Ambrose Bierce

  • Da ich gerade einen aktuellen, recht kurzen Bierce-Artikel fand, setze ich diesen mal hier rein und eröffne auch gleich eine mögliche Diskussion über diesen Autor, der für die moderne Phantastik nicht unwichtig und auch abseits davon sehr interessant ist.


    http://www.ozy.com/flashback/t…085#.VvqBgW1utcY.facebook


    Bierce ist Autor diverse unheimlicher Geschichten, die allerdings vom Stile her eher mit Edgar Allan Poe als mit Lovecraft vergleichbar sind. Oft woht ihnen ein bisweilen zynischer, tief-schwarzer Humor inne (Vgl. bspw. Poes "Die schwarze Katze"), der mit Lovecrafts eher nüchternen Schilderungen erstmal nicht allzu sehr zusammen geht - soweit meine These. Dennoch werden Poe, Lovecraft und Bierce oft in einem Atemzug genannt als Eckpfeiler der modernen US-amerikanischen Horror-Literatur und soweit mir bekannt ist, hat Lovecraft ihn auch gelesen und gemocht.


    Bierce ist allerdings heute eher berühmt für seine ebenfalls sehr zynischen Aphorismen (ob Nicolás Gómez Dávila ihn kannte?) und seine Bürgerkriegsschilderungen. Geboren im Jahre 1842, nahm er aktiv teil am Sezessionskrieg und erlebte einige blutige Schlachten. Die tagesaktuelle Rezeption in Amerika bezieht sich indes wohl hauptsächlich auf Bierce als meisterhaften Verfasser von Kurzgeschichten - eine Literaturform, welche im englischsprachigen Raum ungleich höheres Ansehen genießt als in unseren Breiten. Seine Story "Ein Vorfall an der Owl-Creek-Brücke" wird heute von einigen Literaturkritikern und ähnlichen Leuten sogar als beste short story überhaupt angesehen. Zumindest aber wird er nicht selten in einem Atemzug mit Ernst Hemingway genannt, der ja gemeinhin als der king of shorts gilt.


    Ähnlich wie bei Poe ist sein Tod bis heute nicht geklärt. 71-jährig begab sich der stark trinkende Bierce nach Mexiko, wo er sich wohl den Revolutionären um Pancho Villa anschloss. 1914 verliert sich seine Spur, wobei es diverse Theorien gibt. Einige werden auch im obrig verlinkten Artikel genannt - von einer standrechtlichen Erschießung über Lungenentzündung bis zur Absetzung nach Südamerika ist alles dabei. Ein deutsches Radiohörspiel stellt es gar so dar, dass Bierce - der seine Familie wohl stets eher schlecht behandelte - von einer verbitterten Tochter im Keller seines Hauses eingesperrt und dort zum Sterben zurück gelassen wird. Die Tochter streut dann das Gerücht seines Wegganges Richtung Mexiko, was von allen vorbehaltlos gelaubt wird.


    Soweit zu Ambrose Bierce. Aus meiner Sicht eine der reizvollsten Gestalten der US-Literatur des 19. Jahrhunderts. Sehr zu empfehlen soll die Biographie "Allein in schlechter Gesellschaft" sein, die ich leider bisher nicht gelesen habe.

  • Ich habe mich auch flüchtig mit Bierce befasst und teile deine Einschätzungen soweit. "An Occurence at Owl Creek Bridge" ist in der Tat eine höchstempfehlenswerte Story, aber unter Bierce Stories verbirgt sich noch so manche Perle mehr (bestes Beispiel: "Chickamauga"). Allerdings hält er dieses Niveau meiner Erfahrung nach nicht immer durch; sein Zynismus zündet längst nicht jedes Mal wie beabsichtigt (anders als ich es bei Clark Ashton Smith beobachtet habe).


    Nichtsdestotrotz sollten geneigte Leser unbedingt einen Blick auf seine Geschichten riskieren. Es lohnt sich: allein aufgrund der Kurzweiligkeit.


