Lovecrafter Online – 026 – Interview mit Markus Winter (WinterZeit Audiobooks)

Markus Winter ist bereits seit jungen Jahren als Autor und Musiker tätig. 2011 begann er unter seinem eigenen Label WinterZeit Audiobooks eigene Hörspielproduktionen zu vermarkten. Mittlerweile erschienen über 300 Titel – darunter so bekannte Serien wie Das Schwarze Auge oder die Sherlock Holmes Chronicles. Bereits im Booklet der ersten Ausgabe der Chroniken des Grauens, Dagon, nimmt Markus Winter ausführlich Stellung zu seinen Überlegungen hinter seiner Lovecraft-Reihe, erzählt vom Werdegang der Idee und seinen ersten Kontakten mit Lovecrafts Werk. Um hier noch ein wenig mehr Einblick „hinter die Kulissen“ zu gewähren, stand uns Markus Winter für einige Fragen Rede und Antwort.


Lovecrafter Online: Lieber Markus, vielen Dank, dass Du dir die Zeit nimmst, mir ein paar Fragen zu beantworten. H.P. Lovecraft gilt als einer der einflussreichsten Autoren im Genre der Phantastik. Dennoch gelten viele seiner Geschichten als schwer auf andere Medien übertragbar. Wo liegt die Schwierigkeit darin, Lovecraft auch für den Hörer interessant zu gestalten?


Markus Winter: Was andere Medien angeht, kann ich da wenig zu sagen. Ich denke sogar, filmisch hätte man da sehr gute Möglichkeiten. Beim Hörspiel ist es aber in der Tat eine unglaublich schwere Aufgabe. Aber das macht natürlich die Herausforderung aus. 90 % seiner Erzählungen sind Berichte, die der Hauptprotagonist verfasst. Seien es Briefe, Tagebuchaufzeichnungen, Erzählungen – fast immer schreibt eine Person ihre Erlebnisse nieder. Das ist als Hörspiel nicht zu transportieren. Das Hörspiel lebt von Dialogen. Und die hast du leider nur selten bei Lovecraft. Also musst du tricksen. Und das geht halt am besten, indem du zusätzliche Personen einführst. Lässt du die Geschichte im Original, wird es letztlich ein Hörbuch, kein Hörspiel. Du kannst zwar ein paar Geräusche drum herumpacken, aber letztlich bleibt es immer ein Hörbuch, mit seitenlangen Monologen einer Person. Natürlich kannst du das auch statt als „einer berichtet“ versuchen, die Geschichte in erlebte Handlung zu packen. Dann hast du aber auch nur eine Person, die in der Handlung die ganze Zeit dämlich vor sich hinredet und sich selbst erzählt, was sie gerade sieht oder was sie macht. Das finde ich grausam und vollkommen unrealistisch. Ergo sind wir wieder bei meiner Möglichkeit, Personen dazu zu erfinden, die dann mit dem Hauptprotagonisten zusammen die Handlung dialogisch vorantreiben. So bekommst du ein „echtes“ Hörspiel. Dennoch versuche ich, den Plot, die Kernhandlung, natürlich nicht zu verändern. Das ist schwierig, funktioniert aber meistens recht gut. Die neu hinzu erdachten Personen sind immer nur Nebencharaktere, Hilfskonstruktionen, wenn du so willst, um ein spannendes Hörspiel produzieren zu können.


LO: Bevor Du mit der Arbeit an den Chroniken des Grauens begannst, warst Du noch nicht mit Lovecrafts Werk vertraut, last dich aber schnell in die Materie ein. Welche Geschichte hat es Dir besonders angetan und warum?


MW: Angetan haben es mir vor allem Berge des Wahnsinns, Der Ruf des Cthulhu und Träume im Hexenhaus. Aber eigentlich haben es mir vor allem auch die kurzen Geschichten wie z. B. auch die vielen eher unspektakulär erscheinenden Stories wie The Tomb angetan. Warum? Ich mag diesen unterschwelligen Grusel. Lovecraft braucht keine übertriebene Brutalität, er braucht keine Action – alles passiert eher langsam. Aber man spürt diese Gefahr aus dem Hintergrund, dieses unterschwellige Grauen. Man bekommt unfreiwillig Gänsehaut beim Lesen, ein nicht näher definierbares Unbehagen stellt sich ein. Das finde ich faszinierend.


LO: Zugegeben, Hörspiele nach den Motiven von H.P. Lovecraft gibt es einige. Du hast mit viel Engagement eine eigene Note in die Chroniken des Grauens eingebracht, um eine Rahmenhandlung zu schaffen, welche die einzelnen Geschichten miteinander verbindet. Ist die Gefahr nicht groß, Lovecraft-Puristen – die vielleicht am ehesten die Zielgruppe sind – mit dieser Herangehensweise zu verschrecken? Oder ist dieses Unterscheidungsmerkmal ein wichtiges Kriterium?


