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Lovecrafter Online – Kurzgeschichte: Gezeiten des Wahnsinns

  • MatthiasLausch
  • 19. Oktober 2026 um 12:00
  • 89 Mal gelesen
  • 0 Antworten
Foto: Tobias Prediger, mit freundlicher Genehmigung
Heute dürfen wir eine Kurzgeschichte aus der Felder von Matthias Lausch präsentieren! Der "Lovecrafter online" dankt dem fleißigen Autoren und wünscht allen Lesern gruseliges Lesevergnügen!

Die ersten Sonnenstrahlen des Tages erhellten den Eingang unserer Höhle und vertrieben den Morgendunst, während ich mein Reisebündel verschnürte, meinen ledernen Köcher mit Pfeilen füllte und meine kurze Axt an meinem Gürtel befestigte. Im hinteren Teil der Höhle saßen die Letzten Mitglieder unseres Stammes, drei junge Frauen, zwei Mädchen und ein Junge, und sahen mich mit angsterfüllten Blicken an. Zwanzig Sonnen war ich alt und somit nach unseren alten Regeln verpflichtet, mich auf die Suche zu begeben, um zu versuchen, Kontakt zu anderen Menschen und Stämmen aufzunehmen. Wenn es so weiterging, würden wir nicht mehr lange überleben und nach wenigen Sonnen verschwunden sein.

In den alten Zeiten wimmelten die umliegenden Täler und Ebenen vor Kleinen und größeren Gemeinschaften, doch wurden es aus unerklärlichen Gründen immer weniger und schon lange hatten wir keine anderen Menschen mehr zu Gesicht bekommen. Die Frauen und ich waren uns darüber im Klaren, das ich sie mit meinem Aufbruch höchstwahrscheinlich zum Tode verurteilte, und doch war es unsere einzige Chance, andere Menschen zu finden, um vielleicht gemeinsam zu überleben. Ich hatte während der letzten Monde so viel Nahrung zusammengetragen und gejagt, wie es mir möglich war, doch wußten wir, das es ihr Ende bedeutete, sollte ich scheitern und nicht zurückkehren. Ein kurzer Blick zurück, ein knapper Gruß und ich begann den Abstieg in das Tal, das bisher meine Heimat gewesen war, um meine Suche zu beginnen.

Auf meiner Wanderung auf der ich mich am Tage nach der Sonne und nachts nach den Sternen orientierte, begegnete ich in den folgenden Tagen den seltsamen und für mich größtenteils nicht begreifbaren Hinterlassenschaften unserer Vorfahren, welche vor vielen hundert Sonnen unsere Welt bevölkerten. Durch den Wald pirschend, begleitet von den allgegenwärtigen Rufen wilder Tiere, entdeckte ich durch lichte Baumwipfel hindurch einige der sich in den Himmel windenden Stahlgerüste, überwuchert und erobert von rankenden Pflanzen, in denen den alten Überlieferungen zufolge die Menschen bis zum Einsetzen ihres rätselhaften Verschwindens lebten. Bei deren Anblick rief ich mir die alten Geschichten ins Gedächtnis, nach denen unsere Ahnen in gläsernen Türmen lebten, die bis in den Himmel reichten, den Tod fast gänzlich besiegt hatten, mit großen Maschinen durch die Luft flogen und sogar in der Lage waren, unseren Planeten zu verlassen um die weit entfernten benachbarten Planeten zu erkunden.

Gerade hatte ich beschlossen, zu lagern und mein Feuer für die Nacht zu entfachen, als mein Blick auf ein seltsames, rötliches Leuchten zwischen den Büschen in der Nähe gelenkt wurde. Eine rot pulsierende Kugel, nicht größer als meine Handfläche, näherte sich mir durch die Zweige und verharrte, bewegungslos in der Luft schwebend, wenige Meter vor mir. Eine eigentümliche Faszination ging von dem mir unerklärlichen Licht aus und ich war nicht in der Lage, meinen Blick abzuwenden. Als sich die Kugel langsam von mir zu entfernen begann, raffte ich hastig meine bescheidene Ausrüstung zusammen und folge ihr, unfähig gegen diesen Drang anzukämpfen. Ich folgte der Erscheinung ein paar Meter durch die Büsche hindurch auf eine kleine Lichtung und erblickte vor mir ein etwa mannshohes, in demselben roten Farbton leuchtendes Portal, in welchem die Kugel in diesem Augenblick verschwand. Der kurze Gedanke und die Hoffnung, hinter diesem Durchgang vielleicht andere Menschen zu finden und Antworten auf meine Fragen zu erhalten, durchzuckten mich. Willenlos folgte ich der Kugel und trat in den Lichtbogen ein.

