Lovecrafter Online - 010 - Pagan Horror at Midnight

Pagan Horror at Midnight

32. Internationales Filmfestival Braunschweig 5. bis 11.11.2018


Von Nils Gampert und Axel Weiß


H. P. Lovecraft (1934) Bekanntlich war Lovecraft wohlvertraut mit britischen Gespenstergeschichten. Zu den von ihm geschätzten Autoren zählten unter anderem Walter de la Mare, Arthur Machen, M. R. James und Algernon Blackwood. Die letzten drei finden sich mir einigen ihrer besten Werke sogar in Lovecrafts persönlicher Top-Ten-Liste der Unheimlichen Erzählung The Favourite Weird Stories of H. P. Lovecraft (Platz 1, Blackwood: The Willows. Platz 2/3, Machen: The Novel of the White Powder/The Novel of the Black Seal und Platz 8, James: Count Magnus).


Gerade Blackwoods und James’ (und gewiss auch Arthur Machens) Geschichten sind gute Beispiele für einen Typus der Unheimlichen Erzählung, die das Gebiet des sogenannten „Folk Horror“ berühren. Typisch für dieses spezielle Genre der Phantastik ist in der Regel ein ländlicher Handlungsort sowie die Verwendung heidnische Elemente, Glaubensvorstellungen und Wertesysteme. Die Faszination des Folk Horror rekrutiert sich weniger aus einem christlich-religiösen Spannungsfeld („Gut gegen Böse“). Entscheidender ist die Evokation vorchristlicher, bisweilen antiker, Kulte und Rituale im Umfeld einer sich zivilisiert und aufgeklärt gebenden Gesellschaft. Eine Ausgangssituation, die naturgemäß Unverständnis, Verstörung bis hin zu Angst und Grauen zeitigt. Lovecraft selbst hat in einigen seiner Werke diese Bedingungen erfüllt, zum Beispiel in The Rats in the Walls: nach unserer Definition schon fast ein Paradebeispiel für Folk Horror.


Nicht zufällig spielt The Rats in the Walls in Großbritannien, stand doch „Britannien“ in der Antike unter römischer Herrschaft. Aus diesem Umstand, der Lovecraft die Gelegenheit bot, einen archaischen Horror zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu erwecken, bezieht die Erzählung ihren Nährboden. Und mit diesem genuin britischen Schauplatz schlägt Lovecraft denn auch wieder den Bogen zu seinen Favoriten Blackwood, James und Machen.

Pagan Horror zu mitternächtlicher Stunde

Pagan Horror at Midnight auf dem 32. Internationalen Filmfest Braunschweig Es passt in unsere gegenwärtige Zeit, dass Folk Horror (wieder einmal) ein Revival erlebt. Der Slogan „Zurück zur Natur“, gepaart mit einer gewissen Zivilisationskritik, ist zu einem unübersehbaren Trend geworden. Eine Entwicklung, die natürlich auch Raum für die Schattenseiten einer wie auch immer gepriesenen ländlichen Existenz bietet …


Wir möchten in dem Zusammenhang auf eine aktuelle Veranstaltung hinweisen, die sich eben des Themas des Folk Horror (oder auch „Pagan Horror“) annimmt. Während des 32. Internationalen Filmfestivals Braunschweig (5. bis 11.11.2018) wird die Filmreihe Pagan Horror at Midnight in fünf Beiträgen (6. bis 10. November) das Phänomen cineastisch beleuchten.

Alte Mythen, moderne Ängste und eine Deutschlandpremiere

Den Anfang macht Without Name aus Irland. Der im Spannungsfeld von Horror und Umweltdrama angesiedelte Film beschwört schon im Titel das Unnennbare und will versuchen, moderne Ängste und alte gälische Mythen zu verknüpfen. Gezeigt wird der nicht FSK-geprüfte Streifen von der grünen Insel auf Englisch mit englischen Untertiteln.


In der Nacht des 07.11. verschlägt es das Publikum ans andere Ende des Erdballs: Der neuseeländische Episodenfilm The Field Guide to Evil feiert Deutschlandpremiere! Wobei die geographische Angabe einer Relativierung bedarf, handelt es sich hier doch um ein multikulturelles Projekt von Regisseurinnen und Regisseuren verschiedenster Nation. Englisch untertitelt zeigen Filmemacher aus u. a. Griechenland, Indien und Ungarn Vorstellungen von Bösartigkeit und Angst, die ihrem spezifischen kulturellen Erbe entspringen, in der Gesamtschau aber potentielle universelle Konstanten sichtbar machen. In der darstellenden Riege sind dabei einige illustre Namen vertreten; zu sehen sind u. a. der US-Amerikaner Jilon VanOver (Better Call Saul), der Kanadier Claude Duhamel (Elysium), die Deutsch-Amerikanerin Sarah Navratil (Counterpart) und die Österreicherin Birgit Minichmayr (Der Untergang).

Kommende und bewährte Klassiker

Theodor Kittelsen: Die Pest auf den Stufen, 1896 (Symbolbild) Der Donnerstag wartet mit einem altbekannten Klassiker auf, der beim Thema „Pagan Horror“ aber kaum fehlen darf. Die Rede ist natürlich von der 1973er UK-Produktion The Wicker Man mit Christopher Lee, Brit Ekland und Edward Woodward. Letzterer spielt hier einen Polizisten, der auf einer abgelegenen Insel vor Schottlands Küste einen Vermisstenfall aufklären soll. Der Rest ist Geschichte … Da der Film nie in unserer Sprache synchronisiert wurde, wird der Final Cut von 2013 mit deutschen Untertiteln gezeigt.


Freitagnacht erschließt sich die Werkreihe osteuropäisches Terrain: November aus Estland läuft in der Landessprache mit deutschen Untertiteln und entführt die Zuschauerinnen und Zuschauer ins 19. Jahrhundert. Im Fokus stehen zwei Frontstellungen im historisch gebeutelten Estland, denn während zum einen heidnische Mythen und Bräuche mit christlichen Überlieferungen ringen, bieten zum anderen auch ethnokulturelle Widersprüche zwischen deutscher Oberschicht und dem estnischen Volk einiges an Konfliktpotential. Eine also sowohl geschichtlich-kulturell als auch mythologisch außerordentlich reizvolle Melange, die der estnische Regisseur Rainer Sarnet anbietet.


Der samstägliche Abschluss der Reihe stellt eine besondere Sensation dar! Gezeigt wird Das weiße Rentier aus Finnland. Der skandinavische Grenzgang zwischen Horror und Fantasy von 1952 gilt als vergessener Klassiker, in Braunschweig feiert die brandneue 4k-Restauration Deutschlandpremiere auf Finnisch mit englischen Untertiteln. Valkoinen Peura (so der finnische Originaltitel) taucht tief ein die Mythenwelt der Lappen und stellt das Teils-Teils dar von Menschen, die ihren Weg finden müssen zwischen archaischer Tradition und modernen Anforderungen. Der Film lief seinerzeit in Cannes und erhielt eine Nominierung bei den Golden Globes, er gilt als größer Erfolg des Regisseurs Erik Blomberg.