Lovecrafter Online – Der Hastur-Mythos bei Stephen King
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Stefan P. -
29. Juni 2026 um 12:00 -
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„Ich fand mich Namen und Begriffen gegenübergestellt, die ich bereits früher in schauderhaftesten Zusammenhängen kennengelernt hatte – Yuggoth, Großer Cthulhu, Tsathoggua, Yog-Sothoth, R’lyeh, Nyarlathotep, Azathoth, Hastur, Yian, Leng, der See von Hali, Bethmoora, das Gelbe Zeichen, L’mur-Kathulos, Bran, und das Magnum Innominandum – und wurde durch namenlose Äonen und unermessliche Dimensionen in Welten älterer, weit entfernter Existenz zurückversetzt, von denen der verrückte Verfasser des Necronomicon nur eine ganz vage Ahnung gehabt hatte."
- H. P. Lovecraft, Der Flüsterer im Dunkeln
Stephen King hat in den Worten des Lovecraft-Biografen S. T. Joshi das Übersinnliche oft vermasselt1: Brennen muss Salem (Salem’s Lot, 1975) nennt Joshi „banal, abgedroschen, sentimental geschrieben und außerdem äußerst schlecht geschrieben". King zitiert bei seiner Beschreibung des Barlow-Kellers Lovecrafts Die Ratten im Gemäuer (Rats in the Walls, 1924). Am deutlichsten beeinflusst ist der Roman allerdings von Bram Stokers Dracula, dessen Originalausgabe 1897 in einem gelben Einband erschien - zwei Jahre nachdem Robert W. Chambers seine Kurzgeschichtensammlung Der König in Gelb (The King in Yellow) veröffentlichte: darin kommt mehrmals der geheimnisvolle Begriff Hastur vor. An Gramma (1984) bemängelt Joshi, es wäre eine passable Erzählung, wenn „King nicht am Ende in stümperhafter Manier einige Lovecraft’sche Versatzstücke hineingearbeitet" hätte - dies ist aber vielleicht sogar eine der Stärken dieser Geschichte und weiteren Texten von King mit Hastur-Bezügen und unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten.
Der elfjährige George Bruckner verbringt den Nachmittag bei seiner bettlägerigen, schwerkranken Großmutter, vor der er sich ängstigt (es schwingt deutlich mit, dass die Angehörigen die alte Frau als Belastung sehen). Während der Wirtschaftskrise kam Mrs. Bruckner mit okkulter Literatur in Berührung und ihr Mann fand eine Beschäftigung. Nach zwei Fehlgeburten gebar sie neun Kinder. Als Lehrerin wurde sie entlassen, was offenbar im Zusammenhang mit bestimmten Büchern stand. King und Lovecraft verwenden das seit der frühen Neuzeit gängige Motiv der Hexe als alte, nicht mehr empfängnisfähige Frau. Lyndal Roper beschreibt, dass damals die Annahme bestand, der weibliche Körper würde im Alter austrocknen und durch fehlenden Monatsblutungen könnten unreine Bestandteile nicht mehr ausgestoßen werden. Außerdem sei der Atem dieser Frauen giftig. Gramma Bruckner ist bei King eine adipöse und blinde Frau mit sehr langen Fingernägeln, während Lovecraft Keziah Mason in Träume im Hexenhaus (The Dreams in the Witch House, 1933) mit einem krummen Rücken, boshaften Gesichtsausdruck, „dürren Klauen“ und einer krächzenden Stimme beschreibt. Beide Frauen erlangten durch ihre okkulten Studien aber enormes Wissen: Keziah Mason etwa kann die Tore zwischen den Dimensionen durchschreiten.
