Lovecrafter Online – Unheimliche Wesen in den tiefen Wäldern
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Stefan P. -
15. Juni 2026 um 12:00 -
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„Ich habe unumstößliche Beweise dafür, dass in den Wäldern der Berghöhen, die nie jemand aufsucht, tatsächlich monströse Geschöpfe hausen. Ich selbst habe keines der Wesen in den Flüssen treiben gesehen, aber ich sah ähnliche Kreaturen unter Umständen, die ich nur äußerst ungern wiedergebe."
- H. P. Lovecraft, Der Flüsterer im Dunkeln
Mit The Village (2004) beabsichtigte der Regisseur M. Night Shyamalan eine zeitlose Geschichte über die Unschuld und den Glauben an die Menschheit zu erzählen. Die Hauptfigur Edward Walker war zunächst Professor für Amerikanische Geschichte an der Universität von Pennsylvania und hat vermutlich auch viel von Howard Phillips Lovecraft gelesen.
Handlung
Die Inschrift eines Grabsteins zeigt das Jahr 1897. In dem Dorf Covington besteht ein unheimliches Bündnis zwischen den Bewohnern und seltsamen Kreaturen, die in den dichten Wäldern hausen, welche die Ortschaft umgeben. Diese in roten Kutten gekleideten Wesen werden nur als Those We Don't Speak Of bezeichnet. Die Dorfgemeinschaft wird durch den Ältestenrat vertreten, der sich regelmäßig zu Tagungen trifft. Bei einer solchen Versammlung bittet Lucius Hunt (Joaquin Phoenix), die Wälder durchqueren zu dürfen, um Medizin aus der Stadt zu besorgen. Kitty (Judy Greer) möchte heiraten und bittet ihren Vater Edward Walker (William Hurt), der zugleich Lehrer der Ortschaft ist, um Erlaubnis. Lucius liebt allerdings deren blinde Schwester Ivy (Bryce Dallas Howard). Lucius ist überzeugt, die Wälder sicher durchqueren zu können, da Noah (Adrien Brody), ein geistig behinderter junger Mann, sich offenbar schon öfter dort aufgehalten hat. Eines Nachts belagern die Kreaturen das Dorf. Am darauffolgenden Tag gesteht Lucius vor dem Ältestenrat, verbotenerweise den Wald betreten zu haben. Bald darauf findet eine Hochzeitsfeier statt. Als eine anwesende Frau von ihrer verstorbenen Schwester spricht, wird dies unterbunden, denn über die Vergangenheit der Dorfältesten ist kaum etwas bekannt. Bald darauf tauchen gehäutete Tierkadaver auf. Kurz nachdem Lucius Ivy seine Liebe gesteht, wird er von dem eifersüchtigen Noah niedergestochen. Da der Dorfarzt Lucius nur unzureichend versorgen kann, bittet Ivy nun ihrerseits, den Wald durchqueren zu dürfen. Walkers Frau erinnert ihren Mann daran, dass sie vor langer Zeit geschworen haben, nie mehr in die Stadt zurückzukehren.
Interpretation
Die Stelle, als Walker Berichte über seltsame Wesen in den Wäldern von Pennsylvania erwähnt, erinnert an eine Passage aus Lovecrafts Der Flüsterer im Dunkeln (The Whisperer in Darkness, 1931). In Vermont, ebenfalls im Nordosten der Vereinigten Staaten, kursieren Mythen über monströse „Wesen in den entlegenen Bergen – in den tiefen Wäldern, auf den höchsten Gipfeln und in den dunklen Tälern, wo Bäche aus unbekannten Quellen entspringen. Diese Wesen sah man nur selten, doch Männer, die sich weiter als üblich auf gewisse Berge oder in tiefe Steilschluchten, die sogar von Wölfen gemieden wurden, gewagt hatten, berichteten von ihren Spuren. Es handelte sich um sonderbare Fuß- oder Klauenspuren im Schlamm der Bachufer und auf unbewachsenen Stellen und um merkwürdige Steinkreise, die nicht von der Natur so angeordnet zu sein schienen und in deren näherer Umgebung kein Gras wuchs." Die Mi-go bei Lovecraft kommen aus einer anderen Galaxie: Shyamalans unmittelbar vor The Village entstandenen Signs (2002) handelt von Angriffen außerirdischer Wesen.
