Lovecraft und der Rassismus

  • Der Punkt der Zeitumstände und Lovecraft als Kind eben dieser ist natürlich bekannt – ich verwende ihn jedoch eher am Rande bzw. generell ungerne. Warum?


    Weil man genauso gut auf antirassistische Tendenzen jener Epoche verweisen könnte, zu denen ja niemandem, der lesen und schreiben konnte, der Zugang verwehrt war. Indem man aus der Zeit heraus argumentiert, liest es sich manchmal so, als ob die Menschen damals "ja gar nicht anders gekonnt hätten", als sich des (vermeintlich dominierenden) Rassismus’ zu bedienen. Diese zugeschriebene Passivität klingt dann eben doch wieder wie eine bequeme Entschuldigung. Und selbst wenn wir von einer anerkannten Rassenlehre ausgehen – bis zu einem Gedicht wie "On the Creation of …" oder auch bis zu Lovecrafts unverhohlen geäußerten Tötungsfantasien (s. Briefe) sind es doch einige Schritte mehr.


    Die Rassismus-Angelegenheit ist und bleibt die Kröte, die es zu schlucken gilt und an der der Lovecraft-Aficionado zu würgen hat. Der eine mehr, der andere weniger …

  • Ich wollte damit auch nicht Lovecraft entschuldigen. Ich wollte damit nur sagen, dass ihm sein Rassismus vielleicht nicht falsch erschien. Wohingegen wir heute durchaus eine andere Vorstellung davon haben (sollten). Ich möchte es an einem Beispiel verdeutlichen: In hundert Jahren vielleicht auch später, werden die Menschen eventuell nur noch pflanzliche Nahrung zu sich nehmen und die heutige Zeit als barbarisch und zerstörerisch für die Umwelt ansehen. Heute wissen wir bereits das wir Raubbau betreiben. Ähnlich ist es mit dem Klimawandel. Das heißt wir wissen viele Dinge, die wir falsch angehen, aber machen trotzdem weiter. Warum? Aus Bequemlichkeit. Und in einer Atmosphäre, die diese Trägheit akzeptiert, ändern sich nur wenige. Im Gegenteil: Wir etikettieren die Wahrheit um. Klimawandel? Eine Hanebüchene Idee von Ökospinnern.


    Lovecraft war in Sachen Intoleranz kein Held und schon gar nicht Vorbild. Vielleicht mag meine Denkweise falsch sein, ich kann HPL und seine Aussagen dadurch aber besser einordnen.
    Kann man HPL vorwerfen sich nicht allumfassend mit der Thematik auseinandergesetzt zu haben? Klar! Traf er verachtenswerte Aussagen? Sicher! War er ein Rassist? Ja! Trat er damit aus der Masse hervor? Da bin ich mir nicht sicher und das macht die Kröte für mich leichter zu schlucken.

  • Zitat

    Ich wollte damit nur sagen, dass ihm sein Rassismus vielleicht nicht falsch erschien.


    Das ist auf jeden Fall ein bedenkenswerter Punkt. Hat man für sich selbst einen moralischen Rahmen aufgespannt, dann lässt es sich innerhalb dessen natürlich bedenkenlos schalten und walten (Und warum hätte sich Lovecraft darüber Gedanken machen sollen, welchen Wertemaßstab Spätergeborene einmal an ihn legen würden?).


    Im Übrigen geht es hier ja nicht um richtige oder falsche Denkweisen. Man kann die Sache halt von verschiedenen Seiten anpacken. Und genau das tun wir ja gerade.

  • Ein Aspekt in dieser Diskussion sollte meines Erachtens auch sein, wie eine zeitgemäße Transformation der Geschichten in unsere heutige, (hoffentlich) aufgeklärte Zeit erfolgen kann. Hierzu würde ich noch einmal das bereits in anderem Kontext erwähnte Basrelief des Vereins heranziehen, dessen Gestalt jeder Aficionado (sehr schön, Axel) durch sein eigenes Handeln und die eigene Interpretation prägen kann.


    Soll heißen, die Angst vor dem Unbekannten, dem Fremden, wird man heute sowohl aus der Aufgeklärtheit heraus, als auch aufgrund von (hoffentlich) anderen Wertmaßstäben gänzlich anders illustrieren. Würde man also heute eine Geschichte, ein Bild, ein Rollenspiel, you-name-it im Lovecraft'schen Universum erschaffen, so sollte und darf der plumpe Rassismus keine Rolle mehr spielen. In meiner Beobachtung tut er das auch nicht.


    Was natürlich derzeit aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Realität "dort draußen" passiert, ist eine andere Sache. Angst vor dem Fremden ist politisch sehr einfach mit Flüchtlingen und einer Neid- und Existenzdebatte zu instrumentalisieren. Insofern darf es nicht verwundern, wenn sich gewisse Kreise irgendwann derer bedienen, die dieses Motiv quasi professionalisiert haben.


