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Lovecrafter Online – Saint Toad

  • Stefan P.
  • 10. August 2026 um 12:00
  • 251 Mal gelesen
  • 1 Antwort
Nils Broß; mit freundlicher Genehmigung für nichtkommerzielle Zwecke freigegeben.
Stefan Preis ist ohne Zweifel einer der emsigsten "Lovecrafter-online"-Autoren des laufenden Jahres. Sein heutiger Artikel ist unser aller Lieblings-Krötengottheit Tsatthogua gewidmet! Wir wünschen viel Vergnügen bei der Lektüre.

Kröten wurden jahrhundertelang mit Magie in Verbindung gebracht und als Begleiterinnen und ‘Haustiere’ von Hexen und Zauberern dargestellt. Ihr Blick und ihr Atem galten als gefährlich, sogar todbringend. In der Theologie des späten Mittelalters wurde die Kröte nicht nur als „hässlichstes Tier der Schöpfung" betrachtet, sondern auch, da die Hautsekrete einzelner Krötenarten tatsächlich Gift enthalten, deren Körperausscheidungen als giftig und als Bestandteil von Zaubertränken vermutet.1 William Shakespeare beschreibt in Macbeth (1606) ein solches Ritual:

„Um den Kessel dreht euch rund,
Werft das Gift in seinen Schlund!
Kröte, die im kalten Stein
Tag' und Nächte, dreimal neun,
Zähen Schleim im Schlaf gegoren,
Sollst zuerst im Kessel schmoren!"

Seit dem 12. Jahrhundert war außerdem der Glaube populär, dass einige Kröten in ihren Köpfen einen wertvollen Edelstein tragen würden, was Shakespeare in Wie es Euch gefällt (As You Like It, 1599) thematisiert:

„Süß ist die Frucht der Widerwärtigkeit,
Die gleich der Kröte, häßlich und voll Gift,
Ein köstliches Juwel im Haupte trägt."

Die Kröte erscheint in Georg Trakls expressionistischem Gedicht Wanderers Schlaf (1913) als ein unheimliches Wesen, das den im Wald Ruhenden beobachtet:

„In altem Gestein
Schaut aus kristallenen Augen die Kröte,
Erwacht der blühende Wind, die Vogelstimme des Totengleichen
Und die Schritte ergrünen leise im Wald."

In Traum und Umnachtung (1912) bringt Trakl die Kröte sogar mit uralten Mythen in Verbindung:

„Stille sah er und lang in die Sternenaugen der Kröte, befühlte mit erschauernden Händen die Kühle des alten Steins und besprach die ehrwürdige Sage des blauen Quells."

Clark Ashton Smith und Howard Phillips Lovecraft haben den geheimnisvollen, die Kröte umgebenden Mythos in ihren Erzählungen zu Beginn der 1930er Jahre während der Great Depression aufgegriffen: Tsathoggua (oder Saint Toad) soll einst ein - aus der Sicht der Großen Alten - unverzeihliches Verbrechen begangen haben und wurde daraufhin von ihnen verstoßen. Smith und Lovecraft sind deutlich von Lord Dunsany beeinflusst: in dessen Kurzgeschichte Am Rande der Gezeiten (Where the Tides Ebb and Flow, 1908) träumt der Ich-Erzähler davon ein nie genanntes, aber unfassbar schreckliches Verbrechen verübt zu haben, dass er weder zu Lande noch zu Wasser begraben werden dürfe und selbst die Hölle sich weigert sich, ihn aufzunehmen. Im Schlick des Themse-Ufers erlebt er, wie London sich im Laufe der Zeit wieder in einen dichten Dschungel verwandelt. Den sich häufig im Traum befindenden (und manchmal sogar mit den Zügen eines Faultiers beschriebenen) Tsathoggua mit seinen schläfrigen Augen umgibt zugleich eine merkwürdige Aristokratie: als Gegenstand einer kultischen Verehrung betreibt er in den Worten des Institutionenökonomen Thorstein Veblen „demonstrativen Müßiggang", die „demonstrative Befreiung von jeglicher Arbeit", also die größtmöglichste Distanz zu produktiver Erwerbsarbeit.2 Tsathoggua besitzt riesige Schätze, die er verteidigt: die Strafe, die er für den reichen und habgierigen Avoosl Wuthoqquan, der Titelfigur aus Smiths grimmiger Satire (1931) vorgesehen hat, ist eine makabere Variante des politischen Slogans Eat the Rich.

Smith erwähnt diese Figur erstmals in seiner Erzählung Die Geschichte des Satampra Zeiros (The Tale of Satampra Zeiros, 1931) als eine strafende Instanz. Tsathoggua wird wahlweise als ein schwarzes, halbflüssiges Wesen mit Elefantenbeinen, manchmal mit den Zügen einer Fledermaus beschrieben, aber immer als ein unförmiges, krötenähnliches Gottwesen. Lovecraft schreibt in Der Flüsterer im Dunkeln (The Whisperer in Darkness, 1931), dass der fürchterliche Tsathoggua in den Pnakotic Manuskripten und dem Necronomicon Erwähnung findet. Er sei aus dem unterirdischen N'kai gekommen, wo er von gestaltlosen Klumpen aus gallertartigen Schleim verehrt wird. Diese Passage findet sich in Der Hügel (The Mound, 1930). Diese Erzählung, die Lovecraft als Ghostwriter für Zealia Bishop verfasste, entstand fast zeitgleich wie sein Sonett-Zyklus Fungi from Yuggoth, indem er erstmals die Shoggothen erwähnte. Will Murray interpretiert, dass es sich bei den Wesen in Der Hügel ebenfalls um Shoggothen handeln würde, die Lovecraft ausführlich in Berge des Wahnsinns (At the Mountains of Madness, 1936) als Sklaven der Großen Alten für den Städtebau sowie als Waffen für deren Kriege beschreibt, die allerdings irgendwann eine Rebellion wagen. In Lovecrafts Notizen erscheinen die Shoggothen als riesig, furchtbar, bestehend aus Licht reflektierenden, schillernden Blasen, zugleich furchtbar intelligent und gallertartig wie Tsathoggua, also insgesamt mit ähnlichen Attributen ausgestattet wie Tsathoggua selbst.