Gramma Bruckner beschwört immer wieder eine Entität Hastur, ihren selbst gewählten „Vater“, was zum Tod einer Nachbarin und ihrer Tochter Flo führt. Oberflächlich können die bei King beschriebenen Riten als Satanismus im Stile von Polanskis Rosemary’s Baby (1968), oder zumindest was King dafür hält, gelesen werden. In der Geschichte Jerusalem’s Lot (1978), für Joshi „eine umständliche und wenig ausgegorene Nachahmung Lovecrafts“, worin eine riesige, blinde Wurmgottheit namens Gyaagin - dieses Wesen wird auch in Gramma erwähnt - unter einer alten Kapelle haust. In dieser Kirche finden sich ein umgedrehtes Kreuz und das geheimnisvolle Buch De Vermis Mysteriis2. Gramma Bruckner - deren Verfluchungen vielleicht eine Reaktion auf die Verachtung ist, die ihr die Gesellschaft entgegenbringt - ist vermutlich im Besitz des Necronomicon, was in der Filmadaption auch so dargestellt wird, einer atmosphärisch sehr dichten Folge aus Twilight Zone (1986), die King selbst als die furchterregendsten 19 Minuten bezeichnet, die es je im Fernsehen gab.
Der Gott aller Hirten ist nah3
Der Name Hastur taucht erstmals 1891 in der Erzählung Haïta the Shepherd des Autoren und Journalisten Ambrose Bierce auf, der 1914 während der mexikanischen Revolution spurlos verschwand. Darin erscheint Hastur als gütiger Gott der Hirten, was ihn in deutlicher Nähe zu dem griechischen Waldgott Pan rückt4. Diesen stark sexualisierten Mythos überträgt King in die arbeitsteilige Moderne, worin eine deutliche Technikskepsis mitschwingt: Pan leitet ein, modern gesprochen, Start-up-Unternehmen namens Pastoral Greenery and Outdoor Services mit einer Angestellten im Telefondienst und dem titelgebenden Rasenmäher-Mann (The Lawnmower Man, 1975), der sich als Satyr mit grünem Schamhaar und gespaltenen Füßen entpuppt und ein neues Rasenmäher-Modell („red devil") einsetzt. Als der von diesem Gerät zerfetzte Harold Parkette gefunden wird, deuten die Ermittler dies als Werk eines „sex maniac".
Parkette ist ein engstirniger Anhänger der Republikaner, der sich wegen politischen Ansichten mit seinen Nachbarn zerstreitet, offenbar besteht seit langem kein Sex mit seiner Frau. Kings Geschichte liest sich wie ein ironischer Seitenhieb gegen die technologische Konsumgesellschaft, als Parkette von dem selbst beauftragten Rasenmäher-Mann, der zugleich ein kompetenter Facharbeiter ist, rituell geopfert wird. Zugleich werden aber marxistische Vorstellungen genauso verworfen: Der Maulwurf, bei Karl Marx Symbol für den historisch-gesellschaftlichen Fortschritt, wird vom Rasenmäher-Mann einfach gefressen.
Letzte Nacht und die Nacht zuvor, / Tommyknockers, Tommyknockers / Klopfen an mein Tor.
Den Grundgedanken von Tommyknockers (1987) hat King aus Lovecrafts Der Flüsterer im Dunkeln (The Whisperer in Darkness, 1931) übernommen, der Erzählung, in der Lovecraft zweimal den Begriff Hastur erwähnt und zugleich mit der „Ziege der Wälder mit den tausend Jungen" einen Pan-ähnlichen Fruchtbarkeitskult andeutet. Vordergründig geht es um Wesen aus der Folklore, wie den bei Arthur Machen beschriebenen Little People: „Diejenigen, die von ihrer Abstammung mit der keltischen Sagenwelt vertraut waren – hauptsächlich die schottisch-irischen Bewohner New Hampshires und ihre Landsleute, die sich im Zuge der Landzuweisungen des Gouverneurs Wentworth in Vermont angesiedelt hatten –, brachten sie vage mit den bösen Feen und den Kobolden ihrer Sümpfe und Hügelfestungen in Verbindung und schützten sich mit den Resten alter Beschwörungsformeln." Die Indigenen hingegen sind - richtigerweise - überzeugt, dass die Wesen (die Mi-go) außerirdischen Ursprungs sind. Der Big Injun Wood aus Tommyknockers galt bereits bei den Micmacs als verflucht.
