Lovecrafter Online – Filmkritik: The Endless

Einleitung

Das Werk Lovecrafts lebt von Andeutungen; Motiven die berührt, angesprochen aber nicht genau erklärt werden. So deutet sich häufig ein größerer, verborgener Zusammenhang an, der aber nicht explizit auserzählt wird. Das Gehirn des Lesers vervollständigt das Bild und verleiht so den wenigen Worten mehr Tiefe und Geheimnis, erzählt die Geschichte selbst weiter oder schmückt sie aus. Ein verborgenes Universum, das im Leser selbst entsteht. Dies überträgt der kleine Mysterythriller The Endless der beiden Independentregisseure Aaron Moorhead und Justin Benson auf die Leinwand.

Handlung

Die zwei Brüder Aaron und Justin schlagen sich mehr schlecht als recht durch Ihr karges Leben. Eine zugesandte Videokassette erinnert sie an ihre Vergangenheit. Der für Ihre Mutter tödliche Autounfall in der Nähe der Kommune Camp Arkadia endete in ihrer Rettung durch deren Bewohner. Dort, in einer kleinen, abgelegenen Gemeinschaft nahe dem Unfallort, wurden sie integriert und aufgezogen. Später flohen sie medienwirksam. Dies geschah hauptsächlich auf Betreiben des älteren Bruders Justin. Er sah Anzeichen für eine UFO-Todeskultsekte in der Gemeinschaft. Der jüngere Aaron erinnert sich dagegen nur an die guten Dinge, wie Zusammenhalt, gutes Essen und Familie. Er möchte wenigstens noch einmal hin. Justin ist zwar dagegen und warnt, willigt aber letztlich ein, für einen Tag und eine Nacht zurückzugehen.


Der Empfang ist freundlich, obwohl sie mit ihrer Flucht und ihren Aussagen über die Sekte Schaden angerichtet haben. Ein Todeskult ist die Kommune wohl nicht, eher eine Gruppe verschrobener Hippies mit eigenem Bier und anderen Drogen. Vor allem Aaron fühlt sich schnell wohl und geborgen. Er überredet Justin, länger zu bleiben. Dessen Bedenken nehmen zu, er sieht immer mehr beunruhigende Zeichen. Seltsame Phänomene erscheinen um das und im Camp, Leute benehmen sich mysteriös und bizarre Naturphänomene häufen sich. Unerklärliche Stein-Stalagmiten umgeben das gesamte Areal. Ein zweiter Mond erscheint, dann sogar ein dritter. Niemand im Camp scheint gealtert zu sein. In der Umgebung gibt es seltsame Verzerrungen der Zeit und die angebetete Wesenheit ist offenbar nicht nur freundlich.


Von welcher Natur ist diese seltsamen Wesenheit, der die Gemeinschaft zur sogenannten Erhebung folgen will, wenn der dritte Mond voll ist? Der lange schwelende Konflikt zwischen dem sensiblen Aaron und dem kontrollierenden Justin steigert sich: Aaron will bleiben, Justin nur noch weg. Es scheint so, als trenne das Camp die Brüder immer mehr, je näher das große Ereignis und die Entscheidung rücken...

Lovecrafteske Momente

Der Film beginnt mit dem vielleicht berühmtesten Zitat Lovecrafts; "The oldest and strongest emotion of mankind is fear, and the oldest and strongest kind of fear is fear of the unknown.“

Diesem Motto folgt der Film, auch wenn er mehr mysteriöser Thriller als Horrorfilm ist. Die Angst vor dem Unbekannten wird über eine konstante Steigerung der Unsicherheit erzeugt. Der Film ist ein Mix vieler Elemente, die Lovecraftmotive sind dabei allgegenwärtig. Sie werden umgewandelt und geschickt in die Geschichte eingebaut.


