Lovecrafter Online – Filmkritik: Love Death and Robots

Einleitung

Ein sehr großer Teil des lovecraftschen Œvres besteht aus Kurzgeschichten, die meist in den damals beliebten Pulpmagazinen veröffentlicht wurden. Sie variierten in Stil und Länge erheblich, je nach den Erfordernissen der Geschichte. Das gilt für die Netflix-Serie Love, Death and Robots ebenso, die in inzwischen drei Staffeln auch einige Geschichten kosmischen Horrors à la Lovecraft zu bieten hat.

Inhalt und lovecrafteske Momente

Da es sich um insgesamt 35 Episoden mit unterschiedlichsten Themen handelt, ist hier ein reines Vorgehen getrennt nach Inhaltsangabe und den lovecrafteske Elementen wenig sinnvoll.


Daher habe ich hier eher einen kleinen Ritt durch die Staffeln vorgenommen, mit einer Mixtur aus kurzer Darstellung der Geschichte und ein wenig Lovecraftbezug. Spoiler werden soweit möglich mieden. Das lässt sich durch die Kürze und Struktur der Geschichten nicht komplett durchhalten, oft erscheint der Lovecraftbezug erst am Ende der Geschichte. Den Genuss verhindert aber keine der Rezensionen, sie sollen eher Appetit machen.


Staffel 1


Die erste Episode, Sonnies Vorteil, setzt bereits den Ton für das Kommende. Eine Art unterirdischer Gladiatorenkampf zweier von Menschen kontrollierten Monster im Ring zeigen ein schnelles, buntes und wildes Erzählkino mit viel Wert auf beeindruckende Bilder. Die Gedankenverschmelzung mit der Bestie und das Übernehmen anderer Wesen sind neben vielen anderen Referenzen auch auf „Der Flüsterer im Dunkeln“ oder “ Der Schatten aus der Zeit“ bezugnehmend.


Nach Episoden über Drei Roboter, die über die untergegangene Menschheit philosophieren und einer wilden, sexuell aufgeladenen sowie blutigen Krimiepisode (Die Augenzeugin) müssen mit Riesenkampfanzügen bewaffnete Farmer ihr Land gegen eine Monsterarmee verteidigen (Schutzanzüge), die die Schutzkuppeln der Farmen durchbrechen. Hier kommt noch mehr kosmischer Bezug im finalen Twist hinzu, der nach der actionreichen Schlacht die Folge abrundet. Das Katzen einer Militäreinheit gegen das Böse in einem unterirdischen Tunnelsystem helfen (Seelenfänger) wäre wohl neben dem gruseligen, archäologischen Setting durchaus auf Lovecrafts Gegenliebe gestoßen.


Nachdem dann Der Joghurt die Kontrolle übernahm, samt Weltherrschaft, stoßen wir hinter dem Aquila Rift (Jenseits des Aquila-Rifts) auf einen ganz besonders fiesen, halluzinatorischen und alptraumhaften Vertreter des kosmischen Horrors. Hier ist in einer filmtechnisch beeindruckenden Weise eine intelligente, böse und schaurige Geschichte über ein gestrandetes Raumschiff verdichtet worden, die viel Lovecraftfeeling bietet.


Nach einer schönen Jagdgeschichte aus Japan (Gute Jagdgründe) über eine sich wandelnde Zeiten hinweg wird noch der sehr alte Müll für einen Eintreiber zum Problem, als er den einzigen Bewohner entfernen möchte (Die Müllhalde). Ein wenig Rassismuskritik im Gewand einer Formwandler-Kriegsgeschichte (Gestaltwandler) und eine kleine Ein-Personen-Weltraumodyssee (Helfende Hand) kommt wieder das kosmische Staunen (Nacht der Fische) zum Einsatz. Mit Anleihen beim guten Ikarus wird hier das Staunen und das Grauen schön lovecraftesk vermengt.


Ein glücksbringendes Raumschiff (Raumschiff Nr.13) im vollen Kampfeinsatz später erleben wir einen ganz besonderen Künstler, der sein Werk und seinen geheimnisumwitterten Lebenskreis vollendet (Zima Blue). Ein blutiger Militärüberfall (Blindspot) auf einen Konvoi, eine beschleunigte Evolutionsgeschichte in einem Kühlschrank (Eiszeit) und ein paar Alternativverläufe der Geschichte des Nationalsozialismus‘ (Alternative Zeitachsen) später landen wir zum Abschluss der ersten Staffel wieder in Lovecraft-Country.


Wir begleiten den Einsatz der roten Armee im zweiten Weltkrieg. Diese bekämpft in Sibirien aufopferungsvoll das Böse in Form dämonischer Monster und bestreitet einen blutige Schlacht, um die Menschheit zu retten (Geheimkrieg).


