Lovecrafter Online – 108 – Filmkritik: Midsommar

Lovecraft in hellem Tageslicht

Howard Phillips Lovecraft liebte seine Spaziergänge im nächtlichen Providence. Das Grauen lauert bei Ihm oft im Dunkeln - schlecht sichtbar, unzugänglich, versteckt. Funktioniert lovecraftesker Horror auch anders? Ein Folklore-Horrorfilm im hellen Tageslicht mit Lovecraftbezug: Das ist der Film Midsommar von 2019.

Handlung

Die junge Dani ist nach dem Selbstmord ihrer bipolaren Schwester, welche die gesamte restliche Familie unter tragischen Umständen in einer Nacht mit sich getötet hat, schwer traumatisiert. Die Beziehung zu Ihrem Freund Christian existiert nur noch durch Ihr verzweifeltes Klammern und seine Unfähigkeit, sie zu beenden. Als er und seine Freunde Josh und Mark zu einer Reise nach Schweden aufbrechen, um die Ausrichtung des Midsommarfestes und die die traditionelle Lebensweise der Gemeinschaft Ihres Freundes Pelle zu studieren, reist sie mit.


Die kleine Kultgemeinschaft ist eine einzige, große Familie und empfängt alle freundlich. Die Gäste sind fasziniert von den ganz in weiß gekleideten Mitgliedern und ihren seltsamen Traditionen. Dani, die besonders enthusiastisch aufgenommen wird, fügt sich mit ihrer Sehnsucht nach Halt gut ein. Nach und nach zeigen sich aber auch unheimlichere Aspekte der Rituale der Gemeinschaft und die kulturelle Toleranz der Gäste wird auf eine harte Probe gestellt.


Zum Finale des Midsommarfestes wird nicht nur die Maikönigin gewählt, sondern es müssen auch Opfer gebracht werden. Dani gerät in einen soghaften Trip in eine andere Welt.

Lovecrafteske Motive

Autor und Regisseur Ari Aster bezeichnet seinen Film als Trennungsfilm. Die Trennung zwischen den Hauptcharakteren ist sicherlich der rote Faden des Filmes, der eine eigene Mischung vieler zusätzlicher Tropen darstellt und unterschiedlich interpretiert werden kann (Trennung / Depressionsbewältigung / Sektenkulte mit Gehirnwäsche / Kulturtoleranz).


Es sind aber auch viele Lovecraftelemente im Verlauf des Filmes zu finden, und bei wiederholter Sichtung werden es mehr. Die Studenten wollen alle für Ihre Uniarbeit Einblick hinter die Kulissen der Gemeinschaft bekommen. Dafür ist der unkontrollierte Zugang zu einem geheimen Buch sehr wichtig: Eingeweihte denken natürlich sofort an das Necronomicon. Viele Kunstwerke und Malereien deuten bereits zu Beginn den weiteren Verlauf der Geschichte an. Das Motiv, das Ende oder die Geschichte quasi zu spoilern, zieht sich durch die Geschichten Lovecrafts seit Dagon. Die Gebäude der Gemeinschaft sind nicht gerade rechtwinklig gebaut und wirken wie aus einer anderen Welt und Zeit. Die normalen Sehgewohnheiten werden so unterwandert, der gesamte Film arbeitet daran, ein Gefühl der Desorientierung aufzubauen, gefördert von der Kameraarbeit, der Musik und den zunehmend grotesken Ereignissen.


Viele Dinge geschehen im Hintergrund, die Natur und der Wald um das Dorf scheinen zu leben. Was zuerst auf die Einnahme von berauschenden Pilzen geschoben werden kann, erfolgt im weiteren Verlauf des Filmes immer öfter und zum Teil sehr subtil. In der Vegetation sind Bewegungen und Gesichter zu erkennen, die an der Wahrnehmung zweifeln lassen und zur Verunsicherung beitragen. Der Film setzt konsequent auf langsamen Stimmungsaufbau, Atmosphäre und Beunruhigung. Viele der Visionen werden auf bizarre Weise später wahr. Wie die Prophezeiungen in den Texten Lovecrafts erfüllt sich das Schicksal der Protagonisten. Auch ist ein Opferungskult für eine uralte Gottheit im Werke Lovecrafts ein Klassiker: man denke an Das Grauen von Red Hook oder Der Ruf des Cthulhu.