    Im Übrigen: Hat sich mal jemand mit "The Devil's Dictionary" befasst? Ist das eher ein Gimmick zum Schmunzeln oder hat das sonst anderweitige lohnenswerte Substanz inne? Empfehlungen?

    "Nicht einmal der Tod kann dich vor mir retten."


    - Diablo 2


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    "Hey, das klingt wahnsinnig interessant! Warum schreibst du nicht einen Artikel im ..."


    Cthulhuwiki :tooloo:

  • Zitat von Blackdiablo


    Im Übrigen: Hat sich mal jemand mit "The Devil's Dictionary" befasst? Ist das eher ein Gimmick zum Schmunzeln oder hat das sonst anderweitige lohnenswerte Substanz inne? Empfehlungen?


    Ich habe irgendwo die deutsche Übersetzung. Es ist wohl eher was zum Schmunzeln, so meine Erinnerung. Ab und zu trifft sein Hammer des Zynismus mal einen Nagel auf den Kopf, aber alles in allem habe ich es eher als Gimmick in Erinnerung.


    In Englisch scheint es übrigens komplett online verfügbar zu sein: http://www.thedevilsdictionary.com

  • Also ich mag "Des Teufels Wörterbuch". Der Humor zündet aus meiner Sicht recht oft. Aber ist natürlich eine Frage des Humors bzw. des Geschmacks.


    Bei Anaconda muss man vorsichtig sein, die nutzen oft uralte Übersetzungen, die bereits gemeinfrei sind. Sollte man unter Umständen mal vorher reinlesen, ob man den Stil lesen mag.

  • Zitat von Nils


    Bei Anaconda muss man vorsichtig sein, die nutzen oft uralte Übersetzungen, die bereits gemeinfrei sind. Sollte man unter Umständen mal vorher reinlesen, ob man den Stil lesen mag.


    Danke für die Warnung, ich schau mal rein. Bin eher empfindlich, was Übersetzungen angeht.

  • Unter Vorbehalt. Wie sich das aktuell verhält, weiß ich nicht genau. Zu Beginn hatten die auf jeden Fall viele gemeinfreie Sachen verlegt, u.a. von Nietzsche und Freud. Und es gibt eine Sherlock-Holmes-Ausgabe, die sich im Design schick ausnimmt, aber eine Übersetzung aus den 20er Jahren nutzt, die zum Großteil wenig brauchbar ist. Daher würde ich da schon zur Vorsicht mahnen.

  • Ich habe jetzt etwas im Band gelesen, Geschichten, die mir neu waren und welche, die ich auf Englisch bereits kannte und mein Fazit ist bisher zufriedenstellend. Die Übersetzung liest sich tatsächlich etwas älter, dafür scheint sie mir von angemessener Qualität zu sein. Über merkwürdige Sätze bin ich nicht gestolpert. Ich habe aber keinen satzgenauen Vergleich unternommen, das Urteil ist also nur als gefühlt zu verstehen. Wer kein Problem mit Wörtern wie "obzwar" und "welchselbiges" hat, dem kann ich - bei dem Preis-Leistungs-Verhältnis - die Ausgabe guten Gewissens empfehlen.

  • Neugierig habe ich am Wochenende auch reingelesen. Ich finde die Übersetzung vollkommen ok, bin da aber auch nicht so empfindlich. Um ehrlich zu sein: da ich mir fürs Lesen immer viel Zeit nehme (deswegen brauche ich auch so lange) kann ich Satz für Satz geniessen - und da finde ich eine "altertümliche" Sprache sogar eher positiv und stimmungsvoll.

  • Zitat von Nils

    Also ich mag "Des Teufels Wörterbuch". Der Humor zündet aus meiner Sicht recht oft. Aber ist natürlich eine Frage des Humors bzw. des Geschmacks.


    Habe mich auch nochmal damit beschäftigt und muss aktuell dazu sagen: wenn er zündet, dann zündet er auch oft richtig. Sind doch mehr gute Sachen dabei, als ich in Erinnerung hatte. Auch einige Hülsen, denen man das Alter einfach anmerkt, aber manches bleibt wahrscheinlich immer aktuell.


