sondern konstruiert eine postapokalyptische Welt die von toxischer Positivität getragen ist. Thematisiert wird weniger der offene Terror aktueller protofaschistischer Staaten, sondern neoliberale Zwangsversprechen. Damit ist das Buch subtiler, ja sogar optimistischer als die Wirklichkeit. Die stilistische Stärke, der klare aber überraschende Plot und die originäre Dystopie machen auch den neuesten Roman von Faye Hell zu einem Ausnahmebuch; allerdings einem, das in der Auslotung von Grenzen durchaus fordernd sein kann und sich Erwartungen versperrt. Und dafür ist Literatur ja schließlich da …
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