„Es gab natürlich unterschiedliche Erklärungen über die Natur dieser Wesen. Allgemein nannte man sie einfach ›die Anderen‹ oder ›die Alten‹, während andere Bezeichnungen nur an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten in Umlauf waren. Der Großteil der puritanischen Siedler tat sie schlicht als die Gefolgschaft des Teufels ab und erging sich in furchtsamen theologischen Spekulationen."
Das Dorf Covington wird ähnlich einer puritanischen Gemeinde geschildert, wie sie in Max Webers berühmter religionssoziologischer Studie „Die protestantische Ethik und der ,Geist' des Kapitalismus" (1905) beschrieben wird: ,Der Gott des Calvinismus verlangte von den Seinigen nicht einzelne ,gute Werke', sondern eine zum System gesteigerte Werkheiligkeit." Eine Absolution, wie von der katholischen Kirche vorgesehen, war hier ausgeschlossen: „Die ethische Praxis des Alltagsmenschen wurde so ihrer Plan- und Systemlosigkeit entkleidet und zu einer konsequenten Methode der ganzen Lebensführung ausgestaltet." Aber anders als die Puritaner - deren Religion der Atheist Lovecraft schroff ablehnte - die ihr Handeln ganz auf Gott ausrichteten, werden sämtliche Aktivitäten auf die Those We Don't Speak of (von denen ständig gesprochen wird) projiziert. Gebete, Segnungen usw. sind zwar allgegenwärtig, andererseits verläuft das öffentliche Leben weitgehend säkular. Mit Ausnahme des Friedhofes finden sich in Covington keine religiösen Symbole. Eine Kirche oder Geistliche sind nicht präsent, vielmehr dient das Glockenläuten als Warnung vor den Wesen. Das Motiv eines Bündnisses mit den Tiefen Wesen kommt ebenso bei Lovecraft in Schatten über Innsmouth (The Shadow over Innsmouth, 1936), wenn auch in einem anderen Kontext, vor. Zugleich ist die schreckliche Vorgeschichte, die zur Gründung Covingtons führte, geprägt vom Scheitern der „stahlharten puritanischen Kaufleute" und deren Vertragsbeziehungen: Walkers Vater wurde beim Streit um Geld von seinem Geschäftspartner erschossen, der sich daraufhin suizidierte.
Die Farbe des Blutes, Rot, ist in Covington verboten, weil diese die Wesen provozieren würde. In einer Einstellung vergraben zwei Mädchen eine rote Blume. Gelb hingegen wirkt versöhnend und hoffnungsvoll. Die Farbe Gelb wird bei Robert W. Chambers und Lovecraft allerdings mit der Symbolik der Entität Hastur in Verbindung gebracht. Hastur wird auch als The Unspeakable One bezeichnet. Dessen Anhänger jagen und quälen die Mi-go, um sich deren mystische Geheimnisse anzueignen.
Fazit
Die sozialen Beziehungen des Dorfes werden vor allem über die Furcht vor den Wesen, die angeblich in den Wäldern leben, geregelt. Die jüngere Generation von Covington lebt in einem ständigen Ausnahmezustand, indem ,Sicherheit' nur für den Preis ständiger Angst angeboten wird. Die von außen suggerierte Bedrohung lässt Covington nicht als sicherer, sondern als ständig vom völligen Zusammenbruch bedrohtes, den unheimlichen Wesen schutzlos ausgeliefertes Gebilde erscheinen.
The Village ist, auch wenn Der Flüsterer im Dunkeln deutlich zitiert wird, kein kosmischer Horror, sondern handelt vielleicht sogar von etwas viel Schrecklicherem: dem Scheitern einer zunächst positiv besetzten Utopie bei der Umsetzung in die Realität.
Literatur
Breuer, Stefan (2011): ,,Herrschaft" in der Soziologie Max Webers. Wiesbaden.
Lovecraft, Howard Phillips (2018): Der Flüsterer im Dunkeln. Leipzig.
Weber, Max (1988): Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie 1. Tübingen. 9. Auflage.
Zywietz, Bernd (2008): Tote Menschen sehen. M. Night Shyamalan und seine Filme. Mainz.
Der Artikel ist eine Überarbeitung des Kapitels The Village aus dem 2015 bei der Interfilm Akademie München erschienenen Aufsatzes Die filmische Darstellung von Gated Communities am Beispiel von The Stepford Wives und The Village https://www.interfilm-akademie.de/die-filmische-…ed-communities/