Lovecrafter Online – 095 – The Empty Man

Oder: Ein Beispiel, wie H.P. Lovecraft in den modernen Genrefilm übertragbar ist.

Einleitung

Howard Phillips Lovecraft war für seine Zeit ein wegweisender Schriftsteller, ein „literarischer Kopernikus“ (Fritz Leiber). Lovecraft besuchte darüber hinaus das Kino, er lobte und zerriss Filme seiner Zeit (vgl. Arkham Insiders, Folge 21). Ob er es sich vorstellen konnte, wieviel von seinem Werk im modernen Genrefilm vorkommt, mag bezweifelt werden. Das der kosmische Schrecken in Filmen wie Alien, Das Ding aus einer anderen Welt und ähnlichen sehr lovecraftesk daherkommt, ist in Fankreisen Allgemeingut; ebenso wie die wechselnden Qualitäten der Filme mit seinem Namen als Zugmechanismus. Dies ist verbunden mit dem häufigen Missverständnis, das das Erscheinen irgendeines Tentakels das Prädikat „Lovecraft-Horror“ rechtfertigen würde. Interessant ist, dass häufig die Filme, die kein Namedropping betreiben, die im lovecraftschen Sinne besten sind. Vor allem, da es Lovecraft mehr um die Stimmung und das Verbreiten von Angst ging denn um tentakelige Monster, die nur Mittel zum Zweck und beträchtlich seinen eigenen Ängsten geschuldet waren. Es gibt einige gelungene und weniger gute Beispiele der letzten Jahre, die sich zur Analyse des Erbes Lovecrafts im modernen Horrorfilm anbieten würden (The Beach, Hereditary, The Void, Event Horizon, Auslöschung, etc.). Nun sind Meinungen hochgradig subjektiv und streitbar, aber einer der gelungensten Vertreter der letzten Jahre ist meiner Meinung nach David Priors The Empty Man von 2020.

Der Film darf immer noch als Geheimtipp gelten, auch wenn er inzwischen auf den gängigen Plattformen gestreamt werden kann, bei Disney+ ohne Zusatzkosten. Eine BluRay mit Kommentar und anderem Zusatzmaterial wäre hochgradig interessant, ist aber noch nicht erschienen oder geplant.

Inhalt

Der Film beginnt im Hochgebirge von Bhutan, wo in einer mehr als 20minütigen Prätitel- Sequenz zwei Bergwanderpärchen in Kontakt mit einer grauenvollen, uralten Entität in einer Höhle kommen. Diese stimmungsvolle Sequenz alleine gehört zu den besten und spannendsten der letzten Jahre.

Danach wird es scheinbar gemächlicher, die unheilvolle Stimmung bleibt aber erhalten. Ein pensionierter Detektiv, der einen schweren Schicksalsschlag verarbeitet, wird von einer Bekannten gebeten, deren verschwundene Tochter zu suchen. Die einzige Spur neben der blutigen Nachricht „Der Empty Man hat mich dazu gebracht“ scheint über die Klassenkameraden der Tochter zu führen. Alle bis auf eine sind jedoch verschwunden. Diese erzählt, die Gruppe habe vor zwei Nächten in einem Ritual auf einer Brücke den sogenannten „Empty Man“ gerufen, eine Art urbane Legende. Weitere Opfer findet der Detektiv am Platz des Rituals, die einzig Überlebende stirbt unter mysteriösen Umständen und alle Pfade laufen zum Pontifex-Institut, einer Weltuntergangssekte, die den mysteriösen Lehren des Empty Man folgt...


Um den Spaß an dem Film nicht zu verderben stoppe ich hier. Das alles erfindet – gerade als Gerüst extrahiert – den Genrefilm nicht neu. Das „Wie“ ist allerdings ein großer Pluspunkt des Filmes. Trotz mittlerer Budgetierung sieht er edel aus, das Sounddesign und der gesamte Musikeinsatz – vor allem auch während einigen extrem unheimlichen Szenen der plötzliche Nichteinsatz – sind sehr stimmungsfördernd. Der Strudel der Ereignisse wird konsequent beschleunigt und fesselt bis zum bitteren und überraschenden Ende.

Lovecrafteske Motive

Der Film arbeitet mit bekannten Versatzstücken des Genres und ist dabei durchzogen vom Geiste des Altmeisters. Eine Weltuntergangssekte mit fanatischen Anhängern betet samt Flöte eine uralte Gottheit an und wartet auf die nihilistische Apokalypse. Der Ermittler wird immer tiefer in das Grauen gezogen und muss an seinem Verstand und der Realität zweifeln. Entschleiert wird das Geheimnis über eine Detektivgeschichte, bei der mehr Erkenntnis mehr Grauen bedeutet (ähnlich wie in Der Ruf des Cthulhu). Über – hier auch wortwörtlich – Brücken kommt das Böse in unsere Welt, die Menschheit ist unbedeutend, bestenfalls Anhänger oder Opfer der Götter. Das Böse lauert in der Tiefe oder im Hochgebirge und kommt aus unvorstellbar alten Zeiten und Fernen (Die Berge des Wahnsinns). Dabei vergisst der Film seine Geschichte nicht, die auch ohne Kenntnisse der Werke Lovecrafts fesselt. Meines Erachtens gelingt das Verschmelzen einer modernen Geschichte mit den alten Mythen hier sehr gut.