Der Ich-Erzähler bei Lovecraft ist der Literaturwissenschaftler Albert N. Wilmarth, die Hauptfigur in Tommyknockers ist ein erfolgloser Schriftsteller. Er heißt Gardener - wie die Familie aus Lovecrafts Farbe aus dem All. Gardener ist derjenige, der sich aufgrund der Geschehnisse an den Vers über die Tommyknockers, eigentlich Berggeister, erinnert.
Henry Akeley findet einen mit Hieroglyphen besetzten, schwarzen Stein in den Wäldern Vermonts, den er mit nach Hause nimmt. Roberta Anderson stolpert beim Spaziergang in Haven, Maine (ebenfalls im Nordosten der USA) über ein kleines Stück Metall. Beides setzt furchtbare Ereignisse in Gang. Die Menschen aus Robertas Nachbarschaft erfinden daraufhin ausgeklügelte Apparate wie eine Maschine, die Briefe selbstständig sortiert. Die Western-Autorin Roberta entwirft eine Schreibmaschine, auf der sie telepathisch ihre Bücher schreiben kann. Diese Erfindungen werden schnell zur Bedrohung, etwa als ein untreuer Ehemann von seiner Frau mittels Stromschlag getötet wird, eine andere Frau stirbt durch ihre selbst entworfene Silberpoliermaschine.
Akeleys schreibt an Wilmarth, es gebe „einen ganzen Geheimkult böser Menschen", der in Verbindung mit Hastur und dem Gelben Zeichen steht, „der es sich zur Aufgabe gemacht, sie im Auftrag monströser Mächte aufzuspüren und zu bekämpfen. Nur gegen diese Angreifer - und nicht gegen die Menschheit allgemein - wenden sich die drastischen Abwehrmaßnahmen dieser Außerirdischen". Akeley verschwindet spurlos - bei Tommyknockers gibt es die Parallele, dass der Junge Hilly Brown seinen Bruder mit Hilfe eines Zauberkastens auf einen entfernten Planeten versetzt5.
Resümee und Ausblick
Gramma und Der Rasenmäher-Mann sind Geschichten, in denen Fruchtbarkeitsmythen eine große Rolle spielen: offenbar ist Hastur verantwortlich, dass Mrs. Bruckner neun Kinder gebären konnte, was ihn möglicherweise auch in die Nähe eines dämonischen Liebhabers rückt. Noch deutlicher ist er eine Vater-Figur wie der ebenfalls erwähnte Yog-Sothoth, eine Doppeldeutigkeit, wie sie im Pan-Mythos besteht. King kehrt zu den Ursprüngen von Hastur zurück. Der Rasenmäher-Mann kann als Metapher auf die Menschen gelesen werden, die im Zuge des industriellen Prozesses verstümmelt, getötet oder dauerhaft geschädigt werden, während Tommyknockers die Problematik anspricht, dass Menschen Technologien erschaffen und Maschinen konstruieren, die sie letztlich nicht mehr unter Kontrolle haben: in beiden Geschichten schwingt eine Kritik an den blinden Glauben an den Fortschritt mit, besonders aktuell ist, dass die Erfindungen aus Haven teilweise schon von der Realität eingeholt wurden: Robertas aus eigenen Stücken funktionierende Schreibmaschine nimmt ChatGPT vorweg.
Joshis Kritik an King erscheint teilweise überzogen und ist sicher nicht immer berechtigt. Allerdings ist Tommyknockers tatsächlich ein in weiten Teilen langatmiger Roman mit zahlreichen Nebenhandlungen und einer viel zu detaillierten Figurenzeichnung, wodurch die eigentliche Thematik in den Hintergrund rückt. In der Länge von Der Flüsterer im Dunkeln und einer strafferen Erzählweise hätte Tommyknockers vielleicht ein würdiger Nachfolger werden können. Und der von Lovecraft beschriebene Konflikt zwischen Hastur und den Mi-go wartet auf eine literarische Weiterbearbeitung.