Staffel 2


Die zweite Staffel ist – fundierten Gerüchten zufolge – zusammen mit Staffel drei eigentlich eine zusammengehörige Staffel. Die Coronapandemie mit ihren Einschränkungen zusammen mit dem Erfolg der emmyausgezeichneten ersten Staffel machten es für Netflix wohl attraktiver, die ersten acht Episoden als einen getrennten Block vor den neun restlichen zu veröffentlichen. Die dritte Staffel ist dann dieses Jahr erschienenen. Die zweite Staffel bietet etwas weniger Lovecrafteskes.


Eine witzige Variante des Roboteraufstandes (Automatisierter Kundenservice) und eine schöne Geschichte über Dazugehörigkeit und Freundschaft in Zeiten genetischer Anpassungen (Eis) eröffnen den Reigen der Kurzfilme. Auf eine technisch brillante Bladerunner-Variation (Jäger und Gejagte) mit eher enttäuschendem Ende und eine SF-Kopfjäger / Robotergeschichte (Snow in der Wüste) folgt dann wieder Futter für den Lovecraftgourmet.


Im hohen Gras – bitte nicht verwechseln mit der unterirdischen Stephen King -Netflixfilmgurke – muss ein Zug in einer besonderen, mit hohem Gras überzogenen Gegend halt machen. Seltsame Leuchterscheinungen locken einen Lovecraftlookalike ins gefährliche hohe Gras. Toller Stil, schöne Bilder und eine gelungene, fast antike Atmosphäre und Ausstattung runden die kleine, feine Geschichte ab.


Eine unheimliche Weihnachtsmanngeschichte (Bescherung) mit monströsem Anstrich und wieder einmal einen durchdrehenden Roboter (Rettungskapsel) später kommt die Geschichte Der ertrunkene Riese, die den Abschluss der zweiten Staffel bietet.


Diese ist eine wunderschöne, melancholische Betrachtung der Bedeutung des Lebens und der Vergänglichkeit allen Seins mit fotorealistischen, berührend schönen Bildern. Sie lässt auch genug Raum für eigene Gedanken und erklärt nur das Nötigste - so bleibt z.B. die Herkunft des Giganten ungeklärt. Hier zeigt sich in gerade den beiden lovecraftesken Geschichten, dass das Serienkonzept Platz bietet für sowohl blutigen Horror, schnelle Aktion wie auch langsamere und philosophischere Geschichten. Eine gute Mischung.


Staffel 3


In der aktuellen Staffel sind die bisher größte Menge von Episoden mit Lovecraftbezügen zu finden.


Nach der Rückkehr der drei philosophierenden Roboter (Drei Roboter: Rückzugsstrategien), die mal wieder der menschlichen Hybris den Spiegel vorhalten dürfen, geht es direkt in eine lovecrafteske Geschichte mit starken maritimen William Hope Hodgson-Anleihen (Schlechte Reise). In düsteren, spannenden Bildern kapert eine Monsterkrabbe ein Segelschiff. Sie erpresst die Mannschaft, um sich und ihre Nachkommen zu einer belebten Insel bringen zu lassen, während sie nach und nach die Besatzung konsumiert. Atmosphärisch dicht, mit einigen Überraschungen und Einblicken in die menschlichen Abgründe - eine gelungene Episode.


Kosmisch geht es in Der Puls der Maschine weiter, wo eine gestrandete Raumfahrerin eine mühsame, drogenunterstützte Odyssee zu einem Rettungsposten versucht. Im Laufe der Reise beginnt sie immer mehr, Stimmen zu hören und mit psychedelischen Visionen überflutet zu werden. Eine eigenwillige, ungewöhnliche Optik und viel Rauschhaftes in einer kurzen Geschichte. Eine kleine lustige Apokalypse in bizarrer Ausführung (Die Nacht der winzigen Toten) und eine völlig überdrehte Machomännermetzelmoritat (Töte es, Team) später kommt es wieder kosmisch.


Zwei menschliche Wissenschaftler studieren eine gigantische, außerirdische Schwarmintelligenz. Sie lernen, was es heißt, im Kosmos zu überleben und wie ein solcher Schwarm funktioniert. Im Guten wie im Schlechten (Schwärmer). Faszinierend, optisch hervorragend gemacht und wieder einmal auf das übergroße Ego des Menschen zielend.


Eine kleine, bizarre Ratteninvasion (Masons Ratten) und deren Bekämpfung haben höchstens sehr kleine “Die Ratten im Gemäuer“ Anleihen, dann geht es voll cthuloid in Begraben im Gewölbe weiter. Eine unterirdische Anlage in einem Berg in Afghanistan ist das umkämpfte Ziel einer Militäreinheit. In ihr wird ein riesiges, tiefes Wesen gefangen gehalten. Die Geschichte endet sehr lovecraftig ambivalent, kann sie doch apokalyptisch für den Überlebenden oder für die gesamte Menschheit gelesen werden. Ebenfalls eine empfehlenswerte, weil verstörende Geschichte. Entstanden ist diese Folge nach einer Geschichte von Ann Baxter, als YouTube-Tipp gibt es hier eine Folge der generell lohnenswerten Reihe Lovecraft Mythen. / Das Gewölbe erklärt mit mehr Hintergrund und Spoilern.


