Lovecrafter Online - 009 - Das Grauen auf dem Jagdschloss

Das Grauen auf dem Jagdschloss

Die Gänsehautmomente gastierten in Springe am Deister


Von Nils Gampert


„Lovecraft ist ganz klar mein Lieblingsautor!“


Gänsehautmomente mit Dirk Heinrich und Carsten Sygusch „... das seltsame Tier aus den unergründlichen Tiefen der Höhle war – oder war es einst gewesen – ein MENSCH!!!“. Als Vorleser Dirk Heinrich mit dem Höhepunkt von H. P. Lovecrafts früher Suggestion Das Tier in der Höhle den Abend des 19. Oktobers beschloss, beherrschte angespannte Ruhe den Marstall des Jagdschlosses in der südniedersächsischen Stadt Springe. Rund 90 Zuhörerinnen und Zuhörer hatten den Weg zu den Gänsehautmomenten in der Region Hannover an einem herbstlichen Freitag gefunden.


Die Gänsehautmomente, das sind der Musiker und Klangkünstler Carsten Sygusch und der Radiomoderator Dirk Heinrich. Ihnen gemeinsam ist eine Passion für Schauergeschichten und düstere Audioproduktionen, sodass der Bildung eines unheiligen Paktes nichts im Wege stand. Erstmals traten die Freunde im Jahr 2013 zusammen auf, um atmosphärisch inszenierte Live-Lesungen ihrer bevorzugten Genre-Autoren auf die Bühne zu bringen. In der Vergangenheit war das Duo vor allem in und um Hannover zu sehen, aber auch in Berlin war man schon zu Gast mit so illustren Namen wie Bram Stoker, Edgar Allan Poe – und H. P. Lovecraft! Für Sygusch spielt der Gentleman aus Providence sogar eine ganz besondere Rolle: „Lovecraft ist ganz klar mein Lieblingsautor! Ich habe schon immer für Horrorliteratur geschwärmt und bis heute gibt es für mich fast nichts anderes. Durch einen Zufall bekam ich als Jugendlicher ein Buch mit Geschichten Lovecrafts in die Hände und las es sofort durch, so fasziniert war ich.“ Besonders angetan hat es dem Hannoveraner Künstler und Musiklehrer die Geschichte Der Hund, die diesmal aber nicht auf dem Programm stand. Lovecraft habe so viele gute Sachen geschrieben, da müsse man auch mal variieren.

Vom Handwerk des Gruselns

Dirk Heinrich zählt Dracula zu seinen Buchfavoriten und ist Stimmarbeiter aus Passion. Hauptberuflich als Moderator beim Hannoveraner Sender Leinehertz (UKW 106,5) tätig, bespielt er dort neben anderen Sendungen mit Wortspiel jeden Sonntagabend auch ein spezielles Format zum Thema Audioproduktionen. Privat ist er begeisterter Hörspielhörer: „Das Gruselkabinett der Titania Medien, Dorian Hunter, Das Lufer Haus… solche Produktionen schätze ich sehr. Ich liebe aber auch Die drei ???, besonders die alten Folgen.“ Selbst trat er auch schon in einem Hörspiel auf, sprach in Carsten Syguschs Hannover-Krimi Puppenjungs die Hauptrolle des ermittelnden Kommissars. Heinrichs Organ ist angenehm tief, leicht rauchig in der Variation, an Sprecher wie Thomas Fritsch gemahnend. Gelernt hat der Hannoveraner sein Handwerk u. a. bei der dieses Jahr verstorbenen Legende Christian Rode. Sein Lieblingssprecher: Peter Pasetti (1916 – 1996).


Dirk Heinrich


Bei den Gänsehautmomenten nun ist Dirk Heinrich weder Kommissar noch Moderator, sondern Erzähler unheimlicher Phantastik. Stilecht in Rüschenhemd und Frack tritt er an sein Vorleserpult und lässt sich nieder vor einem Panorama klassischer deutscher Jagdmalerei. Das Halali ist ohnehin programmatisch auf dem Springer Jagdschloss. Der Bau aus dem frühen 19. Jahrhundert steht auf dem Gelände des lokalen Sauparks, der Marstall ist üppig dekoriert mit Trophäen und Jagdwaffen. Hier war einst schon der Kaiser auf der Pirsch. Gute Voraussetzungen also, um bei flackerndem Kerzenlicht den drei Geschichten zu lauschen, die das Duo im Gepäck hatte.

Hodgson, Bierce und Lovecraft

Dirk Heinrich trägt vor, Carsten Sygusch sorgt für die passende Inszenierung Nach kurzen Grußworten von Repräsentanten des Veranstalters „Hörregion Hannover“ und der Stadt Springe ging es los mit William Hope Hodgsons Die Crew der Lancing. Wie gewohnt entführt der im 1. Weltkrieg gefallene englische Autor die Leserschaft auf den weiten Ozean, wo aus einer seltsamen Nebelbank plötzlich ein Dreimaster mit fürchterlicher Besatzung bricht. Im Anschluss ging es in die Wälder des US-amerikanischen Nordwestens mit Das vernagelte Fenster von Ambrose Bierce, der in seiner Geschichte von 1891 der Frage nachgeht, was es eigentlich mit der abgelegenen Hütte eines merkwürdigen, alten Einsiedlers auf sich hat. Nach einer kurzen Pause bildete dann H. P. Lovecrafts erwähntes Tier in der Höhle über einen unter der Erde seiner Orientierung verlustig gegangenen Touristen den Abschluss eines rundum gelungenen Abends. Die Geschichte zählt sicherlich nicht zu Lovecraft allerbesten Werken, ist aber selten gehört und lässt motivisch sowie erzählerisch schon erahnen, zu welchen Höhen „Grandpa Theobald“ später noch fähig war. Untermalt wurden die gekonnten Lesungen Dirk Heinrichs dabei von dunkel-wabernden Ambientsounds und passgenauen Akzenten einzelner Geräusche. Besonders strich dabei die immer wieder spürbare Abstimmung von Vorleser Heinrich und Klangmeister Sygusch den Anspruch der Gänsehautmomente in Bezug auf den Effekt heraus.

Fazit

Wer die Gelegenheit haben sollte, einen Auftritt des Projekts aus Hannover zu erleben, dem sei dies wärmstens empfohlen. Aufnahmen der Lesungen gibt es bis dato leider nicht zu erwerben. Doch Carsten Sygusch hat dafür eine reizvolle Alternative im Angebot: 2017 nahm er eine inszenierte Lesung des Hodgson-Klassikers Das Gespensterpferd mit dem bekannten Synchron- und Hörspielsprecher Eckart Dux auf. Und vielleicht klappt es irgendwann in Zukunft ja noch, die Gänsehautmomente für die Ewigkeit festzuhalten.

Die Künstler:


Die Veranstalter: