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Lovecrafter Online – Filmkritik: Sea Fever

  • Michael H.
  • 13. Januar 2025 um 12:00
  • 921 Mal gelesen
  • 0 Antworten
Neues Jahr, neue Filme! Filmexperte Michael bleibt uns erhalten und seziert weiterhin Horrorstreifen auf cthuloide Inhalte hin! Heute: "Sea Fever"!

Der maritime Schrecken, der seine Fänge aus den unbekannten Tiefen des Ozeans nach den unwissenden Menschen ausstreckt, ist ein Szenario, das Howard Phillips Lovecraft sein Leben lang beschäftigte und verängstigte. Es durchzieht sein Werk seit Dagon und ist der treibende Hintergrund des kleinen irisch-europäischen Horrorfilms Sea Fever - Angriff aus der Tiefe. Dieser kombiniert lovecraftesken Tiefseehorror mit Öko-Mystery-, Creature-Feature- und Body-Horror-Elementen und wirft noch ein wenig Wissenschaftsthriller und Infektionsgrusel in den gelungenen Genremix.

Handlung

Die Studentin der Meeresbiologie Siobhán muss für ihre Doktorarbeit Untersuchungen an der Ökologie der Tiefsee vornehmen. An Bord des Fischerbootes Niam Cinn Oir reist sie auf die Westirische See hinaus, um Mutationen und Anomalien durch Umweltfaktoren zu studieren und zu dokumentieren. Die Crew um Kapitän Gerard und dessen Frau Freya sind zwar skeptisch, brauchen aber dringend das gezahlte Geld. So muss der Aberglaube über die rothaarige Studentin hinten anstehen, ebenso wie das Einhalten der vorgeschriebenen Fangrouten. Bereits nach wenigen Tagen auf See taucht zuerst ein seltsames, riesiges Ortungsmuster auf dem Radar auf, dann kommt es in dessen Zusammenhang zu einem Unfall, bei dem das Schiff auf mysteriöse Weise an der Weiterfahrt gehindert wird. An den Planken des Holzbootes haften sich unter der Wasserlinie seltsame Nesseln an das Boot und lösen das Holz auf. Schleim aus den Nesselfortsätzen dringt in das Boot ein und verteilt sich langsam überall.

Das Funkgerät ist nach dem Unfall defekt. Siobhán steigt daraufhin in ihren für ihre Forschung mitgebrachten Taucheranzug und versucht, die biolumineszierenden Tentakel zu lösen. Diese wehren sich lebhaft, gehören sie doch zu einem viel, viel größeren Gesamtorganismus, der die junge Forscherin schnell verängstigt aus dem Wasser treibt. Diese Beobachtung glaubt die Besatzung nicht, sie wollen den vermuteten Riesenkalmar stattdessen fangen. Doch die Versuche, das Schiff freizubekommen oder das Wesen hochzuziehen, scheitern kläglich. Crewmitglied Johnny verletzt sich dabei blutig. Siobhán beobachtet das Eindringen und die Ausbreitung des Schleimes beunruhigt. Ein weiteres liegengebliebenes, illegales Fischerboot in der Nähe birgt nur weitere Mysterien und eine tote Besatzung. Offenbar haben sie sich im Seefieber gegenseitig umgebracht. Warum einige sich zusätzlich die Augen ausgestochen haben und das Funkgerät zerstörten, bleibt unklar.

Nach der Rückkehr der kleinen Erkundungsgruppe ist das eigene Schiff unerwartet frei. Statt umzukehren, lässt Kapitän Gerard weiter fischen. Die Besatzung beginnt jedoch Symptome zu zeigen, zuerst der verletzte Johnny. Fieber, Blutungen, Verwirrtheit und letztlich Erblindung verunsichern und zerren an den Nerven. Siobhán und der Ingenieur Omid erkennen, dass sich ein Parasit über das Wassersystem des Bootes ausbreitet und alle zu infizieren droht. Das unheimliche Wesen aus der Tiefe scheint das Boor darüber hinaus zu verfolgen. Die Versuche, die eingedrungenen Parasiten zu stoppen und die Patienten zu heilen, scheitern. Mit dem ersten Toten eskaliert die Lage weiter und Siobhan erkennt, dass sie keinen Hafen anlaufen dürfen, solange die Gefahr der Verbreitung der Infektion besteht.

Die Konflikte, die Paranoia, die Angst vor dem Seefieber, der Aberglaube und der Wettstreit um die richtigen Massnahmen zerreißen die sozialen Strukturen an Bord. Als Siobhan beschließt, die Maschine zu stoppen, eskaliert die Situation an Bord des Kutters völlig und ein Kampf ums nackte Überleben beginnt.