Schon am ersten Abend gibt es beispielsweise eine Art Tauziehen mit der Wesenheit, die enorm an Das Grauen von Martin's Beach erinnert, der von Lovecraft mit Sonja Greene verfassten Geschichte. Hier wird eine ähnliche Episode erzählt, jedoch angepasst an die Handlung und eher mysteriös denn horrorlastig. Die Kultthematik ist auch bei Lovecraft durchgängig vorhanden, ebenso wie die Frage nach dem Glauben, seinem Sinn und seinen Gefahren. Dies thematisiert der Film durch mehrere Personen mit unterschiedlichen Perspektiven.


Eine Wesenheit auf dem Grund des Sees, die wir nicht zu sehen bekommen. Das gab es schon in der Inspektor Legrasse - Episode in Der Ruf des Cthulhu. Die optische Darstellung nutzt der Film quasi zu einer Art Rohrschach-Test mit Wasseruntiefen und Reflektionen. Vollständig gezeigt wird das Grauen nie, wohl aber seine Auswirkungen.


Eine göttliche Wesenheit, die mit den Menschen spielt ist ebenso lovecraftesk wie die Frage der Realität unserer Wahrnehmung. Das das Wesen uralt ist, zeigt der Film mit einigen Überresten untergegangener Kulturen und Zivilisationen, die die Brüder bei Nachforschungen in der Umgebung finden. Ereignisse, die aus verschiedenen Zeitebenen auf das Geschehen einwirken sind ebenso Teil des Filmes wie der lovecraftschen Schriften, z.B. in Der Schatten aus der Zeit. Viele Elemente und Handlungsteile scheinen in einer alten, vergangenen Zeit zu spielen, in einer Sequenz gibt es eine Horrorgeschichte, die in einem antiken Zelt spielt und fünf Sekunden(!) dauert.


Die Wesenheit kommuniziert mit veralteter Technik (Tonbändern, Polaroidphotos) mit den Campbewohnern. Die Mitglieder des Kultes haben keine Antwort darauf, was eigentlich das Ziel des Kultes ist oder was die Wesenheit darstellt. Kultmitglied Hal versucht es mit Berechnungen á la Träume im Hexenhaus, Lizzy malt die Phänomene wie Upton Pickman in Pickmanns Modell. Einmal geht ein Kultist auf C.S.Lewis, H.P. Lovecraft und Tolkiens Sicht auf das Unbekannte in einem Lagerfeuergespräch ein. Hier gibt es wie im gesamten Film nur Informationsfetzen, die zusammengesetzt werden müssen. Dies spricht das Sektenmitglied auch so aus, jeder macht sich mit seinen Werkzeugen sein eigenes Bild des Unheimlichen. Damit schließt sich der Kreis zu dem anfänglichen Zitat aus Lovecrafts Übernatürlichem Grauen in der Literatur.


Cinematographische Notizen

Der Film ist der dritte Langfilm der Regisseure Justin Benson und Aaron Moorhead. Wie bei Ihren vorherigen Filmen Resolution und Spring haben sie mit sehr kleinem, selbst organisiertem Budget ein eigenes Drehbuch mit viel Einsatz aller Beteiligten verfilmt. Es ist ihr dritter phantastischer Film mit Lovecrafteinfluss. Ihr erster Film Resolution wird hier quasi als Handlungsnebenstrang fortgesetzt, ohne das man ihn kennen müsste.


Der Film hatte 2018 Premiere auf Festivals und wurde, wie schon die vorherigen Werke der Regisseure, durchaus positiv aufgenommen und gilt als Independent Geheimtipp.


Natürlich ist es ein kleiner Film, der aber durchweg solide gespielt ist. Die optische Gestaltung ist hochwertig, vor allem wenn die Handlung im Kamp Arcadia ankommt. Es gibt wunderschöne Bilder, die Tricks sind gut und für das Budget beeindruckend umgesetzt. Die Stimmung wird durch Kamerafahrten, Beleuchtung, Zeitlupen und interessante Blickwinkel verstärkt.