Tiefste Dunkelheit empfing mich von einer Sekunde auf die andere und während ich atemlos dastand, schälten sich langsam die Konturen eines etwa drei Meter breiten Ganges vor mir aus der Dunkelheit. Dasselbe rote Licht, das mich hierhergeführt hatte, begann den Gang zu erhellen und ich erkannte, daß er sich bis in nicht mehr wahrnehmbare Entfernung schier endlos vor mit erstreckte. Direkt hinter mit ertastete ich eine feuchte, nackte Felswand. Ich mußte durch irgendeinen Zauber hierhergelangt sein und instinktiv ahnte ich, daß ich mich tief unter der Erdoberfläche befinden musste. Der Gang hatte ich inzwischen soweit aufgehellt und meine Augen sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt, das ich zu beiden Seiten schwere Steintüren erkennen konnte, die den Gang im Abstand von drei Metern säumten. Ungefähr in Kopfhöhe war in den Türen eine geschlossene Öffnung zu erkennen, was das Ganze noch rätselhafter machte.

Ich begann den Gang vorsichtig entlangzuschreiten und erst als ich meine Finger leicht über die Wand zu meiner Linken gleiten ließ, spürte ich die leichten Erhebungen und ich erkannte, daß die gesamten Seitenwände von oben bis unten mit feinst gearbeiteten Hochreliefs bedeckt waren. Der unerklärliche Aufenthalt in diesem Gang war schon furchteinflößend genug, doch als ich die Motive der Reliefs genauer in Augenschein nahm, spürte ich tief aus meinen Eingeweiden eine bisher nicht gekannte Panik aufsteigen, die mir den Schweiß aus den Poren trieb und begann mir die Kehle zuzuschnüren.

Es ist unmöglich, die sich mir bietenden unfaßbaren Szenen im Detail zu beschreiben, denn mir bot sich ein wildes Durcheinander wahrhaft grauenhafter Abbildungen. Krankhafte Folterszenen, durchgeführt von kleinen geflügelten Teufeln an offenbar humanoiden Wesen in unzähligen Variationen, schlangenartige Monstrositäten mit zahlreichen seitlichen Gliedmaßen, die sich im Kampf gegenseitig zerfleischten und verstümmelten, gehörnte Echsenwesen mit großen Flügeln, die sich auf schwammartige, mit unzähligen Augen übersäte Kreaturen stürzten, wechselten sich ab mit Abbildungen mir völlig unbekannter Sternenkonstellationen und fremder Planeten. Aus uralten Büchern war mir eine Darstellung unseres Sonnensystems bekannt, hier ergänzt um einen wahrhaften schwarzen Giganten, der weit außerhalb der bekannten Planeten seine Bahn zog und den Menschen offenbar unbekannt gewesen war. Darstellungen gigantischer Städte mit zyklopischen Bauwerken, gegen die sich die verlassenden Stahlgerüste unserer Vorfahren wie Lehmhütten ausnahmen, säumten ebenso die Wände und immer wieder stachen zwei wiederkehrende Motive aus diesem grauenhaften Reigen hervor. Fünfzackige Sterne in vielen unterschiedlichen Ausführungen, meist umrandet mit mir unbekannten Symbolen und archaischen Schriftzeichen, verstreut zwischen den dargestellten Szenen von Gewalt, Terror und Folterung.

Das zweite prägnante Motiv war etwa jeden Meter übergroß aus diesem Wirrwarr der Abscheulichkeiten herausgearbeitet und zeigte stets eine wahrhaft grauenerregende Kreatur mit übergroßen blinden und boshaften Augen, im Hintergrund angedeuteten lederartigen Schwingen und einer unteren Gesichtshälfte, die sich in zahllose, sich windende und ineinander verschlungene Tentakel aufspaltete. Diese Darstellung war es, die durch ihre Fremdartigkeit und Boshaftigkeit etwas tief in mir erschütterte und für immer zerstörte, während sich der Anblick für alle Zeiten in mein Gedächtnis einbrannte.

Mich weiter vortastend und in die sich mir bietenden Abnormitäten vertieft, explodierte urplötzlich eine Stimme in meinem Kopf, die mich sofort in die Knie zwang und in mir vibrierte, dass mir die Zähne unkontrolliert aufeinanderschlugen. „Wähle eine Tür, wählst du richtig, wirst du in das Paradies eingehen!“ tobte es sinngemäß durch meinen Körper und ließ mich zitternd und halb bewußtlos auf dem Boden des Ganges liegend zurück. Nachdem der Schock abgeklungen war und ich meine zitternden Glieder wieder unter Kontrolle hatte, rappelte ich mich hoch und begann, dem sich endlos vor mir erstreckenden Gang weiter zu folgen, immer begleitet von den bizarren und krankhaften Greueltaten, die mich von den Wänden anschrien und meine Seele in Aufruhr versetzten.

