Lovecrafter Online – 044 – Das Vermächtnis des Pharaos

Schweißgebadet und mit nassen Händen knie ich auf dem harten Steinboden. Umgeben von tiefer Schwärze, gleich den Taten, die ich vollbracht habe. Doch die mich umgebende Finsternis ist für meinen rasenden Verstand – so hoffe ich zumindest – eine überaus willkommene Projektionsfläche. Denn sollte das, was ich sehe, wahr sein, so würde ich lieber den Verstand verlieren, als je solches Gräuel in seiner ganzen bösartigen Widerwärtigkeit zu erfassen.


Jetzt – bei dem Licht einer Kerze betrachtet – wird es mir wieder klar. Ja, die Schemen in der Dunkelheit, ja, das waren Visionen meiner gepeinigten Seele, die – mehr noch als ich – weiß, dass jede irdische Sicherheit allzu trügerisch ist. Ich bin vor ihnen geflohen – oder war es gar nur ein einziges Wesen, jene Ausgeburt der finstersten Albträume des Kosmos? Jenes … DING, das den Geist meines Freundes Louis in seine Gewalt gebracht hat und ihm seine fleischliche Hülle raubte, nur um unauffälliger die Menschheit belauern zu können.


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Alles hatte mit einer – aus jugendlichem Leichtsinn entsprungenen – Mutprobe begonnen. Der Himmel – sofern von dort je etwas Gutes kommen kann – möge mir meine Narretei und Verblendung verzeihen. Als ich vorschlug – inspiriert von einem uralten Manuskript – unausgesprochene Formeln, in Sprachen die wohl älter als unser Universum sind, über den gerade erst neu ausgestellten Ägyptischen Artefakten des städtischen Museums zu rezitieren, ahnte ich nichts.


Wie dumm ich doch war. War doch okkultes Gedankengut in meinem begrenzten Freundeskreis gern konsumierte Geistesnahrung! Mein Instinkt hätte mich aufhalten müssen. Ex nihilo nihil fit – Von Nichts kommt Nichts. Hätten wir bloß nichts getan, dann würden diese Wesen noch in ihrem ewigen Schlafe liegen und nicht unheilbringend umher…wandern. Dennoch – ich muss es berichten – und wenn man mich irre heißen wird. Alleine um Andere von solchen Torheiten abzuhalten und das Verderben wenigstens für einen winzigen Zeitraum aufzuschieben.


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Es war die Nacht des 28. Novembers. Im Nachhinein betrachtet erscheint es mir gar, dass die Sterne deshalb nicht zu sehen waren und der Mond deshalb nicht schien, um ihr Missfallen und ihren Widerspruch gegen unser Vorhaben Ausdruck zu verleihen. Still war jene Nacht, nur gestört von unserem erfolgreichen Versuch das Schloss des Museums zu öffnen. So schlichen wir beide – Louis mit einer Auswahl an Werkzeugen, ich mit einer Aktentasche voller Abschriften und Fotokopien der gesammelten Zauberformeln und Übersetzungshelfer in der Hand. Nicht zu vergessen führte ich auch jenes verhängnisvolle – in dunklem Leder gegerbte – Manuskript bei mir, welches mich zur Initiierung dieses Wahnsinns angestiftet hatte. Außerdem trug ein jeder von uns beiden vom Schicksal verdammten ein halbes Dutzend Kerzen und einen Brief von Zündhölzern bei sich, mit deren Hilfe wir unseren Weg zum ägyptischen Bereich des Museums suchten und fanden.


