Lovecrafter Online – Kurzgeschichte: Der Sleepy-Hollow-Jux
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Seanchui -
1. Juni 2026 um 12:00 -
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Sowohl S. T. Joshi als auch Leslie Klinger fragen sich, was H. P. Lovecraft veranlasst haben könnte, zwei seiner Geschichten, nämlich ‚Jenseits der Mauern des Schlafs‘ und ‚Die lauernde Furcht‘, in die Skatskill Mountains – zu Deutsch Kaatsberge – zu verlegen, die er nicht aus eigener Anschauung kannte. Das nicht, aber dass ihm die Werke Washington Irvings geläufig waren, beweist sein Essayband ‚Das übernatürliches Grauen in der Literatur‘, in dem er dessen eher unbekannte Geschichte ‚Das Abenteuer des deutschen Studenten‘ bespricht. Dass er Sleepy Hollow besucht hat, beweist seine Beschreibung im Lesebuch ‚Junior Literature: Book Two‘ von 1930.
***
Hanibal Sledge war ein Einzelgänger. Das widerspricht nach landläufiger Meinung seiner Passion des Motorradfahrens, denn die Liebhaber schwerer Maschinen treten gern rudelweise auf. Han gehörte der speziellen Spezies der Chopperliebhaber an, was seine Eigenart etwas relativiert, denn nach den 1970er Jahren, als sich aufrecht sitzend den Wind ins Gesicht blasen zu lassen, ausgelöst durch den Song ‚Born to be Wild‘ der Gruppe Steppenwolf und den Film ‚Easy Rider‘ mit Dennis Hopper und Peter Fonda, war der Hype weitgehend abgeflaut. Neben seinem Gerät selbst hatte er sich eine zünftige Lederkluft zusammengespart, die er mit dem gleichen Stolz ausfuhr wie die Technik selbst. Verzichtet hatte er auf einen Integralhelm, denn der beeinträchtigte seiner Meinung nach den Rundumblick und ist im toleranten Süden der USA auch nicht vorgeschrieben. Angesichts der von ihm gefahrenen Geschwindigkeiten betrachtete er zum Schutz von Hals und Augen einen Schal und eine Motorradbrille als ausreichend.
So fuhr er nicht immer, aber meistens allein über die Highways des Südens und freute sich, Landschaft und Treiben allein und ohne Kommunikationszwang genießen zu dürfen. Seine Maschine war sein ein und alles, denn sein Job in einem Supermarkt, in dem er hinter der Kassenzone den Kunden ihre Einkaufstaschen packen half, warf verständlicherweise kein üppiges Gehalt ab, und um sie überhaupt halten zu können, verkniff er sich praktisch alles, was sonst das Leben junger Leute angenehm gestaltet. Umso mehr genoss er seine Wochenendausflüge, wenn er nach längerem Sparen das Spritgeld dafür zusammengebracht hatte.
Nicht viel anders sah die finanzielle Lage von Patrick Knowles, Irving Volman, Hoyle Wethering und Manson Bocker aus. Im Gegensatz zu Han dachten die Vier allerdings nicht im Traum daran, sich mit ehrlicher Arbeit abzurackern, sondern lebten vom Geld ihrer Eltern, ihrer Geschwister und, wenn die bockig wurden, von Kleinkriminalität. Zu ihrem Pech waren sie bisher nicht erwischt worden, denn die Realität amerikanischer Gefängnisse bringt so manchen dazu, sich eines Besseren zu besinnen. Natürlich hält eine Vierergruppe kräftiger, brutal aussehender Kerle so manchen allein operierenden Sheriff davon ab, die Finger nach ihnen auszustrecken, der es im Interesse ausgleichender Gerechtigkeit vorzieht, einer wehrlosen Schwarzen, die sich im Straßenverkehr unbeholfen verhält, zu drei Tagen Kost und Logis auf Staatskosten zu verhelfen.