Alle Türen, an denen ich vorbeiging, sahen identisch aus und als ich mich einer Türe näherte, um sie genauer in Augenschein zu nehmen, öffnete die sich in Kopfhöhe befindliche Klappe mit einem leisen Knirschen. Gleißend helles Licht blendete mich und ließ mich zurückweichen, zog mich jedoch gleichzeitig magisch an. Mir wurde klar, dass es für mich kein Entrinnen aus diesem unterirdischen Alptraum geben würde, in den ich gelockt worden war, ohne mich dieser Prüfung zu stellen. Ich nahm meinen restlichen Mut zusammen und steckte meinen Kopf durch die entstandene, hellstrahlende Öffnung.

Vor mir erstreckte sich das Tal, in dem ich meine Jugend verbracht hatte. Ich spürte den Wind auf meinem Gesicht und in den Haaren und blinzelte in die Sonne, die mit ihrer wohltuenden Wärme die grünen grasbewachsenen Ebenen verwöhnte. Zahlreiche Tiere weideten auf den sanft ansteigenden Berghängen und ganze Trauben von Menschen, mehr als ich jemals in meinem Leben gesehen hatte, standen um große Feuer über denen gejagtes Wild briet. Scharen von Kindern spielten Fangen und vollführten lachend ihre übermütigen Kapriolen, ein Bild purer Lebensfreude an einem wunderschönen Sommertag. Auch die Frauen und Mädchen meines Stammes sah ich nicht unweit meiner Position im Kreis sitzen, beschäftigt mit Näharbeiten und mir fröhlich zuwinkend. Konnte das wahr sein? Hatte ich aus der Unzahl von Türen tatsächlich die Richtige gewählt, den Weg in das friedliche Paradies, welches sich vor mit erstreckte und mir vor Rührung und Freude die Tränen in die Augen trieb?

Ich verspürte keinen Schmerz. Ich konnte alles sehen, was um mich herum geschah. Der in der Türöffnung eingearbeitete Mechanismus trennte meinen Kopf mit millionenfach bewährter Perfektion vom Rumpf und schnappte zurück in seine Ausgangsposition. Die Vision, das vorgegaukelte Paradies war verschwunden. Mein Schädel polterte zu Boden und rollte in die Ecke der winzigen Kammer, deren Wände dick verkrustet und besudelt waren vom Blut vorangegangener Opfer. Über mir konnte ich erkennen, wie sich die Öffnung in der Türe langsam wieder schloß und ich sah noch den roten Schein des plötzlich aufwallenden Höllenfeuers, das durch den Gang vor der Türe tobte und meinen geschändeten und nutzlos gewordenen Körper in wenigen Augenblicken in ein elendes Häufchen Asche verwandelte und mit sich forttrug. Ich öffnete den Mund um zu schreien, doch kein Laut kam über meine Lippen.

Unfähig, meine Situation auch nur ansatzweise zu begreifen und die Endgültigkeit meines Schicksals zu erfassen, brach sich die Frage durch meinen Schockzustand bahn, was um alles in der Welt mich diese Bestrafung verdienen ließ und welche krankhafte und pervertierte Macht mich in diesen Alptraum aus den Tiefen der Hölle verbannt hatte. Meine Hoffnung auf einen raschen Tod oder einen alles auslöschenden Wahnsinn wurde nicht erfüllt. Der Boden unter mir klappte weg und mein Schädel fiel in einen sich schräg abwärts neigenden, grob in den Fels geschlagenen Schacht. Ich verlor sofort jede Orientierung, immer schneller rollte der klägliche Rest meiner Existenz durch den Schacht. Ich spürte Haut platzen und wie mir große Stücke der Kopfhaut samt Haaren herausgerissen wurden, fühlte Zähne brechen und splittern während ich innerlich um einen baldigen Tod flehte.