Während mein bester Freund Louis – ein junger Mann von 23 Jahren, dem man sein Alter allerdings aufgrund seiner schmächtigen Gestalt kaum ansah, und der aus einer angesehen Adelsfamilie stammte – den Schließmechanismus des Schaukasten bearbeitete, schlug ich meine Lektüren auf und nahm Papier und Federhalter zur Hand, um die auf dem Sarkophag eingravierten Hieroglyphen abzuschreiben und anschließend, mittels der mitgebrachten Werke, zu dechiffrieren. Denn – so erläuterte das Manuskript – die Ägypter verstünden sich darauf, dass sie in normalen Texten einen weiteren verbergen konnten. Selbst wenn der offensichtliche Sinn entschlüsselt wird, bleibt der wahre, geheime Text verborgen und wird niemals erkannt. Doch nun begann ich eben jenes Wissen anzuwenden, welches das Buch beschrieb, Wissen, dass wohl Jahrhunderte unangewendet blieb und sicherlich besser geblieben wäre.


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Silbe um Silbe schrieb ich es nieder. Ich musste einmal eine neue Kerze anzünden, ob der fortgeschrittenen Zeit, aber – wie mir ein kurzer Seitenblick verriet – brauchte auch Louis länger für seine Arbeit. Ich blickte über meine bisherige phonetische Transkription der Hieroglyphen und nickte. Mir wurde bewusst, dass ich den Text nicht wirklich in eine mir verständliche Sprache übersetzte, obwohl ich mich durchaus als bewandert in der Sprachenkunde bezeichnen darf [Anmerkung des Herausgebers: Recherchen ergaben, dass der Autor folgende Sprachen beherrschte: Altägyptisch, Altgriechisch, Englisch, Spanisch, Französisch, Hebräisch, Arabisch, Aramäisch und einige Brocken Deutsch]. Es schien mir weniger, dass die niedergeschriebenen Fragmente eine Sprache ergaben, sondern es wirkte auf mich eher wie eine wild zusammengewürfelte Folge von Buchstaben.


Als ich meine Vorbereitung, die Hieroglyphen in einer Weise zu nutzen, wie sie seit Äonen nicht genutzt wurden, abgeschlossen hatte, war auch Louis fertig. Er sah mich erwartungsvoll an. Über die Transkription hatte ich insgesamt drei meiner Kerzen abgebrannt und uns war klar, dass wir uns sputen mussten. Nun war also mein Auftritt. Ich war an der Reihe. Ich legte meine Unterlage auf einen Schaukasten, der dem nun offenstehenden Schaukasten am nächsten lag, während Louis gespannt neben dem Sarkophag stehen blieb.


Selbstverständlich habe ich alle Unterlagen vernichtet, um die Gefahr einzugrenzen.


Doch las ich damals – es kommt mir vor als seien Dekaden seither vergangen, doch sind es gerade einmal wenige Stunden – mit fester Stimme diese Kakophonie an Widerwärtigkeit vor. Nach kurzer Zeit spürte ich, dass ich nicht mehr bewusst las, sondern wie von einer fremden Macht – die von mir mehr und mehr Besitz ergriff – geleitet, nur ausstieß, was mir in den Verstand eingegeben wurde. Ich schreibe bewusst nicht sprechen, denn es war keine Sprache – zumindest nicht nach der Definition der Menschheit – und meine Zunge schmerzt immer noch, sowohl von den „Worten“ selbst, als auch von den ungewohnten Verrenkungen und Bewegungen, die sie unternehmen musste, um die geforderten Laute zu bilden.


Mir war, als sähe ich meinen Körper Lidschlagmomente von außen, den unheiligen Singsang fortsetzend, eine Impression des Kosmos, bevor ich meinen Körper wieder spürte. Gerade rechtzeitig, um den letzten Laut wahrzunehmen, ein widerliches und markerschütterndes Brummen. Einem diabolischen Crescendo gleich, nahm es trotz meines auftretenden Luftmangels nur an Lautstärke und Volumen zu. Bis ich dann, nachdem der Ton verklungen war, hustend und nach Atem ringend zusammenbrach.


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Als ich mich wieder erhob, hörte ich ein leises Scharren. Ich sah dazu, wie der Deckel des Sarkophags aus massivem Stein zur Seite glitt. Im gleichen Moment schritt Louis mit schlafwandlerischer Entschlossenheit auf den Sarkophag hinzu und blickte in den entstandenen Spalt. Dies alleine verwirrte mich schon nicht nur ein wenig.


