Lovecrafter Online – Filmkritik: The Borderlands
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Michael H. -
24. August 2026 um 12:00 -
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So wie Lovecraft zu seiner Zeit gerne Buchhandlungen und Antiquariate auf der Suche nach gelegentlichen Raritäten und unentdeckten Trüffeln der Literatur durchstöberte, kann es in modernen Zeiten Filmliebhabern gelingen, recht unbekannte Schätze der Celluloidkunst aufzuspüren. Zu diesen gehört für den aufgeschlossenen Lovecraftianer definitiv der britische kleine Low-Budget-Horrorfilm The Borderlands von 2013, den Regisseur Elliot Goldner im Found Footage-Stil inszeniert hat.
Achtung: Der Film muss vor dem Lesen der Besprechung gesichtet werden, sonst ist der Genuß des Filmes und vor allem des Finales (Spoiler!) zerstört.
Handlung
Zitat„What is present in this Place is older than the Church, older than Christianity….
It has returned like weed that creeps through an abandoned Building.”Monsignore Calvino
Eine dreiköpfige vatikanische Kongregation soll eine abgelegen kleine Kirche in der Grafschaft Devon untersuchen, da es in der örtlichen Gemeinde zu auf Video festgehaltenen Vorkommnissen bei einer Taufe gekommen ist. Seltsame Geräusche, erdbebenenartige Erschütterungen sowie scheinbar telekinetische Phänomene in dem gerade erst wiedereröffneten Gotteshaus sollen auf ihren Wunder-Gehalt abgeklopft werden. Dazu kommen der trinkfeste skeptische Pater Deacon und der agnostische Techniker Gray Parker als erste vor Ort an und beziehen ihr Quartier. Sowohl hier als auch später in und um die Kirche werden Kameras und Sensoren zur Dokumentation aller Vorkommnisse installiert.
Zusätzlich tragen die Männer nahezu 24/7 ihre persönlichen Headsets mit sich.
Sie treffen auf den jungen und überzeugten Pater Crellick, der die Vorfälle gemeldet hat und fest an das Wirken Gottes glaubt. Die Dorfbewohner sind schweigsam, ablehnend und die Jugendlichen geradezu feindselig. Sie zünden nachts in der Nähe des Hauses sogar ein Schaf an, um die Männer zu erschrecken und zu vertreiben. Der dritte Ermittler, der streng nach den Regeln arbeitende Mark Amidon, ist überzeugter Gläubiger, denkt aber, man müsse die Kirche von dem mittelalterlichen Aberglauben befreit in eine moderne Zukunft führen. Kleine Spannungen über das korrekte Vorgehen bilden sich schnell innerhalb der Gruppe, während Vater Crellick den Zweifel an den Wundern nicht versteht.
Es kommt bei den ersten Untersuchungen sofort zu Zwischenfällen. Zunächst hört man leises Kinderlachen und ein Grummeln aus dem Fundament. Elektrische Geräte haben Fehlfunktionen und dann findet die Gruppe einen verborgenen Gang in die Tiefe, der weit unter das Fundament des Gebäudes zu führen scheint. Die Ermittlungen ergeben, dass die Kirche auf viel älterem Boden steht und zu heidnischen Zeiten der Hügel selbst quasi als Gottheit verehrt wurde. Die hier bis 1880 betriebene Gemeinde mit angeschlossenem Waisenhaus wurde vom damaligen Priester Mondeville laut alten Aufzeichnungen mit fanatischem Eifer und für einen ‘anderen Gott’ betrieben. In der Kirche finden sich versteckte heidnische Symbole. Bei erneuten Vorfällen in der Kirche flüchtet Vater Crellick, der eigentlich gar nicht zur Untersuchung erscheinen darf, auf den Kirchturm und stürzt sich, mysteriöse Dinge murmelnd, in den Tod. Mark will die Untersuchung nach dem Tode Vater Crellicks beenden, doch Deacon hat bereits seinen vatikanischen Mentor Calvino zur Kirche gerufen, nachdem er nachts im Alleingang auf unerklärliche und erschreckende Phänomene stieß. Als Calvino einen Exorzismus zur Reinigung des Gotteshauses durchführt, eskalieren die Geschehnisse. Starke Erdstöße erschüttern das Gebäude, Vater Calvinos Augen beginnen zu bluten und Mark verschwindet offenbar in den mysteriösen Tunneln. Diese führen weiter in unbekannte Tiefen und bergen ein furchtbares und tödliches Geheimnis. Deacon und Gray steigen hinab in die immer enger, feuchter und übelriechenderen Tunnel, bis sie die grauenhafte Wahrheit erkennen.