Lovecrafteske Momente

Die Angst vor den Tiefen des Ozeans kann man in Lovecrafts Werken immer wieder finden, angefangen von Frühwerken wie Dagon (1917) oder The Tempel (1920) über The Call of Cthulhu (1926) und Shadow over Innsmouth (1931) bis zu einer seiner letzten Geschichten, The Night Ocean (1936), die er mit R. H. Barlow verfasste. Oftmals bleiben die Schrecken hier, wie so oft in seinem Werk unerklärt, schemenhaft und mysteriös. Konkretes gibt es selten, die Beschreibungen bleiben vage und angedeutet. Den nautischen Klassikern kommt er am ehesten in der mit seiner Ehefrau verfassten Geschichte The Horror at Martin’s Beach (1922) nahe, wo es um eine Art Seeungeheuer geht. Eine genaue Beschreibung umgeht er in der Geschichte abermals, die grauenhaften Auswirkungen der Kreatur beschreibt er dafür effektiv und stimmungsvoll.

Sea Fever verfährt auf filmische Art ebenso. Hier wird die titelgebende Gefahr aus der Tiefe sparsam und meist angedeutet enthüllt. Neben dem Schleim und den klassischen Tentakeln, hier in Form sehr langer Nesseln und natürlich vorkommenden Rankenfüssern, gestaltet sich der Film streng realitätsnah. Die Kreatur ist eher als zurückschlagende Natur denn als kosmische Entität charakterisiert, beiden ist die völlige Ignoranz und Rücksichtslosigkeit gegenüber der selbsternannten Krone der Schöpfung gemein. Es geht im klassischen, darwinistischen Sinne um Überlebensstrategien. Geschickt spielt der Film hier mit den Urängsten, die bereits Lovecraft umtrieben. Die Angst vor dem Ertrinken wird ebenso thematisiert wie die vor dem Unbekannten in der Tiefe, das sich als viel größer und unbesiegbarer erweist, als der Mensch es sich vorzustellen vermag.

Die Versuche der Rationalisierung und der Krisenbewältigung sind hier parallel zu den Werken des Mannes aus Providence wissenschaftlich geprägt und bleiben trotz guter Ansätze letztlich erfolglos. Die Atmosphäre der Angst und der Paranoia sind mit der Stimmung des Mysteriösen und Unheimlichen als Angriffe auf den gesunden Menschenverstand weitere lovecraftsche Metaebenen im Film.

Der Aberglaube der Besatzung angesichts der eigenen Hilflosigkeit stellt wie die Angst vor drohendem Unglück durch eine rothaarige Frau an Bord zusammen mit den alten, erzählten Mythen einen schönen zusätzlichen Hintergrund dar. Zentral wird dabei mit der Mythologie der irischen Niamh Chinn Oir gespielt, die am Ende eine kleine poetische Referenz erhält, wie es auch The Shadow over Innsmouth erfährt. Die maritimen Mysterien des von Lovecraft geschätzten Kollegen William Hope Hodgson schimmern in Sea Fever deutlich als Urquelle solcher Erzählungen durch.

Für die kurze Laufzeit sind die Charaktere effizient gestaltet und unsere Heldin könnte durchaus in einer Lovecraftgeschichte einen Platz finden, auch wenn eine weibliche Hauptfigur für diesen wohl undenkbar gewesen wäre. Siobhán’s Haltung und Handlungen hätten ihn ansonsten stolz gemacht, bleibt sie als einzige trotz der eigenen Ängste rational und kühl kalkulierend. Die kurzen, effektiven Darstellungen der Gefahr aus der Tiefe erfolgen über Radar-Impulse, klassisch-schleimige Tentakel-Fortsätze und mit der Tiefenschärfe und stimmungsvoller Biolumineszenz spielenden Unterwasseraufnahmen, die gerade genug des Mysteriums zeigen.

Der Film erzählt seine Geschichte ohne viel Schnörkel geradlinig, zielstrebig und konsequent, wie bei Lovecraft mehr auf Stimmung und Atmosphäre bedacht denn auf einzelne, durchaus vorhandenen Schockeffekte. Langsam aufbauend und fast dokumentarisch wird das entsetzliche Geschehen verfolgt und zieht den aufgeschlossenen Betrachter in seinen Bann. Sea Fever lädt dazu ein, wie z.B. bei dem schon genannten The Call of Cthulhu, der Aufdeckung der Ereignisse und dem Zusammensetzen des Puzzles gespannt bis zum Ende zu folgen. Dabei verfällt die Crew ähnlich jener des Kapitän Karl Heinrich Graf von Altberg-Ehrenstein des U-Boots U29 in The Temple langsam dem Wahnsinn. Es herrscht durchgängig eine Atmosphäre des Unbehagens, der Anspannung und der Ausweglosigkeit, die den Werken Lovecrafts nahe kommt und seinen philosophischen Ideen gerecht wird.