    Bleibt einer dLG eben "nur", durch die eigene Beschäftigung mit dem Erbe von HPL eben dieses in die moderne Zeit zu überführen und den schalen Staub von Rassismus und Intoleranz abzuklopfen. Also schreibt, malt, komponiert und diskutiert aufgeklärt. Das kann nur einer Bereicherung sein.


  • [...] Ich wollte damit nur sagen, dass ihm sein Rassismus vielleicht nicht falsch erschien. [...]


    Trifft diese Aussage nicht perse auf jeden Rassisten (genauer gesagt auf jede persönliche Überzeugung) zu?


    Wie Du schon selbst sagst, lässt sich damit jedenfalls nichts "entschuldigen".


    Ich finde, Arkham Insider Axel bringt es oben sehr schön auf den Punkt! Zu Lebzeiten von Lovecraft gab es durchaus bereits eine Entscheidungsmöglichkeit. Rassismus war - wenn auch weit verbreitet - kein allgemeiner Konsens, sondern - wohlmöglich in den USA mehr als sonstwo - Gegenstand der öffentlichen Auseinandersetzung. Das spiegelte sich auch seit langem in der Literatur wieder. Andere Autoren hatten sich lange vor Lovecrafts Geburt öffentlich auf die "andere Seite" gestellt. Der Sezessionskrieg und die hiermit verbundene Abschaffung der Sklaverei wurde bereits fast drei Jahrzehnte von Lovecrafts Geburt ausgefochten. 'Onkel Toms Hütte' wurde bereits 1852 veröffentlicht. John Newton dichtete 'Amazing Grace' bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert. William Wilberforce nahm seinen politischen Kampf gegen Sklaverei und Sklavenhandel wenig später, mithin bereits ca. hundert Jahre vor Lovecrafts Geburt, auf. Die Aufdeckung der Kongogräuel erfolgte während Lovecrafts Jugend und Menschenrechtler, Autoren (Mark Twain: 'König Leopolds Selbstgespräche', 1905; ...), Presse und erhebliche Teile der westlichen Bevölkerung zeigten sich empört.


    Ich stelle jetzt einfach mal die mutige These auf, das Gedicht "On the Creation of …" wäre vermutlich von Lovecraft nie in dieser Form geschrieben worden, wenn es damals keinen öffentlichen Diskurs zu diesem Thema gegeben hätte. Auf mich wirkt es viel zu provokant und programmatisch, als dass es nur einen vermeintlich allgemeinen Konsens abbilden wollte. Das liest sich nicht wie ein unreflektierter "Ausrutscher".


    Man kann nicht in Abrede stellen, dass Lovecarft hier eine Stellung bezogen hat, die ein aufgeklärter Mensch nur als hässlich bezeichnen kann. Das scheint mir unumstößlich und nicht zu beschönigen. Aber alle Menschen werden ausgemacht durch ein Gemenge aus Schwächen und Stärken, Schatten- und Schokoladenseiten, Irrungen und zutreffende Überzeugungen.


    Wie in diesem Thread viel früher schon angesprochen wurde:


    Es ist ein Fehler, zu einem einheitlichen Bild über Lovecraft gelangen zu wollen. Weder kann man den Menschen Lovecraft auf rassistische Aussagen reduzieren, noch kann man diese alleine zum Maßstab für die Bewertung seines literatischen Schaffens insgesamt machen, noch kann man diese "unter den Tisch fallen lassen". Qualifizierte Kritik ist berechtigt und sogar zu begrüßen. Aber Lovecraft und sein Werk wegen der bezeichneten Äußerungen insgesamt abzulehen, ist irrational und ein völlig verfehlter absolutistischer Ansatz, dem niemand genügen könnte. Wollte man diesen Maßstab generell anwenden, müsste man weite Teile der Literatur, der Weltreligionen, der wissenschaftlichen und civilisatorischen Errungenschaften der Menschheit mit der Erinnerung an ihre Urheber verbrennen.


    Eine Stellungnahme zu dem durchaus kritikwürdigen NZZ-Artikel dürfte ein Drahtseilakt sein, will man nicht zu Unrecht ins 'Rechte Lager' gestellt werden. Ich kann dem Artikel nicht entnehmen, dass bei dem Autor ein intensives Interesse bestand, sich mit der Thematik tiefer im Sinne wissenschaftlichen Arbeitens auseinanzusetzen. Darf man dann erwarten, dass der Verfasser und/oder die Befürworter eines schlecht recherchierten, von sachlichen Fehlern durchsetzten und von individuellen politischen Überzeugungen getragenen Artikels anschließend hinsichtlich einer Kritik an diesem Artikel einen sachlicheren und objektiveren Maßstab anlegen werden, als an den Artikel selbst? Viel Glück dem, der es versucht!


  • Ich stelle jetzt einfach mal die mutige These auf, das Gedicht "On the Creation of …" wäre vermutlich von Lovecraft nie in dieser Form geschrieben worden, wenn es damals keinen öffentlichen Diskurs zu diesem Thema gegeben hätte. Auf mich wirkt es viel zu provokant und programmatisch, als dass es nur einen vermeintlich allgemeinen Konsens abbilden wollte. Das liest sich nicht wie ein unreflektierter "Ausrutscher".


