Lovecrafter Online – Filmkritik: Weapons
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Maschine, Mimus und Musik - Ein Meilenstein des deutschen Stummfilms beim 35. Braunschweig International Film Festival
von Nils Gampert & Axel Weiß
Nachdem Der Golem, wie er in die Welt kam im Oktober 1920 in Berlin Premiere gefeiert hatte, eroberte diese Adaption einer der jüdischen Mythologie entstammenden Legende gleichsam die Kinosäle des Reiches wie der gesamten interessierten Welt. Heute gilt der kommerziell enorm erfolgreiche Stummfilm des weiland sehr populären Regisseurs Paul Wegener – der hier auch die Hauptrolle übernahm – zurecht als Klassiker des expressionistischen Kinos, natürlich aber auch als historische Großtat des anspruchsvollen Genre-Films. Auch H. P. Lovecraft konnte einem Kinobesuch bei aller Skepsis vor dem Medium selbst nicht widerstehen. Beim diesjährigen Braunschweig International Film Festival (BIFF) erfuhr der Film rund 100 Jahre später eine verdiente Würdigung, die ohnehin im Rahmen des Festjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ stimmig war, jedoch neben spannenden Begleitveranstaltungen auch mit einer ästhetischen Sensation aufzuwarten vermochte: der Ur-Aufführung der verschollen geglaubten, nun kunstfertig rekonstruierten Filmmusik für das Große Orchester.
Den Auftakt der Würdigung machte eine hochwertig besetzte Podiumsdiskussion. Am 18. Oktober kamen im Kleinen Haus am Magnitorwall der Braunschweiger Orchesterdirektor und Musikwissenschaftler Martin Weller, der Stummfilmpianist Richard Siedhoff und der Stummfilmexperte Clemens Williges zusammen, um über den Film im Allgemeinen sowie die Filmmusik im Besonderen zu diskutieren. Nach einer kundigen Vorrede Wellers und einer kurzen Retrospektive des Festivalvorstandsmitglieds Williges übernahm zunächst Siedhoff in seiner Eigenschaft als Stummfilmkomponist und Kenner einschlägiger Historie das Mikrophon. Dem engagierten Musiker war nach aufwändiger Recherche und mühsamen Stunden manueller Übertragungsarbeit die geradezu detektivisch zu nennende Rekonstruktion relevanter Abschnitte der verloren geglaubten Filmmusik gelungen. Gemeint ist die Ur-Fassung der von Dr. Hans Landsberger für den durchlaufenden Film komponierten Filmmusik, die insofern als Pionierleistung gelten kann, als dass – so erläuterten die Diskutanten gemeinsam – es bis in die späten 1910er Jahre gängig gewesen sei, bei der Filmaufführung Fragmente verschiedener klassischer Stücke zu einem halbwegs zu den jeweiligen Szenen passenden Potpourri zu vermengen. Vehemente Gegner dieser „Zerstückelungsmethode“ wie Kurt Weill oder Paul Hindemith hätten für ein Umdenken gesorgt. Einer niederländischen Reportage ist zu entnehmen, wie Landsberger vorging: Der Komponist arbeitete den fertigen Film Szene für Szene durch und „baute“, wenn man so will, den Score anhand der Tempi und Stimmungen gleichsam wie ein Vermessungstechniker zusammen. Seine diesbezüglichen Anweisungen finden sich in der Klavierdirektion, die Richard Siedhoff vor einigen Jahren nach langer Suche nach Anhaltspunkten in einem ausländischen Internetarchiv fand. Er erkannte in ihr einen relevanten Teil der Fassung, die bei der Premiere vom UFA-Orchester im Lichtspielhaus am Berliner Zoo – jenem berühmten „Palast der Zerstreuung“ (Siegfried Kracauer) – zu Gehör gebracht worden war. Zwar fehlte hier die Melodie, weswegen Siedhoff den Fund als Salonorchesterfassung identifizierte, doch konnte der für über 300 Stummfilmkompositionen verantwortliche Absolvent der Weimarer Hochschule für Musik auch dieses Problem beim Transfer in die Orchester-Partitur lösen.