Cinematographische Notizen

Regisseurin Neasa Hardiman liefert mit Sea Fever ihr Langfilmdebüt ab, das auf ihrem eigenen Skript beruht. Das Drehbuch der mehrfachen BAFTA-Gewinnerin ist eines der Stärken des Filmes, setzt es doch auf Realismus und Intelligenz und unterfordert den Zuschauer nicht. Die Besetzung besteht aus hervorragenden Akteuren des europäischen Kinos, die hauptsächlich durch kleinere Rollen bekannt sind. Neben der vorzüglichen Hermione Corfield (Mission Impossible 5: Rogue Nation) als Wissenschaftsstudentin Siobhán finden sich hier Connie Nielsen (Gladiator) und Dougray Scott (MI-2) als Ehepaar und Bootseigner und in der Besatzung tummeln sich unter Anderem Jack Hickey (Vikings: Valhalla), Olwen Fouéré (They see you), Dag Malmberg (Die Brücke) und Ardalan Esmail (The Helicopter Heist).

Aus dem überschaubaren Budget wurde viel gemacht, die sparsam eingesetzten Effekte und Tricks sind alle glaubwürdig eingebaut, das Make-up effektiv und realistisch-ekelig ausgestaltet. Der Film nutzt eine fast dokumentarische Erzählweise, analog zum wissenschaftlichen Hintergrund von Siobhán, der wir bei dem Fortgang der Ereignisse nahezu durchgängig folgen. Die Spannung zieht der Film vor allem aus der Atmosphäre des Unbekannten und Mysteriösen, die mit den gekonnten Bildern von Ruairí O’Brien auf die Leinwand gemalt werden. Wunderschöne Naturaufnahmen kontrastieren hier mit effektvollen Unterwasseraufnahmen, die meist einen Blickwinkel aus der Tiefe heraus beobachtend zeigen. Die gelungenen Soundeffekte und die untermalend eingesetzte unheimliche Ambient-Musik sind ebenso stimmungsfördernd. Das Setdesign und das Schiffsinnere wirken real und fördern den angestrebten Fotorealismus.

Aus heutiger Sicht nimmt vor allem die zweite Hälfte mit ihrer Infektions- und Kontaminationsthematik viele von den weltweit im Zuge der Corona-Pandemie aufgekommenen und bis heute kontrovers diskutierten Maßnahmen vorweg. Der Film exerzierte die moralischen und philosophischen Dilemmata durch, bevor diese ethischen Fragen weltweit mehr als real wurden. Viele filmische Elemente sind nicht neu, es gibt bewusste Bezüge und Referenzen an Alien, John Carpenter’s The Thing und The Abyss. Diese werden mit der irischen Legende um Niamh Cinn Oir gemischt zu einem originellen Wissenschafts-, Mystery-, Öko-Horror-, Infektions-, Body-Horror-Creature-Feature. All dies wird aber in ein kluges Skript mit guten Dialogen, nachvollziehbaren Handlungen und hervorragenden Schauspielern eingebettet.

Bewertung

Realistisch, klaustrophobisch und beängstigend entwickelt sich dieser feine, kleine Beitrag des irischen Kinos zum lovecraftesken Film. Ohne eine Verfilmung eines seiner Werke zu sein, versteht es der Film, viele der Forderungen Lovecrafts an einen guten phantastischen Roman geschickt auf die Leinwand und das Medium Film zu übertragen. Es überwiegen Stimmung und Atmosphäre, der Horror ergibt sich aus dem Unerwarteten. Aus der Tiefe des Meeres kommt eine Gefahr empor, weil der Mensch seine Grenzen nicht kennt oder bewusst überschreitet, in seiner Hybris glaubt, allem gewachsen zu sein.

Dabei bleiben die Charaktere glaubwürdig und handeln zwar nicht immer richtig, aber stets nachvollziehbar. Während Siobhán der rationale Anker bleibt und sie konsequent das Richtige tut, sind die anderen Sichtweisen stets begründet und in ihrer Logik verständlich, wenn auch oft fatal. Menschen machen eben Fehler, sind gierig oder folgen den falschen Ideen, gerade wenn sie einer blutigen, alptraumhaften Gefahr gegenüberstehen. Der Wahnsinn, hier repräsentiert durch Seefieber, Aberglauben und Parasiten, greift den menschlichen Verstand an und droht ihn zu zerstören. Da hat es zu Coronazeiten weniger bedurft, Menschen schwer zu verwirren… Das alles gut umgesetzt auf der Leinwand zu verfolgen ist ein kleines Geschenk! Ein Drehbuch ohne übertriebene Effekthascherei oder Dialoge zum Fremdschämen umzusetzen und mit einer Handlung ein intelligentes, mitdenkendes und miträtselndes Publikum anzusprechen, ist erfreulich und für einen europäischen Film eine fast schon herausragende Leistung.

Fazit

Sea Fever ist ein kleiner, feiner und intelligenter Beitrag zum lovecraftesken Horrorfilm und ein maritimer, klaustrophobischer Alptraum. Ein viel zu unbekanntes und unbeachtetes B-Film Kleinod, das zu entdecken sich lohnt.

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