Wenn jemand nichts zu tun hat und nichts tut, tut er doch etwas, nämlich auf dumme Gedanken kommen. Neben der lebenswichtigen Aufgabe, alkoholischer Getränke und – weniger wichtig – fester Nahrung habhaft zu werden, bringt diese Geisteshaltung den Drang mit sich, anderen das Leben erschweren.
„Dieser Han“, sagte Pat eines Tages, „gurkt doch immer mit seiner schweren Maschine hier herum …“
„Und?“ fragte Irv. „Sollen wir ihm die kaputtmachen?“
„Wäre eine Idee, hat aber einen Haken. Wenn er nicht fährt, verstaut er sie immer im Schuppen seines Supermarkts. Wenn wir da einzubrechen versuchen und die Wachmannschaft erwischt uns, beziehen wir die Prügel unseres Lebens.“
„Hat er denn die Erlaubnis …?“
„Ich denke schon. Das gleiche gilt fürs Klauen und in den Sumpf werfen.“
„Bleibt ein Angriff während einem seiner Ausflüge.“ Hoyle war sicher der Kreativste des Quartetts.
„Dann müssten wir wissen, wo er wann ’langfährt.“ Man war skeptisch.
„Das ist einfach. Er folgt immer derselben Route, wenn er einmal auf seinem Bock sitzt.“
„Wenig Fantasie. Umso besser. Was ist deine Idee?“
Es war wieder einmal so weit. Han hatte die Tankstelle angefahren, soviel eingefüllt, wie für seinen Hundertmeilenausflug nötig war, und setzte sich wohlgemut in Bewegung. Die erste Etappe verlief wie gewohnt und er freute sich seines Lebens. Er bog in die seit Eröffnung der Interstate vernachlässigte Überlandstraße ein, die, wie im Süden der USA häufig, schnurgerade durch das flache Land verläuft, deren Bankett aber abweichend vom ortsüblichen mit wunderschönen alten Bäumen bestückt ist und das bildet, was gemeinhin Allee genannt wird. Er nahm seine Umgebung beinahe wie im Traum wahr. Groß aufzupassen gab es nichts, das Verkehrsaufkommen war nahe null und er wusste, dass auch keine haarsträubenden Kurven zu erwarten standen. So erlahmte seine Aufmerksamkeit mehr und mehr und er übersah das Glitzern, das vor ihm aufrauchte. Er war wie auf Choppern üblich nicht sehr schnell unterwegs, aber die kinetische Energie seiner Masse und der 60 Meilen pro Stunde, die er dennoch einzuhalten sich bemühte, reichte, dass ihm der scharfe Draht, der sich ihm in präzise errechneter Höhe in den Weg stellte, glatt den Hals durchschnitt.
Den Einsatzkräften, die das Unfallprotokoll aufnahmen, war ihre Verblüffung anzusehen und schlug sich auch in ihren schriftlichen Anmerkungen nieder. „Der Typ ist, nachdem es ihm den Kopf abgetrennt hat, samt Motorrad spurlos verschwunden.“ Der Einsatzleiter wollte aus dem Staunen nicht mehr herausfinden. Er fragte nochmals in die Runde: „Hat wirklich keiner das Fahrzeug oder den Körper des Fahrers gefunden?“
Allgemeines Verneinen. „Dann muss jemand den Rest aufgelesen und fortgeschafft haben“, urteilte der Einsatzleiter. „Dass es sich um Hanibal Sledge handelt, ist erwiesen. Die Eltern und auch alle Angestellten des Supermarkts, in dem er gearbeitet hat, haben das Foto erkannt. Außerdem ist er als vermisst gemeldet.“
„Das bedeutet“, warf einer seiner Leute ein, „das Wegschaffen von Fahrzeug und Körper diente dazu, Spuren zu verwischen.“
„Hört sich plausibel an. Dagegen spricht allerdings, dass die Täter nicht den Draht und ausgerechnet den Kopf nicht entfernt haben, denn der ließ sich zweifelsfrei identifizieren.“
„Vielleicht ein Fememord mit entsprechender Aussage?“
„Möglich. Was uns betrifft, ist unsere Arbeit beendet. Der Rest ist Sache der Bullen. Ich werde ihnen einen Überblick über unsere Erkenntnisse verschaffen und dass sie sich auf die Suche nach Feinden des als harmlos und gutmütig bekannten Hanibal Sledge machen sollen.“
Der Sommer verging, der Winter kam und verging, der nächste Frühling kündigte sich an und immer noch gab es von dem Mörder oder den Mördern des unglücklichen Hanibal Sledge keine Spur. Feinde hatte er offenkundig keine gehabt und die ganze Sache ergab keinen Sinn; der Fall drohte in Kürze als ungelöst zu den Akten gelegt zu werden.
