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Lovecrafter Online – Rezension: Andere Himmel

  • Seanchui
  • 8. Juni 2026 um 23:14
  • 297 Mal gelesen
  • 0 Antworten
Foto: Michael Holtermann, mit freundlicher Genehmigung
Wer auf der Suche nach moderner Weird Fiction ist, landet früher oder später bei China Miéville. Seine Romane sind gefeierte Meisterwerke des Genres. Doch wissen auch seine Kurzgeschichten zu überzeugen? Wir sehen uns einmal die Anthologie „Andere Himmel“ an, um das zu beurteilen.

Das „New Weird“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Fantasy-Literatur weiterzuentwickeln. Dabei versucht es sich von konservativen – oder vielleicht auch gewohnten – Genre-Konventionen, wie sie seit J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ Bestand haben. China Miéville, Jahrgang 1972, vermischt in seinen Geschichten oftmals Elemente der Science Fiction, des Steampunks und des Horrors, um eben völlig neue Welten zu erschaffen. Sein Roman „Perdido Street Station“ gilt bereits als moderner Klassiker. Eines kann ich vorwegnehmen: Ein moderner Klassiker wird die Anthologie „Andere Himmel“ voraussichtlich nicht. Aber sie ist ein wahrhaft wilder Ritt durch fantasievolle, bedrohliche, unheimliche und mit einem Augenzwinkern beschriebene Welten.

Insgesamt 14 Geschichten unterschiedlicher Länge sind in „Andere Himmel“ versammelt. Zu viele, um einer jeden eine ausführliche Beschreibung zu widmen. Daher beschränke ich mich darauf, einige Highlights – positiver wie negativer Art – hervorzuheben. Werfen wir ein erstes Schlaglicht auf die erste Story, „Suche Jake“. London, aber ganz anders. Nahezu unbemerkt hat sich die Realität verschoben und mit jedem Tag wird die Lage in der Stadt bedrohlicher. Die Gefahr ist spür- aber nicht sichtbar – und was ist eigentlich aus Jake geworden? „Suche Jake“ ist ein ganz starker Einstieg, der wohliges Unbehagen verbreitet.

„Kullerbuntland“ beschreibt nicht nur die Geschichte eines Kinderspielparadieses, wie wir es von schwedischen Möbelhäusern kennen. Stattdessen erhalten wir hier eine fast schon klassische Geistergeschichte kombiniert mit einem ungewöhnlichen Hintergrund. Statt Langeweile dank sattsam bekannter Motivik bleibt auch hier ein betretenes Gefühl zurück. „Berichte über gewisse Vorfälle in London“ wiederum weiß mit einer ungewöhnlichen Prämisse und einer Prise Humor zu überzeugen, handelt es sich doch um eine Sammlung von Berichten über Straßenzüge, welche urplötzlich in London erscheinen und wieder verschwinden, also ein Eigenleben führen. Auch „Faktotum“, die Geschichte eines Magiers und seines von ihm geschaffenen Homunkulus weiß mit einem Augenzwinkern vollauf zu überzeugen.

Mit „Mittelsmann“ und „Die Hungernden speisen“ haben sich zwei Geschichten in dem Band eingefunden, die Verschwörungstheorien und deren Auswirkungen auf jene beschreiben, die zu weit hinter den Vorhang blicken. Solide, aber nicht mit dem gleichen Esprit geschrieben wie manch anderes Werk. Gleiches gilt auch für die titelgebende Geschichte „Andere Himmel“, welche ein Fenster thematisiert, dass sich in eine fremde Welt öffnet. Hier weiß der Autor der bekannten Motivik erschreckend wenig Neues zu entlocken. Dafür entschädigt die fast 100 Seiten umfassende abschließende Geschichte „Spiegelhaut“ wieder mit frischen Ideen, reichlich Drastik und einem famosen Ende.

Miévilles Schreibstil ist durchgängig als gut zu bezeichnen, denn er beschreibt dramatisch, überbordend, detailverliebt und nie langweilig. Seine Motive sind oft bekannt, aber auf interessante Weise neu ausgeführt. Er wird damit dem Genre „New Weird“ mehr als gerecht. Nicht jede Geschichte ist auf dem gleichen, hohen Niveau. Dennoch ist diese Sammlung für Freunde von Kurzgeschichten absolut zu empfehlen.

Fazit: „Andere Himmel“ ist eine großartige Anthologie mit großteils absolut gelungenen Geschichten aus der Feder eines der talentiertesten New-Weird-Autoren unserer Zeit. Wer etwas für das Genre übrig hat, sollte hier unbedingt zugreifen.

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