In der finalen Episode Jibaro geht es um den tödlichen Tanz einer Sirene mit einem tauben Ritter. Optisch unfassbar schön gemacht, entspinnt sich eine Allegorie um Gier, Macht, Wahnsinn und Tod der beiden fatal miteinander verbundenen Wesen. Die Episode ist sicherlich ein technischer Höhepunkt des Photorealismus im Film und mindestens so viel Kunstwerk wie Geschichte.

Cinematographische Notizen

Es ist schon bemerkenswert, was hier alleine technisch erreicht wurde. Der Stil jeder Episode ist feinsäuberlich auf die Geschichte abgestimmt, die Umsetzungen sind makellos. Kamera, Musik und Optik sind oft rauschhaft verbunden, das ist manchmal in seiner Verdichtung durchaus anstrengend. Das Episodenformat mit unterschiedlichen Längen und Stilen ermöglicht den Machern viel Gestaltungsfreiheit und dem Zuschauer auch einmal Pausen oder Wiederholungen einzuschieben.


Es werden nahezu alle Genres abgedeckt, Komödie, SF, Sex, Horror, Krimi, Fantasy.


Hinter den Kulissen verantwortlich sind Menschen, die für künstlerische Qualität stehen, hauptsächlich produziert haben David Fincher (Gone Girl/ Sieben) und Tim Miller (Deadpool).


Tricktechnisch kommen mit Zeichentrick, Computeranimationen, Motion Capture- und Rotoskopverfahren (nachträglich überzeichnete Schauspieler) verschiedene Techniken zum Einsatz. Es liegen oft Kurzgeschichten berühmter Autoren zugrunde, wie P .F. Hamilton (Sonnies Edge) oder Alastair Reynolds (Zima Blue), die Regisseure wechseln und haben kreative Freiheit bei der Umsetzung.


Inspiration für das Projekt war der Fantasyfilm Heavy Metal von 1981, die Produzenten wollten einen modernen Zeichentrickfilm für Erwachsene erstellen.


Der Lohn dafür waren bisher 11 (!) Emmy-Awards und wohlwollende bis begeisterte Kritiken.

Bewertung

Innovative Qualitätsunterhaltung ist etwas, was nicht oft erreicht wird. Zusätzlich lovecrafteske Geschichten in toller Umsetzung zu erhalten, ist extrem selten. Der Serie Love, Death and Robots gelingt dies. Sicherlich sind die Urteile über die verschiedenen Stories wie die Geschmäcker verschieden. An der Qualität der Umsetzungen kann kaum ein Zweifel bestehen. Es muss dem Zuschauer aber klar sein, dass die FSK 18 Freigabe voll berechtigt ist. Es geht bei einzelnen Geschichten nicht zimperlich in Sachen Brutalität, Ekel, Sprache und Nacktheit zu.


Hohes Erzähltempo, schnelle Schnittfolgen und stroboskopische Lichteffekte werden als Stilmittel der einzelnen Teile eingesetzt, sobald dies den Machern für das Erzählen der Geschichte dienlich erschien. Besonders die Episoden mit Lovecraftbezug sind oft sehr atmosphärisch dicht und zum Teil beunruhigend angsteinflössend (Jenseits des Aquila-Rift / Schlechte Reise). Manche sind für kurze Episoden tief philosophisch (Der ertrunkenen Riese / Der Puls der Maschine), stimmungsvoll (Im Hohen Gras / Nacht der Fische) oder witzig (Masons Ratten), andere mystisch (Jibaro), kosmisch (Schwärmer) oder reinrassig cthuloid (Begraben im Gewölbe).


Minimaler Kritikpunkt ist vielleicht, dass die unbestritten vorhandenen Schauwerte manchmal etwas über Gebühr zu einem „Schaut-mal-was-wir-alles-können“ überbenutzt werden. Es sei bei diesem beeindruckenden Gesamtbild gerne verziehen.

Fazit

Eine beindruckende, animierte Episodenserie, die jeder Lovecraftfan einmal ausprobieren sollte. Einige Folgen sind so nah an einer perfekten Umsetzung lovecraftesker Geschichten, wie man es sich als Fan wünschen kann. Einen soliden Magen vorausgesetzt. Dringende Empfehlung.

Antworten 1

  • Geniale Serie, und man ist relativ schnell durch – die Episodenlänge von 5-15 Minuten finde ich super! Meine Lieblingsfolgen waren übrigens die beiden Staffelfinales 1 und 3: Red-Army-Okkultist beschwört ghoulische Monster (und verteidigt sich mit einer achtstrahligen Schwarzen Sonne [Kolovrat?] statt einem Elder Sign, das kann ja nix werden!). Und diese tanzende-Sirenen-Folge ist symbolisch schon sehr überladen, aber auf eine positive Weise. Honorable mention für die Monsterkrabbe, ich habe noch nie so viele Wendungen und Twists in einer Viertelstunde erlebt.

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