Dergestalt wurden die rund 20 Zuhörer*innen, die dem unterhaltsamen und informativen Abend beiwohnten, gut vorbereitet auf das, was da noch kommen sollte.
Zwei Wochen später, am Abend des Monatsersten, war es so weit: Vor dem prächtigen Staatstheaterbau versammelte sich das geneigte Publikum, um Einlass in den schmucken Theatersaal zu begehren, daselbst nun der mit Spannung erwartete Höhepunkt gleichsam den Beginn des Festivals markieren sollte. Zunächst wurde feierlich das 35. BIFF eröffnet, an Festreden und Begrüßungsworten mangelte es nicht. Neben der Theaterintendantin, dem Direktor der Staatskanzlei und dem neu gewählten Oberbürgermeister wandten sich auch Thorsten Rinke und Florence Houdin aus dem BIFF-Vorstand ans Publikum. Die magischen Eröffnungsworte wurden schließlich von der organisatorischen Doppelspitze – bestehend aus der ehemaligen Theaterleiterin des Universum-Kinos Anke Hagenbüchner und der Programmmanagerin Karina Gauerhof – ins weite Rund gesprochen. Unter der Leitung von Burkhard Götze brachte das Braunschweiger Staatsorchester die von Richard Siedhoff so weit wie möglich rekonstruierte Fassung der schon bei der Premiere im Jahr 1920 gespielten Filmmusik zu Gehör, kunstvoll abgestimmt auf die vom Filmmuseum München aus verschiedenen internationalen Fassungen zusammengestellte und hochwertig restaurierte Version von Wegeners Film Der Golem, wie er in die Welt kam. Da man schweigen soll über das, worüber man nicht sprechen kann, soll an dieser Stelle bloß gesagt werden, dass hier ein Abend verlebt werden durfte, den diejenigen, deren Herzen für den Stummfilm und die Musik der großen Bühne schlagen, sobald nicht werden vergessen können.
In seiner generellen Filmkritik unterschied Lovecraft sehr wohl zwischen literarischen Vorlagen und filmischen Mitteln. Er plädierte für eine getrennte Betrachtung beider und konnte durchaus einzelne Szenen eines Films loben, auch wenn er das Endergebnis beargwöhnte (so zum Beispiel die Frankenstein-Adaption von James Whale aus dem Jahr 1931).
Immerhin: Lovecraft hat seinen Irrtum bemerkt; ein Irrtum, der so bedenklich nicht ist. Denn die zeitliche und somit inhaltliche Nähe von Wegeners (erstem) Golem-Film von 1915 und Meyrinks Roman, der im selben Jahr erschien, liegt auf der Hand. Diese parallele Entwicklung ging auf die damals verbreitete jüdische Legende vom Golem zurück. Schon 1908 hatte der Dramatiker Arthur Holitscher sein Stück Der Golem. Ghettolegende in drei Aufzügen auf die Bühne gebracht. Daneben ließen sich weitere Autor*innen inspirieren – eine Dissertation stellte 1934 fest, dass es mindestens 29 deutschsprachige Buchveröffentlichungen gab, die auf dem Stoff basierten.