Patrick Knowles wusste sehr wohl davon, dass der Dumme-Jungen-Streich seiner Clique vorigen Sommer einem harmlosen Zeitgenossen das Leben gekostet hatte, aber er packte sich nicht groß dafür. Sie würden kaum je einen von ihnen erwischen, denn zwischen ihnen und dem Opfer würde die Polizei kaum einen Zusammenhang herzustellen fertigbringen. Ein schlechtes Gewissen plagte ihn nicht, denn was ist schon ein Menschenleben – von seinem eigenen abgesehen?
Er lachte. Da behaupten doch Geisterseher immer wieder, im Dunkeln einen kopflosen Chopperfahrer gesehen zu haben. So etwas lächerliches! Weil er sich in seiner kleinen, schmucklosen Bude langweilte, beschloss er, etwas frische Luft zu schnappen. Vielleicht bekäme er im Vorbeigehen einen kleinen Bruch hin. Er ärgerte sich. Seine Kumpel ließen sich kaum mehr bei ihm blicken; im Gegensatz zu ihm trieb sie doch die Furcht um, ihren ausgeuferten Streich vom Vorjahr beizeiten büßen zu müssen, und waren angeblich sogar auf Arbeitssuche. Pat lachte nochmal, diesmal rau und dreckig. Das sollte ihm einfallen!
Der Abend war dunkel und einsam und ein Passant, den er um sein Portemonnaie erleichtern könnte, nicht in Sicht. Hinter ihm ertönten verhalten Geräusche wie von einem Motorrad. Pat überlegte. Sollte er versuchen, sich dem in den Weg zu stellen und anzuhalten? Im Handgemenge sollte es ihm ein Leichtes sein, den Fahrer um seine Wertsachen zu erleichtern. Er drehte sich um und erstarrte.
Das Zweirad hielt genau auf ihn zu und der Fahrer war hinter dem hoch aufragenden Lenkgestänge des Choppers nicht zu erkennen, weil er dort aufhörte, wo normalerweise der Schädel ansetzt. Was um alles in der Welt …?
Pat dachte den Gedanken nicht zu Ende, denn er sah sich gezwungen, mit einem Hechtsprung zur Seite auszuweichen, um nicht überrollt zu werden. Er schaffte es gerade noch, aber sein Angreifer stoppte und wandte sich ihm zu. Das heißt dessen Körper wandte sich ihm zu, denn er endete auf Schulterhöhe. Pat fühlte das kalte Grauen in sich aufsteigen. Mit einem Entsetzensschrei wollte er davonrennen, aber er fühlte sich wie von Schraubzwingen festgehalten. Er wollte rufen: „Tu‘ mir nichts!“, aber er brachte kein Wort heraus. Seine Versuche, sich aus dem eiskalten und eisernen Griff zu befreien, schlugen fehl, und er spürte seinen Lebenssaft schwinden.
„Was um alles in der Welt soll ich bei dem als Todesursache eintragen?“ fragte der Amtsarzt in gelinder Verzweiflung. Passanten hatten am Morgen nach dem geschilderten Ereignis einen Leblosen gefunden, der, bald als der nichtsnutzige Patrick Knowles identifiziert, keine äußere Verletzung aufwies und an so etwas wie Entsetzen gestorben zu sein schien.