Doch mehr als Verwirrung rief das in mir hervor, was danach geschah. Meine Hand zittert alleine beim Gedanken daran. Ein schlürfendes, schmatzendes Geräusch, ähnlich wie wenn man eine Auster ausschlürft und diese dann im Mund mit der Zunge bewegt … Kurz darauf drehte sich mein Freund zu mir um. Aus seiner Nase tropfte … nein … floss Blut herab und – ich kann es nicht beschwören, ob Einbildung ob des Gehörten oder wirklicher Sinneseindruck – eine Art schwarzer Wurm zog seinen Leib seine Nase hinauf, in der sich schon der Rest befunden zu haben schien.


Das schmatzende Geräusch, das daraufhin lauter wurde, war zu viel für meinen Verstand. Schwärze.


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Es dürfte wohl nicht allzu viel Zeit vergangen sein in meiner Ohnmacht, denn der Körper meines ehemaligen Freundes war nur wenige Schritte auf mich zugekommen, ich lief fort, sah aus den Augenwinkeln, wie sich eine schwarze Masse aus dem Pharaonensarg erhob, wie sich aus dem geleeartigen Brei Tentakel mit zahnbewehrten Mäulern bildeten. Ich erhöhte mein Tempo und rannte.


Trotz der Angst und der Umnachtung meines Geistes war mir bewusst, dass ich dieses Ding nicht nach Hause, nicht in die Innenstadt führen dürfte. Deshalb rannte ich, nach einem wenige Sekunden andauerndem Überlegen, über den kiesgestreuten Weg zur alten Kapelle außerhalb des Dorfes. Als ich dort ankam, fand ich die Tür verschlossen vor. Ich stieß meine Schulter dagegen und brach durch das morsche Holz der alten Tür. Meine Furcht – die zuzugeben ich mich ob dieser Gräuel nicht schäme – hinderte mich daran zurückzublicken … Tastend stieg ich weiter hinab ich in die Krypta, zu der es mit einer Wendeltreppe ging. Dort schob ich sofort alles was ich finden konnte vor die Tür, um mich zu verbarrikadieren.


Doch das Ding, das einst Louis gewesen war, folgte mir mit stoischer Gelassenheit – was ich daran ablas, dass es eine halbe Stunde für den Weg brauchte. Allerdings wurde es nicht von der Barrikade verlangsamt, sondern ging einfach darauf zu, woraufhin die Barrikade aus der Tür geschoben wurde, und damit ineffektiv wurde. Allerdings war das Tentakelwesen nicht zu sehen.


Dennoch war es Louis der mich angriff … er ging auf mich los … versuchte mich umzubringen …


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Nur aufgrund von Glück konnte ich Louis niederringen, der offenbar wirklich darauf versessen war, meinen Lebensfaden zu durchtrennen. Als er dann am Boden lag, trat ich ihm auf den Hals, mehrfach, bis ich hörte wie das Genick meines Freundes brach. Das Geräusch klang wie das Brechen einer trockenen Brotscheibe. Ich beeilte mich sofort, mir meine Kerzen zu nehmen und zündete sie an. Ich achtete darauf, dass der Wurm nicht aus Louis verschwand und begann dann mit Wachs die Nasen und Ohren zu verdichten, sodass der heiße Wachs bis hinein in seinen Schädel lief. Meine Hoffnung war, dass das Wesen nicht aus dem Kopf des Wirtes entfleuchen konnte.


Nachdem ich dieses Manuskript hier geschrieben habe, werde ich fortgehen, um zu versuchen die Welt vor dem Tentakelwesen zu warnen, Wissen um die Dinge, die ich getan habe zu sammeln und das Verhängnis aufzuhalten.


Nur werde ich wohl nie wieder ruhig schlafen können, ob solchem Grauen.