Lovecrafteske Momente
Zitat
„He lies beneath, even hungrier for Souls”Father Mondeville
Der Film startet wie jeder x-beliebige Found-Footage-Film seiner Art und erinnert zunächst an eine Mischung aus Blair Witch Project, Graveyard Encounter und The Last Exorcism. Literarisch erinnert er an die meist im ländlichen England spielenden Geistergeschichten von Lovecrafts dunklem Vorbild M. R. James, gerade wenn eine weisse Gestalt (Vater Crellick?) durch die taschenlampenerhellte Dunkelheit der abgelegenen Wiesen und Wälder streift. Doch das lovecraftoide schleicht sich langsam immer mehr in die Handlung. Den Handlungsort der verfluchten Kirche verwendete Lovecraft in The Haunter of the Dark sehr effektiv. Strukturell hat der Film viel von The Rats in the Wall, gibt es hier doch heidnische Kultstätten mit Menschenopfern und Ritualen, eben nur unter einer Kirche statt der Exham Priory, inklusive geheimer Gängen und in die unendliche schwarze Tiefe führenden Tunneln und Höhlen. Der Abstieg in The Statement of Randolph Carter kommt einem in den Sinn, ebenso wie der in The Nameless City und viele ähnliche Geschichten.
Der Film verhandelt Fragen des Glaubens an Wunder und das Übernatürliche wie es die beiden Gesprächspartner in The Unnamable tun, hier sind es dabei drei Positionen statt zwei: der Agnostiker (Gray), der Gläubige (Mark) und der desillusionierte und zweifelnde Gläubige (Deacon). Das Finale beschränkt sich dann auf Gray und Deacon, die beide mit etwas konfrontiert werden, das sie sich nie hätten vorstellen können. Über die gesamte Filmlänge gibt es wie in Lovecrafts Geschichten immer wieder kleine Hinweise, wenn das unschuldige Schaf verbrannt wird oder der Hund den Hasen tötet. Etwas urtümliches, archaisches ist hier am Werk, etwas, was die dünne Decke der menschlichen Zivilisation durchtrennt wie ein heißes Messer die Butter, gefühlskalt und gnadenlos.
Die Liste der Lovecraft-Referenzen ist lang: Die Andeutungen in den alten Aufzeichnungen in Kirchenbüchern und dem Tagebuch des Vater Mondeville (u.a. The Call of Cthulhu), die unter der Erde tief im Fundament lauernden Geheimnisse (The Shunned House) und schließlich die im Abyss lauernde Entität (The Call of Cthulhu, Imprisoned by the Pharaos aka Under the Pyramids). Moderne Hilfsmittel zur Untersuchung helfen letztlich nicht wirklich weiter (At the Mountains of Madness), das Böse lauert hier gar ‘zwischen den Frequenzen'. Das ist alles geschickt in die Handlung eingewoben, so dass auch jemand ohne Lovecraft-Kenntnisse folgen kann und dem Schrecken des Filmes genauso erliegt. Die Opferung von Menschen (The Horror at Red Hook) und vor allem von Kindern (Dreams in the Witch House) sind erbarmungslos und deuten das konsequent böse und nihilistische Ende schon an, das den Zuschauer in den letzten Minuten des Filmes erwartet.
Die alten Kulte beteten zu etwas Vorhandenem, die Kirche zu etwas Imaginären, erklärt Gray in einer Sequenz im Pub passend, nicht wissend, wie nah er der Wahrheit damit kommt, wenn er eher auf die physisch erfahrbaren Dinge setzt. Deacons gescheiterte skeptische Aufklärungsmission in Belem, die auch durch seine Sturheit zum tragischen Tode vieler Menschen vor Ort führte, erzeugte bei ihm schwere Schuldgefühle. So erkennt er die Gefahr viel zu spät, weil er die Aufklärung diesmal zu Ende bringen will und muss. Die Neugier und der Wissensdurst führen wie bei Lovecraft zum Untergang. Der Abstieg von ihm und Gray auf der Suche nach Mark und Calvino führt in immer engere, feuchter werdende und stinkende Gänge, die sich letztlich als Verdauungstrakt der Entität unter der Kirche entpuppen. Jetzt wird die Opferung von Menschen spürbar, die Kinderskelette in den Tunneln waren Vorboten des Kommenden. In klassischer Found-Footage-Optik, mit stakkatoartigen Bild- und Ton-Fragmenten, erleben wir hautnah mit, wie Gray und Deacon verdaut werden. Der Film bebildert in kurzen Sequenzen, was es wirklich bedeutet, geopfert zu werden. Er lässt uns so schockiert und mit dem Wissen um die Bedeutungslosigkeit des Menschen zurück, so wie es Lovecraft sich immer für seine Werke vorgestellt hat.
Cinematographische Notizen
Zitat„You said it wasn’t real!”