„Das geht medizinisch ebenso wenig durch wie Altersschwäche“, doppelte der Amtsarzt nach.
„Dann eben wie immer plötzliches Herzversagen“, schlug der Assistentsarzt vor. „Das gibt‘s auch bei jungen Leuten.“
„Ich weiß.“ Das war kaum mehr als ein Brummen, denn rätselhafte Fälle sind keines Eintrags in die Ruhmesgeschichte der Wissenschaft wert.
Irving Volman war nicht besonders glücklich. Nicht wegen des unerklärlichen Todes seines ehemaligen Freundes, dessen Verhalten ihm am Schluss so suspekt geworden war, dass er seine Nähe gemieden hatte, aber dass es ausgerechnet ihn getroffen hatte … Als sie damals den Draht über die Straße gespannt hatten, waren sie sich der Folgen nicht bewusst gewesen. Pats ewiges „keine Bange, sie können uns nichts nachweisen“ war ihm zum Schluss so zuwider geworden, dass es zu besagtem Auseinanderleben kam. Wenn er, Irv, draußen unterwegs war, betäubte er sein schlechtes Gewissen mit Musik, die über Kopfhörer überlaut seine trüben Gedanken überbrüllten. Deshalb bekam er nicht mit, wer sich außerhalb seines Sehwinkels um ihn herum aufhielt und auch nicht, dass er sich plötzlich mutterseelenallein auf weiter Flur befand. Die Dunkelheit war angebrochen und alle hatten sich beeilt, vor Anbruch des erwarteten Regens rechtzeitig zu Hause einzutreffen.
Folglich hörte Irv auch nicht das Motorrad, das sich ihm von hinten näherte. Und folglich war es nur diese eine Sekunde, als es ihm mit städtisch angepasster Geschwindigkeit zwischen die Beine schoss und zu Boden schleuderte, sodass sein Schädel wie eine von flacher Hand getroffene aufgeblasene Brötchentüte platzte, die er bewusst durchlebte.
„Eindeutiger Fall“, sagte der Leiter der Einsatzkräfte und klang erleichtert. „Überfahren und anschließende Unfallflucht.“
„Dass keiner den Verursacher gesehen hat?!“
„Gesehen haben will, meinst du.“ Der Einsatzleiter wandte sich an seine Leute und fuhr fort: „Wisst ihr, viele möchten nichts mit Polizei oder Gericht zu tun haben, nicht einmal als Zeuge. Da ist es besser, man hat nichts gesehen.“
Der Oberinspektor schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel. „Haben sich doch ein paar gemeldet, die diesen Unfall gesehen haben wollen. Und weißt du, was sie aussagen?“
Der Inspektor zuckte mit den Schultern. „Vermutlich nicht viel mehr als einen Schatten.“
„Besser. Einen kopflosen Chopperfahrer, der diesen Irving Volman plattgefahren und sich dann aus dem Staub gemacht hat.“
Nun lachte auch der Untergebene. „Dann wissen wir ja, nach wem wir suchen müssen: Einem kopflosen Chopperfahrer. Sollte einfach sein, denn so viele wird’s davon ja nicht geben.“
Hoyle Wethering hatte das Schlechteste aller Gewissen, denn das Spannen des Drahts war seinen Gehirnwindungen entsprungen. Himmel, wer hätte denn gedacht, dass dieser Depp von Han wirklich in die Falle tappt oder besser gesagt fährt! Das wäre weiter nicht zu beachten, wären nicht bereits zwei der damaligen Mittäter Opfer eines rätselhaften Todes geworden. Auch um die tat es ihm nicht leid, aber um sich selbst …
Hoyle wanderte seit einiger Zeit ungern über einsame Straßen, aber um seine Tante um eine Zuwendung anzubetteln, blieb ihm nichts anderes übrig – und andere Geldquellen standen ihm nicht mehr zu Verfügung. Naja, dachte er, es ist helllichter Tag und kaum die Umgebung für einen Geist, sich an mir zu vergreifen. Motorisiert war er mangels Flüssigem nicht und so brach er auf, die vier Meilen zu Fuß zurückzulegen. Unterwegs hatte er eine Brücke zu überwinden, die seinen Feldweg über die Interstate hinwegführte. Er hütete sich, sich wie Irv von der Außenwelt abzuschotten, und hörte folglich früh, dass sich ihm von Ferne ein Fahrzeug näherte. Klingt wie ein Motorrad, urteilte er, ohne sich weiter etwas dabei zu denken. Erst als das Böllern der Zylinder aufdringlich wurde, sah er sich genötigt, nach hinten zu schauen.