Gerade die Verbindung zwischen Pilzen und Kröten faszinierte Lovecraft offenbar besonders.3 Fliegenpilze werden gelegentlich als Krötenstühle bezeichnet, da Kröten angeblich häufig auf deren Hüten lauernd auf Beute warten. Christian Rätsch verweist auf Legenden, wonach Kröten als himmlische Wesen Schätze von den Sternen gebracht haben sollen: der berauschende Fliegenpilz versetzt in eine Märchenwelt, in der fast alle Wünsche erfüllt werden können.4 Tsathogguas Kulte werden - dies rückt ihn in die Nähe zu dem Hexenkult, dem Keziah Mason aus Träume im Hexenhaus (The Dreams in the Witch House, 1933) angehört - in der Walpurgisnacht und an Halloween zelebriert.

Resümee

Sowohl der ‘müßiggängerische’, träumende Tsathoggua als auch die gegen ihre Sklaverei aufbegehrenden, krötenähnlichen Shoggothen sind Figuren, die einen deutlichen Kontrast zur modernen Arbeitswelt bilden. Mit dem Kröten-Motiv verknüpft ist in Berge des Wahnsinns das bei Lovecraft ungewöhnliche Thema einer Rebellion von Unterdrückten, die ein Bewusstsein über ihre Situation erlangt haben.

Vor dem Hintergrund, dass die allgemein als sehr nützlich geltenden Kröten lange von Menschen verleumdet und dämonisiert wurden, können die satirischen Geschichten von Smith und Lovecraft mit einer gewissen Sympathie für den Tsathoggua-Mythos gelesen werden.

Literatur

  • Berlioz, Jacques (1996): Kröte. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 8. Berlin, New York.
  • Dunsany, Lord (2007): Das Land des Yann. Frankfurt am Main, Wien, Zürich.
  • Murray, Will (2015): Das Problem mit den Shoggothen. In: Lovecraft, Howard Phillips: Die Berge des Wahnsinns.
  • Rätsch, Christian (2014): Abgründige Weihnachten - Die wahre Geschichte eines ganz und gar unheiligen Festes. München.
  • Rottensteiner, Franz (Hrsg.): Lovecraft Lesebuch. Frankfurt am Main.
  • Smith, Clark Ashton (2025): Die Stadt der singenden Flamme. Borsdorf.
  • Trakl, Georg (1986): Das dichterische Werk. München.
  • Veblen, Thorstein (2007): Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen. Frankfurt am Main.

  1. Bereits Plinius ging davon aus, dass Kröten voller Gift seien. In ‘Ketzerprozessen’ Ende des 14. Jahrhunderts finden sich in den Protokollen Aussagen, dass der Drache aus der Johannes-Offenbarung sich in der Gestalt einer riesigen Kröte manifestiere und seine Ausscheidungen während eines Initiationsritus getrunken wurden.
  2. Mr. Toad aus Der Wind in den Weiden (The Wind in the Willows, 1908) von Kenneth Grahame ist möglicherweise eine wichtige literarische Inspiration: ein sehr reiches, von Technik besessenes Krötenmännchen, das schließlich in einem menschlichem Gefängnis landet. Eine weitere Charakteristik Tsathogguas ist sein breites Grinsen, bei dem er seine Zahnreihen zeigt. Dies weckt Assoziationen an die Cheshire Cat aus Alice im Wunderland (Alice’s Adventures in Wonderland, 1865) von Lewis Carroll. Diese Bezeichnung soll sich ursprünglich auf die Aristokraten der Grafschaft Cheshire beziehen, die keine Steuern entrichteten. Berthold von Regensburg zog im 13. Jahrhundert eine obskure Parallele zwischen Katzen und Kröten: Katzen, die den Menschen nahe stehen, würden an Kröten lecken, dadurch würde ihr Atem giftig werden. In Bertholds kruder Logik würden ‘Ketzer’ von der ‘Irrlehre’ trinken und diese verbreiten.
  3. Pilze wurden in der griechischen Antike von Porphyrios als Kinder der Götter betrachtet. Ovid berichtet in den Metamorphosen, dass in Ephyra Menschenleiber aus Pilzen entstanden sein sollen, die im Regen wuchsen.
  4. Die auch als Rabenbrot bezeichneten Fliegenpilze sollen angeblich dort entstehen, wo Blitze in die Erde eingeschlagen haben. Diese Legende ist eine interessante Parallele zu den Fungi from Yuggoth oder Mi-Go, die im Flüsterer im Dunkeln als pilzähnliche, außerirdische Wesen beschrieben werden.
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Ulf
25. August 2026 um 20:11

Ziemlich interessant finde ich auch Tsatthogguas Rolle in CAS "Tor zum Saturn", die wir im "Weird Fiction Short Story Club" zum Auftakt vor einigen Monaten diskutiert haben. Hier entsteht als Eibons Schutzpatron durchaus ein hilfsbereiter und womöglich sogar leicht humorvoller Eindruck von ihm, aber auch der einer Wesenheit mit "Hidden Agenda" je nach Interpretation des Endes. War meine erste CAS Geschichte und ich war tatsächlich sehr überrascht von seinem "Take" einer Mythos-Gottheit.

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