Der Film spielt auf viele philosophische Ideen an; über Nietzsche, Jacques Derrida und den Dekonstruktivismus und atmet dabei die philosophischen Gedanken Howard Phillips Lovecrafts (vgl. Arkham Insiders, Folge 28). 1922 schrieb er in Confession of Unfaith: „…um meinem dreizehnten Geburtstag war ich durch und durch von der Vergänglichkeit und Bedeutungslosigkeit der Menschheit durchdrungen... meine Gesinnung war schon immer kosmisch, die Überflüssigkeit (der Menschheit) sowohl im kosmischen als auch im irdischen war für mich klar zu erkennen.“ Dies bildet der Film in der Philosophie des Empty Man ebenso nach, wie im weiteren Verlauf der Ermittlungen und der Bedeutung der menschlichen Schicksale. Immer wieder versucht der Ermittler vergeblich, zu entkommen.


Ein paar kleinere Spoiler für diejenigen, die den Film kennen oder diesen Teil nachher lesen zeigen die direkte Verbindung zu Lovecraft noch weiter auf. Der Ermittler heißt „Lasombra“, „der Schatten“, was zum Ende eine große Bedeutung bekommt. Besondere Menschen werden Empfänger kosmischen Schreckens (Der Schatten aus der Zeit). Ein großartig gestalteter Empty Man – eine Mischung aus Giger-Wesen und Cthulhu – in der Höhle von Bhutan, ein Tentakelwesen, die Kultanhänger huldigen u.a. leise aber wahrnehmbar Nyarlathotep, während sie auf einer Insel um ein Feuer tanzen, an das sich der Ermittler durch einen dunklen, nächtlichen Wald anpirscht... Alleine diese bedrohliche Sequenz ist Lovecraft pur, eine moderne Variante der Geschichte des Inspektor Legrasse (Der Ruf des Cthulhu). Immer wieder scheint kurz die Wirklichkeit zu fragmentieren, Zeitabläufe, Ereignisse und Orte werden unscharf, der Sternenhimmel verändert sich. Die Idee der Tulpa, des durch Gedanken und Gebete fleischgewordenen Gefäßes für die alten Götter ist eine konsequente Fortführung des lovecraftschen Grauens (Der Fall Charles Dexter Ward).

Einordnung des Filmerfolgs/Produktionsschwierigkeiten

Bildquelle: 20th Century Fox für Disney Der Film ist bisher kein großer Erfolg, auch wenn er sich in Liebhaberkreisen als Geheimtipp herumspricht. David Prior hat das Drehbuch nach einer Graphik-Novel-Reihe von Cullen Bunn geschrieben. Der Film ist das bemerkenswerte Langfilmdebut des Regisseurs, der zuvor jedoch Erfahrung bei Making-of Dokumentationen u.a. von David Cronenberg, David Fincher und Ridley Scott machen durfte.


Die Schauspieler sind alle ausgesprochen gut, aber keine bekannten Stars. Das trägt zur Spannung bei, erhöht aber nicht die Erfolgsaussichten. Der Trailer ist wie der Filmtitel generisch (Bye-bye Man, Midnight Man, Slender Man - alles filmische Vollkatastrophen) und lässt eher 08/15-Teenie-Horror erwarten. Allerdings wird der Titel bei Sichtung des Films klar und ist dann passend. Der Film läuft zwei Stunden siebzehn Minuten, erzählt eher ruhig und stimmungsvoll, hat einen Zeitsprung von über 20 Jahren nach 20 Minuten und ein interpretationswürdiges, düsteres Ende; alles zusammen ist der Film sozusagen das Kochrezept für einen Mainstreammisserfolg.


Durch Studioaufkäufe (20th Century Fox an Disney), Probleme bei der Fertigstellung des Endschnitts und der Corona-Pandemie wurde jede Katastrophe, die einem Film in den Weg kommen kann, mitgenommen. Umso erstaunlicher ist das Ergebnis, das mit einem atmosphärischen Mix aus Horror, Detektivthriller, Mystery und Drama nicht in eine Schublade passt. Viele Details des Films erschließen sich nach einer erneuten Sichtung erst richtig, was bei den Werken Lovecrafts ähnlich ist. Was davon bewusste Hommage und wieviel an der inzwischen erfolgten, generellen Infiltration der lovecraftschen Tropen in das Allgemeingut des Horrorfilms ist, bleibt offen.

Fazit

Die beschriebenen Qualitäten und seine fesselnde Sogwirkung heben den Film weit über das Mittelmaß hinaus und sollte speziell Lovecraftfans einen interessanten Genuss bieten. Wer einen intelligenten, spannenden und gut gemachten Horrorfilm mit viel Lovecraftstimmung sucht, wird hier hoffentlich – so wie ich – fündig.


- Michael Holtermann

Antworten 2

  • Der Film klingt wirklich spannend - kommt auf meine Liste.

    Gefällt mir 1
  • Zufälligerweise grade gestern Abend gesehen und für sehr, sehr gut befunden!


    Meine Erwartungshaltung war, insbesondere nach dem Trailer, zugegebenermaßen etwas anders gelagert, der Film war aber eigentlich sogar noch besser!

    Meine Frau (nicht so Lovecraft-Affin) fand den Film auch gut und "anders", hätte sich aber zwischendurch und grade am Ende etwas klarere Bezüge gewünscht.

    Vielen Dank für die tolle Rezension und die Hintergrundinfos!

    Danke 1
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