Und zu erstarren. Dem Fahrer fehlte der Kopf und trotzdem schien er in der Lage, zielstrebig auf ihn zuzusteuern. Mit einem Schrei wich Hoyle aus, sah sich vom Brückengeländer an der weiteren Flucht gehindert und versuchte es seitwärts. Indes mochte er sich wenden, wohin er wollte, die schreckliche Mensch-/Maschinensymbiose kam ihm stets in die Quere. Der einzige Ausweg …
Sehr hoch war die Brücke nicht. Möglicherweise würde er sich ein Bein brechen, aber einmal bequem in einem Krankenhausbett versorgt zu werden wäre in seiner Situation gar nicht so unwillkommen.
„Er sprang mir genau vor den Kühler. Ich hatte keine Chance“, wiederholte der Fahrer zum x-ten Mal. Der Inspektor, der die Aussagen sorgfältig in sein Smartphone diktierte, nickte und schloss seine Datei, was dem früheren Zuklappen des Notizbuchs entsprach. „Schon gut“, versuchte er den zitternden Mann zu beruhigen, „es handelt sich wohl um einen Selbstmörder.“ Einmal ein eindeutig zu lösender Fall, dachte er insgeheim, während er den Einsatzkräften zuschaute, wie sie die gesperrte Straße allmählich wieder in befahrbaren Zustand versetzten. „Trauen Sie sich zu, nach Hause zu fahren?“ fragte er den Mann. Der schüttelte seine Mähne und erging sich in krampfartigem Schluchzen. „Okay, dann werden wir das übernehmen. Sie müssen dem Fahrer nur sagen, wo Sie wohnen.“
Manson Bocker war ernsthaft beunruhigt. Drei seiner – ehemaligen – Freunde hatten ins Gras gebissen und das konnte kein Zufall sein. Alle Hinschiede waren irgendwie natürlich zu erklären, aber zusammengenommen ergaben sie ein bedrohliches Muster. Dazu die immer wieder aufflammenden Gerüchte über einen kopflosen Chopperfahrer, der angeblich sein Unwesen trieb und die lächerlich klangen, aber im Einklang mit ihrem ‚Jux‘ zu Nachdenklichkeit zwang. Sollte …?
Am liebsten wäre Man gar nicht ins Freie getreten, aber gewisse Verrichtungen wie das schnöde Nahrungsmittelbeschaffen erzwangen das nun einmal. Und nun hatte er eine Vorladung der nächstgelegenen Polizeistation in der Hand, die ihn angeblich für eine Aussage brauchte. ‚Nur als Zeugen‘, wie sie beruhigend schrieb, aber mit den Bullen wollte Man ganz und gar nichts zu tun haben. Sollte das immer noch um diese blöde Schlägerei vor zwei Jahren gehen? fragte er sich. Er wog ab. Auf verpasste Vorladungen standen hohe Geldstrafen, aber die juckten ihn nicht – er besaß ja keins und greif‘ einem Mittellosen in die Tasche, dachte er höhnisch. Andererseits würden sie nicht lockerlassen und ihn notfalls in Handschellen abführen. Das empfand er als weniger angenehm, obwohl er hinter Gittern vermutlich vor Hanibal Sledges Rache sicher war.
