Lovecrafter Online – Rezension: Das Unikat

Leid und Freud einer Schriftstellerseele

Das Leben in der Kleinverlagsszene kann ganz schön ernüchternd sein. Wochenenden in zu Conventions umfunktionierten Turnhallen, eine Szene in der es mehr Autor*innen als Leser*innen zu geben scheint und eine Schreibarbeit, die sich allzu oft als ein Schreiben für ein ewigfressendes “Nichts” anfühlen kann.


Tobias Reckermann kennt die Höhen und Tiefen dieses Daseins als Schriftsteller und Verleger nur zu gut. Mit Das Unikat – natürlich stilecht im eigenen Kleinverlag Whitetrain erschienen – macht er die prekäre Prä-Corona-Existenz als freischaffender Phantastikautor zum Gegenstand einer etwas anderen Horrornovelle. Das zeitgemäß digital oder als print on demand vertriebene Büchlein ist mit 120 Seiten recht überschaubar. An ein oder zwei Abenden dürfte der Ausflug in den Autorenkopf auch schon abgeschlossen sein. Aber lohnt sich die Reise?

Der Teufelspakt

Fangen wir vorne an. Allard Simeon ist Autor. Sein Leben besteht neben der Lohnarbeit aus Lesen, Schreiben und Kaffeetrinken, mit gelegentlichen Abstechern auf besagte Cons. Schon auf den ersten Seiten wird der Fokus auf den kreativen Prozess des Schreibens deutlich, der sich durch das ganze Buch ziehen wird. Wir beobachten, wie Allard seinen Plot erstellt, wie er an Inspirationen kommt und seinen kapitalistisch verstellten Alltag als Autor und Familienvater bewältigt. Und natürlich auch, welche Opfer seine Leidenschaft fordert, obwohl der Erfolg nicht nur ausbleibt, sondern eigentlich schon längst abgeschrieben wurde.


Das soll sich ändern, als Allard auf einer eher tristen Buchmesse von einem seltsamen Literaturagenten angesprochen wird. Gisbert Helling gemahnt mit seiner raubvogelartigen Präsenz nicht von ungefähr an einen Agenten des Teufels. Der Pakt, den er anzubieten hat, ist jedoch eher weltlicher Natur. Ein Jahr lang soll sich Allard Simeon finanziell unabhängig auf das Verfassen exakt eines Buches konzentrieren. Finanziell unabhängig beginnt eine Phase von intensiver Künstlerkrise und Selbstzweifeln, die durch eine Bedingung verschärft wird, die hier nicht vorweggenommen werden soll …


Und diese nicht vorwegzunehmen, ist gar nicht so einfach, denn die damit einhergehende Frage von Eigentum an Kunst, dem Verhältnis zu den Leser*innen und finanzieller Freiheit machen einen Großteil des Reizes der Erzählung aus. Die lebt neben einigen surrealen, stimmungsvollen Szenen insbesondere von der Sinnsuche und ernsthaften Auseinandersetzung mit dem kreativen Kampf eines Autors.

Ein Genre frisst sich auf

Das Novellenformat ist dabei optimal gewählt. So sind Allards Zweifel und der eigensinnige Buchvertrag zu viel Stoff für eine Kurzgeschichte, aber auch zu wenig für einen Roman. Und auch stilistisch bin ich angetan. Reckermann gelingt es, die Autorenperspektive und die Kleinverlagsszene äußerst plastisch und liebevoll zu beschreiben. Er sieht das Absurde im Alltäglichen und leidet mit Allard sichtlich mit. Kontrastiert wird dies von einem sich eher ins surreale wandelnden zweiten Teil, den man als kleinen Abschied von der phantastischen Genreliteratur lesen kann. Einzig das etwas zu typische Ende hätte für mich anders aussehen können, mag aber genau deswegen gewählt worden sein. Hier beißt sich das Genre gewissermaßen in den eigenen Schwanz.


Solche Selbstreferentialität ist eine der Stärken des Buches. So ist es nicht nur eine Genreerzählung über den Kampf mit Genregrenzen, auch kann die im Buch gegebene Beschreibung der Werke Allards das vorliegende Buch selber treffend beschreiben: “weder richtige Genreliteratur noch Mainstream, auch nicht wirklich dazwischen, eher schon etwas, das sich beider Linien bediente, um den Tiefen Riss zwischen Realität und Fantasie nachzuzeichnen.” Ich bin nicht sicher, ob man dem Buch zusprechen kann, diesen Riss wirklich abzubilden, es ist aber eine einzigartige und äußerst anregende Erzählung geworden, die beständig die eigenen Bestehungsbedingungen reflektiert und mit den verschwimmenden Grenzen von Realität und Surrealität arbeitet, um eine beständig subtil-unheimliche Stimmung zu erzeugen.

Philosophisches zum Schluss

Das mag am Ende sehr abstrakt und philosophisch klingen. Ersteres liegt daran, dass ich Reckermanns Geheimnis nicht lüften will, letzteres ist aber zweifelsohne ein elementarer Bestandteil des Buches. Im Unikat geht es äußerst philosophisch zu und letztlich mehr um die diskutierten Probleme, als um die Handlung. Das Wagnis hat sich meines Erachtens ausgezahlt. Das Unikat ist ein kurzes, unterhaltsames Werk, dem es gelingt, unangenehme Fragen zu stellen und eine verstörende, weirde Atmosphäre zu erzeugen. Damit ist es zugleich ein gutes Genrebuch, aber auch etwas mehr als das. Sicher, wer schnelle Schnitte, Pulp und Action mag, wird von den Gedankengängen Allards schnell ermüdet werden. Wer sich auf substantiellen, existentiellen Horror einlassen kann, kommt hier jedoch voll auf seine Kosten und wird schwer Vergleichbares finden. Übrigens ein guter Grund, sich auf die Kleinverlagsszene einzulassen, auch wenn die stickigen Veranstaltungsszentren mit ihren Büchertischen noch nicht wieder geöffnet haben …


Abseits des Mainstreams finden sich neben schlechten Kopien erfolgreicher Muster auch immer wieder Autor*innen und Werke, die deswegen im Schatten stehen, weil sie Avantgarde sind und erbarmungslos einer eigenen Vision folgen. Allards Bücher dürften ebenso dazugehören, wie Reckermanns Unikat und die anderen Schriften des ‘Trains, von denen ich hier immer wieder berichten darf …


Reckermann, Tobias: Das Unikat

Whitetrain 2001

Softcover: 81 Seiten / illustriertes Hardcover: 110 Seiten

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