Manche Dinge deutet der Film eher an oder sie geschehen im Hintergrund. Mit oft einfachen Mitteln wird viel Atmosphäre erzeugt, die Musik ist gut ausgewählt und eingesetzt. Die schaurige Version von House of the rising sun passt hervorragend, obwohl ihr Einsatz aus der Not geboren wurde: Es war einer der wenigen Texte, die lizenzfrei und damit kostenlos waren, solange die Melodie geändert wurde.


Den Regisseuren ist es gelungen, die eigene Geschichte zu einem spannenden und interessanten Hybrid aus Independent-Drama und Horrorfilm zu gestalten. Die Handlung bleibt durchgängig fesselnd und füllt die Laufzeit von fast zwei Stunden gut aus.


Aus Kostengründen übernahmen die Regisseure die Hauptrollen der beiden Brüder und liefern einen ordentlichen Job ab.


Der Film ist u.a. in Amazon Prime enthalten oder auf BluRay erhältlich. Das Talent der Regisseure ist den Marvel-Machern nicht entgangen, sie sind nach dem Folgefilm Synchronic jetzt u.a. als Regisseure bei der Serie Moon Knight im Einsatz (Disney+).


Bewertung

H.P. Lovecrafts Motive als kleine Independentproduktion zu verfilmen ist ein zweischneidiges Schwert. Das nicht wirklich Darstellbare erfordert zwar einerseits keine großen CGI-Schlachten oder aufwendige Monstereffekte. Das spart Budget und Kosten. Limitierungen können dem Grauen in Filmen sehr gut tun, dafür könnte man sehr viele Beispiele anführen (u. A. die frühen Werke von Raimi oder Carpenter). Dieser Vorteil kommt bei The Endless gut zur Geltung und die notwendigen Darstellungen des Übernatürlichen wirken nicht künstlich oder deplatziert.


Der Independentfilm ist auf der anderen Seite ein Ort der Geschichten über Menschen, Konflikte und Beziehungen. Dieser Aspekt ist wiederum nicht wirklich lovecraftesk, der Autor hatte an tiefen Charakteren und psychologischen Konflikten keinen über die Nützlichkeit für die Geschichte hinausgehendes Interesse. Der Film verwebt diese beiden Aspekte mit der Darstellung des lange schwelenden und zum Höhepunkt zunehmenden Bruderzwists geschickt und deckt so beide Bereiche erfolgreich ab.


Die Effektivität des Drehbuchs ist hier besonders zu loben. Mit einfachen Mitteln erzielt es einen maximalen Effekt. Die Ereignisse werden ruhig erzählt und der Film verzichtet auf drastische Spezialeffekte und Schockmomente. Diese wären budgetbedingt zwangsläufig enttäuschend ausgefallen. Die Mystery-Elemente und das Geheimnisvolle auf der einen Seite sorgen für Spannung und Gruselatmosphäre, die Konflikte unter den Brüdern und ihre Beziehungen mit den Kampbewohnern wecken andererseits das emotionale Interesse. Das ist weit weg von den häufig mit Lovecraftfilmen assoziierten Tentakelfestspielen oder Splattersequenzen.


Diese sind bei guter Ausführung durchaus ein valider Ansatz, hier wird aber eine langsame, schleichende Gruselstimmung bevorzugt. Der Film ist ein originelles Amalgam aus dramatischen, traumlandartigen und chtuloiden Elementen. Auf dem Weg zum Filmfinale werden viele philosophische Fragen gestellt und die Suche nach dem, was den Mensch und seine Existenz ausmacht, thematisiert. Was sind wir, woran glauben wir, was wollen wir? Können wir überhaupt frei in der Wahl sein, oder wird unser Schicksal bestimmt? Vor diesen Problemen stehen die Brüder zusammen mit dem Zuschauer und müssen eine Entscheidung treffen. So werden der Independent- mit dem Lovecraftansatz in The Endless zu einem sehr unterhaltsamen und eigenem Mix kombiniert.

Fazit

Ein wirklich schöner kleiner Mysterythriller in dem es viel Lovecraft zu entdecken gibt. Drama, Mystery und Gruselatmosphäre sorgen für einen gemütlichen, gehalt- und genussvollen Filmabend.

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