Er gab sich einen Ruck, verließ das Haus und wandte sich der Polizeistation zu, die ihn geladen hatte. Auch ihm gebrach es aus finanziellen Gründen an einem fahrbaren Untersatz und deswegen sah er sich gezwungen, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Er war nicht weit, führte aber an einem versumpften See vorbei, den zur Flaniermeile aufzuwerten der Stadt seit Jahrzehnten die Einnahmen abgingen. Wieder einmal war es merkwürdig menschenleer, als er sich dem See näherte. Man merkte das nicht, weil er verzweifelt darüber nachdachte, wie er es vermeiden würde, durch unbedachte Aussagen um seinen eigenen Kopf die Schlinge zu ziehen. Da vernahm er das Geräusch eines Motorrads hinter sich. Zunächst dachte er dabei nichts, aber als es sich näherte, sah er sich veranlasst, einmal nach hinten zu schauen.
Der Chopper hielt genau auf ihn zu und – der Fahrer überragte seine Lenkgabel nicht. Man blieb schier das Herz stehen. Dann entfuhr ihm ein wilder Schrei und er versuchte zu fliehen. Mühelos umrundete ihn das motorisierte Gefährt und drängte ihn an den Straßenrand, in die Nähe des sumpfigen Sees. Man mochte sich wenden, wohin er wollte, sein Verfolger war stets schneller und er sah sich zu einer Alternative gezwungen. Ins Wasser kann er nicht, Gespenst hin oder her, dachte er, und wich dorthin zurück. Und wirklich, der Verfolger schien aufzugeben. Mit einem triumphierenden Lachen winkte Man ihm hinterher und schüttelte drohend seine Faust. Dabei merkte er nicht, dass er einige Schritte weiter in die glibbrige Lache getätigt hatte und, nachdem er es bemerkt hatte, bei dem Versuch, sich zu befreien, scheiterte. Irgendwelche Schlingpflanzen hielten ihn fest. „Scheiße!“ rief er, überwand seine Scheu und brüllte „Hilfe! Zu Hilfe!“
Immer noch war keine Menschenseele zu sehen, obwohl es Werktag Vormittag war. Vielleicht lag es daran, dass in dieser armen Südstaatenregion nicht allzu viele einer geregelten Arbeit nachgehen. Wie dem auch sei, bei dem Versuch, sich zu befreien, geriet Man immer tiefer in die verwilderte Sumpflandschaft und hatte so viel damit zu tun, von den tückischen Pflanzen nicht unter die Oberfläche gezogen zu werden, dass er nicht einmal mehr Zeit fand, weiter um Hilfe zu rufen.
Als einziger des Quartetts wurde Manson Bocker nie gefunden. Vielleicht wird er in tausend Jahren einmal als nicht identifizierbare Moorleiche das Tageslicht wiedersehen.
Ganz vergessen war Hanibal Sledge nicht. Immer einmal wieder besuchten die trauernden Eltern das Grab ihres Sohnes, in dem mangels auffindbaren Rests einzig der Kopf beerdigt worden war. Am heutigen Sonntag sah Mama Sledge schon von weitem, dass das Arrangement irgendwie anders aussah. „Da liegt doch ’was obendrauf“, sagte sie erschrocken.
„Hä?“ Papa Sledge war mit seinen Gedanken woanders gewesen, sah jetzt aber auch hin und bestätigte die Aussage seiner Frau. Sie traten näher heran und sahen, was sie später als ebenso bestürzend wie erfreulich bezeichnen sollten: Auf dem Kiesweg schräg vor der Stätte erwartete sie der Chopper, den einst Han gefahren hatte, sorgfältig aufgeständert, und auf das locker geharkte Beet, das das Grab bedeckte, hatte sich in voller Ledermontur ein menschlicher Rumpf gebettet, als bäte er darum, wieder mit seinem Haupt vereinigt zu werden. Hanibal Sledges Rache war vollendet.
Danach ward nie wieder ein kopfloser Chopperfahrer gesichtet, der die sumpfigen Ebenen des Bayou unsicher macht.