Fulminant abgerundet wurde die Würdigung des Stoffes am Folgeabend. Im Roten Saal des Braunschweiger Kulturinstituts, gelegen in einem Seitenflügel des stadtmittigen Residenzschlosses, kam eine weiterführend interessierte Zuhörer*innenschaft zusammen, um den Ausführungen der Fachleute zu lauschen. Für Stefan Drößler – seines Zeichens Direktor des Münchener Filmmuseums – und den Komponisten Richard Siedhoff galt es, dem Sinnesgenuss die intellektuelle Substanz fürs tiefere Verständnis folgen zu lassen – wobei auch an diesem Abend eine filmische Besonderheit auf dem Programm stand. Nach gewohnt souveräner Einführung durch Organisator Clemens Williges betrat aber zunächst Filmhistoriker Drößler die Bühne, um sich des Titels seines Vortrags gemäß „auf die Suche nach dem Golem“ zu begeben. Der Bonner Kurator brachte Klarheit in die teils verwirrende Historie der (teils nur im Projektstadium verbliebenen) Verfilmungen, die sich von 1914 bis in die 40er Jahre erstreckt. So gab es einige Aushangbilder, Werbeannoncen und Kurzkritiken aus dem Jahr 1917 zu sehen – das einzig erhaltene Material, dass noch auf die Existenz des als Parodie angelegten Der Golem und die Tänzerin verweist (die Wiener Kinos gaben dem Film den Untertitel Ein heiteres Capriccio). Ferner wurde über ein angedachtes Tonfilm-Remake informiert, welches nur wenige Tage vor der Machtergreifung durch die NSDAP noch in den letzten Planungszügen gelegen hatte, mehrere ausländische Filme wurden genannt (Frankreich, USA), und es kam – historisch und politisch besonders interessant – die Sprache auf einen 1943 in Amerika konzipierten Anti-Nazi-Golem, den der emigrierte Henrik Galeen hatte realisieren sollen. Auch ein – neudeutsch gesprochen – „Mash-Up“ namens Alraune und der Golem wurde nicht gedreht. Weiterhin belegte Drößler mit vielen Bildbelegen, dass die Figur des Golems, dieses „Schlattenschammes aus Beton“ (Günter Kunert), trotz allem bis heute aus der Popkultur nicht wegzudenken ist. Auch auf den Film von 1920 ging Drößler ein, stellte dessen Rekonstruktionsgeschichte vor und spielte einen kurzen Film ein, der dem Architekten und Bildhauer Hans Poelzig bei der Arbeit über die Schulter blickt.
Durch die zweite Hälfte des Abends führte Richard Siedhoff mit einem fachlich anspruchsvollen Vortrag über die Rekonstruktion der Filmmusik. Anknüpfend an seine im Rahmen der Podiumsdiskussion getätigten Ausführungen (siehe das Präludium) erklärte der Pianist, wie „der Golem zu seiner Musik kam“. Ausführlich gewürdigt wurde auch nochmal die Vita des Komponisten Dr. Hans Landsberger sowie dessen avantgardistische Intention, sowohl Emotionen als auch Bewegungen vertonen zu wollen. Es verwundert daher nicht, dass Landsberger, der mit seiner „Vermessungstechnik“ Filmkompositionen des 30er-Jahre-Hollywood vorwegnahm, in der Kritik zu gesonderten Ehren gelangte und man ihr maßgeblichen Anteil am Filmerfolg zusprach. Anhand von Partitur-Beispielen, musikwissenschaftlich aufbereiteten Filmschnipseln und informativen Vergleichsschemata führte Siedhoff auch für Lai*innen verständlich ins Thema ein. Den Ausklang der Veranstaltung bildete ein Q & A mit Siedhoff, Drößler und Williges, und als der Vorhang fiel, blieben, man sahs betroffen, aus Zeitgründen nur und nicht aus Mangel an Fachwissen „alle Fragen offen“.
Richard Siedhoff und Stefan Drößler im BIFF-Talk:
Braunschweig International Filmfestival: https://www.filmfest-braunschweig.de/
Der Stummfilmpianist und -komponist Richard Siedhoff: https://www.richard-siedhoff.de/
Filmmuseum München: https://www.muenchner-stadtmuseum.de/film
Der Dirigent Burkhard Götze: https://www.burkhard-goetze.eu/
Staatstheater Braunschweig: https://www.staatstheater-braunschweig.de/
1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland: https://2021jlid.de/
Das jüdische Museum Berlin über den GOLEM: https://www.jmberlin.de/der-golem-von-mystik-bis-minecraft
35 Millimeter – Das Retro-Film-Magazin: https://35mm-retrofilmmagazin.de/
Zentrale Internetplattform zum deutschen Film: https://www.filmportal.de/
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