MW: Zweiteres. Definitiv. Ich habe mir das ja gut überlegt. Im Hörspielbereich ist es ja so, dass sich eigentlich alle Kollegen auf alles stürzen, was irgendwie gemeinfrei ist und einen Namen hat. Ergo gibt es wahnsinnig viel Lovecraft. Ich kenne eigentlich kein Label, das ihn nicht in irgendeiner Form vertont. Und zu 99 % sind es sehr eng am Original liegende Vertonungen. Warum sollte ich noch eine machen, wenn es doch so viele gute gibt, wie bspw. Titania oder Döring. Das kam für mich also nicht in Frage. Ich habe das ja eh nicht aus diesem Grund gemacht, also um mit gemeinfreiem Gut schnelles Geld zu verdienen. Ein befreundeter Buchverlag hatte mich auf die Idee gebracht, ob das nicht etwas für uns wäre. Ich habe erst abgelehnt, mich dann aber doch – wie Du schon sagtest – eingelesen und war fasziniert. Und dann WOLLTE ich es einfach machen, wie bei allem, was wir veröffentlichen, für mich selbst eigentlich. Weil ich Freude daran hatte. Also habe ich mich damit beschäftigt und mir überlegt, was kann ich anders machen als alle anderen, um etwas wirklich Eigenständiges zu haben. Mir war sofort klar, dass ich eine eigene, neue Hauptgeschichte als Rahmenhandlung schreiben würde, in die ich die Originale einbetten werde. Möglichst originalgetreu – so gut es eben geht, siehe Frage 1 dazu. Und so habe ich das gemacht. Die Rahmenhandlung ist das Hauptding eigentlich, welche aber auf den Geschichten, die eingebettet sind, aufbaut. Sie werden also auch nicht bloß als Träume oder Erinnerungen einfach so nacherzählt, sie haben auch eine Bedeutung für das Große Ganze. Sie werden also später noch einmal wichtig und aufgegriffen. Ich habe das von Anfang an öffentlich kommuniziert, mehrfach und immer wieder, um den beinharten Puristen vorab ganz klar zu sagen: „Wenn Ihr 1:1 Vertonungen Eurer Lieblinge erwartet, seid Ihr hier falsch, dann lasst die Finger von dieser Serie.“ Denn ich kenne die beinharten Fans. Die kleinste Veränderung ist direkt ein Sakrileg. Das passiert auch bei unserer erfolgreichsten Reihe, den Sherlock Holmes Chronicles. Weicht eine Geschichte mal ein wenig vom typischen Bild ab, dass man als Fan vom Meisterdetektiv hat, wird gemeckert und alles ist direkt „grottenschlecht“. Das war hier natürlich auch vorprogrammiert. Neben vielen – Gott sei Dank – begeisterten Stimmen, kamen natürlich auch sofort einige Lovecraft-Hardliner und machten Ihrem Zorn bei Amazon-Rezensionen Luft mit Beiträgen wie „Das ist Lovecraft-Verballhornung“ oder „Da tanzt plötzlich so eine dumme Schwester lachend vor der Gruft rum – Lovecraft würde sich im Grabe rumdrehen“ und vieles mehr. Aber das ist einfach so. Damit habe ich gerechnet. Innovativ möchte nicht jeder. Und man kann es eben auch nicht jedem Recht machen, aber das ist nicht schlimm. Wer etwas offener ist und bereit ist, sich für ein gruseliges Mystery-Hörspiel zu öffnen, der wird an der Reihe viel Freude haben, denke ich. Das zeigen zumindest die Meinungen der meisten neutralen Hörer.


LO: Die erste Episode widmet sich der Geschichte Dagon. Diese kurze Geschichte aus Lovecrafts früher Schaffensperiode hat bisher nur wenig mediale Aufmerksamkeit erfahren, gilt aber als frühe Variante von Lovecrafts berühmtester Geschichte, Der Ruf des Cthulhu. Warum hast Du dich ausgerechnet für Dagon entschieden?


MW: Beim Lesen war sie für mich so etwas wie der Ursprung. Die Basis für den gesamten Mythos wird hier schon gelegt. Sie passt also perfekt als Einstiegsfolge. Und halt auch am besten zu meinem Plan, denn ich wollte der Rahmenhandlung immer 50 % oder 60 % Raum geben, dem Original 40 % bis 50 %.

Die großen Werke wären da etwas schwieriger einzubetten gewesen. Mit den kurzen Geschichten ging das deutlich besser. Und Dagon ist eine wichtige Geschichte, wie ich finde. Außerdem hat sie schon alle Zutaten, die Lovecraft für mich so faszinierend machen. Das Geheimnisvolle, das unterschwellige Grauen … sie passte einfach perfekt.


LO: Wieviel Zeit nimmt die Produktion eines Hörspiels in Anspruch? Gerade arbeitest Du an der 4. Episode der ersten Staffel der Chroniken des Grauens. Wann dürfen treue Hörer mit dem Erscheinen des Staffelfinales rechnen?


MW: Schwer zu sagen. Die Vorarbeiten wie Skripte schreiben, korrigieren, Schauspieler besetzen und aufnehmen dauert ja auch im Schnitt einen Monat, ist aber für diese vierte Folge natürlich bereits erledigt. Jetzt fehlen noch Mix, Sounddesign und Mastering. Da kann man nochmal von gut vier Wochen für ein aufwendiges Spektakel wie die Chroniken des Grauens ausgehen.


LO: Markus, meinen herzlichsten Dank für Deine Zeit und die aufschlussreichen Antworten!