Parker Gray
Der von Elliot Goldner geschriebene und inszenierte Film ist ein klassischer Slow-Burn- und Found-Footage-Horrorfilm, der komplett im ländlichen England vor Ort entstand. In Amerika unter dem durchaus passenden, wenn auch etwas spoilernden Titel Final Prayer erschienen, genießt er unter Eingeweihten einen durchaus hohes Ansehen. Zwar beginnt er recht langsam, aber er entwickelt nach und nach seine Sogwirkung und etabliert mit dem reduzierten Tempo seine Charaktere und die dräuende Atmosphäre. Konsequent ohne Filmmusik (bis zum unheimlichen Abspannlied) und mit nur zwei Arten von Aufnahmen durchgeführt, zieht er sein Szenario konsequent durch. Entweder sind wir auf schockierender Augenhöhe mit den Charakteren oder wir sitzen wie eine Spinne an der Wand und beobachten aus überlegener Position die unheimlichen Ereignisse. Selbst die Landschaftsaufnahmen dienen der konsequenten Vermittlung von Stimmung und sind allesamt an den echten Schauplätzen entstanden. Die sehr kompetenten Darsteller vermitteln einen ausgesprochen starken Realismus, der an die Immersion eines Blair Witch Projects erinnert. Vor allem mit den beiden Hauptcharakteren baut man schnell eine Verbindung auf. Dem bärbeißigen und getriebenen Schotten Deacon, alias Gordon Kennedy (Sherlock), folgen wir gerne auf der Suche nach der Wahrheit. Er verkörpert eine glaubwürdige Person, die wir, wie den Technikfreak Gray alias Robin Hill (The Meg 2) als echten Menschen erleben, mitsamt Fehlern und Schwächen. Selbst der selbstgefällige Mark (Aidan McArdle) gibt einen veritabel nachvollziehbaren sturen Bürokraten ab, dessen nervige Art wohl jeder von Personen aus seinem Umfeld kennt. Sie bilden das emotionale Herz des Geschehens und ziehen den Zuschauer gekonnt in die Handlung bis zum bitteren Finale.
In den echten Höhlen der Chislehurst Caves vor Ort gedreht, waren manche klaustrophobische Panikattacken der Darsteller im Finale durchaus real und nicht nur gespielt. Kameramann Eben Bolter und Regisseur Goldner beschränken konsequent den Einsatz der so oft kopfschmerz-triggernden Shaky-Cam auf ein Minimum, der Film baut eher ruhig und langsam Atmosphäre auf und nutzt diese Technik nur in passenden und damit verdienten Momenten der Handlung. Regisseur Goldner hat sich seit The Borderlands leider mehr auf die Inszenierung von True Crime Fälle konzentriert und keine eigenen, neuen Geschichten verfilmt.
Bewertung
Zitat„I think, I have a new Master now…”
Father Mondeville
In der ewig wachsenden Rubrik günstig hergestellter Found-Footage-Horrorfilme von oft minderer Qualität stellt The Borderlands eine extrem rühmliche Ausnahme dar. Die sinnvolle POV-Variante eines scheinbar okkulten Horrorfilms mit kirchlichem Exorzismus-Hintergrund wandelt sich im Laufe der Spielzeit nach und nach in einen lovecraftesken Alptraum cthulhoiden Ausmaßes, inklusive konsequent bitterem Ende. Auf dem Weg dahin folgen wir einer zunehmend fesselnden Handlung, die spätestens ab dem brennenden Schaf einige böse Überraschungen auffährt.
Der langsame und etwas fordernde Aufbau ist notwendig, um den Betrachter in das Geschehen zu werfen und nach und nach an die Charaktere und die Handlung zu binden. Das clevere Script schafft es immer wieder, Interesse und Neugier für den Fortgang zu wecken und einen immer mehr in die Handlung hineinzuziehen. Kleine clevere Ideen wie die kurz sichtbaren Namen unserer Hauptcharaktere auf Grabsteinen zeigen die gelungene Konzeption des Drehbuchs auf, das von den hervorragenden Darstellern getragen wird.
Wir bekommen philosophische Ideen über Wissenschaft, Religion und die menschliche Vorstellungskraft wie auch Ohnmacht diskutiert und lauern auf die finale Auflösung der Geschehnisse.
Das niedrige Budget wird hier enorm gekonnt eingesetzt, die echten Schauplätze tragen massiv zur Atmosphäre und Verankerung in der Realität bei. Das originelle und mit ein paar blutigen Effekten abgeschmeckte Finale stellt einen klaustrophobisch-bösen Alptraum dar, den man nicht so schnell vergisst und in seinem vernichtenden Nihilismus kaum zu überbieten ist.
Fazit
Freunde von Found Footage Horror, Slow-Burn-Grusel und gelungenen filmischen Mythos-Umsetzungen können hier einen Abstieg in „The Belly of the Beast” unternehmen um ein nahezu perfektes Ende lovecraftscher Prägung zu genießen. Sehr empfehlenswert und einer der besten seiner Art.