Literatur
Jennings, Collier (2025): Stephen King Called His 'Twilight Zone' Episode "the Most Terrifying 19 Minutes Ever Put on Television". https://collider.com/stephen-king-twilight-zone-gramma/.
Joshi, S. T. (2001): Moderne Horrorautoren. Essays. Band 1. Almersbach.
King, Stephen (2023): Briefe aus Jerusalem - Erzählungen kosmischen Schreckens. Leipzig.
King, Stephen (2011): Das Monstrum – Tommyknockers. Roman. München.
Milon, Anna (2023): Reading the Literary Pan as Ecohorror. In: Kleu, Michael (Hrsg.): Antikenrezeption im Horror. Essen. S.284 - 303.
Nagula, Michael (2014): Robert W. Chambers – Fantast zwischen Poesie und Dekadenz. In: Chambers, Robert W.: Der König in Gelb. Leipzig. S. 165 - 192.
Roper, Lyndal (2007): Hexenwahn - Geschichte einer Verfolgung. München.
Rottensteiner, Franz (Hrsg.): Lovecraft Lesebuch. Frankfurt am Main.
Stierle, Karlheinz (1984): Der Maulwurf im Bildfeld. In: Link, Jürgen und Wulf Wülfing (Hrsg.): Bewegung und Stillstand in Metaphern und Mythen. Fallstudien zum Verhältnis von elementarem Wissen und Literatur im 19. Jahrhundert. Stuttgart. S. 121 - 141.
Joshi schreibt etwa über Gray Matter (1973): „der Einfluss von Lovecrafts >The Colour out of Space< und Machens >The Novel of the White Powder< ist mehr als offensichtlich, und Kings Geschichte liest sich wie eine ungewollte Parodie auf diese beiden Meisterwerke."
Die Erzählung ist ein Vorläufer von Brennen muss Salem. Ken Russell beabsichtigte in den 1980er Jahren, Dracula zu verfilmen, es lag bereits ein vollständiges Drehbuch vor, letztlich entstand mit Lair of the White Worm (1988) eine Adaption von Stokers gleichnamigem Roman, indem eine übersexualisiert dargestellte Lady Sylvia Marsh eine Schlangengottheit anbetet (im deutschen Verleih trägt der Film den Titel Der Biss der Schlangenfrau). Wie King nimmt auch Russell deutlichen Bezug auf Lovecrafts Die Ratten im Gemäuer: Der akzentuiert anti-christliche Kult besteht seit der Römer-Zeit. Das Buch De Vermis Mysteriis (Geheimnisse des Wurms) ist eine Erfindung des späteren Psycho-Autors Robert Bloch.
Zeile aus dem Lied Pan (1980) von Costa Cordalis.
Lovecraft beschreibt den am 02. Februar, einem traditionellen Hexentag, geborenen Wilbur Whateley in Das Grauen von Dunwich (The Dunwich Horror, 1929) als intelligent, ziegenbockähnlich und gibt sogar einen Hinweis auf Arthur Machens The Great God Pan (1894). „Unterhalb der Gürtellinie wurde es jedoch ganz grauenhaft; hier endete jede menschliche Verwandtschaft. Die Haut war dicht von zottegem schwarzen Fell bedeckt, und aus dem Unterleib hingen schlaff unzählige grünlichgraue Tentakeln mit roten schmatzenden Mündern."
In der gleichnamigen Verfilmung (1993) befinden sich in Hilly Browns Zimmer die Plakate zu Frankenstein (1931) und Lair of the White Worm - Ken Russell verfilmte 1986 mit Gothic die historischen Ereignisse in der Villa Diodati am Genfer See 1816, in dessen Folge Mary Shelley ihren berühmten Roman Frankenstein verfasste.