    Das ist nicht mutig, dieses Aussage ist ziemlich überzeugend! Ich muss zugeben, dass ich es aus dieser Warte bislang nicht gesehen habe.


    Ich glaube, dass der Artikel der NZZ etwas erreicht hat, was nicht so leicht zu erreichen ist: Er hat mich provoziert. Als Lovecraftliebhaber bin ich nicht auf dem Kreuzzug seine befleckte Weste wieder rein zu waschen, aber ich habe die - nicht substanzlosen - Rassismus Vorwürfe auch als persönlichen Angriff gewertet. Warum? Weil dieser Artikel ein Bild von HPL zeichnet, als sei er und sein Werk so von Rassenhass durchdrungen, dass ihn nur rechte Spinner lesen würden. Das der Autor einen Lehrstuhl inne hat, wirkt dann auch noch, als sei diese Meinung wissenschaftlicher Konsens. Ich will nicht behaupten, dass meine Deutung des Zeitungsartikels richtig ist, aber er führte bei mir zu einen Beißreflex.


  • Weil dieser Artikel ein Bild von HPL zeichnet, als sei er und sein Werk so von Rassenhass durchdrungen


    Diese absolut diskussionswürdige These vettritt auch der Essay von Houellebecq, weswegen dieser nicht immer wieder lapidar als Quelle herangezogen werden sollte, wie ich meine. Der NZZ-Text tut das und es ist bezeichnend, dass ein Akademiker eine wenig wissenschaftliche Quelle heran zieht, um darauf eine Argumentation maßgeblich aufzubauen.

  • Sorben
    Der Reflex ist ja in gewisser Weise auch gerechtfertigt, denn der Artikel ist fehlerhaft und einseitig. Das kann ich gut nachempfinden.


    Aber dann tatsächlich zu beißen, macht es meist nicht besser, sondern führt regelmäßig nur zu einer aufgeheizten, emotionalen und vor allem ideologischen Auseinandersetzung, bei der es dann selten noch um die Fakten geht ...


    Eine offene Diskussion, wie sie hier geführt wird, erachte ich als hilfreicher und sinnvoller als den direkten Diskurs mit Menschen, die sich längst eine Meinung jenseits der Fakten gebildet haben. Es ist wichtig, sich in der objektiven Mitte zu positionieren, aber meines Erachtens eher fruchtlos, sich gegen Rassisten zu wenden, die Lovecraft für sich vereinnahmen wollen, oder auf der anderen Seite gegen Menschen, die Lovecraft verurteilen, weil sie in ihm NUR den Rassisten sehen.

  • Die bisher genannten Punkt/ die bisherige Diskussion empfinde ich als etwas sehr gutes und wertvolles. Damit zeigt die dLG doch, dass sie sich mit ihrem Autor auch auseinandersetzt.
    Als ich den Link postete war mir vor allem wichtig darauf hinzuweisen, dass der Text weder sachlich, noch genau recherchiert ist und mich deswegen ärgert.
    Ich habe mich bisher immer dagegen gewehrt Houellbecqs Essay zu lesen, weil ich mir dachte wohin da die Reise geht und kein Erkenntnisgewinn drinsteckt. Aber vielleicht sollte ich ihn mir dennoch mal holen.


    Ich denke auch nicht, dass sich für diesen Artikel eine Gegendarstellung lohnt: Zum einen laufen wir gefahr missverstanden zu werden und zum anderen sollte man nicht aus jeder Mücke einen Elefanten machen. Da ist halt ein Literaturdozent, der für 2017 noch eine Publikation auf seiner Liste brauchte... Zumal der Text schluderig und oberflächlich ist.


    Wichtiger finde ich, dass WIR konstant gute Arbeit in der Vermittlung und Aufklärung um HPL und sein Werk betreiben und ggf. irgendwann eigeninitiativ und nicht als Reaktion einen öffentlichen Diskurs stärken.

    “I couldn’t live a week without a private library – indeed, I’d part with all my furniture and squat and sleep on the floor before I’d let go of the 1500 or so books I possess.”
    H.P. Lovecraft in einem Brief vom 25. Februar/1. März 1929 an Woodburn Harris
  • Ich möchte noch einmal auf die Aussage zurückkommen, dass Rassismus zu Lovecrafts Lebzeiten Konsens oder gar wissenschaftlich anerkannt gewesen sei.


    Lovecrafts Freundschaft zu dem Kosmopolit James Ferdinand Morton (1870 – 1941), der ihm hier diametral gegenüber stand, rüttelt an dieser Behauptung. Mehr noch: Dass sich Lovecraft ausgerechnet mit dem Autor eines Textes namens „The Curse of Race Prejudice“ anfreundete, ist ein weiteres Phänomen.


