Lovecrafter Online - 021 - Meine Stunden mit Maria Alice de Marsillac Plunkett

Ich reiste 2016 im August zum ersten Mal nach Irland. Dort wollte ich neben dem üblichen Touristen-Programm rund um Dublin Dunsany Castle besuchen, den Stammsitz des berühmten Lord Dunsany.


Als ich mit meiner Frau an jenem Spätsommertag vor dem Schloss im County Meath anhielt, ahnten wir noch nicht, was wir in den nächsten knapp drei Stunden erleben würden. Die Eingangstür zum Schloss war geradezu beeindruckend schlicht. Der ehemalige Dienstboteneingang wird nun als Haupteingang genutzt. Meinem aufgeregten Klopfen öffnete die Witwe des Enkels des bekannten Literaten, Maria Alice de Marsillac Plunkett, eine Nachfahrin von Vasco Da Gama und Alves Cabral, dem Gründer Brasiliens. Im Eingang stand eine kleine Dame Mitte 70 in weitem Pullover und schwarzer Hose. Mit einem warmherzigen Lächeln führte sie uns in das beeindruckende Anwesen. Ein ausführlicher Bericht zu meinen Entdeckungen im Schloss findet sich in der Nr. 1 der Print-Ausgabe des Lovecrafter, daher lasse ich sie an dieser Stelle aus.


In den Stunden auf Dunsany Castle hatte ich das Glück mit der Lady Dunsany Bekanntschaft zu machen, einer Frau, die als Architektin in Rio de Janeiro für Aufsehen sorgte und später in New York unter anderem Sotheby’s Auktionshaus neu gestaltete. Nach der Scheidung von ihrem ersten Mann, dem brasilianischen Onkologen Jayme de Marsillac, mit dem sie zwei Kinder, Daniel und Joana, hatte, heiratete sie 1982 Edward John Carlos Plunkett, den 20. Baron of Dunsany. Sie siedelten nach Irland über, wo die Söhne Randal und Oliver geboren wurden.


Dort waren wir nun. Mit einer beeindruckenden Frau, die mir uneingeschränkten Zugang zu den persönlichen Unterlagen des 18. Lord Dunsany gewährte.


Nach zwei Stunden des intensiven Lesens in Feldtagebüchern und Notizkladden leistete sie uns wieder Gesellschaft. Im Gespräch berichtete sie mir, dass sie eine persönliche Bekannte des jungen Donald Trump war, als dieser noch damit beschäftigt war, den Trump Tower bauen zu lassen. Sie war eine begeisterte Verehrerin der Kunst ihres verstorbenen Mannes und gern hätte Sie uns noch die im Schloss ausgestellten Werke gezeigt, doch unsere Zeit war knapp bemessen. Bei der Verabschiedung bot sie mir an, jeder Zeit wieder zu kommen, um weiter in den Unterlagen des 18. Lord Dunsany zu forschen.


Nach unserem Aufenthalt hatten wir noch ein paar E-Mails ausgetauscht und auch eine Ausgabe der Nr. 1 des Lovecrafter dürfte jetzt im Salon neben der Bibliothek liegen, wo die Familie ausländische Veröffentlichungen von Edward John Moreton Drax Plunkett auf einem großen Beistelltisch präsentiert. Eigentlich wollte ich tatsächlich nächstes oder übernächstes Jahr noch ein oder zwei Wochen nach Dunsany Castle, um dort tiefer in die Tagebücher und Unterlagen einzutauchen, doch dann wurde mein Plan (vorerst) zunichte gemacht.


Am 09. April verstarb Maria Alice de Marsillac Plunkett nach kurzer Krankheit an Covid-19 im Our Lady’s Hospital in Navan.


Das verwendete Bild des Schlosses stammt von Tim Wilson und steht unter der CC BY-SA 2.0-Lizenz.