Plötzlich war um mich herum tiefste Finsternis und ich spürte, dass ich mich im freien Fall befand. Wenige Augenblicke später schlug mein Schädel hart auf und rollte knirschend ein kleines Stück, ehe er zum Liegen kam. Über mir sah ich langsam dahinschwebende, rötlich schimmernde kugelförmige Gebilde, ähnlich der Erscheinung die mich in diesen Alptraum gelockt hatte. Diese hier waren jedoch sehr viel größer und erhellten den gigantischen Felsendom in dem ich mich befand mit ihrem Lichtschein. Die Decke lag kaum sichtbar in großer Höhe über mir und die gesamte titanische Höhle erstreckte sich bis in nicht mehr wahrnehmbare Ferne, wo sie in eine tiefschwarze Finsternis überging. Vor mir lag ein in der Bewegung erstarrter mächtiger Ozean mit haushohen Wellenbergen und ebenso tiefen Tälern, die eingefrorene Momentaufnahme eines windgepeitschten Meeres über unergründlichen Tiefen. Ein Ozean aus Millionen und Abermillionen abgeschlagener Schädel wie dem Meinen, in den unterschiedlichsten Stadien der Verwesung. Die meisten waren bis auf die weißen Knochen blankgescheuert durch die Reibung und Umwälzung der nun vor mir liegenden Manifestierung nicht vorstellbaren Irrsinns.

Und als sei dieser Anblick noch nicht genug, erkannte ich in den Augenhöhlen der in meiner unmittelbaren Nähe liegenden Köpfe den Funken des Erkennens und Verstehens und mir wurde bewußt, dass jedes der unglücklichen Opfer ebenso wie ich dem dargebotenen Wahnsinn bei vollem Bewusstsein unsterblich ausgesetzt war. Weit entfernt hörte ich einen weiteren Schädel aus einem der Schächte in der Decke in dieses Meer der Hoffnungslosigkeit aufschlagen. Wilde Visionen wahrer Sturzbäche an Köpfen, die aus den zahllosen Schächten stürzten um diese weltumspannenden Hohlräume zu füllen, rasten durch meinen gemarterten Verstand. Welche gnadenlose Kraft, welches kosmische Grauen konnte der Menschheit so etwas antun? Hatten wir zuviel erfahren und geforscht, uns zu tief in den Erdball vorgegraben oder uns zu weit in den Weltraum vorgewagt und Mächte jenseits unserer Vorstellungskraft auf uns aufmerksam gemacht?

Die Nerven meines Kopfes funktionierten und ich verspürte einen leichten Windhauch und eine aus der Tiefe heraufkommende, beständig stärker werdende Vibration. Kräftiger Wind kam auf und der sich vor mir ausbreitende Ozean der verdammten Opfer begann zu beben und sich in Bewegung zu setzen. Aufgetürmte Berge von Schädeln rutschten in sich zusammen, während sich neue Wellen aufzutürmen begannen und dieses erstarrte Meer zu neuem Leben erweckten. Ein wahrhaft ohrenbetäubendes Donnern und Toben hob hinter mir an und als der ganze Berg, auf dem ich gelandet war, in Bewegung geriet ahnte ich, das sich von hinten eine alle Dimensionen sprengende Springflut näherte. In einem rasenden Sturz ging es tief abwärts, nur um gleich darauf von der herannahenden Welle bis auf den Kamm dieser Urgewalt in die Höhe gerissen zu werden.

Ich konnte nicht begreifen, welche Mächte hier am Werke waren, welche Kräfte zu so etwas fähig sein konnten. Während ich umhergewirbelt wurde, erinnerte ich mich an die Darstellungen des gewaltigen schwarzen Planeten und der tentakelbewährten Fratze. War es möglich, dass dieser dunkle Gigant durch Raum und Zeit nach uns griff, um uns durch unfaßbare fremde Dimensionen hindurch auf unseren Platz zu verweisen und den Willen fremdartiger Wesenheiten zu erfüllen, um die Erde zu reinigen? Wieder wurde ich emporgerissen und ritt auf dem höchsten Kamm der Welle auf die sich vor mir ausbreitende, weltumspannende Finsternis zu, nicht mehr als ein willenloser Spielball dieser kosmischen Gezeiten.

Möge ein gnädiger Gott, oder was auch immer sich diesem ausgeuferten Wahnsinn in fernen Zeiten entgegenstemmen mochte, uns verzeihen.

***

Ende

Über den Autor: Seit Matthias Lausch vor etwa 10 Jahren über den kosmischen Horror und H.P. Lovecraft gestolpert ist, hat ihn die Faszination für den Cthulhu-Mythos und diese unheimlichen Welten und Abgründe nicht mehr losgelassen. Da er selbst Ideen entwickelt hatt, kam der Wunsch auf, dem Mythos seinen eigenen, bescheidenen Beitrag hinzuzufügen. Weil ihm das geschriebene Wort wichtig ist, entstehen seine Geschichten komplett im klassischen Eigenbau und zu 100 % KI-frei aus seiner eigenen Feder.

- Matthias Lausch

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