    Noch bevor sich die beiden in New York treffen sollten, gab es 1915 einen Schlagabtausch in den Reihen des Amateurjournalismus. In seiner Erwiderung „Conservatism’ Gone Mad“ – eine Anspielung auf Lovecrafts Publikation „The Conservative“ – bezeichnet Morton Lovecraft als Demokratiefeind und Dogmatiker und wirft ihm vor, seine rassistischen Vorurteile entbehrten der wissenschaftlichen Rechtfertigung (wobei der Ton nachsichtig, etwas altväterlich ist und Morton nicht Lovecrafts schriftstellerische Qualitäten verkennt). Dass diese Vorwürfe Lovecraft nicht beeindruckt haben, wissen wir ja. Dass jedoch gerade auf diesen völlig entgegengesetzten Ansichten eine lange und intensive Freundschaft aufbauen konnte, ist, wie gesagt, ein Phänomen.


  • Ich möchte noch einmal auf die Aussage zurückkommen, dass Rassismus zu Lovecrafts Lebzeiten Konsens oder gar wissenschaftlich anerkannt gewesen sei.
    Lovecrafts Freundschaft zu dem Kosmopolit James Ferdinand Morton (1870 – 1941), der ihm hier diametral gegenüber stand, rüttelt an dieser Behauptung. Mehr noch: Dass sich Lovecraft ausgerechnet mit dem Autor eines Textes namens „The Curse of Race Prejudice“ anfreundete, ist ein weiteres Phänomen.


    Handelt es sich dabei denn um eine wissenschaftliche Abhandlung? Ich kann im Netz gerade leider keine Textauszüge o.ä. finden.


    Ich denke schon, dass zumindest Rassenlehre an sich und gewisse damit zusammenhängende Positionen (bspw. Rassenhygiene) in den einschlägigen Wissenschaftsdisziplinen konsensfähig waren bzw. einfach axiomatisch behandelt wurden, was aber sicherlich wiederum durch vorherrschende politisch-ideologische Paradigmen bestimmt wurde. Gut zu beobachten ist dies bspw. an dem Anthropologen Eugen Fischer, der neben seiner wissenschaftlichen Expertise ebenso ein unverhältnismäßig starkes Engagement in Gesellschaften zur Rassenhygiene sowie einen Hang zu Antisemitismus und Rassenchauvinismus vorzuweisen hatte. Insofern waren Wissenschaft und Ideologie da sicherlich oftmals eng verwoben, sowas gibt es ja leider heute noch immer, wenn auch eher auf anderen Gebieten. Und sicherlich kann man die Wissenschaft von damals nebst ihren Kriterien nicht mit dem vergleichen, was heute Methode und Güteklasse ist. Historisch betrachtet scheinen in der damaligen Wissenschaft die Gegner der Rassentheorien zumindest eher marginalisiert worden zu sein; was nicht bedeutet, dass man sich über Standpunkte und Argumente nicht fundiert hätte informieren können als interessierter und gebildeter Mensch.



    Dass jedoch gerade auf diesen völlig entgegengesetzten Ansichten eine lange und intensive Freundschaft aufbauen konnte, ist, wie gesagt, ein Phänomen.


    In der Tat bemerkenswert und vielleicht ein Indiz für Lovecrafts Liberalität im persönlichen Umgang oder auch für seine charakterlicher Größe, die den Dissens mit ihm ansonsten sympathischen Personen verkraften konnte.

  • Bei Mortons „The Curse of Race Prejudice“ handelt es sich ebenso wenig um eine wissenschaftliche Abhandlung wie bei Lovecrafts Texten. Es ist eher ein Appell im Sinne des Humanismus und der Aufklärung, getragen von einer optimistischen Grundhaltung. Eine Haltung, die wir Lovecraft gewiss nicht zugestehen können. Und auch wenn immer wieder der Begriff „Wissenschaft“ im Zusammenhang mit ihm fällt, so meine ich, dass er vorsichtig auf Lovecraft angewendet werden sollte. Er ist eigentlich ein Paradebeispiel dafür, wie „Wissenschaft und Ideologie da sicherlich oftmals eng verwoben“ erscheinen.


    Lovecraft gebärdet sich in seinen schlimmsten Zeilen auch nicht wissenschaftlich oder gar nachvollziehbar, sondern in einer hysterischen Mischung aus Furcht, Unverständnis und Irrationalität. Mit gewissen Äußerungen hat er sich selbst die Tür zu jedem Diskurs zugeschlagen, der überhaupt auf einer wissenschaftlichen Grundlage möglich gewesen wäre. Und seine biologistische Argumentation erledigt sich von vornherein, weil sie – wie richtig bemerkt wurde – „ durch vorherrschende politisch-ideologische Paradigmen bestimmt wurde“.


    Es ist typisch für Lovecraft, dass er sich freizügig und in gewohnt willkürlicher Art auf „Forschungsergebnisse“ berufen hat. Dass Gedichte wie „De Triumpho Naturae: The Triumph of Nature over Northern Ignorance“ oder „On The Creation of Niggers“ nicht aufgrund von lauterer Erkenntnis, sondern einer komplizierten seelischen Verfassung verfasst wurden, ist offensichtlich.