  • Ich habe den Band auch schon länger im Regal und - da in einem anderen Buch eben darauf verwiesen wurde - gerade "Die passende Umgebung (The suitable surroundings)" gelesen. Bis jetzt kannte ich von Bierce nur vereinzelt ein paar Sachen, diese Erzählung fand ich aber gerade RICHTIG gut. :o

  • Hab eine Sammlung von Bierce in einem öffentlichen Bücherregal gefunden. Schmökere mal drin und geben Feedback.

    “It is good to be a cynic — it is better to be a contented cat — and it is best not to exist at all.” :kohleziege:

  • Ich bin beim stöbern neulich über das Buch "The Sardonic Humor of Ambrose Bierce" (Hrsg. George Barkin, Dover Publications Inc., New York, 1963) gestolpert und habe es mir gekauft. Es handelt sich um eine Sammlung von Kommentaren, Gedichten, kurzen Artikeln, Geschichten und ähnlichen Ephemera.


    Es ist teils recht schwer zu lesen, da Bierce oft altertümliche Formulierungen nutzt und vor allem in seinen Poemen auf eine veraltete Grammatik zurückgreift. Auch habe ich ihn - ohne in solchen Dingen besonders beschlagen zu sein - im Verdacht, häufiger lokale Slang-Ausdrücke oder Redensarten einzubauen, sodass der unkundige Leser oftmals nicht wirklich folgen kann.
    Wo man es versteht, wird aber abermals ziemlich deutlich, was für ein übellauniger Zeitgenosse der gute Bierce gewesen sein muss. Auf scheinbar erhaltene kritische Briefe antwortet er mit mehrzeiligen Reimformationern, in welchen er seine Angreifer gnadenlos in den Boden stampft. Er zieht harsch in einem Gedicht über Oscar Wilde her und scheut sich auch nicht, in Nebensätzen seine gesamten Mitmenschen abzuurteilen oder von gesellschaftlichen Normen durchdrungene Personen durch zu beleidigen. Häufiger scheint er auch kleine Geschichten geschrieben zu haben, um irgendwelche Ereignisse aufs Korn zu nehmen oder ihm unliebsame Vorgänge zynisch-parabelhaft zu begleiten.


    Ich kann hier leider nur mutmaßen, denn das Buch entbehrt jeglicher Annotationen. Im Vorwort wird darauf hingewiesen, dass die Zusammenstellung als Begleitbuch zum "Devil's Dictionary" gedacht ist, was soweit stimmig zu sein scheint. Dennoch wären Hinweise auf konkrete Kontexte dann und wann ganz nett gewesen.
    Auf jeden Fall ist es schon sehr spannend, in Bierce' journalistische Tätigkeit einzutauchen. Klar, er war ein beißender Zyniker und ähnelt in seiner heroisch-pessimistischen Lebensauffassung vielen der hier gern gelesenen Autoren, oftmals griff er gesellschaftliche Zustände sicherlich zu Recht an. Es fällt dennoch manchmal schwer zu glauben, dass sein Umfeld wirklich so mies gewesen sein soll, wie es beim Lesen seiner Spottverse durchschimmert.

  • Aus gegebenem Anlass habe ich mir neulich "Ein Bewohner aus Carcosa", "Haita der Schafhirt" und "Der Tod des Halpin Frazer" zur Brust genommen und muss echt sagen, das Bierce mich sehr gut unterhält. Ist nochmal ein bis zwei Gänge langsamer als HPL, aber wirklich stimmungsvoll und klug.

    “I couldn’t live a week without a private library – indeed, I’d part with all my furniture and squat and sleep on the floor before I’d let go of the 1500 or so books I possess.”
    H.P. Lovecraft in einem Brief vom 25. Februar/1. März 1929 an Woodburn Harris
  • Ja ich finde er hat sich sprachlich auch sehr gut gehalten.


    Ganz zu schweigen von seiner sehr interessanten Biographie.

    “It is good to be a cynic — it is better to be a contented cat — and it is best not to exist at all.” :kohleziege:

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