Der gesamte Film entwickelt eine sogartige Stimmung und alles führt konsequent zu einem unausweichlichen, grauenhaften Finale. Diese deterministische Ausweglosigkeit ist ein Hauptmotiv Lovecrafts. Das letzte Lächeln Danis im Film ist ähnlich ambivalent zu sehen wie z. B. das Schicksal des Protagonisten in Schatten über Innsmouth. Ist es gesteigertes Grauen, in die Tiefe (des Kultes) hinabzugleiten, einem Kult beizutreten? Oder eine Befreiung, der Beginn von etwas Neuem?

Cinematographische Notizen

Ari Aster hat nach seinem großartigen Heredetary (der auch seine lovecraftesken Motive aufweist) erst seine zweite Langfilmarbeit vorgelegt. Das selbst verfasste Drehbuch ist ausgesprochen konsequent, einen so langsamen, atmosphärischen Film mit - im Directors Cut - drei Stunden Laufzeit herstellen und ins Kino zu bringen, darf alleine als herausragende Leistung gewürdigt werden und wäre ohne den Vorgängererfolg undenkbar gewesen. Das Studio A24 steht allerdings auch in der Tradition solcher Werke, entstanden doch hier auch Filme wie Der Leuchtturm und The Witch, die in eine ähnliche Kerbe schlagen.


Der Film wird von den Schauspielern großartig getragen, man wird von den Charakteren mitgenommen, sei es der überaus unsympathische Christian oder Pelle als Rattenfänger (so wird er auf einer Zeichnung gezeigt). Überragend zu nennen ist die Leistung von Florence Pugh, die in nahezu jeder Einstellung des Filmes zu sehen ist. Sie nimmt einen mit auf die Reise, man hofft, bangt und leidet mit Ihr bis zum Finale. Warum es scheinbar nicht möglich ist, für ein Horrordrama für große Preise nominiert zu werden, muss dem geneigten Genrefreund nicht einleuchten. Verdient wäre es gewesen.


Der Film wurde in Budapest gedreht, wo die gesamten Bauten der heidnischen Gemeinde für den Film entstanden. Neben der „Im-Film-Musik“ der Kultgemeinschaft trägt die Filmmusik von Bobby Krlic viel zur Stimmungserzeugung bei, ebenso wie die fast akrobatische Kameraführung. Die Ausstattung ist sehr gut, alles ist in Helligkeit und Farben gebettet, fast wie ein Trip, der sich in einem grotesken, manipulativen und heidnischen Finale steigert. Wir werden mit allen filmischen Mitteln ähnlich indoktriniert wie Dani von dem Kult.


Als Vorbild für den Film muss hier natürlich auch The Wicker Man erwähnt werden, dieser seltsame Kult-Horror-Folk-Musical-Hybrid mit Christopher Lee von 1973.


Größtenteils erhielt der Film gute Kritiken, manchen war die Laufzeit allerdings zu lang. Für Freunde von schnellen, kurzen Filmen mit großer Schockmomentdichte ist der Film ungeeignet. Im Directors Cut ist er mit 171 Minuten, mit einigen verlängerten Szenen und einer nächtlichen Beinahe-Opferungsszene mit einem Kind am Fluss nochmals etwas länger als mit den regulären knapp 140 Minuten. Notwendig ist diese Version nicht und wirkt für die sonst außer zu Filmbeginn durchgängig helle Optik fast störend, auch wenn einige Aspekte und Motive von Dani und Christian vertieft werden.

Fazit

Der Film ist ein psychologisches Drama mit Horrorelementen und baut eher auf Verunsicherung, Sogwirkung und Anspannung als auf Jumpscare-Momente. Er ist verstörend und makaber mit sehr graphischen Passagen und schockierenden Momenten. Ein eher ruhig, manchmal quälend langsam inszenierter Trip mit ständig anziehender Spannungsschraube. Midsommar ist ein lovecraftesker Alptraum am hellen Tag, eine außergewöhnliche Filmerfahrung für den, der sich darauf einlässt.

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