    Tatsächlich muss man auf den juvenilen Charakter dieser Werke hinweisen (1905 bzw. 1912). Sie entstanden ja zu einer Zeit, in der Lovecraft sich, geleitet durch unausgegorene Bildung und Erziehung, in mancherlei Hinsicht „verrannt“ hatte. Seine Spleens – die sympathischen wie die unsympathischen – resultieren aus dieser Jugendzeit und sollten ihn bekanntlich noch lange im Leben begleiten. Und dass er, strukturkonservativ wie er war, sich wider besseren Wissens von „schlechten Eigenschaften“ nur mühsam trennen konnte, – auch das ist bekannt.


    Kurz, ich halte hier einen psychologischen Ansatz (Entwicklungspsychologie, Lernfähigkeit usw.) für vielversprechend. Hier liegt meines Erachtens der Schlüssel – wenn auch nicht zur Billigung – so doch zum Verständnis des menschlichen Verhaltens.


  • Und auch wenn immer wieder der Begriff „Wissenschaft“ im Zusammenhang mit ihm fällt, so meine ich, dass er vorsichtig auf Lovecraft angewendet werden sollte. Er ist eigentlich ein Paradebeispiel dafür, wie „Wissenschaft und Ideologie da sicherlich oftmals eng verwoben“ erscheinen.


    Das ist er definitiv. Ich glaube, niemand zweifelt an der Tatsache, dass Lovecraft massiv ressentimentgetrieben war und sich maximal selektiv aus dem Fundus der damaligen Wissenschaften bediente. Für Rassisten übrigens ein regelrecht charakteristisches Verhalten, folgt man der entsprechenden Sozialforschung Albert Memmis. Es ging mir aber auch nicht darum, Lovecrafts Äußerungen dahingehend abzuklopfen, sondern die theoretische Grundlage allgemein daraufhin zu prüfen.



    Kurz, ich halte hier einen psychologischen Ansatz (Entwicklungspsychologie, Lernfähigkeit usw.) für vielversprechend. Hier liegt meines Erachtens der Schlüssel – wenn auch nicht zur Billigung – so doch zum Verständnis des menschlichen Verhaltens.


    Das scheint mir eine ertragreiche Vorgehensweise zu sein, auch wenn man natürlich nur spekulieren kann. Seine teils geradezu obsessive Ablehnung von Menschen anderer Herkunft könnte auch teil einer aus jugendlicher Unsicherheit resultierender Psychose gewesen sein. Diagnostische Ideen für Lovecrafts Zustände finde sich sicherlich viele.


  • Ich möchte noch einmal auf die Aussage zurückkommen, dass Rassismus zu Lovecrafts Lebzeiten Konsens oder gar wissenschaftlich anerkannt gewesen sei.


    Lovecrafts Freundschaft zu dem Kosmopolit James Ferdinand Morton (1870 – 1941), der ihm hier diametral gegenüber stand, rüttelt an dieser Behauptung. Mehr noch: Dass sich Lovecraft ausgerechnet mit dem Autor eines Textes namens „The Curse of Race Prejudice“ anfreundete, ist ein weiteres Phänomen.


    Noch bevor sich die beiden in New York treffen sollten, gab es 1915 einen Schlagabtausch in den Reihen des Amateurjournalismus. In seiner Erwiderung „Conservatism’ Gone Mad“ – eine Anspielung auf Lovecrafts Publikation „The Conservative“ – bezeichnet Morton Lovecraft als Demokratiefeind und Dogmatiker und wirft ihm vor, seine rassistischen Vorurteile entbehrten der wissenschaftlichen Rechtfertigung (wobei der Ton nachsichtig, etwas altväterlich ist und Morton nicht Lovecrafts schriftstellerische Qualitäten verkennt). Dass diese Vorwürfe Lovecraft nicht beeindruckt haben, wissen wir ja. Dass jedoch gerade auf diesen völlig entgegengesetzten Ansichten eine lange und intensive Freundschaft aufbauen konnte, ist, wie gesagt, ein Phänomen.


    Naja, von der Hand ist aber nicht zu weisen, dass es getrennte Bereiche für Afroamerikaner und Weiße gab sagar staatlich abgesegnet. Im 2. Weltkrieg wurden Einheiten ebenso nach "Rasse" getrennt und Rosa Parks löste einen Skandal aus, weil sie sich auf einen Platz für Weiße setzte und das war 1955. Dass der Rassismus also mehrheitlich, zumindest aber von der weißen Schicht mit Einfluss, akzeptiert wurde, ist leicht anzunehmen. Sicher HPL hätte es besser wissen sollen und das Argument, dass Tötungsfantasien über den allgemeinen Rassismus hinausgehen, habe ich durchaus aufgenommen. Allerdings war die Zeit keinesfalls Tolerant oder aufklärerisch in Bezug auf die Ethnie. Vielleicht bei einigen, aber nicht in der Masse und die schaffte die Realität für die Menschen.

  • Den genannten Beispielen kann man ebenso gut andere gegenüberstellen (s. u.), die ein differenzierteres, wenn nicht sogar gegensätzliches Bild von dem Behaupteten – "Allerdings war die Zeit keinesfalls Tolerant oder aufklärerisch in Bezug auf die Ethnie" – zeichnen. Prinzipiell wäre ich sehr vorsichtig mit Aussagen über eine Zeit, der keiner von uns beigewohnt hat.


    "Don't Be a Sucker" (1943) in der IMDb: http://www.imdb.com/title/tt0275310/
    und auf youtube:

  • Ja da ist was dran. Auch wenn es nicht lang her zu sein scheint ist es schwer sich in die Zeit zu versetzen und neutral ist mal nur äußerst schwer.

    “It is good to be a cynic — it is better to be a contented cat — and it is best not to exist at all.” :kohleziege:

  • Hm. Also für mich gelten eher historische Fakten, da muss ich nicht in einer Epoche gelebt haben. Allerdings wird mir vielleicht klar, warum wir hier auseinander gehen. Du hast sicher recht damit, dass es andere Strömungen gab. Ich bezeichne Südafrika vor 1989 als rassistisches Land und dort gab es auch andere Strömungen. Für mich gilt die Norm in Form von Gesetzen, gesellschaftlichen Verhaltensweisen und staatliches Handeln.


    Ironischerweise wurde der Film vom US Militär in Auftrag gegeben, das, wie ich oben verlinkt hatte, Rassentrennung in den eigenen Reihen praktizierte. Übrigens ein Fakt ist auch, das lediglich japanischstämmige Amerikaner während des 2. Weltkrieges in den USA interniert wurden.


    Vielleicht kommen wir nicht auf einen gemeinsamen Nenner, müssen wir auch nicht. Wir teilen ja die Meinung, dass HPL Rassist war und ich habe auch meine Meinung geändert, dass er lediglich ein Kind seiner Zeit gewesen sei, zumindest meine Sicht auf die Zeit.


  • Hm. Also für mich gelten eher historische Fakten, da muss ich nicht in einer Epoche gelebt haben. Allerdings wird mir vielleicht klar, warum wir hier auseinander gehen. Du hast sicher recht damit, dass es andere Strömungen gab. Ich bezeichne Südafrika vor 1989 auch als rassistisches Land und dort gab es auch andere Strömungen. Für mich gilt die Norm in Form von Gesetzen, gesellschaftlichen Verhaltensweisen und staatliches Handeln.


    Man muss sicher nicht in der Epoche gelebt haben, um nachzuweisen, dass auch für Lovecraft Rassismus keine unumstößliche, von der Gesellschaft zwingend vorgegebene Sichtweise gewesen sein kann.


    Man müsste aber vermutlich doch dort gelebt haben, um wirklich verstehen zu können, welchen Einfluss öffentliche Meinungsbilder tatsächlich auf ihn (zumal ein Sonderling und vielfach Einzelgänger) gehabt haben.


    Aber wofür ist die Frage, ob die USA zur Zeit von Lovecraft "rassistisch war", hier im Moment eigentlich relevant?


    1) Soll sie zur Aufklärung dienen, worin die Wurzeln Lovecraft's rassistischer Äußerungen lagen? Geht es um die Ursachenforschung im Sinne einer Kausalität, nach dem Motto: Die Menschen um Lovecraft herum waren (vereinzelt / teilweise / mehrheitlich) rassistisch und Lovecraft hat es so "gelernt".


    Da würde es sicher schwer, die Relevanz solcher Aspekte für Lovecraft als einem extrem belesenen Intellektuellen aus unserer heutigen Sicht noch abschließend zu bewerten und zu gewichten (s.o.). Es sind so viele andere Gründe denkbar, die den Anstoß für Lovecraft gegeben haben könnten.


    Zunehmend glaube ich, dass man zu schnell nach dieser Erklärung greift. (Ich habe früher schon einmal neben anderen Beispielen auf Martin Luther verwiesen. Mein erster Gedanke war auch dort, er sei ein Kind seiner Zeit gewesen. Diese Vorstellung habe ich inzwischen beiseite gelegt. Auch dort scheinen wohl andere persönliche Gründe, wie die Enttäuschung, die Juden nicht zu dem neuen, reformierten Glauben bekehrt zu haben, ausschlaggebend gewesen zu sein.)


    Bei jedem normalen Menschen wird das Umfeld jedenfalls immer AUCH MITursächlich gewesen sein. Gegebenenfalls ist es ein Nährboden. Mehr aber zumeist wohl nicht. Es ist doch eher ein automatischer Reflex eines gebildeten oder auch nur mittelmäßig erzogenen Menschen, zunächst einmal selbst nachzudenken, bevor man einen anderen Menschen oder eine ethnische/religiöse/sonstige Gruppe von Menschen wüst und öffentlich verunglimpft.


    2) Oder geht es bei dem Aspekt der Verbreitung rassistischen Gedankengutes in der Gesellschaft um Lovecraft herum in dieser Diskussion nicht eher eigentlich um eine Bewertung der individuellen Schuld, um eine ethische Bewertung? Geht es also um die Frage, ob Lovecrafts rassistischen Texte hierdurch entschuldbar werden? (Das wäre schön, könnte man sich doch viel unbefangener mit Lovecraft befassen und dieses Thema abhaken.)


    Bei der Schuldfrage helfen meiner Ansicht nach historische Fakten in Form von gesellschaftlichen Verhaltensweisen oder gar Gesetzen und staatlichem Handeln gerade nicht weiter. Denn ethische Verantwortung eines jeden Menschen liegt letztendlich darin, sich selbst dann, wenn die o.g. "Norm" gegen Menschenrechte und Humanismus verstößt (was hinsichtlich Lovecraft aufzuklären bliebe), dem nicht unterzuordnen. Ganz selbstverständlich und zutreffend verurteilen wir die Mitläufer des Nationalsozialismus, obwohl die Verunglimpfung, Verfolgung, Plünderung und Deportation von Juden seinerzeit Gegenstand von "Gesetzen, gesellschaftlichen Verhaltensweisen und staatlichen Handeln" war. Rassismus bleibt immer gemessen an elementarsten Menschenrechten ein Unrecht, gleichgültig wo er auftritt. Selbst wenn es "um Lovecraft herum" eine solche "Norm" gegeben hätte, könnte dies seine Texte nicht entschuldigen. Denn jedenfalls hätte auch zu Lebzeiten wohl niemand Lovecraft daraus auch nur einen Vorwurf gemacht, hätte er sich dieser Schmähungen enthalten.



    Mit dem Verweis auf "historische Fakten" kann ich mich anfreunden. Die Formulierung "Norm in Form von Gesetzen, gesellschaftlichen Verhaltensweisen und staatliches Handeln" erscheint mir problematisch, denn dies vermittelt ein wenig den Eindruck, die "Norm" im Sinne des "Normalen" sei Rassismus gewesen und hieraus habe sich ein Druck oder eine irgendwie geartete Zwangsläufigkeit ergeben, sich in Wort oder Schrift rassistisch zu äußern. Und hieran habe ich erhebliche Zweifel. Selbst an eine "Gedankenlosigkeit" bzw. "Unbedarftheit" angesichts einer "Norm" mag ich eigentlich nicht glauben.


    Was ist überhaupt die "Norm"? Ein Beispiel: Im beginnenden Nationalsozialismus hatte mein Großvater ein Tuchgeschäft. In der Nachbarschaft unterhielt eine Jüdin einen Laden. Als die Nazis ihr den schlossen und die Frau zunehmend isoliert war, kam sie zu meinem Großvater ins Hinterzimmer des Ladens, um so zumindest die Gespräche ihrer Nachbarn und früheren Kunden mitanhören zu können. Offenes gesellschaftliches Leben war damals - vielfach der Angst geschuldet - die Isolation, wo es nicht gesehen wurde, lebten die Menschen oft anders. Wie viele Menschen haben sich an der Reichskristallnacht beteiligt und wie viele sie - aus Angst stumm - verurteilt? Was war das "gesellschaftliche Leben", das aktive Mitwirken, das Schweigen in der Öffentlichkeit oder der Flüsterwitz im Dritten Reich? Ich denke alles zusammen. (Allerdings habe ich selbst weiter oben einmal den nicht minder undifferenzierten Begriff "Zeitgeist" verwendet.)


    Die Menschen im Dritten Reich hatten nicht immer, aber im täglichen Leben doch meistens eine Wahl: Wer sich an den Angriffen auf Juden beteiligt hat, dessen Schuld kann nicht dadurch gemildert werden, dies sei die "gesellschaftliche Verhaltensweise" gewesen sei. Wer Hetzschriften gegen die Juden verfasste, kann nicht damit verteidigt werden, dass es damals "en voge" gewesen sei.


    Nicht anders ist es meines Erachtens bei Lovecrafts rassistischen Äußerungen. Moralisch zu entschuldigen sind diese Texte m.E. durch nichts, auch nicht durch irgendwelche Mehrheitsverhältnisse in Meinungsbildern seiner Zeit.


    Wie schon vielfach ausgeführt wurde, darf man Lovecraft ungeachtet dessen nicht auf diese Aussagen und (zumal nicht einmal konsistenten) Ansichten reduzieren und man kann ihn auch nicht allgemein als Rassisten brandmarken.



    Schlussbemerkung:
    Interessant finde ich persönlich, wie ähnlich oft die Diskussionen um historischen Personen verlaufen, die einerseits großes geleistet haben und andererseits mit solchen "Makeln" behaftet sind. Man schaue sich nur den hier verlinkten Beitrag über Luther an, aus dem ich mal folgendes Zitat beispielhaft anfüge:


    Zitat

    Ein Großteil der Gedanken Luthers widerspricht unserem heutigen, an den Menschenrechten orientierten normativen Konzept. Der "gute" Luther lässt sich nicht von dem »bösen« trennen. Luther muss als Gesamtpersönlichkeit gesehen werden.


  • Man müsste aber vermutlich doch dort gelebt haben, um wirklich verstehen zu können, welchen Einfluss öffentliche Meinungsbilder tatsächlich auf ihn (zumal ein Sonderling und vielfach Einzelgänger) gehabt haben.


    Nichts anderes sagte ich im ersten Post:



    Was mir persönlich aber auch bei der Diskussion fehlt, ist die Betrachtung der Gesellschaft. HPL lebte zu einer Zeit in einem Land in dem Rassismus Alltag war. Bis in die 60er gab es in Amerika de facto Rassentrennung (in Teilen der USA). Ich will jetzt nicht relativieren oder schönreden, aber Lovecraft war ein Kind seiner Zeit, der das Talent besaß, mit Worten umgehen zu können. Diese beiden Umstände führten wohl zu diesen Machwerken.


    Ich hatte es als eine Möglichkeit formuliert. Mir schien dies durchaus überzeugend zu sein. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, um es mit Marx zu sagen. D.h. wäre Lovecraft einem permanenten Rassismus ausgesetzt gewesen und hätte er diese Vorurteile in seiner New Yorker Zeit bestätigt gesehen, wären seine rassistischen Äußerungen nachvollziehbar für mich gewesen. Und damit meine ich nicht entschuldbar sondern im Sinne einer psychologischen Wandlung die ich nachvollzogen hätte. Ich habe mich aber gegen andere Argumente bzw. Interpretationen nicht verschlossen. Im Gegenteil, deine Argumentation, dass Lovecraft weit über das hinausgeht, was ich als gesellschaftlich tolerierten Rassismus bezeichne, hat mich auch umdenken lassen.



    Aber wofür ist die Frage, ob die USA zur Zeit von Lovecraft "rassistisch war", hier im Moment eigentlich relevant?


    Die Frage ist obsolet für mich geworden, da sich meine Interpretation durch deine Argumentation als falsch erwiesen hat und ob Rassismus in den USA nun existierte oder nicht, weitestgehend irrelevant für die Aussagen von HPL ist. Ich hab allerdings die Aussage von Axel aufgegriffen, dass es andere Tendenzen gab. Das ist sicherlich richtig, zumal die USA eine Demokratie mit Meinungsfreiheit und einer Bevölkerung mit diversen kulturellen Hintergründen waren und sind. Was mir aber nicht klar geworden ist, welche Relevanz oder Wirkung diese Tendenzen (Strömungen, Meinungen etc.) für die Menschen im Alltag und die Gesellschaft als solche gehabt haben. Und da führte ich an, dass ich eher die Fakten zugrunde lege, die mir bekannt sind.


    Es reizt mich schon ein wenig auf deine Punkte noch genauer einzugehen, aber das hätte mit dem eigentlichen Thema nichts mehr zu tun. Außerdem führen solche Diskussionen zu nichts, zumindest meiner Meinung nach.

  • Zuletzt ging es mir nicht um die individuelle Schuld Lovecrafts, sondern tatsächlich um den Punkt 1: Ursachenforschung. Hier wollte ich darauf aufmerksam machen, dass der geschichtliche Blick zurück keine Einbahnstraße ist (freilich nicht im Sinne eines Geschichtsrevisionismus).


    Ich kann Aussagen wie "Also für mich gelten eher historische Fakten, da muss ich nicht in einer Epoche gelebt haben." oder "Für mich gilt die Norm in Form von Gesetzen, gesellschaftlichen Verhaltensweisen und staatliches Handeln." nicht zustimmen. Geschichte (oder besser gesagt: Geschichtsschreibung) besteht eben längst nicht nur aus sogenannten historischen Fakten, Gesetzen und gesellschaftlich und staatlich normierten Verhaltensweisen, sondern ebenso aus Einzelschicksalen, die sich abseits der großen und bekannten Strömungen abgespielt haben.


    Das Narrativ (vereinfacht ausgedrückt) "Zu Lovecrafts Zeit war die Mehrheit rassistisch, also ist es irgendwie verständlich, dass er auch einer war" ist zu oberflächlich. Es dürfte so m. E. auch nicht in einem offiziellen Statement der dLG auftauchen. Allein schon der Hinweis auf James Ferdinand Morton – während der New Yorker Zeit einer von Lovecrafts engen Freunden – straft diese Behauptung Lüge. Hier haben wir ja bereits ein Beispiel für so ein Einzelschicksal – und zwar eins in unmittelbarer Nähe zu Lovecraft!


    Auch die Aussage "Vielleicht bei einigen, aber nicht in der Masse und die schaffte die Realität für die Menschen." ist gerade in Bezug auf Lovecraft abzulehnen. Er war nun wirklich der Allerletzte, der in einer massentauglichen Realität gelebt hätte. Wie wir wissen, ist genau das Gegenteil der Fall gewesen. Und was das betrifft, sind wir ja heute heilfroh, dass er sich eben nicht den Normen der Unterhaltungsindustrie angepasst hat, sondern unbeirrt seine eigene künstlerische Vision verfolgt hat. Wage ich zumindest zu behaupten. ;)

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